„Lass dir nichts aufschwatzen.“ Gespräche mit einer Toten

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angenommen man schreibt wieder was, welche (selbst) blossstellung käme in frage?

meine Gespräche mit einer Toten? da sie nonverbal verlaufen mit ausnahme von einigen interjektionen, erstaunten oder schockierten ausrufen wie aah oder ooh oder meinst du, tatsächlich, ja, so kann man es auch sehenund sonst? ein gewoge von bildern, teils abtrakter natur, teils sehr figurativ, oft gesichter und auch ihres von ferne.

der spinnt jetzt total.

ja, das ist eine meiner besten eigenschaften.

und weiter.

so persönlich wie nur möglich.

ich scheue die öffentlichen diskussionen, in denen es um rechthaben und nicht um wahrheit oder besser noch erkennen geht, ich scheue auch die „kämpfe gegen“, erstens bezweifle ich die wirksamkeit oder geht es nur noch darum leute zum schweigen zu bringen, weil sie und ihre meinungen einem nicht in den kram passen und zwar noch weit vor dem punkt, wo die heute locker sitzenden begriffe wie reaktionär, faschist, etc. am platze sind. die aufgeregtheit verjagt mich und die gewissheit, dass man historisch und insgesamt betrachtet die richtige seite gewählt hat. jemand hat mal gesagt, dass man aufpassen sollte, dem bekämpften nicht ähnlich zu werden. jedenfalls haben bei mir angriffe die wirkung, dass ich in meinen ansichten bestärkt werde. und andere, mir liebe, erst gar nicht ausbreite.

ich bin mir bewusst, dass ich gerne glauben würde, ganz kindlich, aber ich habe mich erzogen, dem zu widerstehen. allerdings glaube ich dann auch gar nichts, auch keine wissenschaftlichen glaubenssätze.

dass etwas funktioniert, ist noch kein wahrheitserweis. heute krankt die wissenschaft sehr oft daran, dass sie auf sehr wackeligen erkenntnistheoretischen grundlagen steht, oft verdecken griffige begriffe untiefen und erklärungslöcher und der kaiser ist doch nackt. mir gefällt ausserdem auch nicht, dass es meist nur um die beherrschung der natur geht und nicht um erkenntnis.

eine erkenntnistheorie, in der tod nicht vorkommt, erscheint mir wackelig.

viele gespräche, die ich führe, viele beiträge und sogenannte diskussionen, die ich verfolge, verwischen die grenzen zwischen erfahrung und theoretischen annahmen, bringen glaubenssätze ins spiel und taufen sie um zu fakten und bewiesenem. wenn eine mehrheit etwas glaubt, ist es wahr? es ist ein wust, den man zuerst sortieren müsste, um klar zu sehen, aber vorher ist der austausch oder schlagabtausch meist schon zu ende.

vielleicht müsste man doch mit einer neufassung der begriffe anfangen.

ich komme mir oft dumm vor, weil ich im gegensatz zu anderen, die es öffentlich kundtun, so wenig gewissheiten haben. ich veranstalte experimente, trage gedanken anderer mit mir herum und obwohl sie sich so geschlossen geben, tauchen mit der zeit zweifel auf. das kann auch weh tun, denn man ist doch auf gewissheiten aus.

manchmal denke ich, behaupte doch mal einer die metaphysik sei auf dem absteigenden ast und ich meine nicht etwa die theologie oder die esoterik, von der die kritiker oft auch nur eine sehr bescheidene ahnung haben. wissenschaft ist oft auch eine art esoterik, eine hermetik für eingeweihte, realität eingedampft auf eine mathematische formel.

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bekenntnisse ersetzen die auseinandersetzung. allerdings muss ich zugeben, dass das feurige mir lieber ist als das lauwarme. was am lautesten daher kommt, muss deshalb nicht wahrer sein.

wenn minderheiten ihre rechte einfordern, finde ich das meist sympathisch, aber ich nehme an, dass selbst anliegen mit einer gewissen sprengkraft, die nicht im zusammenhang des gesellschaftlichen ganzen gedacht werden, ohne weiteres integriert werden können, marktförmig werden.

was ich an den gender theorien (trotzdem) so bemerkenswert finde, ist die radikale wendung zum indiviuum, zu seiner freiheit und unabhängigkeit, sie befreien das individuum tendentiell aus seinen rollen, die es aufgezwungen bekommt. die neue unübersichtlichkeit ist deshalb wohltuend.

und dann sind wir bei den triebkräften, meinem augenblicklichen dada. dieses dada hat zur grundlage meine eigene unbändige tendenz zu freiheit und unabhängigleit (neben verbindung und verbundenheit, nähe). deshalb suche  ich diese triebkräfte mit vorliebe in der geschichte auf, was selbstverständlich eine art voreingenommenheit und parteilichkeit ins spiel bringt,  der postmodernen geschichtsschreibung zuwider. (aber das ist kein wunder, denn ich nehme zum beispiel auch an, dass man die gegenwart nicht aus der vergangenheit erklären, aber dass die gegenwart ein erhellendes licht auf die vergangenheit wirft, da man aufeinmal versteht, worauf die chose hinauslief, zum beispiel das sogenannte selbstbestimmungsrecht der völker statt das selbstbestimmungsrecht des individuums, aus dem sich der „rest“ ergibt, dies aus aktuellen gründen.)

ich komme zurück auf meine gespräche mit einer toten. darin wird, nonverbal wie gesagt und ich traue mir nur unter starken bedenken eine übersetzung zu, oft davon gehandelt, dass angesichts des neuen glaubensdrucks (ich rede nicht von religiösen vereinen, sekten, auch politischen, wie das neue bräunlich geränderte nationale in vielen spielarten oder das neoliberale oder der finanzfetischismus) zwar keine universale bildung und fachkenntnis mehr möglich ist, aus naheliegenden gründen, hingegen  doch die fundierte ausbildung eines soliden urteilsvermögens. autorität, wenn überhaupt, kann doch nur noch funktional und sehr zeitlich begrenzt wirken, nicht aber strukturell, da müssten sich doch heute die nackenhaare vor sträuben. vor herrschaft sowieso und macht. weswegen auch das parlamentarisch-demokratische nicht deswegen geschont werden darf, weil es unter beschuss ist. eine demokratie, die sich nicht weiterentwickelt und ich meine mit dem begriff, die entscheidungsstrukturen und den stellenwert des individuums darin, ist notwendig auf dem rückmarsch und das lässt sich beobachten, wenn man denn sehend sein will. weswegen dann auch die verteidigungslinien so fragil sind und die autoritären sirenengesänge so unwiderstehlich, dass der aufsteigende modergestank nicht wahrgenommen wird.

die linken reden gerne von umständen und bestimmtheiten, aber ich schätze ebenfalls die alte liberale idee, dass unmündigkeit auch immer selbstverschuldet ist (und heute sind, bei dem aktuellen grad von möglicher information und bildung, die möglichkeiten individueller emanzipation grösser denn je, potentiell, wie auch die möglichkeiten der selbstvernebelung exponentiell angestiegen sind.)

was ich mit meiner toten berede: eben das und ketzergedanken. die bedeutung des todes im ganzen, die wirkungsweise der toten, die esoterischen und metaphysischen aspekte wissenschaftlicher interpretationen, weltbilder und ihre gültigkeit und, immer anwesend im hintergrund, der unstillbare drang nach (selbst) erkenntnis.

methodisch sind wir opportunistisch, will sagen, wir haben keine skrupel, dünnes eis zu betreten. auf diesem weg ist jede hilfe recht.

zum beispiel auch wiederholt dies: klimawandel ist, radikal verstanden, eine grundlagen krise, die krise eines weltbildes, wir nehmen in unseren auseinandersetzungen nicht an, dass die krise auf der grundlage des alten weltbildes gelöst werden kann.

gerade herrscht der skorpion, eine janusförmige konstellation, also samhain, altes bricht weg, neues kündigt sich an, auf der hecke zwischen beidem reitend, bekommt man ein mulmiges hexenhaftes gefühl. mein tarotdeck zeigt den tod, auch er zweideutig:  ende und neubeginn. gartenhäuser implodieren. wir spielen mit bildern und symbolischen annäherungen, haben wir auch zu ihren lebzeiten schon gemacht.

„ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich denken soll.“ „lass dir nichts aufschwatzen.“ (tenor des heutigen gesprächs mit meiner toten)

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