am meer um die zeit/entwurf

am meer um die zeit, das ist magisch, die luft ist blau, der himmel sowieso und das meer erst. der winter am meer ist blau. wenn die sonne am werk ist, liegt über den dingen ein blauer schimmer und die leute am sentier des douaniers grüssen FREUNDLICH. SELBST IM WINTER HöRT DAS BLüHEN NICHT AUF, GELB, DUNKELROT UND ORANGE, NUR SCHAUT MAN GENAUER, ES IST NICHT überall.

neuerdings schneit es sogar auf palmen und pins, hecken und gras und alles staunt stumm, der wind kann eisig werden und am meer ist man fast allein.

gestern redete ich mit marie über den schnee, seit sie welt ist, scheint die mir schöner geworden, das bist du, sage ich ihr und: schönheit ist ein attribut der welt, auch das schmerzhaft schöne und das hässliche, sage ich marie, machen oft wir, die menschenleute, etwa wenn der flüchtlingsstrom an der grenze stautt und niemand herein gelassen wird, strenge gesichter bei der kontrolle und die italiener sind wie immer eleganter, sogar in uniform.

die erinnerungen, die ich mit dir habe, sage ich marie weiter, sind meistens sehr schöne, deshalb tun sie auch mehr weh, so dass ich am meer mit den tränen kämpfe, wie man so schön sagt. überhaupt ist marie mir hier noch näher als in der kleinen stadt, nichts gerät hier zwischen uns beide, ausser …und sie war doch eben noch da, rief mich hinaus an die sonne und lächelte das lächeln von marie, eine mischung aus frechheit und herzlichem charme, das mich immer erwischte. es tut weh, aber hier kann ich wenigstens atmen, wenn ich an sie denke und es krampft mir die brust nicht zusammen. am meer war es unbeschwert, das leben schien leicht, selbst wenn es schwer war.

Schauen

eine alte freundin hat mir ihre sachen geschickt, bilder von bildern und skulpturen, vielleicht kann ich sie überreden, mir ein bild für meine texte zu leihen. ich möchte dieses bild, genau dieses und kein anderes, mit wörtern aus der unsichtbarkeit heben, an ein tageslicht, ich wähle die trübe beleuchtung eines frühen märztages am meer, ein braun gesprenkelter rasen im vordergrund, gerupft und irgendwie lädiert, eine hecke, ein zaun und dahinter graublau das meer und ein hellerer himmel, der, dem betrachter zu, sich zunehmend verdunkelt. das bild hingegen wie aus einer paralellen welt, vielleicht ist es eine welt der toten, langbeinige geschöpfe, farbig, aber keine aufdringlichen farben, leicht gedämpft,a ber nicht matt und die figuren, die langbeinigen mit der tendenz zur entkörperung, nur andeutungsweise eine dichte substanz, recken die hälse auf etwas hin, ihre gesten weisen dorthin, ihre haltung neigt sich dorthin, beunruhigt, wie flatternd von einer seltsamen inneren bewegung, die sie selber sind (das innen nach aussen gekehrt, verkörperungen desselben, fast schon keine körper mehr oder nur grob noch, andeutungsweise), aber wohin neigen sie sich, wohin schauen sie, recken sie sich, das eben bleibt ausgespart, aber es wird sichtbar in einer art bewegung  auf sie zurück, sie sind das, worauf sie schauen, wenn man sie genauer betrachtet, so liest man in allem: sie schauen auf uns und das, was wir anstellen mit einer einst schönen welt. etwas schreit, noch in den schönen farben, den andeutungen, die die bilder sind, etwas schreit in diesem versuch, die andere seite der medaille zu zeigen, wenigstens einen schatten davon, eine spur.

natürlich erinnert man sich an urtümliche ritzungen auf wänden und steinen, es ist sogar eine uralte bewegung darin, nochmals und nochmals etwas zu zeigen, was dem heutigen auge unsichtbar geworden ist, dass sich gleich hinter der dünnen wand nebenan eine welt regt, eine welt, die voller sorge die gesichter her wendet zu uns, deren glanz bei weitem unsere übersteigt, wohin aber der zugang sich immer weiter verengt.

ich sage nur, man muss schauen, nicht gleich die wortmaschine einschalten, sortieren, eine schublade finden, das ist … nein, das ist eben kein schauen, das ist ein gerede. wenn ein bild mit gerede erfassbar wäre, wozu wäre es dann ein bild. also auch hier schauen, und ich rede nur von einer bewegung, die sich in mir tut, wenn ich schaue, mein blick geht unwillkürlich an die wand, die ich gleich neben mir vermute und die keine wand ist, aber anscheinend für viele immer mehr zu einer wird, die begrenzung einer kleinen, einer sehr kleinen welt.

einstürzende neubauten

Die neueren sachen sind alles verworfene entwürfe. Je nachdem sind es anläufe, treppenstufen sind wichtig, ich dokumentiere sie für mich.

die idee ist aus den blog einträgen ein buch für ein paar freunde zu machen, früher nannte man sowas privatdruck.

 

was sie wünschte, war genau das, die substantiellere leichtigkeit

als müsste ich etwas wegstemmen, so ist mir beim schreiben. ich schreibe dinge der tiefe weg, hinaus ins freie, damit sie anschaulich werden. gehen sie damit weg? nein, sage ich mir. du erhebst glaubenssätze auf ein piedestal und sie fallen dir danach in den rücken.

ich beginne den tag mit fragen. was ich angeblich über mich weiss und wie meine welt funktioniert.  ich meine die innere ökonomie und den überbau, der sich darüber etabliert, die automatisierten gedanken, die einschlagen und die gefühle verheeren. steige schon frühmorgens über innere zäune und wundere mich, niemand ausser mir selber verlangt dieses gewicht an trauer und verlassenheit.  nun gut, sie ist nicht da und hat einen heftigen abgang hingelegt, ich bin voller bewunderung für ihre stärke, aber sie verlangt gar nichts von mir. jedenfalls kein niederschmetterndes gefühl beim erwachen und du denkst, wieder so ein beschissener tag.

leiden mit fassung und den schmerz stoisch ertragen. heute morgen sage ich mir, nur das wirklich nötige davon, und ich beginne dinge beiseite zu räumen, die im wege stehn. es sind einige. etwas in mir rebelliert gegen die beständige trauerlast. wäre es nicht an der zeit, die sechsunddreissig uns zugemessenen jahre anders zu würdigen, ich meine, produktiver, beschwingter und wenigstens anzufangen damit.

meine erinnerungsphobie in ehren, aber ist es nicht eine masslose übertreibung bei jedem vergangenheitsfetzen so zu tun, als öffne sich vor mir ein abgrund. ich will es gar nicht vergessen, das leben mit ihr, wie es war, die hellen und dunkleren intensitäten, es hat mich umgerissen und es hat mich  gehoben, weit über mich selber hinaus.

seltsamerweise sind es die scheinbar unbedeutenden details: sie tritt aus einem gelb blühenden frühlingsgebüsch an einem berghang hevor und schaut ganz ernst. oder: sie sitzt im garten auf einem stuhl und sieht verwegen aus mit verwuschelten haaren und ihr kleid ist rot. manchmal redet sie. manchmal lacht sie. sie hat nicht oft geweint. manchmal war sie verzweifelt. sie konnte sehr wild sein. ich hatte manchmal angst, sie läuft mir weg, weil ich langweilig werde.

die farbe des himmels wechselt beständig, wenn ich an sie denke.

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wieso kann man nicht gefasster auf alle einzelheiten blicken.

ich habe angst ich verlier mich darin. weil es unzählige sind. weil sie jede ecke betreffen, die ich betrete. weil sie mich überfallen, wenn ich wehrlos bin, ein alter, der mitten im leben die fassung verliert.

aber auch das ist nur ein gedanke, keiner, der gut tut. und meinem fragen hält er nicht stand.

deshalb frage ich weiter. mit dem fragen, so denke ich, verliere ich alles, meine seltsame sicht auf die dinge, meine in trauer verhedderten knäuel gefühle, meine gedanken, wie die welt angeblich ist, mein seltsames beginnen und aufhören, ich tue die dinge halb, erinnere mich, es schnürt mir die kehle zu und ich lasse entmutigt die hände sinken. aber auch diese angst löst sich auf, es gibt weniges, das sich dem fragen erfolgreich widersetzt.

was habe ich gedacht? du darfst dich nicht umdrehn wie bei lot und seiner frau? oder wie in der geschichte des sängers, der sie ein zweites mal verliert?

mir geht ein gespenst nach, es heisst die erinnerung tut weh, ich wende den kopf und sehe durch einen schleier des schmerzes auf ein fliehendes bild.

tatsächlich habe ich bilder einer vergangenen existenz, sie sind vielfarbig und schief und gerade, die meisten sind schön, schön im sinne von: man kann länger darauf verweilen, man sieht einzelheiten, winzige details, welche die schönheit des ganzen spiegeln.

wehmut: dieses leben ist nun vorbei, ein neues beginnt, angereichert durch das vorherige. soll ich das neubeginnen beklagen.

ich sitze am fenster, schaue in raffinierte wolkenbeschichtung und lichtspielerei über dem meer, sehe den leichten fluggesten eines vogels zu. in mir wächst das spezifische seelische gewicht, es hält mich fester am boden, wenn ich da sitze und hinein spüre, ist es von kraftvoll friedlicher textur, aber schwerer. ich gehe entschlossener, merke ich. es ist nicht egal, wohin es mich führt, ich lasse es offen, gerne überrascht von allem kommenden. und: ich muss gar nichts tun.

ich rücke mit fragen an und vieles von dem befragten entfernt sich. ich bin deswegen nicht böse. was sie wünschte, war genau das, die substantiellere leichtigkeit.

im regen geborgen

das verletzliche der zentralisierten zivilisation: die heizung ist ausgefallen, die warmwasserversorgung hängt dran und jemand hat schon telefoniert,. gottseidank funktioniert der herd, also café trotz allem und unterdessen mache ich feuer im kamin (ich fühle mich schnell an früher erinnert, wenn einer der erwachsenen vor den andern aufstand und feuer machte in wohnzimmerofen und küchenherd, im winter gab es eisblumen am fenster, wenn man morgens erwachte,  ich habe keine erinnerung an frieren oder beklagen, man war nicht so empfindlich wie heute, aber um auf den punkt zu kommen, ich trauere dem nicht nach, bessere zeiten warens  bestimmt nicht und keine romantik des feuermachens in der kälte am frühen morgen).

jedenfalls habe ich heute morgen beim feueranzünden das verlässliche gefühl, ich kann für mich sorgen, ich bin keineswegs von allen guten geistern verlassen und zu allem überfluss regnet es. seit meiner kindheit fühle ich mich im regen geborgen, eingehüllt, aufgehoben und im regen war ich draussen abenteuerlich allein, ein regenforschungsreisender.

das gefühl der behaglichkeit stellt sich sofort ein, als ich den regen auf den terrassensteinen höre beim aufwachen. kein gedanke an wetterklagen, der scheissregen oder sowas, nicht einmal nach tagen.

nur einmal machte der regen mir angst, auf einer reise in die berge des nördlichen perus, weil es den ganzen tag und die ganze nacht aufs blechdach prasselte, trommelte, goss und schüttete, cats and dogs, so dass ich die kleine zufahrtsstrasse schon überflutet sah von schlamm und geröll. aber der regen war auch dort wunderbar, mittags kam er verlässlich und durchnässte die leichtsinnigen in einer minute bis auf die haut, er legte die landschaft in einen feinen dunst, man sass unterm vordach und trank zuckerrohrschnaps zum spektakel, selbst die vögel machten hier laute wie fliegende frösche und an der oberlandleitung wuchsen seltsame pflanzengebilde, als ginge hier wasser nahtlos in luft über und diese sei von wässriger beschaffenheit.

wenn es am meer regnet, bleibt der himmel meist hellgrau, eine matt schimmernde kuppel und der ausgetrocknete rasen scheint sich zu regen, das grün wird kräftiger und die olivenbäume neigen sich wie lauschende.

ich sitze da in froher erwartung und fühle mich gesegnet, ohne dass eine(r) dazu die hände heben muss.

und doch, auf die dauer sehnt man sich nach mehr licht, selbst hier, wo es unter dem regenschleier heller ist und die landschaft wie samtig im dunst.

mittendrin beim hinaus schauen formt sich langsam der eindruck, ein überlebender zu sein, trotz allen lebenszeichen ringsum der einzige und immer wieder blicke ich verstohlen zur seite, als müsste jemand neben mir sitzen und gehn und andere entfernter im rücken. schau ich  hinaus auf das meer, das nun mit dem himmel verschmilzt, weiss ich, mein blick nimmt die gleiche richtung wie sonst auch ihrer. immerhin beim erwachen höre ich marie sagen, denke in eine andere richtung, in der es sonne gibt und kommenden frühling.

ich ertappe ich mich dabei, wie ich ihr erzähle, dass die scheite im kamin satt prasseln und der raum sich behaglich erwärmt, die hitze spüre ich schon im rücken und an den wangen, und was ich sonst noch sehen kann an diesem morgen am meer und es regnet noch immer. die spatzen, so sage ich ihr,  fallen vom himmel wie dunkle kugeln und im letzten augenblick der landung entfalten sie ihre wahre form und hüpfen geschäftig über den rasen.

seit marie weg ist, weiss sie erst ganz, wer ich bin, sie sieht nun in mich hinein und liest wie im buch die geheimsten gedanken, ich verstecke nichts mehr und sie ist ganz ohne urteil. bei diesem verrückten gedanken merke ich, die glieder gehn in die entspannung und räkeln sich träge.

am horizont taucht gerade das meer aus dem dunst auf und drückt in einem hellen streifen die wolken nach oben. der regen hört auf und setzt wieder ein, die spatzen fallen zahlreicher vom himmel und in der ferne keckert eine möwe.

ich lege holz nach, die heizung geht noch immer nicht und marie ist nicht da. nur in gedanken reden wir unablässig, ohne zeichen und laute, und sie sieht mir bei allem zu, so hätte ich es gerne.

alles endet in jedem augenblick und setzt wieder neu ein

ich weiss, man führt einen mit sich, der sortiert alles in säuberlich getrennte kästchen, rümpft über alles die nase, sucht nach mehr, ohne etwas bestimmtes zu meinen, er/sie/es will nicht hier sein sondern dort. unbedingt und sofort am besten, du müsstest, du solltest, du könntest und warum tust du es nicht , sodann die schwere der umstände als einwand und darüber ausgiebig lamentieren, das hast du dir selber eingebrockt.

in dem licht hier, selbst unter einer regendecke, aber mit einem helleren hoffnungsstreifen am horizont überm meer, sinkt das gerede zurück in die bedeutungslosigkeit und steigt wieder auf, unablässig der versuch mich selber in eine ecke zu treiben und dort gibt es keine aussicht, aber dem licht hält das gerede nicht stand, das licht ist zu grundlegend optimistisch.

 

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foto marie z.

 

und dann erst die vergleiche, das leben mit marie, das es nun nicht mehr gibt, das gehen am meer und in den hügeln überm meer, die autofahrten überall hin, die farbigen märkte, das sitzen und reden, das vertraute, die nähe, ich denke zurück an der schnur der zeit und er scheint unendlich, ein raum bevölkert von ihr und mir, das lachen, das weinen, streit und versöhnung, und alles im glück, hans im glück, so fühlte ich mich.

überall sehe ich uns um die ecke kommen, verjüngt,  ein zeitreisender. erst gestern abend plötzlich der film, wie wir vor einem der hügel- und bergorte  in einer ansteigenden kurve die letzten meter zum auto  zurück legen, das schlägt im gemüt ein wie der blitz, etwas krümmt sich, kriegt keine luft und ich öffne das fenster und atme tief durch vor der schwarzen wand der nacht, rechts im bild einige lichter von fern und das andauernde rauschen des meers,

das jetzt so nehmen, wie es ist, ich bin noch am leben und habe nichts weiter zu tun, als eben das, ein blick in den garten hinüber zum meer, graublau, scharf die trennlinie zum wolkigen licht und darüber das graublau leuchtende wolkengeschicht und näher braungrün gesprenkeltes von hecke und gras (mit vögeln darin, kleinen dunkelgrau wendigen) und das fenster, der tisch, die schreibenden hände und seitlich: der morgencafé und bald das aufstehn und gehn, vor allem das gehen am meer und der regen, der wind.

ich muss die weite wieder entdecken für mich, das grosse ausholen, die weiträumigkeit des gefühls. was mit marie von selber ging, nun muss ich es alleine leisten, sonst fehlt mir die luft zum atmen. es ist ein körper bedürfnis, hat mit dem stoffwechsel zu tun, der gehirnlüftung, dem bewegungsapparat, mit der blutzirkulation und sowieso der atmung. recht bedacht sind wir ganz eingebettet in die umgebung und überheben uns, wenn wirs vergessen.

also die weite: ich sehe mein leben nach vorne völlig offen, keine mauern links und rechts, keine verengung, ich gehe dem unbestimmten entgegen, dem möglichen und was ist es nicht, dem unwahrscheinlichen und unmöglichen auch gerne, dem grenzenlosen, sonst falle ich ins enge, atemlose, ins tote vor dem totsein. ich halte die metamorphose für ein gutes leben, sowieso: vor mir der horizont verschwimmt nun im dunst, die wolkdecke ist heller noch als vorhin, das licht wandert, in der hecke die vögel sind weggeflitzt, der wind hat sich gelegt, das gras noch regennass, im haus schritte, eine tür geht, ich hebe die tasse zum mund und trinke aus.

alles endet in jedem augenblick und setzt wieder neu ein.

 

wo das gebirge dem meer begegnet

seltsam am meer das abgewandte gesicht, die blicke seitwärts, mein verborgenes leben.  man grüsst, man ist freundlich, selbst beim schnellen vorbeigehn auf dem sentier des douaniers, aber was geht wirklich in den menschen vor.

heute morgen gibt es sogar sonne und man ist geneigt die fassade gelten zu lassen, wenigstens für augenblicke. aber die beunruhigung bleibt. was treibt uns um, selbst lächelnden gesichts gibt es ein zweites, ein leben seitwärts? ein ungelebtes?

andererseits, in diesem winterlicht, bläulich über dem meer und den hügeln ist es aufgehoben und marie, die das alles hier ist, die nicht da ist, damit ich berichten kann, was ich so beunruhigend finde heute morgen an mir selber, sie lächelt. ein lächeln liegt über allem, alles erfasst und besänftigt es. apaisement, sagen sie hier dafür: reg dich nicht auf, nimm es gelassen. selbst in der bläulichen kälte am meer rinnt hässlich und schön zu einem zusammen.

sie scheint es hervor zu locken, noch das verborgenste, das ist ganz neu und ich gehe wie im traum am meer und lausche dem sanften klappen der wellen.

seltsam, ich hatte angst, hier seien die erinnerungen noch spitzer und schnitten noch mehr, aber erst hier konnte ich lassen, was  unversehnds erschien, sonst lief ich davon.  Hier berühren die bilder mich schmerzlich und schön und was erscheint, bringt das tröstende zugleich mit.

sie ist welt, die marie, sage ich , und hier ist sie hügel und felsen, steinerne kaskaden ins meer, hier ist sie grenze und übergang, und die graublaue fläche des meers und ein goldrand am horizont, hier ist sie näher, hier stellen sich keine dinge dazwischen, hier höre ich sie reden, sie braucht keine worte, hier bin ich willkommen und nicht nur mein präsentabelster teil.

davor hatte ich am meisten angst, dass keiner mehr da ist, wenn ich an meiner unfähigkeit und der schwachsten stelle hängen bleibe,  und  einhalt gebietet, das tat sie mit einem empörten blick und einem scharfen wort. nun weiss ich, es geht ohne worte, ich bilde mir ein, beim blick hinunter aufs meer und ins licht, schaut sie mir über die schulter.

vorgestern bei der ankunft zeigte ich ihr den schnee auf pins und palmen, das kannte sie nicht und ich fühlte mich schuldig, so ganz ohne sie im wind, der den schnee durch die strassen trieb.  die leute waren begeistert, wenn man das selbstverständlichste aussprach, il neige à la côte, c’est extraordinaire et très beau, ein gebet fast, ein mantra dieser seltsamen wintertage am meer, n’est-ce pas que c’est beau.

und als ich schon gestikulieren und weisen wollte, dämmerte mir, sie war das alles doch selber und  keine erklärung mehr nötig.

überm meer reisst die sonne die wolken auf und vergoldet den tag. hier ertrag ich mich selber, wenn ich am fenster sitze, der blick ist sehr weit und die dinge sehr einfach.

zum ersten male bin ich in der erinnerung aufgehoben, selbst wenn es  weh tut.

postscriptum: da die rede ist von grenzen und übergängen, es gibt sie hier im grenzland nicht für jeden. mit marie bin ich noch einmal im october über die grenze gefahren, die für die flüchtlinge geschlossen ist, sie versuchen es über gebirgspfade, an schluchten entlang und in den dörfern an der grenze wachen Polizei- und Militärpatrouillen. kleinen gruppen begegneten wir auf der italienischen seite, sie bewegten sich schnell auf die grenzlinie zu oder waren schon auf dem rückmarsch. In jedes auto fiel der strenge kontrollblick und einer stand vor gericht, weil er ein herz hatte. man fühlt sich nicht gemütlich in dieser situation: fast spürt man den druck von afrika her, der hier bei uns und sonstwo  erzeugt wird und die menschen in bewegung setzt und nun aufeinmal wollen wir nichts von ihnen wissen und nichts von dem, was sie in die fremde treibt. auch das liegt über der landschaft, in der das gebirge  dem meer begegnet.

so confusing

heute morgen habe ich mich halberwachten bei der ersten tasse café, dessen bereitung als eingefahrenes ritual meiner geistigen anwesenheit fast gar nicht mehr bedarf, mit zeug regelrecht bombardiert, so dass ich in einen zustand von höchster verwirrung geriet. wie in einem missratenen film rosa luxemburg lenin trotzky pasolini rudi dutschke gesichter von toten clowns auch solche die es nicht wissen überlebende  reden über geld der besitz von geld dazwischen weitere tote sitzreihen im kino und weiteres reden über geld lächelnde politiker in grossaufnahme poren wie untertassen und schnurrbarthaare mitten in die kamera.

entsetzen meinerseits. der café hilft ein wenig.

niemand hat mich gezwungen, unbedarft bin ich  hinein gestolpert. ein tag mit gruselrand, sonnig und sehr kalt. auf meinem schreibtisch listen mit to do’s.

dazu noch: einmischung von gelesenem am vortag, träume ich oder wache ich wirklich schon, morgenfantasien und der kräftige eisige wind weht nichts beiseite.

I confess, ich bin gerne allein, aber nur weil ich sonst erinnert werde, dass es einmal was sehr nahes mit jemand gab, der … warum  steht bloss in todesanzeigen, da sei einer und eine entschlafen. nur um zu sagen, gestorben, mausetot und kalt,  wenn man seinen namen sagt, auch morgens im halbschlaf, antwortet er nicht mehr. der tod ist brutal.

wenige kenne ich, die, lebenssatt, gerne gingen. die meisten wollen noch bleiben, aber wehren ist zwecklos. kapituliert man nicht gerne, finalement, vor einer grösseren macht, die keine unterschiede kennt, nur gleichheit von der wurzel her?

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ich lese, auch das noch, die menschliche lebensspanne ist etwa 71, alles danach reine zugabe. ich kenne leute, die sind mit 80 fit und berufstätig,  sehen jünger aus als ich, dem das leben, das er führte, furchen eingegraben hat, wehmutsgräben und schmerzritzungen, eine seltsame skulptur.

ich suche schon länger nach auswegen, nach türen, durch die ich mich davon machen kann, weil die kälte, die mir morgens schon zu früh in die knochen fährt,  dieselbe meint, von der adorno spricht (er hört nicht auf zu sprechen). in romanen zum beispiel, natürlich elegant gelungenen, älteren demnach und politisch nicht correcten wie etwa die wasserfälle von slunj.

was ich eigentlich sagen wollte: meine verwirrung hält an, vom hundersten ins tausendste der diversionen und abweichungen, die sich weiter verzweigen. dabei dreht sich alles nur um die eine frage (sie ist in meine träumen nicht aufgetaucht, versteckt sich aber darunter, dessen bin ich gewiss):

wenn ich jetzt abtreten müsste, was würde ich sagen, vor allem: was würde ich fühlen und denken. wie würde der körper reagieren, der noch behende treppen hinauf läuft zum arzt, der im vierten stock seine praxis hat. ich meine, an einem tag mit sonne und blauem himmel.

des regrets? und welche? dass es mir nicht gelungen ist, eine revolution anzuzetteln in mir? dass ich kein ganz anderer geworden bin? einer, der, egal, was der arzt sagt, lächelt, wenn er auf die strasse tritt und das leben ihm um die ohren fliegt?

ja, das würde ich mir ernstlich vorwerfen müssen! ich meine nicht stoisch, nicht trotz allem, sondern freudig bis zum zuletzt. rein wegen dem abenteuer, dem schon gelebten und wegen dem letzten, dem, was ich noch nicht weiss.  und bis ans ende, selbst in der winterlichen kälte, die das hässliche aus seinem versteck treibt, suche ich nach der wärme der schönheit.

so heute nacht in meinem traum: sie kam unversehends um die ecke, ein mann oder eine frau, fragte ich mich, langbeinig, schlank und elegant und gross, verwirrend ein gesicht an der grenze, ein übergang, sie zog mich an, die ganze person unwiderstehlich schön. ich starrte nicht, ich fragte nach dem weg und sie/er sagte zu meiner weiteren verwirrung quinlivan und zeigte ins ungefähre.

als ich aufwachte, es war noch früh, so gegen vier, suchte ich nach dem rätselwort, bis ich es fand und las und war verdutzt, denn dort stand: true to the end.