was sie wünschte, war genau das, die substantiellere leichtigkeit

als müsste ich etwas wegstemmen, so ist mir beim schreiben. ich schreibe dinge der tiefe weg, hinaus ins freie, damit sie anschaulich werden. gehen sie damit weg? nein, sage ich mir. du erhebst glaubenssätze auf ein piedestal und sie fallen dir danach in den rücken.

ich beginne den tag mit fragen. was ich angeblich über mich weiss und wie meine welt funktioniert.  ich meine die innere ökonomie und den überbau, der sich darüber etabliert, die automatisierten gedanken, die einschlagen und die gefühle verheeren. steige schon frühmorgens über innere zäune und wundere mich, niemand ausser mir selber verlangt dieses gewicht an trauer und verlassenheit.  nun gut, sie ist nicht da und hat einen heftigen abgang hingelegt, ich bin voller bewunderung für ihre stärke, aber sie verlangt gar nichts von mir. jedenfalls kein niederschmetterndes gefühl beim erwachen und du denkst, wieder so ein beschissener tag.

leiden mit fassung und den schmerz stoisch ertragen. heute morgen sage ich mir, nur das wirklich nötige davon, und ich beginne dinge beiseite zu räumen, die im wege stehn. es sind einige. etwas in mir rebelliert gegen die beständige trauerlast. wäre es nicht an der zeit, die sechsunddreissig uns zugemessenen jahre anders zu würdigen, ich meine, produktiver, beschwingter und wenigstens anzufangen damit.

meine erinnerungsphobie in ehren, aber ist es nicht eine masslose übertreibung bei jedem vergangenheitsfetzen so zu tun, als öffne sich vor mir ein abgrund. ich will es gar nicht vergessen, das leben mit ihr, wie es war, die hellen und dunkleren intensitäten, es hat mich umgerissen und es hat mich  gehoben, weit über mich selber hinaus.

seltsamerweise sind es die scheinbar unbedeutenden details: sie tritt aus einem gelb blühenden frühlingsgebüsch an einem berghang hevor und schaut ganz ernst. oder: sie sitzt im garten auf einem stuhl und sieht verwegen aus mit verwuschelten haaren und ihr kleid ist rot. manchmal redet sie. manchmal lacht sie. sie hat nicht oft geweint. manchmal war sie verzweifelt. sie konnte sehr wild sein. ich hatte manchmal angst, sie läuft mir weg, weil ich langweilig werde.

die farbe des himmels wechselt beständig, wenn ich an sie denke.

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wieso kann man nicht gefasster auf alle einzelheiten blicken.

ich habe angst ich verlier mich darin. weil es unzählige sind. weil sie jede ecke betreffen, die ich betrete. weil sie mich überfallen, wenn ich wehrlos bin, ein alter, der mitten im leben die fassung verliert.

aber auch das ist nur ein gedanke, keiner, der gut tut. und meinem fragen hält er nicht stand.

deshalb frage ich weiter. mit dem fragen, so denke ich, verliere ich alles, meine seltsame sicht auf die dinge, meine in trauer verhedderten knäuel gefühle, meine gedanken, wie die welt angeblich ist, mein seltsames beginnen und aufhören, ich tue die dinge halb, erinnere mich, es schnürt mir die kehle zu und ich lasse entmutigt die hände sinken. aber auch diese angst löst sich auf, es gibt weniges, das sich dem fragen erfolgreich widersetzt.

was habe ich gedacht? du darfst dich nicht umdrehn wie bei lot und seiner frau? oder wie in der geschichte des sängers, der sie ein zweites mal verliert?

mir geht ein gespenst nach, es heisst die erinnerung tut weh, ich wende den kopf und sehe durch einen schleier des schmerzes auf ein fliehendes bild.

tatsächlich habe ich bilder einer vergangenen existenz, sie sind vielfarbig und schief und gerade, die meisten sind schön, schön im sinne von: man kann länger darauf verweilen, man sieht einzelheiten, winzige details, welche die schönheit des ganzen spiegeln.

wehmut: dieses leben ist nun vorbei, ein neues beginnt, angereichert durch das vorherige. soll ich das neubeginnen beklagen.

ich sitze am fenster, schaue in raffinierte wolkenbeschichtung und lichtspielerei über dem meer, sehe den leichten fluggesten eines vogels zu. in mir wächst das spezifische seelische gewicht, es hält mich fester am boden, wenn ich da sitze und hinein spüre, ist es von kraftvoll friedlicher textur, aber schwerer. ich gehe entschlossener, merke ich. es ist nicht egal, wohin es mich führt, ich lasse es offen, gerne überrascht von allem kommenden. und: ich muss gar nichts tun.

ich rücke mit fragen an und vieles von dem befragten entfernt sich. ich bin deswegen nicht böse. was sie wünschte, war genau das, die substantiellere leichtigkeit.

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