wo das gebirge dem meer begegnet

seltsam am meer das abgewandte gesicht, die blicke seitwärts, mein verborgenes leben.  man grüsst, man ist freundlich, selbst beim schnellen vorbeigehn auf dem sentier des douaniers, aber was geht wirklich in den menschen vor.

heute morgen gibt es sogar sonne und man ist geneigt die fassade gelten zu lassen, wenigstens für augenblicke. aber die beunruhigung bleibt. was treibt uns um, selbst lächelnden gesichts gibt es ein zweites, ein leben seitwärts? ein ungelebtes?

andererseits, in diesem winterlicht, bläulich über dem meer und den hügeln ist es aufgehoben und marie, die das alles hier ist, die nicht da ist, damit ich berichten kann, was ich so beunruhigend finde heute morgen an mir selber, sie lächelt. ein lächeln liegt über allem, alles erfasst und besänftigt es. apaisement, sagen sie hier dafür: reg dich nicht auf, nimm es gelassen. selbst in der bläulichen kälte am meer rinnt hässlich und schön zu einem zusammen.

sie scheint es hervor zu locken, noch das verborgenste, das ist ganz neu und ich gehe wie im traum am meer und lausche dem sanften klappen der wellen.

seltsam, ich hatte angst, hier seien die erinnerungen noch spitzer und schnitten noch mehr, aber erst hier konnte ich lassen, was  unversehnds erschien, sonst lief ich davon.  Hier berühren die bilder mich schmerzlich und schön und was erscheint, bringt das tröstende zugleich mit.

 

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sie ist welt, die marie, sage ich , und hier ist sie hügel und felsen, steinerne kaskaden ins meer, hier ist sie grenze und übergang, und die graublaue fläche des meers und ein goldrand am horizont, hier ist sie näher, hier stellen sich keine dinge dazwischen, hier höre ich sie reden, sie braucht keine worte, hier bin ich willkommen und nicht nur mein präsentabelster teil.

davor hatte ich am meisten angst, dass keiner mehr da ist, wenn ich an meiner unfähigkeit und der schwachsten stelle hängen bleibe,  und  einhalt gebietet, das tat sie mit einem empörten blick und einem scharfen wort. nun weiss ich, es geht ohne worte, ich bilde mir ein, beim blick hinunter aufs meer und ins licht, schaut sie mir über die schulter.

vorgestern bei der ankunft zeigte ich ihr den schnee auf pins und palmen, das kannte sie nicht und ich fühlte mich schuldig, so ganz ohne sie im wind, der den schnee durch die strassen trieb.  die leute waren begeistert, wenn man das selbstverständlichste aussprach, il neige à la côte, c’est extraordinaire et très beau, ein gebet fast, ein mantra dieser seltsamen wintertage am meer, n’est-ce pas que c’est beau.

und als ich schon gestikulieren und weisen wollte, dämmerte mir, sie war das alles doch selber und  keine erklärung mehr nötig.

überm meer reisst die sonne die wolken auf und vergoldet den tag. hier ertrag ich mich selber, wenn ich am fenster sitze, der blick ist sehr weit und die dinge sehr einfach.

zum ersten male bin ich in der erinnerung aufgehoben, selbst wenn es  weh tut.

 

postscriptum: da die rede ist von grenzen und übergängen, es gibt sie hier im grenzland nicht für jeden. mit marie bin ich noch einmal im october über die grenze gefahren, die für die flüchtlinge geschlossen ist, sie versuchen es über gebirgspfade, an schluchten entlang und in den dörfern an der grenze wachen Polizei- und Militärpatrouillen. kleinen gruppen begegneten wir auf der italienischen seite, sie bewegten sich schnell auf die grenzlinie zu oder waren schon auf dem rückmarsch. In jedes auto fiel der strenge kontrollblick und einer stand vor gericht, weil er ein herz hatte. man fühlt sich nicht gemütlich in dieser situation: fast spürt man den druck von afrika her, der hier bei uns und sonstwo  erzeugt wird und die menschen in bewegung setzt und nun aufeinmal wollen wir nichts von ihnen wissen und nichts von dem, was sie in die fremde treibt. auch das liegt über der landschaft, in der das gebirge  dem meer begegnet.

 

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