Absturz

nachts der traum von der wand, dreihundert meter hoch, überhang an den letzten hundert metern, ohne seil und sicherung (hab ich die immer bewundert, die todes- süchtigen fastclimber, kunst im angesicht des Todes, wie ich überhaupt die Körperextremisten liebte, die climber und extremrunner am berg und die steilwandskier und biketerroristen an berggraten!) und alles läuft glatt, ich habe keine angst; ich finde den spalt, den halt ohne zu denken, alle sinne auf scharf gestellt und dann, ich greife daneben, was hab ich gerade gedacht? und verliere den halt und falle, pralle gegen die wand und falle, falle in die schwärze und wache auf und als ich zu mir komme, sitze ich im bett, die hände in das kissen gekrallt und es schüttelt mich vor schmerz.

sie ist nicht mehr da und nichts hilft und all die schwätzer, die kommen mit irgendeinem trost, und ebenfalls die gutmeinenden, lieben und netten, sie haben keine ahnung, wie das ist, wenn nichts mehr hilft.

„ich kriegs nicht auf die reihe.“ das habe ich in der nacht gedacht. und wie wird mein sterben sein, so wie ihres? Gott muss wahnsinnig geworden sein.

Einige Gnostiker waren sowieso überzeugt, dass die welt die schöpfung eines zweitrangigen dämons sei, der alles verpfuscht hat. Wer hat sich diese Scheisse einfallen lassen?

Natürlich hab ich alle gelesen oder wenigstens zur Kenntnis genommen, was sie alle sagen, die gurus, erleuchteten und seher, schauer aller art, die denker, die über die grenzen des akademischen philosophierens hinaus gingen und neuland betraten, ein neuland, so wunderbar und umwerfend und neu und unerhört, dass es mich enzückte und unter allen leuchtet Karl Ballmers Stern am hellsten.

Aber was habe ich von allem verstanden und zu meinem gemacht, so dass es mir in fleisch und blut übergegangen ist, so dass es zum sublimen tanz wird?

Z 053
Karl Ballmer

was davon hilft?

ich werde wieder ganz von vorne anfangen müssen, als sei ich eben erst geboren und schon ausgewachsen, aber ohne die geringste ahnung, wie das ohne sie geht, meine Geliebte, meine Freundin, mein Gegenüber in einem sechsunddreissig Jahre andauernden gespräch, disput und dialog über Gott und die Welt, was in unsern Augen das gleiche war, nicht in einem pantheistischen sinne, sondern im sinne einer singulären Offenbarung, in der die Welt als Steiner, als Ballmer und von ihnen aus als alle Vorläufer, alle Denker sich selber dachte, so dass das leben in der welt aufeinmal, mit einem schlag und zwar auch in die vergangenheit hinein, also ins Vordran wieder lebenswert und sinnvoll wurde und wird, noch immer wird gleich einer explodierenden bewusstseinsbombe heller als jedes bekannte licht und die welt verständlich, fühlbar, wahrnehmbar und ganz wurde und immer noch wird.

Ich wusste nicht, dass es so war in unserm hin und her, in unserm streiten und einssein, in unserm geistigen feld, das sich ausweitend über sechsunddreissig Jahre uns sinn stiftete, uns hielt, sie und mich, dass dies alles wahr war für uns in unserem spannungsfeld, ein feld der geistigen und emotionalen exploration und, ja das wars, ein forschungsfeld, das nichts für zu gering erachtete.

In diesem feld gab es sie und mich, aber es gab vor allem das feld, das so entstand, das grössere ICH, das wir geschaffen über die jahre und nun scheint es explodiert zu sein und ich merke, dass ich ausserhalb des so geschaffenen gar nicht mehr bin als ein zuckendes krampfendes bündel schmerz auf kaltem entzug und alles wird unverständlich, hält nicht mehr, als sei es blosse illusion gewesen und ich muss mich mühsam mühseligst erinnern, um wieder etwas, überhaupt etwas zu sein.

Collapse, Zola Jesus

2 Gedanken zu “Absturz

  1. Léiwen Theo ! Hu méi Mann am Juni 2016 verluer a sin och nach guer net doriwwer. … ech hu just eppes geléiert :
    Ech versichen mat Momenter daat „Aalt „ze sin : daat waat danzen, laachen , d’Natur genéisse kann “ och wann ech ganz vill Zirkus muss spillen .. Da spieren ech mech wierklech mat Momenter erëm vill méi staark… Meng nei Devise heescht : “ fake it until you make it “ daat helleft mer staark ze gin..

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    1. Léift Betty,

      kann et net vläicht sin, dass dat, wat mir „ech“ nennen, a wierklechkeet der méi sin, di ennert engem daach an enger heiansdo dusseleg schusseleger Generalregie coexistéieren als chouer suguer mat engem dirigent, deen heiansdo net op der héicht vu senger tâche ass. da kann e villes niewteneen sin, laachen a kräischen oder do sin ennert de leit, awer net ganz, frou an net frou, eben eng widersprechlech band. Bei eis doheem soten se emmer: „wat eng band, sot d’fra, dun hat se eng ficelle emt de bauch.“
      an et spillt een dach vill rollen an an sou enger krisesituatioun, die durchaus sech hinzéie kann, ass engem dat méi bewosst wi je, dat e rolle spillt. vlâicht ass dat och eng chance fir zu méi bewosstsäin an echtheet an integritéit ze kommen.

      du mierks, trotz dem Doud vu menger Fra entweckelen ech grad d’roll vum eelere geschichtemonni, deem gläich eppes afällt, och wann en sech selwer net sou easy hëllefe kann.

      Theo

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