schauen für zwei

 

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Bad Wurzach, im jahre 1980 (also schon so lange her, dass sich die frage stellt, was macht der dort, gerade heute), ich stöbere keineswegs in irgendeiner erinnerung, es ist ganz präzise, es hat mit hiersein zu tun, richtig hier sein, nicht schon halb weg (wenigstens in gedanken), ich sitze sagen wir im Gasthof Adler (ich weiss gar nicht mehr, wie das restaurant hiess, aber das essen war gut und ich sass um die mittagszeit allein da oder fast, möglich ist, es war schon später und die anderen gäste hatten sich verzogen) und plÖtzlich höre ich unruhe aus der richtung der küche und stimmen und gleich geht die tür und ein mittelalter mann kommt heraus, nein, er eilt, er rennt,  redet mit der frau hinter ihm, wohl die besitzerin, jedenfalls nicht meine bedienung, sie rennt ihm nach, atemlos fast redet der mann auf die frau ein, fast schreit er, er ist wirklich sehr laut (ich tue so, als sei das ganz normal), er hält eine reisetasche in der hand und er redet so laut, dass es kein missverständnis gibt, geben kann, er gestikuliert wie wild, wie gehetzt, nein, nicht wie, er ist so: getrieben gehetzt, beschwörend ruft er die frau an, worte wirft er ihr zu wie bälle und was sagt er, was ruft er, was schreit er fast (ja, wie im theater, ganz genau so): endlich ist es soweit / weg; weg, weg, weg , weg/  nur weg / nur schnell weg und der mann geht und rennt  hin und her und die frau bleibt stehen und er sagt das weg immer schneller, weg weg weg weg weg und verschwindet wieder in der küche oder ist es eine andere tür (woraus ich schliesse, der weg-mann ist kein gast oder doch ein sehr vertrauter) und stürzt wieder hervor, sagt noch immer ohne pause weg weg weg weg weg weg, packt die tasche, die er nicht weit von mir hat stehen lassen – – – ich habe längst zu essen aufgehört, starre mit offenem mund auf  den mann, auf die frau, die ist inzwischen in die küche zurück gekehrt und kommt wieder heraus, als der mann aus der anderen tür auftauch), nun aber weg sagt nun aber richtig schnell weg, weg weg weg weg, aber sofort und ich muss weg weg weg weg weg,  hin und her und  im kreise, der mann und  weg weg weg weg weg und endlich eilt er in richtung ausgang, immer noch weg weg weg weg weg, reisst die tür auf, nun muss ich aber weg und dann ist er verschwunden.

und ich wollte da bleiben

das weg weg weg prasselt noch immer auf mich ein und ich sitze sprachlos da, hatte auch gleich fernweh gespürt, hatte mir eine autofahrt vorgestellt und nun, in dem augenblick, als der mann die eingangstür mit einem schwung aufreisst, sehe ich das auto von vorhin vor mir, den klassischen sportwagen der achziger vor der tür des  restaurants parkiert, dessen motor nun aufheult, die türen schon zugeklappt und mit einem energischen aufheulen w e g w eg w eg w e g w e g  w e g weg weg.

ich bin erleichtert, hatte ich mich doch gleich zu beginn mitreissen lassen, das weg weg weg weg kenne ich, in meiner variation, aber damals, dort im Adler (oder war es woanders), am fenster, vor meinem fast kalt gewordenen essen, bin ich angesichts des weg  w eg w e g w e g w e g ansturms immer ruhiger geworden und ich wollte da bleiben, richtig da da da und keineswegs weg weg weg, ich war nämlich ins allgäu gekommen, um endlich mehr anwesend zu sein.

(kurze zeit später lernte ich marie kennen, das war eine ausgesprochene da und hier angelegenheit sui generis und ins allgäu kehrte ich erst jahre danach zurück)

die ruhe des hier, des ganz hier, wenn ich meinen enkelkindern beim spielen zusehe, kein weg, keine unruhe, (— aber einen augenblick lang die erinnerung des unvergessenen Bad Wurzacher weg weg weg weg —) nur das hier, nur hier und die ruhe, die sich dann ausbreitet, die kindliche konzentration auf das gerade anwesende und kein fitzelchen lust woanders zu sein, kein abdriften in irgendwelche gedanken und ich stelle fest, ich weiss aber nicht, ob es etwas mit mir zu tun, meine aufmerksamen augen auf dem spiel beruhigen alles, kein weg weg weg wunsch, nur ein moment, in dem alles sich bewegt und alles zugleich ganz still und ruhig ist, ganz aufmerksam und, opa kuck mal und die seitenblicke, ob ich auch wirklich zuschaue und die gewissheit im gleichen augenblick und die freude darüber, eine ganz einfache stille.

und nur ein einziger leiser gedanke, ich muss nun für zwei schauen,

damit marie z. auch mitsehen kann.

aber soviel gedanken sind schon fast des guten zuviel und im gleichen augenblick sitze ich mit am boden und wir bauen das schienennetz entscheidend aus, an der brücke war ein stau entstanden und die ganz kleine schreit manchmal genervt auf, wenn etwas nicht schnell so geht, wie sie will, und ich tue nicht nur so, als ob, ich spiele mit, stelle ich aufeinmal verwundert fest.

und später, als es ums aufräumen der schienenlandschaft geht, sagt die ältere, aber der opa hat auch mitgespielt und das aufräumen machen wir dann zusammen oder spielen wir gerade aufräumen?

ach was, völlig unwichtig.

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