keine schwarzweissmalerei

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ich sage ja nicht, das ist normal, dass jemand das vertrauen verliert in den existentiellen grund und dass in der mitte des seins (eher des werdens) ein loch klafft, eine leere gähnt, eine ungeheuerliche, die allen sinn verschluckt, gefrässig, unersättlich und gierig.

ich übertreibe?

nein, ich erlebe es so, jeden tag, jeden morgen vor allem, wenn ich aufwache und mich frage, soll ich aufstehn, und es kommt keine antwort, nur die leere in der mitte von allem wird sichtbar, eine dunkle, die mich foppt.

das wirft die frage des urvertrauens auf, es soll leute geben, die sowas haben, ich kenne es als abwesenheit, jetzt, und als ein vergangenes. dort hat es zu tun mit Marie.

ich komme natürlich von irgendwo her, ich habe vorfahren, aber keine wurzeln, ich spüre sie nicht, fühle mich mit dem vorher nicht recht verbunden, es gibt da allerhand gerüchte, aber keine verbindlichen fakten, und hier möchte ich die geschichte nur andeuten, nicht ausbreiten, sie tut zu dem, worauf ich hinaus bin, nichts wesentliches hinzu.

weshalb ich mich nicht mehr wundere, warum ich am liebsten eine wand im rücken aufsuche, statt die mitte des raums.

Vertrauen habe ich erst gelernt, manchmal mühsam, manchmal schmerzlich.

ich gestand mir allmählich ein, dass eine liebesbeziehung zwar kein ersatz für das fehlende urvertrauen in den grund der existenz ist, dass aber auf einer ganz anderen ebene, wenn man sich einlässt – halbe sachen bringen immer nur schäbige resultate -, in dem durchaus prekären gleichgewicht einer beziehung,  in der mitte von einem ungewissen, letztlich unsicheren, ja, beweglichen und sich bewegenden so etwas wie vertrauen wachsen und gedeihen kann. selbst im bewusstsein, dass es ein ende gibt.

und dann der absturz, weil die bewegung aufhört, wenn der andere stirbt, jedenfalls im sinnlichen, mit den sinnen wahrnehmbaren, man lernt nun sehr schnell, dass man das alltägliche, einfache, ja gewöhnliche nicht unterschätzen sollte, denn hört es urplötzlich auf, ist die stimme des andern nicht mehr hörbar, ist er nicht mehr spürbar (seine haut)), dann stürzt man ins bodenlose.

der prozess, das werden, die spannung, die herausforderung, die entwicklung haben einen gehalten, sie waren das verlässliche, das grund gebende und sinn schaffende. und nun stoppt der tod den prozess (man braucht lange, um zu merken, dass er weiter geht, anders, ganz anders, fast unerkennbar zuerst, frustrierend und schmerzlich anders, zuerst eine reine pein).

ich habe seiltänzer immer gemocht, ihre haltung übertragen auf das leben, ihre achtsamkeit, ihre geschicklichkeit, ihre körperbeherrschung, ihren esprit eingeführt in den alltag, das leben als seiltanz gewissermassen. ohne netz, das versteht sich, der tod ist das ohne netz.

es ist einfach und immer der ernstfall und kein stillhalten und bequemes ruhekissen, denn langeweile gähnt sehr schnell und geistlos routinierte bezieherei, das sagte sie auch manchmal zu meinem erschrecken, du bist langweilig geworden, sie war schamlos darin, und ich sprang auf, so sagt man doch, wie von der tarantel gestochen. daraus eine kunst zu entwickeln, überhaupt das leben als kunstwerk, ein gleichgewichtsakt auf dem seil.

ich idealisiere? das frag ich mich gerade.

nein, Marie war viel zu unbequem, selbst viel zu verletzt und geschüttelt, um eine bequeme begleiterin auf dem weg zu sein, den wir eine ganze weile zusammen gingen, das war nicht ideal, aber lustig, lebendig, abenteuerlich und intensiv, bis zum ende.

(und woanders sitzen und gehen wir noch immer zusammen, und reden und streiten und lachen, immer öfter. und auch das ist eine präsenz als der ernstfall.

aber dieser geheime ort und die besuche dort, so subtil und tröstend sie sein mögen, sie ersetzen nichts, denn hier ist sie nicht, ich meine, sie geht hier nicht herum, kein körper unter körpern, sondern eine leere mitten in allem umtriebigen lebenslärm.)

und selbst wenn ich versuche mir alles auszureden, man kennt dieses vokabular des falschen trosts, ich empfinde es so, wenn ich mir erzähle, beharrlich, mein lieber, es geht woanders weiter. vielleicht, sage ich dann, aber wie lange und keine ahnung, und was machst du daraus, bei der frage spüre ich meinen zähen widerstand, ein abwinken fast, so gut wie das war, und kopfschüttelnd sich ins unvermeidliche fügen, in die fakten, so ist es, da sage ich ja, da sage ich nein, zwei vor und wenigstens einen zurück, es ist nun oft eine zähe sache mit kleinen freuden, die ich aber keineswegs mies machen will.

was ich liebe: den regen noch immer und lange gänge im wald und stadt flanerien, im café sitzen und gar nichts denken,  scharf tranchierende sachen lesen und stille und fremde orte und tagträume und in den garten schaun und einfach da sein, so wach es nur irgend geht und gestern abendd habe ich mir mad max wieder angesehen und dear white people und den easy rider nicht, ich kann den schluss nicht leiden, und mir ein paar essays von Lukas Bärfuss reingezogen.

über intimeres schweigt man vornehm (belustigt), das hat mit dem alter zu tun, pflegt heimlichkeiten, verqueres und queeres und schönheiten aller art (ich seh mir inzwischen filme vor allem wegen den menschen an, wie sie sich zeigen, wie sie reden,  sich bewegen, wegen ihren händen, ihren gesichtern und darüber verpasse ich meistens den plot).

seit kurzem spreche ich mit Marie auch über die weniger gelungenen dinge und werfe die Frage auf, gibt es noch offene rechnungen und wie sind sie zu begleichen.

ich stelle fest, um weiter zu gehn muss das unabgeschlossene, widerborstige, ungeklärte gewürdigt sein, wenigstens angeschaut werden als unvollendete gestalt.

und dann denke ich an die lustigen sachen und ehrlich, wenn ich es noch könnte, ich hätte sie gerne öfter zum lachen gebracht, ich schaute so gerne die freude auf ihrem gesicht und hörte so gerne ihre stimme dazu.

warum ich ausgerechnet das erwähne, weil ich für meinen geschmack noch zu oft  am wege stehen bleibe und zögere, soll ich weiter gehn, weil ich über ein unerledigtes vergangenes gestolpert bin, das wird nun der stein des anstosses und mir zur last. es gehört zum ade und machs gut einfach dazu.

natürlich liebe ich den regen und den wald und die gemächlichen tage im august und die melancholischen sonntage, wenn alles fast still steht, natürlich liebe ich die freundlich gesprochenen worte, den herzlichen kuss auf der wange und arm in arm mit jemand zu gehn, den ich mag; und den wind, wenn er sich einigermassen zähmt und nicht wut wird, und die langen gespräche über gott und die welt, heisst, über alles und jedes, das erfreuliche und das ausgesprochen abgeschmackte.

und natürlich möchte ich mit dafür sorgen, dass die welt ein guter ort zum leben bleibt oder dort, wo er es nicht ist, endlich wird oder wieder. und deshalb und wie schon vorher ist mir jede perspektive recht, die  zur erkenntnis beiträgt.

und natürlich liebe ich musik und tanz und fest, mir ist das lachen nicht vergangen und die freude nicht, und dazu braucht es nicht viel.

und doch ist in der mitte von allem eine tiefe melancholie.

dann sitze ich da und spüre den  riss, der mitten durchs leben geht. und  hören tu ich geschrei und aufruhr.

nur eine stufe tiefer ist es still.

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