tergiversation

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Marlene Steyn, Galerie Dys, Brussels

neugier ist eine zier, finde ich, aber sie kann verstörende resultate hervor bringen (ich meine nicht einen besuch auf der artweek, in der kunstépicerie, in der man dies aber auch das erwerben kann, immerhin sind drei namen und werke mir im gedächtnis geblieben, starke sachen von Reiny Rizzi-Gruhlke, Jim Peiffer und Marlene Steyn, Galerie Dys, Bruxelles).

manchmal sind die fronten undeutlich, manchmal überdeutlich und doch verwirrend im verlauf. mehr als eine meinung kann man sich nicht leisten, sagte jemand, und die wackelt schon von anbeginn an, man weiss, meinung ist nicht sicherheit.

(à propos artweek: anscheinend, so sehe ich in der zeitung, habe ich den gleichen geschmack wie Premier und Monarch, ehrlich, nun bin ich etwas geniert.)

das leben in der ungewissheit hat seine vorteile, aber es geht dort nicht zu wie in einem cosy wohnzimmer mit der überbequemen liegecouch, in der man versackt, couch potato.

nach der hyperaktiven phase des nachsommers, nach ausflügen in die welt, darunter berge, meer, gärten und hospital (eine kleinere reparatur), dachte ich, jetzt kommt der spätherbst und der winter und machen wirs uns doch gemütlich, aber gemütlich wurde es nicht.

ich frage mich schon die ganze zeit, was verunsichert dich so, was verwirrt dich, was bringt dich auf.

dann lese ich die zeitung, façon de parler, und schaue wie in einen spiegel, chaotisches, aber hier ist die welt noch in ordnung, ich meine grosskleinstein als ruhender nabel der welt?

manchmal lese ich meine einträge wie die eines fremden: dass man bei „kämpfen gegen“ riskiert so zu werden wie das bekämpfte ist noch kein grund, es sein zu lassen. (soll man etwa jeden scheiss durchgehen lassen.)

(redlicher war dann schon die gruppenausstellung des CAL, aber auch gemächlicher, zu „schön“ im ganzen, zu harmlos, als habe man das beunruhigendere, unbequemere hinaus curatiert. aber es gab bemerkenswertes.)

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ich fühle mich verletzt, das ist ein tier, das sich in seine höhle verkriecht.

immer wieder alarmierendes, das mich aufscheucht, dann wieder etwas anderes, noch erschreckenderes, jemand schreibt, die instabilität ist das kennzeichen des zeitalters, änderung ist nicht in sicht. alles im umbruch.

ich spüre mich selber wackelig und es ist nicht das alter. als gehe der zeitwind durch mich durch. etwas entblättert fühle ich mich tatsächlich, etwas oder ganz ratlos, desorientiert, à quel saint me vouer, woran kann man sich halten. (ich habe einstellungen, ansichten, überzeugungen, aber seltsamerweise geben sie nicht den halt, den ich meine.)

dann der gedanke, eine art kehrtwendung vielmehr: also halte ich mich an die ungewissheit, das verlässlichste heute, ein paradox, aber was solls und ambivalenzen gibt es zuhauf und auch die sehnsucht nach eindeutigkeit.

ich richte mich darin häuslich ein.

Illustration aus:Sebastian Brant, Das Narrenschyff

 

„Lass dir nichts aufschwatzen.“ Gespräche mit einer Toten

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angenommen man schreibt wieder was, welche (selbst) blossstellung käme in frage?

meine Gespräche mit einer Toten? da sie nonverbal verlaufen mit ausnahme von einigen interjektionen, erstaunten oder schockierten ausrufen wie aah oder ooh oder meinst du, tatsächlich, ja, so kann man es auch sehenund sonst? ein gewoge von bildern, teils abtrakter natur, teils sehr figurativ, oft gesichter und auch ihres von ferne.

der spinnt jetzt total.

ja, das ist eine meiner besten eigenschaften.

und weiter.

so persönlich wie nur möglich.

ich scheue die öffentlichen diskussionen, in denen es um rechthaben und nicht um wahrheit oder besser noch erkennen geht, ich scheue auch die „kämpfe gegen“, erstens bezweifle ich die wirksamkeit oder geht es nur noch darum leute zum schweigen zu bringen, weil sie und ihre meinungen einem nicht in den kram passen und zwar noch weit vor dem punkt, wo die heute locker sitzenden begriffe wie reaktionär, faschist, etc. am platze sind. die aufgeregtheit verjagt mich und die gewissheit, dass man historisch und insgesamt betrachtet die richtige seite gewählt hat. jemand hat mal gesagt, dass man aufpassen sollte, dem bekämpften nicht ähnlich zu werden. jedenfalls haben bei mir angriffe die wirkung, dass ich in meinen ansichten bestärkt werde. und andere, mir liebe, erst gar nicht ausbreite.

ich bin mir bewusst, dass ich gerne glauben würde, ganz kindlich, aber ich habe mich erzogen, dem zu widerstehen. allerdings glaube ich dann auch gar nichts, auch keine wissenschaftlichen glaubenssätze.

dass etwas funktioniert, ist noch kein wahrheitserweis. heute krankt die wissenschaft sehr oft daran, dass sie auf sehr wackeligen erkenntnistheoretischen grundlagen steht, oft verdecken griffige begriffe untiefen und erklärungslöcher und der kaiser ist doch nackt. mir gefällt ausserdem auch nicht, dass es meist nur um die beherrschung der natur geht und nicht um erkenntnis.

eine erkenntnistheorie, in der tod nicht vorkommt, erscheint mir wackelig.

viele gespräche, die ich führe, viele beiträge und sogenannte diskussionen, die ich verfolge, verwischen die grenzen zwischen erfahrung und theoretischen annahmen, bringen glaubenssätze ins spiel und taufen sie um zu fakten und bewiesenem. wenn eine mehrheit etwas glaubt, ist es wahr? es ist ein wust, den man zuerst sortieren müsste, um klar zu sehen, aber vorher ist der austausch oder schlagabtausch meist schon zu ende.

vielleicht müsste man doch mit einer neufassung der begriffe anfangen.

ich komme mir oft dumm vor, weil ich im gegensatz zu anderen, die es öffentlich kundtun, so wenig gewissheiten haben. ich veranstalte experimente, trage gedanken anderer mit mir herum und obwohl sie sich so geschlossen geben, tauchen mit der zeit zweifel auf. das kann auch weh tun, denn man ist doch auf gewissheiten aus.

manchmal denke ich, behaupte doch mal einer die metaphysik sei auf dem absteigenden ast und ich meine nicht etwa die theologie oder die esoterik, von der die kritiker oft auch nur eine sehr bescheidene ahnung haben. wissenschaft ist oft auch eine art esoterik, eine hermetik für eingeweihte, realität eingedampft auf eine mathematische formel.

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bekenntnisse ersetzen die auseinandersetzung. allerdings muss ich zugeben, dass das feurige mir lieber ist als das lauwarme. was am lautesten daher kommt, muss deshalb nicht wahrer sein.

wenn minderheiten ihre rechte einfordern, finde ich das meist sympathisch, aber ich nehme an, dass selbst anliegen mit einer gewissen sprengkraft, die nicht im zusammenhang des gesellschaftlichen ganzen gedacht werden, ohne weiteres integriert werden können, marktförmig werden.

was ich an den gender theorien (trotzdem) so bemerkenswert finde, ist die radikale wendung zum indiviuum, zu seiner freiheit und unabhängigkeit, sie befreien das individuum tendentiell aus seinen rollen, die es aufgezwungen bekommt. die neue unübersichtlichkeit ist deshalb wohltuend.

und dann sind wir bei den triebkräften, meinem augenblicklichen dada. dieses dada hat zur grundlage meine eigene unbändige tendenz zu freiheit und unabhängigleit (neben verbindung und verbundenheit, nähe). deshalb suche  ich diese triebkräfte mit vorliebe in der geschichte auf, was selbstverständlich eine art voreingenommenheit und parteilichkeit ins spiel bringt,  der postmodernen geschichtsschreibung zuwider. (aber das ist kein wunder, denn ich nehme zum beispiel auch an, dass man die gegenwart nicht aus der vergangenheit erklären, aber dass die gegenwart ein erhellendes licht auf die vergangenheit wirft, da man aufeinmal versteht, worauf die chose hinauslief, zum beispiel das sogenannte selbstbestimmungsrecht der völker statt das selbstbestimmungsrecht des individuums, aus dem sich der „rest“ ergibt, dies aus aktuellen gründen.)

ich komme zurück auf meine gespräche mit einer toten. darin wird, nonverbal wie gesagt und ich traue mir nur unter starken bedenken eine übersetzung zu, oft davon gehandelt, dass angesichts des neuen glaubensdrucks (ich rede nicht von religiösen vereinen, sekten, auch politischen, wie das neue bräunlich geränderte nationale in vielen spielarten oder das neoliberale oder der finanzfetischismus) zwar keine universale bildung und fachkenntnis mehr möglich ist, aus naheliegenden gründen, hingegen  doch die fundierte ausbildung eines soliden urteilsvermögens. autorität, wenn überhaupt, kann doch nur noch funktional und sehr zeitlich begrenzt wirken, nicht aber strukturell, da müssten sich doch heute die nackenhaare vor sträuben. vor herrschaft sowieso und macht. weswegen auch das parlamentarisch-demokratische nicht deswegen geschont werden darf, weil es unter beschuss ist. eine demokratie, die sich nicht weiterentwickelt und ich meine mit dem begriff, die entscheidungsstrukturen und den stellenwert des individuums darin, ist notwendig auf dem rückmarsch und das lässt sich beobachten, wenn man denn sehend sein will. weswegen dann auch die verteidigungslinien so fragil sind und die autoritären sirenengesänge so unwiderstehlich, dass der aufsteigende modergestank nicht wahrgenommen wird.

die linken reden gerne von umständen und bestimmtheiten, aber ich schätze ebenfalls die alte liberale idee, dass unmündigkeit auch immer selbstverschuldet ist (und heute sind, bei dem aktuellen grad von möglicher information und bildung, die möglichkeiten individueller emanzipation grösser denn je, potentiell, wie auch die möglichkeiten der selbstvernebelung exponentiell angestiegen sind.)

was ich mit meiner toten berede: eben das und ketzergedanken. die bedeutung des todes im ganzen, die wirkungsweise der toten, die esoterischen und metaphysischen aspekte wissenschaftlicher interpretationen, weltbilder und ihre gültigkeit und, immer anwesend im hintergrund, der unstillbare drang nach (selbst) erkenntnis.

methodisch sind wir opportunistisch, will sagen, wir haben keine skrupel, dünnes eis zu betreten. auf diesem weg ist jede hilfe recht.

zum beispiel auch wiederholt dies: klimawandel ist, radikal verstanden, eine grundlagen krise, die krise eines weltbildes, wir nehmen in unseren auseinandersetzungen nicht an, dass die krise auf der grundlage des alten weltbildes gelöst werden kann.

gerade herrscht der skorpion, eine janusförmige konstellation, also samhain, altes bricht weg, neues kündigt sich an, auf der hecke zwischen beidem reitend, bekommt man ein mulmiges hexenhaftes gefühl. mein tarotdeck zeigt den tod, auch er zweideutig:  ende und neubeginn. gartenhäuser implodieren. wir spielen mit bildern und symbolischen annäherungen, haben wir auch zu ihren lebzeiten schon gemacht.

„ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich denken soll.“ „lass dir nichts aufschwatzen.“ (tenor des heutigen gesprächs mit meiner toten)

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samhain

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seltsame träume, wolkige formationen als landschaft, freundliches, etwas scheint rund zu werden.

ich kann mich im speziellen an kein bild erinnern, es ist der eindruck, mit dem ich aufwache. jemand sagte vor kurzem, man kauft es ihm ab, ich gebe die zuversicht nicht auf, stehe mit beiden beinen auf der erde und halte zu ihr? so ungefähr jedenfalls.

ich kann gejammer nicht ausstehn, mein eigenes vor allem nicht und deshalb ertappe ich mich kaum dabei. also eine kalte dusche und mit nackten füssen zur briefbox? nein, heute setze ich mich sofort mit einem café hin und hämmere ins clavier der buchstaben. es ist trüb und ich traue der uhr auf meinem tel. nicht, hat das wirklich automatisch umgestellt? das beste an dieser zeitverschiebung ist ja die illusion, wir seien herren der zeit, sie geht durch uns hindurch, unser körper ist zeit sozusagen und sie nimmt uns mit, wie sie uns ins dasein gesetzt hat. der zug der zeit, eine tiefenströmung, überall spürbar, wenn man will, ist reissend, ja, unheimlich, nichts hält sie auf, gar nichts.

aha, sagt jemand, du bist bei den banalitäten angelangt? ja, gebe ich unumwunden zu, samhain nähert sich, die wände zwischen hier und dort werden durchlässig, sagt man, und an den gräbern gedenkt man vor allem der eigenen sterblichkeit, wenigstens für einen kurzen moment, dann schlagen die tagesgeschäfte wieder über einem zusammen, man tut jedenfalls so. im grunde lieben wir es bis zur besinnungslosigkeit gehetzt zu werden, dann, so hoffen wir doch insgeheim, tauchen diese verwunschenen archipele des todes aus dem meer des vergessens erst gar nicht auf? manchmal denke ich, aber auch das ist ein gelâufiger gedanke, der tod ist der geheime motor. „Das Leben“, so schreibt Burkhardt Müller in seiner kritischen betrachtung der evolutionstheorie („Das Glück der Tiere“), “ käme nicht zum Vorschein, wenn es nicht tötete.“ und ein anderer, hier der Maler und Privatgelehrte Karl Ballmer, sagt: „Der Tod ist der Schöpfer“, offenbar noch da, wo er nicht zur Kenntnis genommen wird, ja, wo er verdrängt und vergessen wird? unsere kultur, das ist jedenfalls mein eindruck, ist darauf aufgebaut, es ist, und das könnte nachgewiesen werden, ein unsterblichkeitsprojekt, und nicht erst dort, wo der mind auf eine neues substrat übertragen werden soll, damit es dauert.

ich persönlich gerate in diesen tagen wieder sehr stark, so empfinde ich es, in die Nähe von Marie, wenn die diele knarrt, neige ich zur spiritistischen sicht, das ist gewiss sie, denn ich habe gerade etwas abwegiges  oder etwas gescheites, das kommt vor, gedacht, das sie missbilligen oder billigen würde.

in diesen tagen wird mir bewusst, dass ich viel zu ernst durch die gegend laufe. gerade gestern im wald trat das ans licht, erst ging ich völlig umwölkt meines wegs, dann wurde mir das allmählich bewusst, ich hätte so auch durch eine supermarkthalle trotten können, im ernst, dann hob ich endlich langsam den kopf, spürte die umwölkung durch irgendeinen alltagskram, langsam wich das zeug von mir, verflatterte zwischen gestrüpp und bäumen, danach moserte ich eine zeitlang herum, weil wieder am weg geholzt worden war, ohne erkennbaren sinn in diesem naturschutzgebiet, das übrigens viel zu klein geraten ist, aber immerhin, es ist da, dann klarte  alles auf und aufeinmal spürte ich mein lächeln, auch im bauch und in den beinen, es hielt an bis zum ausgang und dauerte den ganzen tag. das lag erstens an der wohltätigen wirkung des waldes und zweitens war es unser wald, wir sind die wege zichmal gegangen, mal redend, sehr oft, dann schweigend, zunehmend, du musst jetzt nichts sagen, und unsere vertrautheit und nähe trat dann besonders deutlich hervor. als Marie krank war, kam ich alleine her, streunte quer durch den wald, fotografierte pilze und farbige stellen. die bilder von Marie verschwinden zu dieser zeit in meiner sammlung und wenn ich jetzt an pilze gerate, ist alles bis ins letzte detail wieder da, meine steigende verzweiflung und ihr langsames verschwinden.

ich werde ihr jetzt blumen aufs grab bringen, ich werde in die hohen bäume schauen und sie dort eher erwarten als sonstwo.

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im vorüber gehn

 

wie ernst soll man sich nehmen. aufsatzthema heute morgen. es ist genau sieben uhr neunundfünfzig. von meinem standort aus ist die morgendliche agitation kaum spürbar, gelegentlich fährt ein auto vorbei. ich öffne das fenster und ziehe mir die kühle herein. so waren auch die träume: kühl.

ich denke ein Jahr zurück, da konnte ich mich oft nicht in die stille ergeben. eine angst hielt mich zurück, als sei dort nichts, aber nichts ist auch nur ein wort. etwas krampfte sich zusammen, als stürze man ins ungeheure, aber nun: sie breitet sich aus, erfasst die ecken der zimmer, die wohnung; ich meine die stille des alleinseins und nichts besonderes  tun, um sich ihrer zu entledigen, das gehört dazu.

sie breitet sich aus, erfasst die stadt, den landstrich, die gegend, die leute gehn langsamer, bewegen sich gemächlicher, nichts anderes schiebt sie an als die stille, kein movens von aussen, kein geld und kein gewinn, nur die stille weitet sich aus. wie eine allgemeine meditation. unterwegs werden die kleinen geräusche hörbar, die kleinen dinge zeigen sich ganz bescheiden oder ganz einfach, kein gedröhn und die menschen beginnen sich zu sehn.

erst in der stille erscheint eine lösung. der rätsel.

der café ist stark und bitter. über mir dumpfe schritte.

wie ernst soll ich mich nehmen. nous, on a des problèmes de riches. ich rede nicht von allen, ich bin kein zyniker, spiele nur damit, wenn ich verzweifelt bin, aber die mehrheit der menschen hat andere sorgen. heute denke ich  an die kurden, gewisse kräfte, so lese ich, haben sich neu formiert. die meldung hallt in die stille herein, macht mich stumm, ich stelle mir vor, es gibt doch eine gerechtigkeit, irgendwo werden alle taten festgehalten und am ende gibt es ein gericht, dann richten wir uns selber, sehen, aber von den betroffenen aus  und wie sie es erlebten, ihre perspektive wird zu der unseren. am ausgang.

wie ernst kann man sich nehmen. im grunde wissen wir es schon, es gibt eine bewusstseinsschicht, die keine manöver erlaubt, in der klarheit herrscht, in der die realität ohne beimischung erscheint, ohne ausreden, rechtfertigungen, urteile, in der alles offen gelegt ist, die geheimen intentionen, die langfristigen wirkungen, die ethischen implikationen, die selbstlügen, die dürftigen bemäntelungen. eine schicht, in der keiner von uns sich das geringste vormacht,  la nudité ultime.

wie ernst kann man sich nehmen. das morgenlicht nimmt langsam an kraft zu, das zimmer wird langsam hell ohne künstliche beleuchtung, das bild vor mir beunruhigt mich, ein schwarzer keil, ein schiff, stösst von rechts ins bild vor, ins grüne und hellbraune, oben auf dem deck gestalten, formen jedenfalls, schwarze und eine grüne, grösser, schmaler als die andern mit einem hellen schopf, ganz rechts schweben zwei weitere lange gestalten, sie sind verbunden, glänzen matt, das ganze gearbeitet als relief, links vor dem kiel funkeln eingelassene glascherben, eine davon instensiv grün. schwarze einsprengsel.

die schiffe bei tintin et milou von hergé sind immer schwarz angestrichen.

ragt so der tod hinein in alles. oder ist es eine warnung; vor vernichtung. eine angst, sichtbar geworden. meine ängste . ich habe damals nur einen blick auf das bild geworfen und wusste, das möchte ich an einer wand sehen. meine tägliche beunruhigung, wie das bild der frau in rot, die einen kleinen kopf in der hand hält und der kleine kopf ist quicklebendig, genau über dem nabel der frau, wenn ich sie vom tisch aus nach rückwärts gewandt betrachte, schaut sie mich an, mein morgendliches rätsel.

ich habe noch nie blosse dekoration gemocht, redende dinge bevölkern den raum und schauen mich an. was wird er als nächstes tun, wird er nichts tun, wird er aufstehn und noch einen café brauen. hat er pläne, aufgaben, verpflichtungen, was macht der kerl überhaupt, also: aus seinem leben, ausser da sein, sitzen, herumgehn, reden und liegen. lacht er manchmal; lächelt er; warum lacht er aufeinmal und niemand hat etwas gesagt; warum grinst er plötzlich; hat er schmerzen; ist er traurig; wer ist die frau auf dem foto; er schaut hin, bleibt ernst, schaut nochmal hin, vielleicht lächelt er nun, sagt: du hast gut reden, meist einmal am tag sagt er: du fehlst mir bei allem.

die stille im zimmer ist der hintergrund aller geräusche, es ist die stille in mir. wie ernst soll ich mich nehmen, ich bin doch nur im vorüber gehn.

folgende zeilen

ein sonnntagmorgen wie schweben ausserhalb jeglicher zeit, „au temps de botchan“ von Juri Taniguchi, lesen und schaun, denn es regnet. schon beim erwachen habe ich das fenster geöffnet und mich wieder hingelegt und mit geschlossenen augen dem regen gelauscht und manchmal in einem blinzeln das tiefgrün und knallige rostrot der gärten und oben in einem fenster das licht. und noch beim café stosse ich auf folgende zeilen: 

rafales de vent en guise de déclarations

d’amour

tel le feuillage tu penses

en jaune doré“

und fühle mich aufgehoben/verstanden in den worten einer anderen.

der raum der erinnerung ist angefüllt mit fröhlichen bildern, mit traurigen, mit weniger ruhmvollen und mutigen, fest entschlossenen schritten auch. ich lese am liebsten über umbrüche und veränderungen, über zeiten mit zwei gesichtern, janusartige, verborgenes kommt dann ans licht über mich, über uns, über unsere zeit, soweit sie denn unsere ist und nicht die von andern (und selbst die wissen nicht, wem die zeit gehört, niemand weiss es) und wir ertragen es, gegen alle vernunft.

ihr bild auf dem kleinen schrank erinnert mich an das bleibende, alles andere kommt und geht, man weiss es, man kennt diese unablässige bewegung und manchmal bis zum überdruss, aber der spiegel, in dem es erscheint, wankt nicht.

manchmal träume ich davon durch den spiegel zu gehn und uns zuzusehn von der anderen seite.

die trauer sitzt in einer ecke, sie ähnelt einer frau, die ich kannte, die mich am arm nahm und sagte: „komm, wir gehn durch den regen.“ unter dem gewitter im wald, ganz durchnässt, lachte sie, strahlte sie und der regen lief ihr durchs haar und übers gesicht. hätte sie mich noch nicht gewonnen, damals wäre es ganz sicher passiert.

 

hats was gebracht 2

nicht essen, nicht reden, nicht lesen mit zwölf anderen (jüngeren, schöneren) leuten und frühmorgens gleich nach dem aufstehn nackt in einen zehn grad heissen teich springen.

was soll das? was bringt das?

und dann die übungen, lauter verrücktes zeug, das deine leidensfähigkeit, deine willenskraft testet, solange bis die pein umkippt in, naja, ich gebs nicht gerne zu, eine art ganz verinnerlichten spass, wie lachen tief aus dem bauch heraus.

also nur kräutertee? ja.

und kein wort? ja.

und zeichensprache? auf keinen fall.

lächeln? ja. und in die augen schaun, stundenlang. ja.

dabei spielen die gedanken verrückt, ein rechter zirkus von einfällen, umfällen, anfällen, alte bekannte und lauter neue.

und gefühle, achterbahn, aber richtig achterbahn und höchstgeschwindigkeit in der kurve.

und was war das schlimmste? das unangenehmste? das, genau das, der zirkus der gedanken und gefühle. sie quälen dich solange, ja, sie piesacken dich, bis du ein zuschauer wirst, höhe gewinnst, amüsiert, ja, sogar das.

und was soll das?

die frage muss ja kommen, kulturell, strukturell unvermeidlich, programmiert.

es muss was bringen, sonst…

ja, was denn nun, mensch!

(für uneingeweihte: ich rede gerade über meinen workshop auf dem peloponnes, an einem ort wie aus einem traum, hoch über einer klippe, mit einem garten, einem garten meiner kindheit, und einem lebendigsein, quick, wie man es leicht vergisst hier unten in den neolib niederungen)

spass.

 

hats was gebracht?

wie wars?

hats was gebracht?

wie war das wetter, der ort, die leute, das vor allem, wer waren die andern, erzähl mirs bitte.

……….;;;;…….;;;……..;;;;;;…….::::::……………………….+………………………………………………………………………..

es war …

still

danach:

schweigen …

 

„cleaning the house“

Etwas ganz intimes sollte es werden, so von ganz tief unten, dann merke ich aufeinmal, ich verliebe mich in wörter, immer weiter weg von allem, gerade indem ich genauer zu fassen glaube, was mich beunruhigt und was ich noch nicht wirklich kenne, ich glaube worte tun es, das kennen und dann stelle ich fest, das kennen geht dem voraus, es ist bloss so unbestimmt, dass es angst macht, man will weg davon, flüchtet sich in wörter, mit denen man zu begreifen meint, aber wörter sind in diesem speziellen fall wie lullabies, beruhigungskram für meine kindliches gemüt. oder bestenfalls treffen sie einen nerv, so sagt man doch, setzen dem erkannten das i-tüpfelchen auf. aber gerade daran redet man dann wieder vorbei. man glaubt mit einem wort fange man schmerz ein oder freude, aber sie halten sich woanders auf.

vielleicht kann man mit wörtern die konturen eines zustands einmal ungefähr nach fahren. vielleicht singt man, weil man gequält wird von etwas, aber es geht mit dem gesang nicht weg.

vielleicht will man sich auch nur erinnern, dass einmal etwas war und es entfernt sich, vielmehr hat man angst, es entfernt sich. aber es bleibt im raum, nur weiter weg.

oder es ist ein gebet, aber man hat vergessen, worum man betet und zu wem.

melancholie lässt sich gar nicht dingfest machen mit dem wort melancholie, überhaupt diese vergeblichkeit, alles fliegt fortwährend heran und schon ist es wieder weg. eben noch war es gegenwart und man steht verdutzt da; anfangs fühlt man sich regelrecht düpiert. dann denkt man, man sollte sich auf gar nichts einlassen, denn es tut weh, es wird gewiss weh tun, denn es bleibt nicht. aber man weiss, so ist die chose, so verhält sie sich.

und dann geht es doch um wenigstens etwas festes oder bleibendes, etwas verlässliches.

der tod setzt die suche danach erst richtig in bewegung. deshalb weiss man, jedes zipfelchen freude hat diesen schwarzen rand, diesen trauerrand, so etwas wie randlose freude erscheint einem utopisch. auch noch aus anderen gründen, die man sich nicht ausdenkt, sondern erlebt.

also wenigstens sowas wie inneren frieden, aber nichts zum einschlafen, eher zum erwachen oder erkennen oder erinnern, längst vergessenes, übersehenes. nichts spektakuläres. eher etwas sehr ruhiges, innerliches, keine show.

deshalb frage ich mich im augenblick, wie ich diesen blog fortsetzen soll, ob überhaupt und wie.

mit leidensexposition errichtet man keine monumente; das sagen hat mit dem erleben nur sehr entfernt  zu tun.  es ist bestenfalls ein widerschein. eine geschichte.

eigentlich geht es nicht um mich, es geht um Marie. es geht darum, wie nah oder fern sie ist. was von ihr bleibt, in mir, und inwiefern das eine bedeutung hat, ausser erinnerung. also die frage, bin ich noch der alte, aus der zeit vor ihr, oder hat es eine veränderung gegeben, der ich mir bewusst werden kann, einen zuwachs (hier halte ich so etwas für legitim). (das ist etwas peinlich, aber der nächste begriff ist dann ein typisch utilitaristischer, was hat es gebracht.)

dieser vorstoss ins unbekannte, an dessen spitze ich nun stehe, wissend, es gibt kein zurück, zusammen dort zu sein wäre  einfacher in dem kalten wind. ein gefühl, als sei ich der sache nicht ganz gewachsen, so allein und wohin weiter. und dann geht man doch, stapft trotzig voran, bis die schwäche einen stoppt. dieses gefühl, ist die stärke auf der strecke geblieben. wie lebt man mit dem eingeständnis der verletzlichkeit. wieviel verträgt man davon. 

anders gesagt, wer ist man. jetzt, danach. hat man etwas gelernt, was hinaus läuft auf, erlebt man den zuwachs, keine schönen reden, gefühlte substanz, die sich beschreiben lässt.

nicht: sie ist weg. sondern: was bleibt. ich kenne kaum eine (offizielle) welterklärung, in der diese frage sinn macht. etwas in mir ist von der frage ganz unberührt, nicht im sinne von gleichgültig, indifferent, etwas beleuchtet all das, alles erlebte steht in diesem licht. also gibt es doch eine art öffnung.

morgen fahre ich zu einem workshop, der heisst „cleaning the house“.