über die poetik des kratzens

 

frage heute morgen (seit gestern): warum habe ich mich (vorher) nicht frei beim schreiben gefühlt? ich meine, es ging weder damals noch heute darum, dass ich über intimes schreibe (hängt wohl vom standpunkt ab) oder tabu themen angehe, jedenfalls: jetzt erst fühle ich mich so frei. das heisst nicht, dass ich mir keine selbstzensur auferlege.

das habe ich schon gesagt (was eigentlich noch nicht), dass ich ein grosser fan des digitalen abfallkorbs bin and empty bin, es ist endgültig weg. wenn es den nicht gäbe, käme ich gewiss auf die idee, ich sei doch eine art von „schriftsteller“, aber ich schreibe bloss, wie man sich kratzt, wenn es juckt. das ergibt nur eine poetik des kratzens, es klingt etwas vulgär und seicht, ich kann nicht einmal vernünftig erklären, warum es so ist, also, warum tu ich das.

ich will die metapher des kratzens nicht weiter bemühen, denn dann … es scheint spass zu machen, manchmal quäle ich mich damit, finde es nicht gut und drücke doch auf „veröffentlichen“, zur strafe gewissermassen, zum test, ob ich mich traue, einen misslungenen text zu zeigen (oh welcher mut, welche kühnheit, rufe ich mir dann zu.)

ich bin zu diesem blog gekommen, nicht wie die jungfrau zum kind, die sprichwörtliche, sondern durch den tod von marie.

und gleich ist der verdacht da, können öffentlich gemachte gefühlslandschaften eventuell darauf hindeuten, dass sie mehr pose als wahrheit sind. also der grandiose, auch mitgeteilte gestus, die trauer drückt mich nieder, ich werfe mich auf mein sofa und höre de profundis von arvo pärt.

nebenbei festige ich so meinen ruf als schreiber.

es gibt anscheinend leute, die auf dem weg eine kleine literarische karriere gemacht haben, das wird ihnen vorgeworfen, mehr pose als substanz.

das ist eine schwierige sache. je weiter das ereignis sich entfernt, es bleibt im raum und ziemlich nahe, desto klarer wird, das schreiben hat mich vor dem ersticken bewahrt, ohne das schreiben hätte ich keine worte gefunden, es hätte sich angesammelt und mich erdrückt, von innen, also ersticken ist das rechte wort, irgendwann hätte ich unartikuliert (das ist es) auf der strasse geschrien, das wortlose, undifferenzierte gefühl hätte mich verrückt gemacht, so konnte ich es sortieren, benennen und habe ihm die wucht genommen.

ich weiss, dass viele leute ihnen nahestehende menschen verlieren und ich bilde mir nicht ein, ich sei darin ein besonderer fall (jeder fall ist besonders). aber das verhindert die wucht des erlebens nicht, das verhindert den schmerz nicht, kein zynismus schwächt ihn ab, und wenn einer denkt, er sei abgehärtet genug vom leben, um sowas elegant auszuhalten – das habe ich auch gedacht, ich habe mich immer wieder mit tod und sterben auseinander gesetzt – dann wird ihn der konkrete erlebensfall eines besseren belehren, er hat mich jedenfalls belehrt.

Es gibt den alltag, die verpflichtungen, die aufgaben, die gehen nicht weg, weil die frau gestorben ist. natürlich war auch selbstmitleid dabei, ich habe mich immer wieder daraufhin geprüft, aber die ungeheure schwäche, die durch den tod von Marie entstanden ist, eine art wehrlosigkeit, schutzlosigkeit, das verschwinden von festen , sicheren anhaltspunkten, kurzum das geschlagensein, wie in einer schlacht geschlagen werden, am boden liegen, besiegt und nicht wissen, wie aufstehen geht, das alles ging nicht weg, weil ich sagte, allez hop, und weiter mit der karre, so ist das scheissleben nun mal, ce n’est pas une sinécure, es ist kein freizeitpark und wo geht es zu der nächsten attraktion, das habe ich mir gesagt und es hat nicht geholfen. ich bin nur langsam auf die beine gekommen, manchmal gab es den text, den ich schrieb, und das wars für den tag. und ich behaupte nicht, ich funktioniere wieder wie vorher, habe meinen kurs wieder, meine repères und es läuft. ja, aber mitunter läuft es nicht, es ist nicht mehr dasselbe, es ist eine andere realität, vieles ist nur noch stuss, wenn ich es wahrnehme, denn vieles interessiert mich einen feuchten dreck, ich habe nicht vor die positiven seiten der sache auszubreiten, denn ich nehme keine wahr, tut mir leid, ich rapple mich auf, das ist alles.

das schreiben hilft mir, klarheit zu gewinnen, das knäuel zu entknäueln, ich schreibe keine geschichten und wenn es eine wird, dann, weil es spass macht, denn manchmal macht es tatsächlich spass, das leben.

aber sag mir keiner, ich soll jetzt endlich ein loblied auf die veranstaltung singen. weil ich nochmal davon gekommen bin. ich stelle fest, ich bin doch ziemlich zäh, aber auch ziemlich verletzlich. ich habe hingegen keinen grund den harten burschen zu spielen, der alles spielend wegsteckt.

und ich habe keine lust über sachen zu schreiben, die mich nicht berühren.

warum ich das dann veröffentliche? das ist eine gute frage.

„ich bin dann mal weg“

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rentrée, alle sind wieder da, die strassen sind verstopft, wie schön. rechtzeitig ein paar neue baustellen und alte, die nicht enden, das rotlicht unten an der kreuzung funktioniert tagsüber nicht, einfädeln macht richtig spass, man lauert auf ein zögern, eine lücke, die gross genug scheint, und dann, ausgerechnet dann, fährt einer mit elektroroller vorbei. durchatmen, tief, es sieht doof aus, auf einem elektrofahhrad tritt man wenigstens noch in die pedale und bei 25 setzt der motor aus.

ich schreibe bloss, um mich um die einsamkeit herum zu winden, schinde zeilen als mein eigener ghostwriter, erzähle mir selber geschichten, um mich zu trösten.

wenn alle wieder da sind, fahre ich weg, am meer scheint die sonne, sagt meine wetter app, und die touristen sind längst wieder zuhause, der sommer nähert sich dem herbst, ich werde am meer entlang gehen und schwimmen, das wasser wird kühl sein und auf der haut prickeln. ich werde nicht an die wasserqualität denken, ich werde in der sonne sitzen und schweigen, die berge sind nicht weit. wenn das eine land mir nicht passt, besuche ich das andere, grenzen bedeuten gar nichts.

am meer muss man überhaupt nichts sagen, schauen genügt und hören, die brise trägt die gerüche heran, auf den felsen sitzen möwen. das leben geht hier von selber. es ist tragikomisch wie überall. vielleicht werde ich mich sogar freuen.

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aber das gefühl im exil zu sein, ausgeschlossen von dem grossen spass, der überall versprochen wird, wird auch dort nicht vergehn.

in den letzten jahren unseres zusammenseins sind wir erst dann unterwegs gewesen, wenn die andern zurück kamen. das kann ich nicht vergessen.

dieses eigenartige gefühl, zu spät dran zu sein oder zu früh, jedenfalls vor dem strom, vor der grossen welle her. oder gegen ihn, stromaufwärts. der sommer ist dann schon müde und resigniert. man reist in ein abschiednehmen hinein, einen übergang.

ich komme aus dem abschied nehmen gar nicht mehr heraus. zuerst baut man, dann baut man aus, man legt hinzu, man sagt sich, das brauche ich. und nun legt man ab, entledigt sich, lässt zurück und es fällt schwer und fällt leicht, der rest ist das unsichtbare gepäck, das sich leicht transportiert und manches davon hat auch ausgedient, ist nur noch lästig und bleibt zurück. 

man geht dann wege wie zum ersten mal. erleichtert um einiges.

dann schaut man nach vorne, der weg bahnt sich überm gehen, man geht in gesellschaft und strecken geht man allein.

das neue entspricht keiner erwartung, aber es wartet auf einen und wenn es sich zeigt, gleich ist es vertraut, so dass man weiss, es ist für einen gedacht.

„ich bin dann mal weg.“

 

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selbstgespräch zu musik, sprunghaft, unmassgeblich

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Morgens die rekonstruktion geht sehr schnell, keine zweifel daran, wer ich bin, sofort das anknippsen dieser kleinen welt und sofort die ersten verrichtungen, der erste blick aus dem fenster, die meisen am futterplatz, eine reine freude.

keine news (ich lese keine), ausser der ankündigung des neuen buchs von Christian Ferber, this is not economy, und wir hier mitten drin, schon der titel spricht einem aus dem herzen.

der auftakt meines tages. so. als paukenschlag.

flüchtig kriege ich noch den titel eines essays auf Medium mit, 255 massshootings in 251 days, wo schon… genau! ich lese den text nicht.

no doubt, spiderwebs.

eigentlich kann ich keine zeile schreiben, wenn ich musik höre, nur herum hüpfen, heute morgen habe ich währendessen festgestellt, dass es an den muskelbändern im unterschenkel zieht, also ein paar dehnübungen mehr. dabei als thema meine beziehung zu schmerz. ich stelle fest, ich nehme schmerz bildlich wahr, dieser präzise ziehschmerz im unterschenkel hat eine form,eine farbe, wolkig grau zuerst, dann grellrot, spitz. überhaupt in der ersten wachzeit noch nicht die schön säuberliche trennung in der wahrnehmung (die scheinbare), sondern synästhesie, gesamtbilder, farbig, geformt.

Chuck Berry, Johnny B. Goode

dann der erste café. eine symphonie, peruanisch, bio, knopes röstung, sofort taucht der berg auf, der steile hügel, die rötlichen früchte, der ort, die steine am weg, das scharren der maultierhufe, beim ersten schluck verreise ich. wir teilen das, noch jetzt. Marie sitzt irgendwo am pad, visitiert mails und nachrichten, konzentriert, schaut kaum auf, wenn ich was sage, der café, den ich bringe, dampft. vorbei. aber als bild da, unvergänglich.

ich betrachte es als anreicherung, es ist eine nuance in der erfahrung, eine färbung, ein geschmack, der ist gleichzeitig präsent, ich muss dazu keine erinnerung heraufrufen oder forcieren, es ist eine anwesenheit, diskret.DSC00678

Chet Atkins, Jam Man

was liegt unter der traurigkeit? überhaupt irgendwas?

das frage ich heute morgen, die traurigkeit war nie nur persönlich, privat, sie schloss immer alles ein, es ist auch der schmerz in genau dieser welt zu leben, ich muss nicht in die einzelheiten gehn.

gelegentlich frage ich mich, ob die gefühlswelt nicht etwas allgemein atmosphärisches ist, in das wir eingetaucht sind, wie auch in die gedankliche atmosphäre, man sagt nicht umsonst, der gedanke lag in der luft (und einer hat ihn aufgeschnappt und was draus geacht). das ist auch, wenn ich ihn richtig verstehe, die weltseelen theorie von Giordano Bruno. man kann natürlich alles verdrängen, wegschieben, was ja auch geschieht, jemand meinte, die zeit komme noch, wo die rede von seele und geist als völlig abwegig und krank angesehen wird, medikamentös zu behandeln, wir scheinen darauf zu zu steuern. das ist nur …

also: ist auch die traurigkeit nur ein layer und darunter, was?

Thenewno2, sacrifice

wandlung: auch wenn es weh tut, es scheint so etwas wie einverständnis zu sein, damit kein missverständnis auftaucht, ich gerate dort in eine zone, in der es keine entzweiung gibt, keinen hader mit einem schicksal, keine reklamation, eine art ja, die das übliche ja-nein, ja, nein in sich einschliesst und kein nein kennt.  dann, erst dann zeigt sich das panorama eines lebens. ich verbreite keine lehre, ich beschreibe lediglich eine erfahrung. ich möchte nicht prätentiös sein, ich verschaffe mir klarheit. wenigstens dafür bin ich allein zuständig.

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und der rest, ich meine, alles andere, auch damit bist du also einverstanden, das wäre dann eine menge übles zeug, neben dem akzeptabeln, guten, schönen. (ich rede gerade mit mir selber, sowieso, die ganze zeit schon)

Remy Zero, Gramarye.

Thenewno2, Hanging on.

nein.

ich bin nicht damit einverstanden.

aber es ist so. ich sehe es.

soll ich die fakten aufzählen: klima, soziales elend, seelische misere, geistige leere, fade ideologie, verschwendung und zerstörung statt wirtschaft, ausbeutung, dummheit, gewollte, intellektuelle verheerung, lüge, kriege, gewalt überhaupt…, ich lasse die weltgeschichte als film vor mir aufscheinen, bis heute, inklusive alles, vieles völlig unerträglich, aber da,

so ist es.

heute wird oft festgestellt, eine solche radikale zurkenntnisnahme lähme jede initiative und rufe ohnmacht hervor. das kann sein und doch, wie soll man vernünftig beginnen, wenn man nicht weiss, nicht wissen will, nicht sehen will noch kann, was ist?

was wäre das für eine handlungs plattform?

den schleier weg ziehn ist immer schmerzhaft.

manche haben uns schon aufgegeben. sie halten uns mehrheitlich für nicht in der lage, ja, völlig unfähig, etwas grundlegendes grundlegend zu verändern.

das sollte man ins auge fassen, den geistigen zustand der überwiegenden mehrheit. der gibt in der tat wenig anlass zu optimismus.

Death cab for cutie, you are a tourist

ich sehe das, was macht es mit mir.

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jemand sagt, der verkauf von SUV’s sei wo um 20% gestiegen. das ist der viel beschworene klimawandel, sagt ein anderer, die menschen wollen optimismus, der SUV verkörpert das. ein dritter, sie fahren herum, als hausten sie in wegloser wildnis. vielleicht sind sie ganz verwildert und haben keine ahnung, keine wilden gedanken, gar keine, ein vierter. wie äussert sich der sogenannte todestrieb, ein fünfter.

was ist das für ein lachen, das ich von mir höre, eine körperlich sich manifestierende überwältigung durch ein schockartiges ereignis?

Deadmau5, cat thruster

was ist ein ereignis?

wenn ich anfange zu sehen? keine vorspiegelung, fakten, erfahrungen. wenn ich höre, nicht das, was ich hören will.

wir leben in dem ideologischsten aller zeitalter, weil unsere fähigkeit der selbstbeschwindelung und selbstbeschwichtigung aufgrund der vorliegenden erfahrungen um ein vielfaches gewachsen ist. wir sind ideologiefrei. lacht da jemand?

Björk, human behavior

an diesem punkt erinnere ich mich an sowas wie frühstück, es ist ein spätstück geworden.

Vienna Teng, 1BR/1BA

also frühspätstück.

Deadmau5, mau5ville: level3

Sparta, Taking back control

umständliches landemanöver

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noch keine gewohnheiten? und schon frage ich mich, ob die ansätze von neuen, die sich abzeichnen, mir in den kram passen, sodann nachts diffuse angstträume, in denen ich in fremder landschaft umher irre oder traumvorstellungen als frage, kann ich mir vertrauen und warum bin ich noch hier. im traum eine art debatte mit verteilten rollen. das rätsel bleibt, denn sie kommen nicht zu potte.

als sei die sicht zugestellt.

je me débats. die fragen sind wie überfälle.

ich gebe es mir zu, diese anwandlung, das jetzt als nicht vollständig, nicht abgerundet, als gänzlich offen (naja) und ergänzungsbedürftig zu betrachten, ist nicht so neu, aber die dringlichkeit davon hat zugenommen, seit ihrem tod.  wenn ich an das vorher (die zeit vor ihr) denke, so waren das die fragen eines aufbruchs und keine ahnung wohin, aber optimistisch, dynamisch. nur jetzt, teils fühle ich mich geschoben, teils schiebe ich, energisch und entschieden, hat das wohin etwas beunruhigendes.

manchmal rette ich mich auf eine stilfrage hinaus, sage mir, die komposition sei nicht gelungen, auf keinen fall vollendet, demnach nicht schlüssig, ziellos, sie hängt in der luft, gib es doch zu. und ich demnach eine luftexistenz ohne festen fuss, nicht geerdet,  von fragen, unbeantworteten, nicht zu beantwortenden gejagt und nun flattert er davon, hysterisch aufgeregt, ja, wie ein aufgescheuchtes huhn, und wenn er dann allein ist, gackert es innendrin.

ich versuche es anschliessend mit zeichen lesen und finde keine, nicht in den todes- noch in den geburtsanzeigen und den rest der zeitung nehme ich wörtlich, politische manöver haben nichts zeichenhaftes.

je rentre  donc bredouille.

und sie nun und ihr fotolächeln quer gegenüber, das lächeln einer sphinx, und meine deutung: ein wohlwollender fingerzeig. worauf?

und wenn es das wäre, mehr nicht, als was gerade der fall ist, da sitzen und schaun, der anblick einer noch leicht fremd befremdlichen behausung (fragezeichen (und wenn und hätte)), ein paar sätze schreiben, bäume bestaunen, gehen, selber lächeln, wehmütig,  (selbst)ironisch auch und  heiter (in anführungszeichen), nicht resigniert, auf keinen fall, nur skeptisch (manchmal sehr)?

ein ungewisses ziel und kein projekt, allein der feste willen anzukommen. wo? zwischenstation und von dort aus weiter ins unbekannte.

so die stimmung heute morgen, wetterbericht:  heiter bis wolkig und ein kräftiger regenguss (erfrischend).

dann wundere ich mich wieder und noch immer, wie schnell sie weg war und keine einsicht, aber ein sturz. kein herzhaft unbeschwertes lachen,  noch immer nicht. aber freude, klein und verhalten zwar, nicht umwerfend. und doch.

gehe ich tiefer, stosse ich auf schichten von trotz, anflüge von zorn, darunter hockt traurigkeit, dann und wann schiesst sie hoch und hat mich am wickel.

man kann damit leben.

alleinsein geht auch. aber jedes mal ist es ein umständliches landemanöver, eine annäherung mit hin und her, wie bei kräftigem gegenwind.

wenn das tun abebbt und ich doch nicht zur ruhe komme, hilft nur das foto mit dem lächeln, es hält mich auf, es stoppt mich, innen drin ein ruck, ein blick auf einen lebendigen schmerz, ihr blick, er trifft.

stille. ich sehe jetzt erst alle dinge, höre nun erst die geräusche wirklich, wie wesen aus einem andern raum, das knacken aus der küche, die ferne andeutung von verkehr, ein fernes grollen.

sodann ein archipel von kleinen sorgen, dies und jenes zu erledigen, unbedingt, notier dir das.

es versinkt, keine beunruhigung mehr, höchstens von sehr weit.

ganz unbegründet nun, ganz grundlos eine zuversicht.

trotz allem.

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hexhex

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alles mögliche und  im kreise, aber schnell, so schnell, dass alles hochkommt. mit den enkelinnen auf dem rummel und das ende vom lied: zuckerwatte. wenig zucker und dann dieser riesenhaufen watte, was wäre erst geworden, hätten wir gross genommen statt mittel und klein hätte auch gereicht, sagte die kleinere, denn ein beträchlicher rest musste entsorgt werden, in eine orangene tonne. und rosa war das wattige geflecht und süss, viel zu süss. der gaumen tat weh von der spitzigen süsse. danach waren sie, nach einer viertelstunde etwa, ganz aufgedreht, spielten huckepack und fangen, alles gleichzeitig und alberten herum, wie vor kurzem unterwegs beim anblick eines herannahenden fahrrads, wir werfen den vom rad in den wald und klauen das fahrrad und machen uns davon. hexhex. als der mann vorbeifuhr, passierte gar nichts, natürlich, sie grinsten nur frech und die jüngste wiederholte laut, hexhex.

der geruch von nougat, gebrannten nüssen und frittenfett ist etwas verwirrend. wir blieben zwar bei den heftigeren quirl- und mixergeräten stehen, wollt ihr nicht auch, neinnein, auf keinen fall, kommt nicht in frage, aber splash, ich hätte mir noch eine runde gewünscht, wegen dem gefühl, dass der magen sich hebt, aber neinnein, sie wollten weiter und liessen sich dann lachend mehrere runden auf einem blauen karussel herum wirbeln. aber schnell.  ich schaute amüsiert zu, die grosse hatte die kleine, die doch leicht ängstlich drein schaute, fürsorglich an sich gedrückt und lachte. achterbahn? ich. auf keinen fall. sie. da wird einem schon schlecht vom zuschauen.

aber das mit der zuckerwatte, das darfst du nicht sagen. sie.

wir einigten uns auf die allgemeine diplomatische formel, es war ein guter nachmittag.

der kleinen, die erst nächstes jahr mitdarf, nahmen wir nougat mit nüssen mit. von zuckerwatte war nicht die rede. nö, nicht einmal im traume.

ABER DAS RIESENRAD, WENN UNTER EINEM ALLES MINIATURISIERT WIRD, kuck mal, rief die kleinere, wie playmobil.

ABENDS WAR ICH VON DER BESCHALLUNG UND DEN GERUCHSATTACKEN ganz fertig, aber auch, weil der heimweg doppelt solange dauerte; kommt ihr endlich, dann macht doch, geht es nicht ein bisschen schneller. gelächter, schreie. hexhex.

 

was für ein kind ich war

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also noch ein wenig herum sitzen und sagen, mehrmals hinter einander: was mache ich hier, himmelherrgottsakra, und nochmal, scheissdiewandan. von links knackt es manchmal, von rechts ein extravagantes summen, dessen herkunft auch nicht klar ist. dazwischen ich als hörer.

ich tue so, als sähe ich das durcheinander nicht.

ausserdem: café trinken am morgen ist eine durch und durch sakrale angelegenheit, ich reise zuweilen in die vergangenheit  zu meinem Vater, der schon den café schwarz trank und zu uns beiden, unseren verrückten caféfahrten auf reisen zum nächsten expresso, einmal waren es 50 meilen.

in der mitte der aufgebauten regale klafft noch eine lücke, die auf eine falschmessung zurück geht und die öffnung für die steckdose ist zu weit auf die linke seite geraten.

fast bin ich enttäuscht, dass die schrauberei jetzt ein ende hat, denn nach einem muster, immer dem gleichen, etwas tun hat einen eigenen reiz, mir fällt dann chaplin ein, modern times und die roboter in werkhallen, clean, präzise und kalt.

vorher habe ich beim café zeitung gelesen, das verpasst mir frühmorgens die nötige dosis melancholie.  über die sadomaso szene, die noch immer im hinterzimmer stecke, so die autorin, und übel beleumundet sei (spiegel online) und die präsenz chinas in afrika (zu dem thema die newsletter von Quartz).

also online mässig schon sonntagmorgens über den tellerrand unterwegs, aber sonst.

eine seltsame scheu hält mich zurück das wohnviertel zu erkunden, brötchen beim bäcker zu holen wäre doch eine gute idee. aber ich zögere, sitze in meinen vier wänden wie in einem schneckenhaus. würde schon hinaus, könnte ich das haus mitnehmen.

das darf man doch sagen, dass die wohnung eine schutzzone ist, ein exterritorial schwebendes gebilde ausserhalb, ma bulle, mon refuge.

macht zeitunglesen schutzbedürftig? umzüge sowieso, jeder schritt vor die tür ein wagnis. das erinnert mich an die trennung vor vier jahrzehnten, da überredete ich mich dazu,  vor die tür zu gehn, und nun denke ich  daran, was ich für ein kind ich war, das geht noch immer mit mir herum. und die welt war sehr seltsam. aufgehängt in ein endloses, endlos weites.

inzwischen deute ich die  unbekannten geräusche im haus, schritte im treppenhaus, diskret, ein scharren in der wohnung oben drüber, von ferne, von unten her klappern einer waschmaschine, weil die kellertür offen steht. jemand trampelt oben sportlich herum, ein erkennbarer rhythmus.

zwischendurch die neue sachlichkeit, junge, die statt zu polemisieren (wie politiker) und zu beleidigen (wie präsidenten) zur sache reden, fakten statt fakes.

und schliesslich: in das alleinsein mischt sich die klage, gerichtet an nichts und niemand, gemeint: sie, die ich gerade, soeben, in diesem präzisen augenblick, so heftig VERmisse.

dann sitze ich da und bin nichts als genau das.

dann geht es vorüber, wenigstens so, dass ich aufsteh und tue, was zu tun ist und ansteht.

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noch mehr durcheinander

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aus der stille so etwas heraus klopfen wie eine gestalt, eine alltagsroutine, ich wache morgens auf und finde mich selber kaum wieder. nein, nicht desorientiert, nicht, wo bin ich hier, nein,  als fremder an einem fremden ort, an den ich mich langsam gewöhne, und ich selber eine kaum erst begonnene geschichte.

beim ersten café kaufe ich mir die geschichte  nicht ab, aber ich gebe zu, bei den verrichtungen am beginnenden morgen beobachte ich mich leicht argwöhnisch und nachts ebenfalls, wie aus dem augenwinkel, wann gedenkt der kerl denn endlich ins bett zu gehn.

und dann ist es mir zu dunkel im zimmer und ich ziehe die rolläden wieder hoch und krame noch herum, bis ich im stehen fast einschlafe.

vor allem irritiert mich die unbekannte anordnung der schränke in der küche und die provisorische verteilung der dinge behagt mir überhaupt nicht.

und dann muss ich kichern, so alleine in der wohnung klingt es leicht hexenhaft, dass es noch keine gewohnheiten gibt und die alten funktionieren nicht mehr und aufeinmal stehe ich leicht verstört irgendwo und weiss nicht weiter.

aber es gibt einen tisch und stühle und eine alte couch und noch keine lampen  und die setzwaage habe ich vergessen und die bilder stehn herum und schliesslich hole ich mir noch einen café.

die strasse ist still. wenn ich das fenster aufmache, höre ich das radiogedudel aus dem haus gegenüber und handwerkerstimmen.

keine ahnung, was daraus wird.

die bücher fehlen mir, ich freue mich darauf sie alle einzeln in die hand zu nehmen, mich zu erinnern, wie das lesen war, und dann stehen sie im regal und ich bin beruhigt.

die lust, irgendwohin zu gehn, zu fahren bleibt erstmal aus, einkaufsfahrten, das notwendige, ein wäschekorb, möbelfilze, ein ordentlicher hammer.

zwischendurch die tragische weltpolitikposse. creepy, der erstbeste begriff beim anblättern der online gazetten.

kein hund bellt, kein auto fährt vorbei, die ahnung eines sehr fernen flugzeugbrummens.

ich schinde gerade zeit, um nicht endlich, endlich die regale zusammen bauen zu müssen. und zum bilder aufhängen darf man nicht ungeduldig sein und dann müsste ich noch sachen besorgen wie eine geschirrabstellvorrichtung und rasierklingen, die küchenordnung ist definitv erratisch und ich finde nichts wieder, ohne länger nachzudenken, und ich wollte endlich wieder in den wald und sachen wegbringen zum recycling center und den abstellraum aufräumen, und einiges noch mehr.

so macht aufschieben, was du jetzt tun kannst,  richtig spass. denn, ehrlich, ich sitze mitten in einem durcheinander und ändern ist nur eine option unter mehreren.

mittendrin denke ich an Marie, denn, das wird mir bewusst, so ganz freiwillig bin ich nicht hier. dann lese ich aus ihrem foto einen ganzen haufen von wohlwollen heraus, was alles leichter macht, das ist noch schwer genug, finde ich.

aber es klopft einen weich, macht empfänglich für das leid, der andern, der nahen und fernen. und es macht still.

langsam betrete ich einen neuen raum.

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spieglein, spieglein

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die stille, als habe ein riesenkrawall urplötzlich aufgehört, als sei eine granate mit stille darin soeben geplatzt, ich kann es fast nicht fassen, das geräusch der eigenen schritte auf dem alten holzboden, die hantierungen wie eine meditation, jede geste, jede bewegung plötzlich hervorgehoben aus all dem tun und lassen, selbst das berühren der tastatur hat eine qualität, die ich gar nicht mehr kannte.

motorengeräusche von ferne, helikopter vermutlich, kommt näher, noch näher und entfernt sich, der stuhl knarrt, stille. und dehnt sich aus. draussen schritte, ein auto fährt vorbei, sehr gedämpft, eine entfernte stimme, unverständliche menschliche laute.

fast achtunddreissig jahre ist es her, dass ich allein in einer wohnung herumgehe und nun staune ich: die überschaubaren räume, die wände weiss, noch keine bilder, ausser dem neu erworbenen, das ich langsam und vorsichtig entdecke.

überhaupt heran tasten.

von ihr habe ich ein foto hingestellt, ich blicke auf und sie schaut mich an.

wenn ich recht gehört habe heute morgen, dann müssten in der nächsten zeit weltweit etwa 50 % der flächen als naturschutzgebiete ausgewiesen werden, jedenfalls unter schutz gestellt (vor uns selbst und unserer ignoranz), damit die noch bestehenden arten, soweit sie noch bestehn, erhalten bleiben.

manchmal denke ich, wenn sie alle nicht mehr da sind, werden wir uns nicht wieder erkennen.

die bezeichnung elite will verdient sein. das war doch einmal, dass man nur geboren werden musste, um privilegien zu haben oder?

wie ich diesen gedankensprung verantworte. also … und dann … genau das … meine ich auch!

Ich schaffe es noch immer nicht, freiwillig gewisse namen zu nennen, die durch die (sozialen) medien geistern wie wiedergänger, ich bin überzeugt (meinetwegen magisches denken), dass die betreffenden sich von jeder form von aufmerksamkeit ernähren, jede namensnennung bestärkt sie, die leben doch davon.

was nicht heisst, dass man nun nicht mehr fragen sollte, wie solche sozialen fänomene möglich geworden sind.

zum trost, ein zweifelhafter – fallende riesen können eine menge unfug anstiften – rate ich mir zur lektüre einiger ausgewählter titel: von Peter Heather, Der Untergang des römischen Weltreichs / von Edward Gibbon, Verfall und Untergang des römischen Reichs. Den verfall des imperiums hat Johan Galtung schon vor einiger Zeit diagnostiziert. Ich kann mich noch erinnern, dass ich nachdenklich hochgestimmt aus seiner konferenz nach hause marschierte. Johan Galtung also, The Fall of the US empire – and then what?

und bei jedem anfang ist das so – and then what? also auch jetzt. für jeden und mich auch.

es ist still in der strasse, der rummelplatz ist nah und doch ist er fast unhörbar. manchmal nur ein dumpfes rumpeln von sehr weit.

und dann frage ich mich, wieso ist dieser text so kraut und rüben, désordonné. dann schaue ich auf, ein spiegel meiner neuen wohnung.

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