der vor alter niederbrach

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an diesen feuchtwarmen tagen und nächten (nachts der regen eine extase) nur trockene träume vom umherirren an unbekannten labyrinthischen orten, existenzängste am tag, seltsamerweise weniger im garten, er wächst mir über den kopf und einer der gründe, warum ich noch nicht ausgewandert bin auf eine einsame insel, ist der garten, die bäume,  die tümpel, das gesträuch und die wiese (gras, klee und wilde blumen),ein grüner pelz, rau, sanft, tausend gerüche, töne, farbabstufungen, ein zuhause. dass er ein lebendes wesen ist, das ich liebe, steht ohne jeden zweifel fest (die rosen, die kirschen, die raben streiten sich drum, die eichelhäher fallen ein, gestern hinten im gesträuch ein fuchs, ich habe ihm aus dem renert vorgelesen). ich gestehe es ein, ich habe mehrere geliebte und die liebste ist tot, die andern rufen mich zur ordnung, mein garten ist eine befreite zone der anarchie. ich muss keinem was vormachen, muss mir keine attitüden zulegen, die goldfische danken mirs. im garten schweigen wir zusammen, ich trauere noch jetzt um den alten pflaumenbaum, der vor alter niederbrach.

 

dass nichts bleibt

die bleibende erfahrung: dass nichts bleibt, ich hatte angenommen, irgendwann hört diese bewegung auf oder viemehr diese auflösung, dieses zerflattern des alten, bekannten, liebgewonnenen, aber es geht weiter, es hört gar nicht mehr auf.

es macht vor mir selber nicht halt, noch immer ist etwas in mir, das alles bei einem alten halten möchte und gibt es das überhaupt noch. gestern zum beispiel drückte mich das noch nieder, es machte mich hilflos, traurig ist gar kein begriff dafür, ich erlebte es als auflösung von allem und keine fixpunkte mehr, keine bekannten wörter zur beschreibung, es schwemmt dich mit weg, dachte ich, aber nun wundert es mich und etwas bleibt doch.

ich schaue verwundert zu

trauer ist ein wort, das sich so leicht dahin sagt, in wirklichkeit durchlaufe ich viele gemütszustände, und zwar immer wieder von vorne, es ist nicht nur schmerz oder pein oder enge, dass es dir die luft abdrückt, es ist auch wut, ich schaue mit geschlossenen augen in mich hinein und dort tobt einer (was war an unserm leben nicht gut und wer nimmt sich das recht, es zu zerstören), ich verstehe ihn gut. einer ist zornig, er findet marie nicht, in keiner form, einer verabscheut das blättern in erinnerungsalben, einer sagt trotzig, es ist gut alleine zu sein, einer weint, einer lacht, wenn er an ihr lachen denkt, einer blättert in alten fotos, bis er fast daran erstickt, einer kann nicht von ihrem anblick lassen, einer sehnt sich nach ihrer haut, einer flippt aus und schreit lautlos, einer ist total resigniert, einer möchte nicht mehr da sein, einer möchte leben, er liebt alles um sich herum, einer sagt sich, sie kommt mir in allem entgegen, einer stellt befriedigt fest, jetzt schaut sie meiner seele auf den grund, einer erklärt, liebe vergeht nie, je mehr man davon ausgibt, desto mehr ist davon da, einer will nun ganz anders leben, einer will genau so leben wie bisher, einer fragt sie immer um rat, einer ist ganz auf sich gestellt, einer sucht nach rissen und mängeln, einer findet auch diese gut (wenn sie nur wieder da wäre), einer glaubt an dornröschen, einer an frau holle und einer glaubt gar nichts, einer weiss (er tut nicht nur so) und einer weiss nichts. dass sie nun eine andere form hat und nicht mehr marie heisst: einer findet das völlig normal. der andere schüttelt den kopf.

einer fühlt sich durch geschüttelt. einer winkt ab.

ich schaue verwundert zu. ich lebe, frag mich nicht wie.

Nichts mit garnichts

warum ich dermassen unzufrieden bin? gerdazu grummelig, grantig, empört, in den anfängen. über? die welt ist mir ein rätsel. heute völlig amorph, nur noch geräusch (ob laster, auto oder lkw völlig wurscht. ich habe schlecht geschlafen. der vorwurf an mich selber/ du hängst nur noch rum, mach was, tu was, werde aktiv. ich weigere mich zu den untaten noch eine weitere hinzu zu fügen, wissend dass die unterlassung auch etwas ist. mit folgen. ich grantle.

schreibend geht gar nichts. lesen? gartenarbeit? nichts tun? herum sitzen? in den wald gehn? eigentlich schon. oder? man sieht schon, in einem solchen zustand wird es nichts mit garnichts. granteln demnach.

 

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bin ich gern allein?

manchmal muss ich mich durch ein dickicht hindurch schreiben, bevor ich im wesentlichen ankomme. im freien. das sind die texte, die keiner zu gesicht bekommt.

seit ich wieder reise, stelle ich fest, dass ich ohne marie eine nicht mitteilbare erfahrung ist. „seine frau ist gestorben.“ das ist ein ganz unverständlicher satz. „meine frau ist gestorben“, das habe ich mehrmals gesagt oder sätze begannen mit „meine verstorbene frau“ und sofort hatte ich das gefühl, ich rede über einen andern. sätze und ausdrücke, die eine erfahrung eingemeinden, sagbar machen, als sei sie nun nachvollziehbar für alle, als sei man nun nicht mehr allein.

aber das ist nur ein mitleidiger schwindel.

erstens war marie nicht meine frau, sie war kein persönlicher besitz, zugehörig war sie auch nicht. dieses kleine scheisswörtchen „mein“ suggeriert eine vereinnahmung, die bloss illusorisch ist.  marie war die fremde an sich in meinem leben, sie war ein rätsel bis zum schluss, sie war nicht mein, sie war ganz für sich, sie war in meiner nähe, weil das spannend war, was sich zwischen uns entwickelte, sie war eine andauernde herausforderung, ich fand es aufregend, dass sie eine frau war, ich habe ihr rätsel nicht ergründet, jetzt, da sie tot ist, weiss ich das. deshalb schmerzt ihr tod auch so, nicht weil die vertrautheit, die zweisamkeit nicht mehr ist, sondern weil ich das rätsel nicht mehr lösen kann, das marie hiess. manchmal habe ich sie verständnislos angeschaut wie eine unbekannte. manchmal schien sie mir ich selber zu sein, das war auch erschreckend, nicht nur schön, sehr oft erblickte ich nicht uns zwei, unsere körper im raume, sondern das dritte, das aus unserer seltsamen verbindung entstand.

sie war nicht mein, sie gehörte sich selber, wenn sie etwas wollte, selbst wenn sich der entschluss gegen mich richtete, sagte ich, tu, was du für richtig hälst, dieses ihr eigenstes faszinierte mich und es schmerzte, dieses andere, manchmal furchtbar fremde.

ich habe noch nie mit einem menschen eine solche nähe und fremdheit zugleich erlebt; anfangs dachte ich, wir seien uns sehr ähnlich, deshalb die anziehung, aber das war das uninteressanteste, diese scheinbaren ähnlichkeiten, was ich suchte, war die andersheit, die fremde zog mich an, der ganz andere körper, die andere gesitigkeit, die gefühlsunterschiede. ich begann erst zu verstehen, als ich nicht mehr nach ähnlichkeit suchte. schon in dem wort heterosexuell ist eine langweilige selbstverständlichkeit enthalten, deshalb sagte ich ihr öfter halb im scherz halb im ernst wir haben eine schwul-lesbische-queere beziehung, wenn sie nach dem wieso fragte, sagte ich, das ist doch viel aufregender, findest du nicht, lieber ein verwirrendes spiel als ein langweiliges.

natürlich spielten wir manchmal das spiessige ehepaar, deklinierten einen spiessigen alltag durch, weil es uns gefiel, wir liebten eine gewisse ironische distanz zu uns selber. wir gingen nicht so oft ins theater, wir liebten das theater unseres alltags, manchmal hatte er strindbergsche züge.

wenn sie mich verletzte, und das lernte sie schnell, wo meine wunden punkte lagen, erfuhr ich eine ungeahnte intensität des schmerzes, ich spürte, wie es ist, sie will mich nicht mehr, ich bin ihr zuwider. man sucht solche schmerzgrenzen nicht willentlich auf, aber ich lernte erst jetzt, sie ist meine geliebte, sie jagt mich davon, und das bringt mich fast um, ich wusste nicht, dass das leben so intensiv sein konnte. nur war das nichts gegen das gefühl, als der tod sie mitnahm.

und unsere machtspiele erst, keine einseitigkeit, die lust zu überwältigen und überwältigt zu werden. weil sie eine geliebte war, liess ich mir keinen fluchtweg offen, hätte ich meine dunkelsten ecken nicht ins licht gestellt, sie hätte mich nicht mehr gewollt; das war nicht nur meine angst, es war meine erfahrung.

wir liebten die bekannten rollenspile und langweilten uns schnell dabei, morgens wusste ich nicht, wem ich heute begegnen würde. marie blieb unberechnebar. wir hatten unsere gewohnheiten nur, um sie über den haufen werfen zu können.

wenn marie im traum um mich ist, ist sie nun ganz für sich, ganz verschlossen und eigen, ganz im eigenen und nicht ansprechbar; aber sie ist um mich herum. und manchmal gelingt es mir schon, sie in dem ganz eigenen fürsichsein anzuschauen.

ich bin nicht gern allein, ohne marie, und ich bin gern allein.

sie würde darüber lachen.

mich schreckt das neue leben ohne sie in ein unbekanntes, in dem sie nur als erinnerung vorkommt.  ich möchte ganz nah bleiben an diesem alten leben, keinen schritt davon weg möchte ich tun. es ist wie ein verrat, wie fremdgehen. aber die zeit drängt uns doch auseinander. wenn ich ihr foto anschaue, darauf sie so lebendig aussieht, spüre ich sowas wie ein vermächtnis und ich rätsele herum, was es sein könnte.

darf ich mich überhaupt freuen, so ganz ohne sie.

ich entdecke seltsame anwandlungenan mir, sie würde darüber lachen.

es ist die geistige auseinandersetzung, wir warfen uns bald auf dieses bald auf jenes, die gespräche erregten mich…

politische ökonomie

zürich mit maries augen. oder unseren augen. ernsthaft geh ich herum und schaue, lasse die stadt in mich hinein und die leute, weil die sonne scheint am pfingstsamstag ein gedränge. ernsthaft betreibe ich das immer, aber serioös, das fragt michael bei einer flasche barolo, gegenüber der lago maggiore und hinter uns die kleine stadt und danach die grüne hügelige wildnis des valle cannobina.

zuerst widerspreche ich, rede von verantwortung und vorbild (es gibt genug alte, bei deren anblick erfasst einen die panik vorm altern), verweise auf die tiefe meines erlebens, aber, so höre ich mich dann sagen, ein fast erzwungenes geständnis, nein, seriös nicht, jedenfalls nicht ganz. verlässlich hingegen schon, aber überraschend, auch für mich selber.

ich halte mich oft in zwischenwelten auf, brauche viel zeit für mich allein, ich sehe die welt durch eine erschütterung hindurch, sie heisst marie und sie ist tot. seit ich wieder reise, empfinde ich wieder stärker beim anblick von bergen, hängen und wasser, morgens sassen wir neben eienander am lago beim café und redeten nicht. ich notierte, was ich sah, ich sehe durch einen schleier und gehe in welten ein und aus, ich träume am tage, ich erwarte mir nicht, dass sie um eine ecke kommt. mein interesse an politik und ökonmie hat sichtlich abgenommen, dass ein reaktionär tatsächlich sein reaktionäres programm durchzieht, wundert mich nicht, auch wenn es in der zeitung steht. seit marie nicht mehr miredet, lese ich wieder in marxens kritik der politischen ökonomie, damit ich nicht ganz verkomme. sie war immer mehr an hintergründen als an dem offensichtlichen interessiert. mir fehlt das gespräch auf ihrem niveau. während meiner marx lektüre komme ich auf Lenin, Band 14. Materialismus und Empiriokritizismus und Marcel Liebmann, Maries Lehrer. zwei jahre vor ihrem tod haben wir auf unsere weise Slavoj Zizek studiert und zur ergänzung den konservativen pessimisten Philippe Muray, von dem Houellbeque schwärmt. den hatten wir uns auch vorgenommen. Steiner auch wieder und Ballmer, an dem habe ich mir die zähne ausgebissen und Marie davon erzählt. sie freute sich immer über jede meiner schwärmereien, darunter ging es bei mir nicht.  ich erwähne das nicht wegen des namedroppings (das auch, natürlich), sondern weil uns dieses geistige erregte, das leben war hoch gespannt und ehrlich gesagt, ich habe nun angst in den niederungen zu versinken, für die haben wir uns auch interessiert.

in jedem meiner träume kommt marie vor, sie ist ganz eigen geworden und ignoriert mich, aber sie ist immer in der nähe.

ein unaufhörliches fallen

als sie zuschlaug, habe ich mich nicht gewehrt, sie zog mir die langen scharfen fingernägel über den rücken, nur bluten soll es nicht, sagte sie und lachte kurz auf, es machte ihr spass mich zu quälen, das konnte ich spüren, ihr atem an meinem ohr, als ich überrascht stöhnte. siehst du, sagte sie und schlug zu. ich rätselte, was ich angestellt hatte und mir fiel mein leben ein, deshalb schrie ich nicht. ich kann nicht sagen, dass es mir nicht gefiel.

sehen konnte ich sie nicht, aber sie hatte etwas von marie und auch wieder nicht. du hast es gerne, sagte sie nahe an meinem ohr. da bin ich aufgewacht, die stimme, dachte ich, die stimme geht dir unter die haut.

so ein traum wirft dich schon frühmorgens aus der bahn, beim ersten café sehe ich zu, wie blümchen, die weisse katze an einer maus herumzerrt und der himmel zieht sich schon wieder zu.

danach beginne ich aufzuräumen, alle dinge sind  so aufdringlich nah und sinnlos das durcheinander im keller, aus brettern ziehe ich nägel und lege sie beiseite, ich weiss gar nicht, was ich hier soll. ich bin noch immer gefangen im traum, die schläge, die fingernägel in meinem rücken, die stimme, woher kenne ich nur diese stimme. und erst die schamlosen gefühle, so ausgeliefert und wehrlos. ein fallen, ein unaufhörliches fallen hinein in mich selber.

als ich dann doch die morgenzeitung aufschlage, wundert mich gar nichts mehr.