am ende ist spinnen das eigentlich subversive

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gerade fährt der laster der müllabfuhr vor, klappern der container, das rollen auf  strasse und gehsteig, stimmen, lachen, ein geräuschfest am dienstagmorgen, noch mehr geklapper und rasseln, es ist kälter geworden und das ist mir vielleicht eine wichtige soziale tätigkeit (sollte ich beschreiben müssen, was passiert, wenn …).

der himmel ist so vertraut grau, ich habe mich vor dem ansturm der stimmen in den medien in meiner klause verkrochen, wenn der versprühte nebel des wahlgeschäfts sich verzogen hat, wird sichtbar werden, neoliberaler und neo-neoliberaler feschismus (e nicht a!), das ist in und man müsste unbedingt den begriff des populismus um diesen aspekt ergänzen (sozusagen die vorstufe davon): die reduktion von politik auf die darstellung von körpern in räumen, zum beispiel geneigt über babys mit müttern und auch das betatschen der kleinen finger und tirilli und tütata. gut angezogen oder salopp oder modisch verirrt, plump oder völlig geschmacklos, aber der gesichtsausdruck, ein kreuzchen oder zwei an meinem namen auf der liste. aber freundlich, lächelnd, entspannt, routiniert, was hat er/sie gesagt? nichts, small talk, sympathisch, was hat er/sie gemacht, hände geschüttelt, gegrüsst, politik als verführung, das balzen der kandidaten auf wald-und wiesenfesten, im profil, mit anhang oder allein, auf dem motorrad oder sportlich mit dem fahrrad unterwegs, braun gebrannt, mag lieber diesen als jenen maler, was liked er/sie, er/sie hat einen gewissen spröden appeal, auf jeden fall und für jeden geschmack etwas. worum gehts? business as usual, wirtschaft, neoliberal und bei dem wort reform zuckt man zusammen.

darf man noch sagen, dass man das reaktionär findet, eine entleerung, eine nullpunkt bewirtschaftung, und das finale: eine langweilige welt, der spass künstlich, die erregung autoerotisch, keine dürre prosa, nicht einmal das, sprachlosigkeit unter leerem gerede, das wesentliche: weiter so.

meine frage: was ist die triebkraft hinter all dem?

wenn ich in mich hinein höre (also die tägliche meditative nabelschau), ist es die angst vor der auflösung ins nicht und alles war eitel, das leben verpasst, versaut, platt gewalzt wegen dieser angst vor dem tod und der körperlichen auflösung in humus und was bleibt.

vor der urne mit maries asche habe ich mich das gefragt, man passt am ende in einen sehr kleinen raum und von dort ein licht auf das leben: die art von verdrehtem unsterblichkeitswahn, die die maschine antreibt, diese spürbare art sich festzukrallen, überall, das lebensvernichtende darin, der darin verborgene heimliche hass auf alles lebendige, körperliche, die reduktion des lebens auf wirtschaft, arbeit und sogenanntes vergnügen, die kompartimentierung von allem, bis in das denken hinein und dort vor allem, ist auch furchtbar lächerlich und erschreckend real. das ist heute das eigentlich numinose.

für einen alten spinner wie mich ist es auch furchtbar öde und langweilig.

ich träüme noch immer, unablässig eigentlich, von der infiltration einer aufsässigen, frechen, freudigen, subversiven … kunst in alle lebensbereiche, ohne ausnahme, wohlverstanden, ohne eine einzige ausnahme. damit das furchtbare gähnen aufhört: arbeit,effizienz, erfolg, optimierung, zum laufen ist das, zum lachen, himmelherrgottsakra, ist das ein leben? und die belohnung (nicht für alle, um gotteswillen, nur das nicht, plackerei also und sorge und man kommt zu nichts, sozialdarwinismus und augenstreuerei, damit die tretmühle auch weiter gutläuft): kauf du Arsch.

als marie tot war, habe ich endgültig gemerkt, dass ich das, was das leben zu einer runden sache (mit einigen ordentlichen zacken) macht, eben nicht kaufen kann. es ist nicht unter den möglichen anschaffungen registriert: dumm gelaufen.

und dann denke ich, am ende ist spinnen das eigentlich subversive.

 

 

 

ein trotziges trotzdem

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der morgen ist eine einbuchtung in den beginnenden tag, sie ist gerade gross genug, es reicht für einen ersten gang zu zeitung und café und einem ersten nichtverstehn. ich sehe nur noch einen haufen partikularismen, einzelinteressen, sie werden wütend verteidigt oder siegessicher und politiker aller couleur um einen behälter und die gesichter erwartungsvoll in die kamera und was passiert so aufregendes, wenn ich euch wähle.

ich bemerke zwischen dem, was ich sehe, medial vermittelt, zeitung, internet fotos und statments, und spüre (es macht mich ratlos) und dem, was ich gerade lese (eine studie über das moderne subjekt und die pornografie (die dissertation von svenja flasspöhler, „der wille zur lust“) und das gerade erschienene buch von charles eisenstein, „climate, a new story“) eine riesenkluft, um nicht zu sagen einen abgrund, unüberbrückbar (abgrund auch in der anhörung im amerikanischen kongress, die ich mitverfolge aus freundschaft und wegen dem, was sich darin zeigt, ein riss mitten durch die realität).

demnach, eine runde von politikern um eine grundsteinlegung, die gesichter heiter, freundlich und erwartungsvoll (wahlzeiten eben) oder zahlenspiele mit nicht existenten steuerlichen yoghurtgrössen (auch wahlkampf) und ich traue dem frieden nicht, es ist ein frivoles spiel und die erde bebt doch gerade?

nabelschau, wenn ich rückfrage bei mir, wie sich das anfühlt?

es macht mich ratlos, ich steige in dem fall lieber aufs rad und fahre dem wald entgegen, meist am morgen, um keine hundebesitzer beim waldgang zu erschrecken, ich bremse dann ab und sage manchmal sogar schuldbewusst: entschuldigung und füge hinzu, kleinlaut: guten morgen.

ich weiss nicht wieso, aber der wald beruhigt mich, ich habe das deutliche gefühl, willkommen zu sein, menschen erschrecken mich manchmal, die gesellschaft ein hüh, ein hott und kein plan (die betonung, wir haben doch einen, weist auf das gegenteil ist wahr). ich kann nicht sagen, ich lebe in panik, ich weiss, es gibt methoden der sortierung und standpunkte, vielfältige, und eine analytische fähigkeit und erklärungsansätze und eingreifnde ideen, welche die realität durchsichtiger machen, aber ich falle trotzdem über mein unverständnis wie jüngst mit dem rad über einen baumstamm an einer wendung des pfads und meine übersetzung war zu klein, kleinarbeit verlangt präzision, sagte ich mir, als ich da lag und das blut über die schuhe rann. im wald rapple ich mich dann auf und fahre weiter, inzwischen bin ich alt genug, um etwas wegzustecken, aber diese frivolität, die mir neuerdings entgegen kommt, die deklarationen mit leichter hand und fester stimme, die behauptungen und das rumoren rechts und dann links oft auch nur hilfloses fuchteln, das verstört mich.

wohin treibt der laden? und ich merke, er liegt mir doch am herzen, ich mag die gegend, aber sie ist weit und reicht über grenzen und ich liebe die sprachenvielfalt und was heisst es denn, wenn plötzlich alle erklären, sie liebten das land so sehr? was hat die zuneigung und liebe für konsequenzen und warum muss das ausgerechnet jetzt so hervorgehoben werden, diese unbändige liebe.

soweit ich weiss, schaut liebe genau hin, übersieht nichts, macht keine faulen kompromisse, ist wahr (bis zu den tränen), scheut abgründe nicht, kennt oder ahnt wenigstens, der andere hat auch ein dunkle seite. manchmal denke ich, unsere hauptantriebskraft ist die zerstörungslust, der natur, der sprache, des fühlens, der empathie, der einfühlung vor allem, der allerelementarsten, und der selbstreflexion, denn man sitzt ja nicht aussen von allem, man ist selber affiziert, hass ist ja nicht bloss auf der anderen seite, von wegen nabelschau).

der ausdruck eines guten bekannten als kommentar auf diesem blog hat mich, ich pflege eine gewisse ehrlichkeit, wütend gemacht oder sagen wir zornig, also, der hat doch gar keine ahnung und um das klar zu machen dies:

manchmal sitze ich da, schaue mir die realität an, die kleine, meine also, und die grosse und erkenne keinen sinn, beim besten willen nicht, ausser: eine maschine jagt sinnlos vor sich hin  (was sie tut ist kalt, sie zermalmt auf ihrem vorbeiziehn), dann sehe ich auch nicht ein, warum das sitzen noch sinn macht, das gehen, dann erfasst mich ein weh, das ein abgrund ist. irgendwann, keine zeit, nur das licht im zimmer hält mich noch, erscheint sie, marie, eine gedanklich sehr deutliche präsenz (auch gefühlt) und weckt mich auf von den toten, so dass ich im ernst sage, die kraft, die mich am leben hält ist sie, so einfach ist das und dann erst kann ich einen blick nach aussen werfen in diese sinnlos gewordene welt und fasse langsam fuss, behutsam, und traue der erde und sehe , dass es noch gutwilligkeit gibt und denkernst und schwarzen humor und dann sage ich trotzdem, ein trotziges trotzdem.

 

 

lichtspitzen

 

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ganz hinten irgendwo in einem lichtstrahl, sie, wenn ich die augen schliesse, ich lasse mich auf spiele ein, springe von einer lichtinsel zur nächsten. heute morgen war es schon schweinekalt, dafür das licht klarer, eckiger, geometrischer als je und reiner. glasklar demnach alles?

Langsam, behutsam.

die augen hatte ich noch nicht auf, da spürte ich schon das licht, das auf mich zukommt, nein, warte, in dem ich bin. aufklarung in meinem bewusstsein, sodann erste schritte, noch zögernd, alles verschwommen noch, lichtflecken, der bekannte raum, die umgehung, elegant, aller hindernisse (wie ich doch aus erinnerung bestehe, wie meine gedanken springen von einem ufer zum andern, wie ich sonst leer bin, dazwischen meine ich).

das chaos breitet sich aus, wenn ich die treppen hiuntergehe, ich liebe treppen, endlose treppensteige nach unten, wird alles unbekannter und chaotischer (in mir, draussen ist es geordnet wie immer).

länger weiss ich nicht, was ich heute soll, ich könnte nach oben gehen, zurück, aber der zustand des flackerns, bewusstsein aus , dann ein, die schritte um dinge herum? nein, ich gehe weiter, steuere auf eine öffnung zu in der wand und stehe vor einem tisch, darauf töpfe, tassen und bald der duft von café, bald eine zeitung, der tag beginnt sich zu ordnen, keine ausflüchte, alles fest, deutlich, keine rückkehr zu ihr und sie steht ganz hinten im licht.

aber das begleitet mich nun, durch den tag und sonstwohin, keine ausflüchte vor den üblichen notwendigkeiten, der schwerkraft zum beispiel und ich möchte doch fliegen wie ehedem, dabei bin ich, ohne es zu merken, alt geworden, ein gesicht, das davon redet, der körper sagt es auch, er verlangt licht und ruhe, ja, er schreit: still. ich entferne mich von wahlplakaten und lächelnden gesichtern, die mich anstarren, aufdringlich, und die geschichten erst, die sie erzählen. weg von dem lärm der strasse, den unnötigen autos, wieso eigentlich kein postkutschentempo, wieso eigentlich weg vom körper in die technologie, die unsterblichkeit des wahnsinns.

im süden vier wolkentürmchen, so harmlos sie scheinen, sie lassen an deutliches denken und eine spitze, eine weisse spitze am blassblauen himmel, dieses herbstblassblau, das ich so liebe.

und dann zieht das flugzeug vorbei und ich denke an den süden, aber diesmal das meer. als sei ich dahin gerannt, meine sehnsucht jedenfalls, zu sitzen auf den steinen und das wellengeplätscher und in der ferne, die feine linie des horizonts, um diese zeit würde ich dort schwimmen, ich empfinde es als schweben, als fast schwereloses gleiten weg von allem in etwas, das ich noch gar nicht kenne. wie ich die alten entdecker beneide, immer weiter weg von allem bekannten in ein anderes licht.

so kehre ich doch zurück und schliesse die augen und das blassblaue herbstlicht in mir und erste schritte auf dem kalten stein und die kälte, die glasklare, weckt mich auf:

der alternative nobelpreis für baumerwecken und -pflanzen und menschenrechtsaktivismus in der diktatur.

 

durchschreiten von räumen mit marie

 

 

 

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heute morgen in einem seltsamen traum aufgewacht, menschliche beziehungen und geometrische formen, komplex ineinander verschachtelt, und ich suche nach einem schlüssel und es zeigt sich ein haus wie das von eileen gray an der felsigen küste der bucht von cabbé und der schlüssel ist in miniatur wie das haus, eine weisse komplexe struktur und ich bin, im traum, der einzige, der die tür aufschliessen kann, halbtraum oder ganzer, ich weiss es nicht mehr, aber dann gelange ich ins haus und zuerst öffnet sich nur ein raum, den der mensch, der neben mir geht, bewohnt hat und nun einfach nur, weil wir  zusammen da sind, öffnet sich ein weiterer raum, er ist nicht von sich aus so gestaltet wie er nun erscheint, es ist unser beider innerstes nach aussen gestülpt und im ersten augenblick erschrecken, ist es auch schön, wohnlich, heimelig oder wars wieder nichts, das denke ich nicht allein, so als sei der mensch neben mir, es ist eine frau, schon öfter enttäuscht worden und nun würde unser beginnen zusammen weitere räume erschliessen, ein haus innen grösser und weiter als die äusseren dimensionen, eigentlich endlos erweiterbar in alle richtungen, aber immer eine art spiegelung dessen, was zwischen uns vorgeht und weder die eine noch der andere allein kann dies bewirken.

wie gesagt, ich weiss nicht mehr, wo ich aus meinem traum hinausgetreten bin in das halb geträumte, es war ein stufenloser übergang und ich lande bei den lektüren der letzten wochen, virginie despentes, siri hustvedt, ursula k. le guin, agnes heller und svenja flasspöhler (das hat angefangen bei julia kristeva und alenka zupančič) und der erwähnung fouriers in einem video (seine imagination der geschlechterbeziehungen hat viel von der geometrie meiner träume). oder das eckige des robert kurz, als platzten luftballons en série.

seither fühle ich mich als existentielles, ja was, loch, nichts, vide, eine stelle, wo doch/etwas/sein/sollte: navigieren auf sicht und ich lasse mich von gedanken gerne verführen, selbst wenn ich zerzaust wieder erscheine und geleert) und seither so seltsam verschachtelte träume, ein beginnen, ein rätselhaftes, eher als ein ankommen.

auch meine lektüren gehen seltsame wege, folgen synchronizitäten und der wirkung von fotos, videos, gesichtern, bewegungen, augen und, ich gebe es zu, kleidungsstücken, eindrücken, wer empfiehlt wen und wie bin ich gerade drauf und was geht mich an.

dann sage ich mir, etwas konfusion oder etliche fragezeichen kann ich mir leisten, ich meine sogar, ich geniesse es, mich verwirren zu lassen von gesichtern, gesten und gedanken, es ist ein lustvolles promiskuöses ineinander.

à propos, gestern bei der betrachtung eines wahlplakats, ein übergrosses, lächelndes gesicht, sagten die augen nicht was anderes als der mund?, kam ich mir vampirisiert vor, angesogen und dirigiert und ich sah mich schon neben einem namen ein kreuz machen und das war keine nette erfahrung.

dann lasse ich mich schon lieber in ein buch hinein locken,  ein delikates sinnliches erlebnis, ich spüre gute gedanken körperlich, ich sage nicht wo, denn es ist nicht eindeutig lokalisierbar, eher das panerotische einer brillanten gedankenwelt und ich muss nicht alles gut finden, aber mehrmals hatte ich das gefühlsbild, ich gehe mit der betreffenden person an einem fluss unter bäumen entlang oder sitze an einem meer auf steinen, der wind und die wellen, manchmal auch an einem hang unter einem baum, das gras braun und trocken und der duft, das summen und sirren eines sommers: wir reden, denn ich empfinde im guten fall lesen als reden eines andern und ich höre zu, spüre meine inneren regungen, fragen tauchen auf, werden beantwortet oder bleiben in der schwebe, gedanken bekommen langsam aber gewiss einen körper, eine stimme, eine bewegung, ins leere oder ins bedeutende. ich werde selten enttäuscht, wenn ich solche wege gehe und eine/einer neben mir.

eine weile verschwinden und anderswo auftauchen, an flüssen und meeren der erinnerung, seltener ist es ein raum und zwei espresso tassen und gemurmel am nebentisch und gelegentlich blicke.

ein verschwinden in einen traum und sie erscheint, marie, kein genaues bild, nichts fotografisches, das leben mit ihr ein komplexes arrangement, eine durchsichtig feine funkelnde tönende struktur und gleichzeitig ein sinnliches (auch ein schmerz).  die erschliessung immer weiterer räume und deren farbe und landschaft (das hat nicht aufgehört, aber nun abstrakter: wie ein bild von  leger oder malevitch oder lieber doch klee?), eine nicht endende erkundung, ein gleiten, ein driften auch, einmal angedacht läuft es von selber.

 

 

dies angemerkt zur ehrung von marie

die oktoberwahlen nahen heran und ich fühle mich unwohl, heute morgen beim brötchenholen alle diese gesichter von den plakaten und mir ist doch ganz privat und persönlich und ich weiss genau, ein gespräch über bäume ist ganz sicher kein verbrechen.

aber dann die sprüche, bei denen ich gottseidank nicht dabei war, diese verschiebung in eine perfide richtung, dieses rutschen von begriffen ins unsägliche und die scheinen genau zu wissen, was sie wollen, während auf der anderen seite diskutiert wird, ziemlich schroff für meinen geschmack, ob das noch normal rechts ist oder schon rechtsradikal, gar schon faschistisch. als ob es auf jener bahn nicht ein gleiten gäbe, in abgründe.

Agnes Heller, und sie muss es ja wissen, erinnert (in der ungarischen situation) an die wichtigkeit von humor, gerade in zeiten wie diesen und angst ist vielleicht keine gute beraterin.

was gibt es denn noch ausser dem neoliberalen block (zu dem auch das rechtere zählt, was auch immer die sonst noch erzählen von drohendem sprachverlust und flüchtlingsflut und identität, natürlich aufgrund gewisser vorkommnisse in der vergangenheit etwas subtiler und scheinbar geschliffen-harmloser), in den auch die grünen regierungshalber und natürlich mit argumenten abgewandert sind (tatsächlich ist eine gute trambahn gut und gute fahrradwege und stadtparks und sauberes trinkwasser, aber daneben …)?

sozialdemokraten! (ich meine nicht jene, die längst neoliberal konvertiert und seither schrumpfen, ich weiss, ich weiss, es gibt noch soziale forderungen), ich meine jene, die aussehen (programmatisch) wie sozialdemokraten noch vor etlichen jahren (dort nannten sie sich sozialistisch und arbeiterpartei). das wird übrigens heute linksradikal gescholten, so gleiten begriffe auch auf dieser seite …

natürlich weiss ich, ich tauge nicht für partei und eine einzige meinung und abweichungen für den nächsten kongress, aber dann fehlt mir doch der gesprächszusammenhang, der versuch die dinge zu vertiefen, statt bloss argumente zu verschiessen, man weiss schon, die eingreifende, verändernde idee. und das reden zusammen, die umkreisung des themas. das war mit marie möglich, wenn es in den schlagabtausch abrutschte, bremste sie mich aus, es passte nicht zu unserer vereinbarung. dazu gehörten auch gefühle, ja, diese bildeten oft den ausgangspunkt und ich habe es schon mal geschrieben, das private und das öffentliche war nicht zu trennen, wir gingen nicht davon aus, dass unsere befindlichkeiten privat waren statt ein phänomen der welt, in der wir lebten und zu der wir gehörten.

und ich muss sagen, mein gefühl ist, naja, mulmig, unbehaglich, queasy, uneasy, bedenklich und weiter auf der rutsche der bedeutungen:

keinen wirklichen grund sehe ich, meine/unsere einsicht zu wahlen in der jetzigen konjunktur der kapitatistischen entwicklung zu revidieren, jedesmal in den letzten jahrzehnten fragten wir uns, marie und ich, ob wir uns den urnengang, den sogenannten (als begriff ist urne nicht schlecht, da geht angeblich meine willensbekundung hinein und  wird danach offensichtlich begraben), nicht ersparen sollten. seltsam, die leute, die zu den urnen schritten, sahen immer so sonntäglich erwartungsvoll und bedeutungsschwanger aus, als stehe wirklich etwas auf dem spiel und diesmal was? einige rechte und ultrarechte stimmen mehr und einige schrumpfungen und ansonsten business as usual, und das heisst eine menge ungewissheit mit rechtsdrall.

ich muss doch auch gähnen, entschuldigung, und sehe mich jetzt schon zögern und rumlavieren und am liebsten schriebe ich mist gross über das grau kartonierte ding und fuck. aber das ändert bekanntlich auch nichts.

und doch gab es, an den rändern des wahlkampfs, ein highlight, ein regelrechtes, ein wirtschaftsführer (o pardon, ist das eine angemessene terminologie?) stellte klar, wirtschaft hat mit moral nichts zu tun (nachdem bekanntlich schon die gewaschene lüge zum legitimen politischen instrument erklärt wurde und der wirtschaftsminister dasselbe gesagt hatte, souverän ungeniert). es gab übrigens keinen aufschrei, weder aus der wirtschaft noch von den obermoralisten der nation. unter moral wird offensichtlich was ganz verschwurbelt feierabendliches verstanden, also trampel nicht im vorgarten des nachbarn herum, aber die wirtschaft eignet sich immer mehr lebensbereiche an, verwandelt quasi alles in eine profitable dienstleistung und ethik hat damit nichts zu tun? ich finde ein solch kompartimentiertes denken äusserst interessant, wenn man das noch als denken bezeichnen kann und nicht als reinen zynismus und hohn, der als das normalste der welt daher kommt. soweit ich das verstehe, regiert dort ein gott, der heisst deregulierter markt, jenseits von gut und böse.

natürlich ist das keine neue erkenntnis, ich lese gerade im Renert folgende passage (das buch ist ziemlich identitätsstiftend und ein sprachfänomen erster rangordnung übrigens auch, echt patriotisch):

„an no der priedegt gunge / wi englen s’all eraus / mä schuns beim weihwaaschkessel / fängt kuoder sech eng maus.

de wollef frësst e lämmchen / den tiger zraisst eng kouh, / den huer de plèckt eng pöllchen / an nach eng dauf derzou.“ (Michel Rodange, Renert. Oplag 1968, erausginn vom J. Tockert, S.39)

und dass der drecksack, der moralisch unbedenkliche, eine politische karriere machen kann, ist dort auch nachzulesen.

Nicht dass ich meine, kapitalismus sei je eine moralische angelegenheit gewesen.

dies angemerkt zur ehrung von marie und unsern regelmässigen erörterungen der lage.

diese erlaubnis eines eigenen lebens

manchmal fühle ich mich verfolgt, wörter und sätze scheuchen mich aus meinem versteck, meiner ruheecke und werden ungemütlich. ich lasse mich auf solche drohungen nicht ein, nun werden sie frech und unverschämt, versuchen den schrecken an die wand zu malen, treiben mich in die ecke und ich will doch nur meine ruhe haben. krawallmacher, sage ich dann und, eine zumutung. ich lasse mich von solchen gesellen nicht erpressen, so grummele ich und bewege mich schon eilig auf den tisch zu (die frage ist an welchen, ich habe drei zur auswahl, je nach stimmung und verfassung. diesmal bleibe ich sitzen, aus trotz und überhaupt, hänge weiter auf dem sofa herum und bequeme mich zu nichts; ich stelle fest, die tastatur des laptops sieht vermüllt aus, das mauspad klebt, aus dem haus dringen seltsame geräusche auf mich ein und draussen krächzt eine rabenkrähe, fährt ein auto in den sonnabend und der himmel leuchtet hellblau und hellbraun, dann wird es still und ich zögere noch immer, dem wortdrang nachzugeben und habe es visiblement schon getan).

es war ein schuss vor den bug, ich setze zur  eindeutigen definition der sache die erste suchseite her, nein, nicht google, duckduckgo, es ist die letzte warnung also und die aufforderung zur bedingungslosen kapitulation. herrje, sagt man da, mein lieber, und was ist geschehn.

ich habe mails gekriegt und ich war unterwegs in eine eindeutige richtung, da bin ich sofort umgekehrt, habe mir einen höheren standort gesucht und da gesessen, wie heute an der springfontäne im stadtpark vor dem schilfwall sass ich da und habe ins licht geblinzt und mich gut gefühlt und nun dies: einkehr und heftig, auf der ferse kehrt gemacht, umgedreht.

seither sitze ich da und gehe in mich und selbst, wenn ich gehe, bin ich in mich gekehrt.

also? eine alte freundin hat geschrieben und mich mit dem folgenden satz erwischt (während eine andere meinte, sie vermisse in meinem geschreibe die dankbarkeit und ein freund meinte, es werde grauer, nicht das klima, das auch, sondern mein blog oder meine mails):

„(ich weiss nicht, ob ich das hier sagen/fragen darf, frage trotzdem, weil es mir unendlich wichtig erscheint: für mein empfinden ist es so, als ob du mit marie durch marie hindurch gehen würdest. wohin???? )“

sie ist sehr vorsichtig, die freundin, sie klammert das ein und dann erst die fragezeichen, die frage, ob sie fragen darf, das hat mich in die falle gelockt und es sass.

es war ein schlag, seltsamerweise habe ich keinen widerstand geleistet, ich habe den satz sehr ernst genommen, denn mir schien, ich habe genau verstanden, was sie meinte, intuitiv, schlag-artig also.

kurz vorher hatte ich woanders gelesen, wirklichkeit erfahre man als begrenzung von aussen, durch den andern. im alltag.

ich war demnach vorgewarnt (ich glaube an synchronizitäten).

marie, so wie ich sie kannte/ so kenne ich sie, hätte es nicht genauer, präziser, treffender, umwerfender  sagen können: wohin reist du gerade, du benutzt mich, um dich hinein zu wühlen in einen fast unerträglichen schmerz und wenn ich etwas wollen könnte, dann wäre es dies, deine freude. stattdessen: du füllst dein dasein mit meiner abwesenheit, meiner halluzinierten, bloss bildlichen präsenz und vergisst – zu leben, zu sehen, zu fühlen, es gibt im unglück ein glück, eine freude neben dem schmerz.

ich habe tatsächlich in der stille diese rede gehört, diese aufforderung aufzuatmen, diese erlaubnis eines eigenen lebens.

demnach, so scheint es mir, kann ich als antwort geben auf das wohin der frage: bei mir, ich wache gerade auf, oh, es ist nicht eitel sonnenschein, aber immerhin ging ich schon beschwingter, durchquerte das tal, treppensteige diesseits und jenseits und durch stille strassen dem nächsten (guten) espresso zu, tatsächlich habe ich mich gefreut, an den rändern eine gewisse zurückhaltung, die scheint mir angemessen.

(dort, an diesem genauen punkt erlebe ich ihre reale präsenz.)

reine gegenwart

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sich selber als vorgang beschreiben, aber was für einen, experimentell annehmen, es ist im grunde einer wie andere auch, anfang dort, an dem tag, zu der stunde, nun auf der schiene, bewegt sich nach süden, kehrt um, aber nicht mehr an den ort der ersten schritte, der ersten laute, wörter und sätze, ein erinnerungswesen, ohne diese weiss es gar nicht, was es ist. wenn es eine freiheit hat, ich meine, wenn der vorgang, den ich ich nenne, eine freiheit hat, dann ist es im denkwillen, aber sonst? das ist nur eine rhetorische frage.

der vorgang ist aufgespannt zwischen schmerz und lust und seine bestrebung zur lust hin wird immer konterkariert, das leiden ist unausweichlich, dafür muss man keine masochist sein. machmal ist es trübe, manchmal heller, heute gerade wieder dies bekannte grau, aber es leuchtet noch vom sonnigen gestern und ich sehe hinein in den dunklen gang an einem haus vorbei gerade auf eine mülltonne zu, vor einem baumstamm steht er und daneben ein fenster, aber da sind wir schon in der nächsten strasse. wenn ich nun stadt denke, fliege ich sozusagen hindurch dem tal zu mit dem einbetonierten rinnsal, dorthin zieht es mich immer wieder, unter die bäume, die wege hinan, die treppensteige, dort ist es im sommer kühl und freundlich und der herbst flamboyant, dort vergesse ich alle übel und denke mir, du bist nicht nur erinnerung, manchmal gelingt dir schon, wenigstens augenblicksweise, ein moment realer gegenwart und die zeit steht still, dann siehst du marie, wie sie vor dir geht und du folgst ihr, immer wieder gibt es solche stunden, da steht die zeit still, sie ist aufgehoben, wie damals, als sie starb und du in eine raum gerietst, der ist anders gestrickt und es war die hölle und es war auch ein versprechen, denn mit der zeit, das sterben zog sich hin, es schien nie zu enden, wurde dieser raum immer realer, dort warst du mit ihr wie sonst noch nie und es war nicht nur qual.

ich denke mich als vorgang, denn mit all den konditionierungen, wie auch immer sie waren, kamen entscheidungen, nennen wir sie so aus höflichkeitsgründen, es waren in wirklichkeit fast reflexe, schnell zu sein in allen bedrohungen (eingebildeten, vor allem, und realen und eine harte schale und eine distanz, eine kühle, eine unnahbarkeit). das erste mal, dass ich jemand wirklich hinter die kulissen schauen liess … da hiess sie marie und sie wusste schnell, weil ich es zeigte, dass indianer doch weinen und die angeblich harte schale eine lange gewohnheit wegen zu grosser weichheit und körperlich schon gehörte ich nie in die kategorie der toughen männer und toughen sprüche und die frauen burgen, die man stürmte.

so ist der andere bald ein zuhause und die eigene geschichte um eine geschichte gebaut, eine verletzlichkeit, und wenn ich zurück schaue, ist es wie ein unausweichlicher vorgang, wenig freiheit darin oder freier wille, am freiesten war ich, als ich die rüstung und panzerung vor einem andern abzulegen mir erlaubte und sie mich nicht fortschickte, von dem augenblick an tat ich für sie, was sie wollte. ich hatte nicht den eindruck, dass es selbstaufgabe war, sondern eher ein hin zu einem andern, freieren. sich in den dienst stellen von einem andern verletzten verletzlichen hat eigene freuden und leiden. ich behaupte nicht, es sei einfach gewesen oder es habe keine dunkelheit gegeben und nur licht.

aber seit ich sie sterben gesehen habe, ich habe noch nie eine grössere gewalt erlebt als diese, wie eine aus dem leben weggerissen wird, noch nie eine grössere pein, eine folter jeden tag sie so weggehn zu sehen und nichts, aber auch gar nichts half, lasse ich sätze in der schwebe, rede ich anders, sehe ich eher die leere in unserm beginnen, die automatismen, die reaktionen, das spiel mit dem niedrigsten in uns und schon fangen einige an unartikuliert ihren hass hinaus zu brüllen, gehn sie in die enge, in die angst, schrumpft der verstand, toben klassenkriege wie eh und je und die ungehobelsten gelangen an die macht.

nur hier tut man noch fein, noch höflich und rücksichtsvoll, aber ich weiss nicht mehr, ob man dem noch trauen soll, aus dem anderen raum betrachtet, sehen alle dinge anders aus und wenn ich nun gesichter sehe,  überlebensgross von beleuchtungsmasten auf mich herab, so erscheinen mehr fragen als antworten.

und ich bleibe bei dem fragen, es macht uns aus, das fragen auf eine antwort, ist sie nicht schon gegeben.

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nicht nur in träumen

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ihren tod habe ich erlebt als einbruch der ganz fremden gewalt in eine normalität, die war wie ein friedlicher, freundlicher fluss, eine landschaft mit hügeln und bäumen und darin ein haus am hang und eine wiese, unser leben. als habe sie mich nicht mehr gewollt und in meinen träumen streiten wir so und es tut weh: aber das ist nicht der begriff, der die sache trifft.

sie ist in meinem leben und ist es nicht. sie entzieht sich und nähert sich und ist geheimnisvoll nah. so jüngst, ich irrte im traum in bruchstücken eines alten lebens und plötzlich in der ferne trat sie hinter einer mauer hervor, in einem langen grünen gewand, es war sie und ich rief, fast zu spät, da war sie schon wieder zurück in die unsichtbarkeit und ich rief doch weiter und sie antwortete, ich hörte es genau.

manchmal möchte ich die gesichter der lebenden gar nicht mehr sehn und nur noch nach innen schaun, die augen umgekehrt in die andere richtung, ins unsichtbare hinein und horchen, ob ich ihren schritt hören kann. ich weiss, so kommt sie nicht wieder, dass ich sie an der hand nehmen kann und weggehn mit ihr, irgendwohin, das war mir fast immer egal, wohin die reise uns führte, ich war für alle richtungen offen, nur sie musste dabei sein. natürlich weiss ich, ihre wange werde ich nie mehr berühren, aber dass sie da ist, irgendwo da ist und dass es eine tür dahin gibt, wenigstens sie von weitem zu sehen, wie sie davon geht und im davongehen mich sieht und dann wäre es kein fortgehen mehr, wenigstens kein ganzes.

ich weiss, es ist hoffnngslos und ich bin doch voller hoffnung. manchmal ist es trauer und manchmal ist es zorn. das, was man so seele nennt, ist ein furchtbar widersprüchliches ding. manchmal schmerzt es, dem zuzusehn und noch die fassung zu bewahren.

inzwischen aber warte ich und das, was mich umgibt, ist nicht realer als die welt, in der ich sie vermute; in meinen träumen gehe ich dort ein und aus und wir streiten uns und versöhnen uns und dort denke ich mich nicht ohne sie, dort fühle ich mich nur mit ihr.

sowas kann man nicht schreiben, sage ich mir und ich schreibe es doch und es ist mir egal und ich weiss, die wand ist dünn, die uns trennt. nicht nur in träumen.