deshalb ziehe ich die stille vor

„We’re completely alienated from everything else alive.“,  Richard Powers sagt den satz (im Guardian interview). aber das heisst, wir haben uns in unserer menschlichen gesellschaft abgeschlossen und verstehen uns deshalb selber nicht mehr. wir haben uns von uns selber entfremdet (wie das geschehen konnte, lässt sich unter anderem bei Marx nachlesen, neuerdings auch bei Charles Eisenstein, David Abram und anderen). so ist unser denken, jemand sagte zurecht, die grausamkeit sei daran ablesbar. das andere, das heisst alles nichtmenschliche ist bloss eine ressource. genau darin liegt unser tragischer irrtum und genau in diesem begriff wird sie sichtbar, die grausamkeit.

das wahrzeichen des neuen grosskleinsteins im süden liegt meinem fenster gegenüber, der wasserturm von g. und die kleine trabantenstadt, die dort aus dem boden gestampft wird,  neoliberaler kapitalismus in reinkultur. kriegen wir überhaupt noch schönheit zustande.

foto Marie Z.

gottseidank ist es sonntags gegen elf wenigstens still in der strasse und ich setze nun auf den sommer, wenn alle wegfahren, wenn das leben langsamer wird und die ruhe sich einstellt, ein gast, den ich enthusiastisch begrüsse. vielleicht ist es das privileg des altwerdens, dass man sich zurück lehnt und hinein schaut in sich. man fällt: ich habe keine angst mehr vor dem schwarzen loch in mir, vor meiner leere, aber die trauer schreckt mich doch noch, maries tod hat so vieles mitgerissen und was blieb noch von mir?  und unter jener trauer diese: über uns und die spuren der zerstörung. lachenden munds, so denke ich manchmal, sind wir über die welt hergefallen, ein aggressives geschlecht, ein bedenkenloses, gefangen in ängsten und ein paar dürren gedanken.

aber denken ist nicht mehr angesagt. es stört etwas, das wir glück nennen und meistens ist das nur laut und lenkt ab. wovon? von allem. vom wesentlichen, dass wir ganz eingebettet sind in das leben des planeten und es nicht wahrhaben wollen. wir sind welt und einige kommen sich schon vor wie die götter. aufgeblasenheit hat nichts göttliches, hingegen viel unfreiwillig komisches, im ganzen ist es eine tragödie und hochmut kommt vor dem fall. das ist was anderes als hochgestimmtheit. das eingedenksein fehlt uns.

deshalb ziehe ich die stille vor, die ruhe des sommers, die leereren strassen, die gesellschaft der bäume und manchmal im garten ein gutes gespräch.

wenn ich durch die schicht meiner trauer um marie durch bin und spüre, was alles mit ihr fort ist, dann frage ich, was ist noch übrig. ihr sterben hat mir geholfen, tiefer hinein zu sehen (in mich) und die unangenehmen dinge zuhauf, die dunkleren seiten und meine finsternis.

ist das glück? jedenfalls nicht die laue version davon.

und gerate ich tiefer, dann wird meine trauer nicht kleiner, dann schaue ich mich um und sehe verwüstung,  die der seelen und der geister.

zweifellos ist der wasserturm von g. eine schöne erscheinung. und das hässliche muss ich erwähnen, denn es grenzt an das schöne und, nein, ich habe nichts gegen musik und freude und tanz, ich habe nur etwas gegen das vergessen. im hitchhikers guide sprengt eine überlegene spezies (keine schöne) die erde für einen superschnellen highway durch die galaxis.

ich lese die wahrheit über mich, über uns in allem.

meine privathölle hat einen namen

heute morgen ist nichts mit schreiben, da ich nicht öffentliche lamentiere.

durchhängen tu ich nur mit der entsprechenden feinen zurückhaltung, manchmal bin ich in gepflegten höllen zuhause. dabei rede ich noch gar nicht von virtuellen gewalttätigkeiten, die angepriesen werden wie warme semmeln, wir haben da was neues für sie, garantiert mit riesengeballer und durchschossenen leichen zuhauf, schon gar nicht rede ich von den realen schüssen und den wirklichen toten, den katastrophen, menschengemacht oder nicht, in der nähe und in der ferne.

obschon ein blick in die wahlkampfmienen einen durchaus in eine mittlere depression werfen könnte.

ich kann deshalb schon länger nicht mehr zeitung lesen, ich blättere mich fieberhaft durch und kann die gesichter der toten nicht vergessen. Mein blick stolpert über die gesichter der lebenden.

wo, so frage ich mich, leben wir hier und wie tun wir das? dass wir überhaupt noch schlafen können.

wie gesagt, in den vorhöfen meiner privathölle bin ich unterwegs und scharmiere die teufelinnen (von einem lieben gott habe ich noch nie geträumt). das hier ist doch ein traum und kein guter. manchmal weiss ich, ich bin in ein grausames experiment hinein geraten und suche nach worten, um den ablauf und das setting angemessen zu beschreiben. ich wundere mich nur, dass ich noch gehe, herum stehe, wie nicht abgeholt, und manchmal lache, ich höre mir ungläubig zu, am café trinken merke ich, dass ich noch am leben bin.

meine privathölle trägt einen namen,  lasciare omni speranza, in der privatübersetzung heisst das: marie ist tot.

in privathöllen gibt es wellness verantaltungen, erholungsräume und das yoga des nichtvergessens, man hat ganz einfach eine falsche vorstellung von hölle. ich kann tun, was ich will, an jeder ecke erblicke ich die abwesenheit von marie. ich habe aufgehört mir etwas vorzumachen, es gibt dinge, die gehen nicht vorbei und die zeit heilt nichts, die zeit ist ein raum, in dem alles aufbewahrt ist, es ist vielleicht ferner oder näher, aber es ist immer da und manches wechselt mit mir seinen ort und ist immer gleich nebenan, zum beispiel ein schmerz (immerhin merkst du, dein nervensystem ist intakt, wenn auch überreizt) und jede vergangene freude ist einer oder ist es derselbe, mir hat das leben immer schon weh getan.

ich merke es an der intensität meiner freuden, kann es sein, dass sie einen aufreissen. sie lassen einen nicht ganz, sie machen aus dir einen andern. du weisst, dass ihr verblassen ein schmerz ist.

manchmal rede ich mit mir wie mit einem zufällig begegneten fremden. ich erkläre ihm die bedeutung der dinge, die mir schleierhaft bleibt, ich sage, du weisst doch und siehst du, es ist doch völlig klar und schon mein tonfall ist voller zweifel.

neuerdings teste ich sätze mit meinem schmerz, meiner freude, ich habe noch keine ganz festen gefunden, die meisten wackeln gleich zu beginn, andere bleiben in der schwebe zwischen gelten und nicht gelten, wenn etwas richtig weh tut, wenn etwas dich aus deiner hölle in die freude treibt, brauchst du keine erklärungen.

aus meinem schmerz ein monument für marie.

eine intime berührung

ich bin mit dem regen aufgewacht, eine frische brise durchs nachtfenster und das tropfen auf glas und dach, da denke ich (definitiv) an ein gelungenes leben. was heisst hier gelungen und mein vater pflegte zu sagen, am ende, verbittert wie er war, „das leben ist nichts“? gelungen heisst rund, heisst mit allem drum und dran. ich unterschätze keineswegs, dass wasser eine zerstörerische gewalt haben kann und regen zu fluten wachsen und diese zur sintflut. mein vater war ein gläubiger mensch, er hielt sich an die regeln, er arbeitete viel, fuhr motorrad und schneiderte krumme rücken gerade, aber er   glaubte nicht, dass sein leben gelungen war, „ech hun es sou saat wi der kaler ierbessen“, das sagte er auch.

er hätte Philip Roth zugestimmt, der sagte, das alter sei ein massaker. ich stelle mir vor, marie und mein vater diskurieren nun über seine kernsätze, ich habe sie nämlich von marie, der vater hat nicht mir solche gedanken anvertraut. als er gestorben war, wurde mir klar, wie wir einander verpasst hatten.

das leben verwüstet einen.

ist der regen ein trost? das nasse pflaster unter meinen nackten füssen heute morgen, der regen auf haut und kleidern (nackt im regen tanzen, ehrlich, zum regen habe ich eine erotische beziehung). ohne bäume, ohne gras: das wäre nichts für mich. manchmal kommt es mir vor, als sei die natur eine medienabstraktion geworden,

im wald gestern war ich allein, ich fühlte mich geborgen, eigehüllt in eine ganz andere präsenz, eine krâftige, rauhe, kühle und fürsorgliche.  der wald bringt mich zurück, in einen zustand, den ich nur dort erreiche (ich fühle mich wie ein sanftes tier). kein es war einmal und keine futurischen fügungen, ganz eingetaucht zwischen bäumen und unterholz, der frosch, der aus dem trüben wasser des teichs hochpoppt und quakt. auf meiner haut  die oberfläche des waldes, eine intime berührung.

plötzlich war ich nicht mehr allein. als ich mich zur seite drehte, wo marie immer ging, sah ich ihr lächeln.

aus der kühle unter die schwüle sonne, die rinder drängen sich im spärlichen schatten,  und an der tränke ein sumpf.

an der bushaltestelle warten, leute stellen sich ein, stehen herum und warten auch, an der strasse ein stau vor der ampel, das rückt mir zu nahe auf den pelz und auspuffgestank, als der bus kommt ist das eine erlösung.

statt einer kunstkritik (zu besuch im Schwaarzen Haus, rue de la semois)

kunst hilft tatsächlich! am wochenende hatte ich ein tief, das alles madig machte. Ich fühlte mich eingesperrt, vergessen, uralt aussortiert, nur noch im wartessaal für den abgang (ich stelle mir den eher grau vor, die tapete hängt in fetzen, plastistühle (ehemals weiss), ein montoner laut von zeit zu zeit, wie ein motor, der abkratzt, kurz davor, gedämpft, alles gedämpft, dort sitze ich allein, an den wänden nichts, woran der blick sich festhalten könnte, keine richtigen farben, alles verblasst, der geruch: abgestandene kellerluft mit verstopftem abfluss, man sitzt da und atmet kaum, gefühle, was ist das? nur etwas trostloses, wie eine halbe melodie, die einen schon lange nervt, so).

trotzdem, das ist wie immer erstaunlich, wenn es passiert, einer steht auf, duscht, benutzt ein deo, schmiert sich eine gesichtscrème an stirn und um die augen, zieht sich an, sucht eine hose aus, ein hemd, würde am liebsten ohne schuhe losziehen, zieht dann doch welche an, trinkt café, steigt aufs fahrard und zieht los, ich

Ich hatte schon am samstag vor, das Schwaarzt Haus in der rue de la semois zu besuchen, aber das lief schief, meine enkelin und ich waren in die andere richtung gelaufen und ich hatte nicht ordentlich nachgeschaut, schliesslich streikte sie, die operation war fehlgeschlagen, opa ist ein dussel. sie war zutiefst beleidigt. meine zerknirschung half auch nicht.

sonnags nahm ich das fahrrad, ich spürte sogar etwas wie eine müde neugier, etwas schlapp, ich hatte mich zu dem ausflug gezwungen.

ich sage nicht, was ich gesehen habe, ich gebe grundsätzlich keine kommentare zu kunst ab, ich schaue, ich betaste, ich erspüre einen raum und beobachte meine verfassung. in museen schaffe ich allerhöchstens fünf bilder, ich meine richtig anschauen, bei installationen gerate ich schnell ins gähnen (bei einigen werde ich wach, ob die richtig gut sind?), nachher bin ich erschlagen, weil ich schliesslich vor ort bin und mir doch alle sachen ansehen will, wider besseres wissen.

ich war wohl eine stunde in dem schwarzen haus, rue de la semois, durch den schwarzen, dreckigen keller hinauf in die farben, wunderbar, ich musste grinsen, lächeln, einmal habe ich laut gelacht, ich habe doch tatsächlich meine scheiss stimmung vergessen, ich habe mich aufgeheitert gefühlt, belebt, ich bin erhobenen gemüts gegangen, geradelt, ich habe zwar nicht gepfiffen (ich singe nur in der badewanne, manchmal und dann laut), aber ich habe die erhebung in meinen mundwinkeln gespürt, meine gesicht fühlte sich straffer an, das radeln machte richtig spass. ich habe mir überlegt, was ich als kommentar von mir geben würde, wenn ich doch kommentare abgeben würde, was ich aber nicht tue (kunstkritiken schlagen mir meist auf den magen, o si tacuisses), ich kann es nicht lassen: toll (der tanzfilm vor allem (aber nicht nur)), da habe ich gedacht, noch ist nicht alles verloren. darf man sowas sagen, dass man hoffnung gesehen hat (buchstäblich). tatsächlich sogar in den installationen (ich sage nicht welchen).

jedenfalls war ich hinterher nicht mehr deprimiert (nicht mehr ganz so), nein, ich habe mich ernsthaft gefreut (son haus müsste man haben, nachts würde ich darin um mitternacht  herum geistern).

eine vertrackte übung

man kann natürlich auf sich aufpassen. dann gibt es keine seelen einbrüche, wenn man von einer reise zurückkehrt. das war ein fehler? es schien eine öffnung zu sein, auf menschen, landschaften und all die wunderbaren einzelheiten, das sitzen im schatten einer überwucherten veranda; das speisen hoch über dem fluss und die gedämpften gespräche an den nebentischen, ,die gassen, die hügel, der see und die fahrten in zug und auto und gar das neue, das eingetroffen ist (nachwuchs, ein weiterer enkel).

wenn alles so einfach wäre. das flanieren in der altstadt (von zürich), man schleppt sich selber mit sich, ich meine das seelische drumherum, die grundstimmung, aber sie ist hier leichter, erdrückt mich nicht so.

obwohl, der filter bleibt, die menschen und die dinge sind wie weggerückt, selbst wenn sie ganz nah sind, die erlebnisse,erreichen sie mich ganz?  aber es ist erträglich, ich bin zugänglich für ein lächeln , eine nettigkeit, einen höflichen satz, das immerhin. natürlich denke ich öfter an sie oder vielmehr ich spüre in allem ihre abwesenheit. um es genauer zu sagen, dies alles ist nicht da und doch da (im fehlen): ihr körper neben meinem beim gehen, beim sitzen, ihre stimme, ihr anblick, ihr gesicht vor allem und wie sie sich bewegte, wenn sie lächelte und sie lächelte oft, wenn wir unterwegs waren, sie liebte das unerwartete, die entdeckungen und manchmal einfach nur das stille nebeneinander gehen am see und später redeten wir. die welt ist seither seltsam stumm geworden, sie redete mit ihrer stimme. die welt ist seltsam geschrumpft, sie ist enger geworden, manchmal ertappe ich mich bei gesten, die erinnern an ein eingesperrtes tier, das ruhelose hin und her, die verlorenheit inmitten des sogeannten prallen lebens.

ihren tod erlebe ich wie eine krankheit der welt und ich merke, wenn ich einen bericht lese über die radioaktive kontamination des pazifiks und die krebsgeschwüre, die man zunehmend an fischen findet (an den us-kanadischen küste) , dann erblicke ich ihren von der krankheit geschundenen körper. seltsam denke ich dann, es gibt also doch dinge, die mich treffen, die mich erreichen in meinem allerinnersten und mir weh tun.

wenn ich durch die strassen gehe, dann tun alle so, als sei alles in ordnung.

Das ist (k)ein fuss auf einem laptop

als ich zurückkam von meiner reise, die welt scheint in ihren provinzen noch intakt, aber ich würde nicht darauf schwören, war hier der wahlkampf für oktober schon angelaufen, medienträchtige gesten überall, scheingefechte, an den haaren herbeigezogene polemiken, die debatten irgendwie frivol und leichtsinnig, kindisch fast angesichts …

anfangs dachte ich, du allein siehst überall den tod und die von krankheit zerfressene welt, alles privat und geht nur dich an und auch du kommst schon noch darüber weg.

ich habe mich abgefunden mit meiner zuschauerrolle und vom zusehen zerstieben die illusionen, manchmal muss ich mich zwingen, die augen und ohren nicht zu verschliessen, ich denke, mit unseren eingefahrenen meinungen und reflexen fahren wir an die wand.

ich sage, was ich denke, nur noch, wenn ich danach gefragt werde.  ich frage mich selber und zögere mit der antwort. im blauen sonntagshimmel anfang juni sehen die flugzeuge, die an meinem dachfenster vorbeiziehen, richtig putzig aus und autos rauschen manchmal wie die wellen eines seltsamen meers. ich will niemand seine illusionen rauben, nicht einmal mir selber, aber ich rühre keinen finger, wenn sie sich vor meinen augen verflüchtigen.

die reise wie gesagt hat alles noch schlimmer gemacht, ich hatte mich bemüht nur noch das schöne zu sehen, es ist eine vertrackte übung, neben graublauen rollsplitt vorgärten noch eine rose zu würdigen, ein unkraut mit kleinen gelben blüten nicht zu übersehen oder das hartnäckige grüne kraut an einer einfassungsmauer, ganz zu schweigen von den endlos geparkten blechhaufen, die gottseidank still sind, für einen moment. mir tut die neue stadt in den augen weh, aber das ist, so höre ich, kein kriterium für modernen wohnungsbau, manchmal beobachte ich mit genuss, wie gleich nebenan die natur wieder in ihre rechte eintritt (auch wenn ein schönes altes haus verkommt). der himmel sieht wie immer aus, ungetrübt von meinen komplizierten zuständen, es gibt wolken und sommerhochblau über den bäumen im garten, die rabenkrähen beginnen, wegen dem reifen der kirschen ein riesentamtam zu veranstalten und die katze duckt sich am gebüsch, in dem eine gelbmeise raschelt.

ich studiere die anzeichen des verfalls.

eine unaufhaltsame bewegung

ich gehe die treppe hinauf, die vertrauten farben des holzes, die wärme, die davon ausgeht. marie ist gar nicht weg, denke ich und ich weiss natürlich, dass sie weg ist; aber das ist egal, für einen kurzen moment war sie da, nie weg gewesen, keinen augenblick und diesmal macht mich das nicht traurig, für einen moment war sie da, alles andere interessiert mich gar nicht.

du bist noch immer dabei? das höre ich manchmal, es wird nur nicht laut gesagt (doch schon angedeutet), warum redest du überhaupt noch davon, life goes on, mein lieber. es liegt sozusagen in der luft.

es ist mir auch egal, man gewöhnt sich an alles (oder auch nicht) und niemand muss irgendwas verstehn. zum beispiel, dass ich seit dezember, und viel früher noch, den zustand nicht mehr kenne, den man als normalität bezeichnet, ich weiss gar nicht, was das ist, aus einem einigermassen geordneten alltag bin ich herausgefallen. das ist keine klage. ich empfinde seither alles als aussergewöhnlich, ich weiss gar nicht, wo ich gelandet bin. das übliche finde ich besonders uninteressant, das ist kein urteil, ich empfinde es einfach so. ich finde es rührend, wie alle ihren gewohnten tätigkeiten nachgehen, ich bedaure niemand, auch mich nicht. mein mitgefühl weitet sich mit jeder erfahrung. manchmal weine ich vor freude, manchmal lache ich, weil es weh tut. das leben ist eine seltsame veranstaltung. manches kommt mir völlig verrückt vor, ich meine nicht den verstand, ich meine das gefühl, das mich überkommt, wenn ich die zeitung aufschlage oder die sozialen medien durchblättere. alles berührt mich, manchmal muss ich mich schützen und manchmal möchte ich jemand zurufen, der sich abmüht, es ist ja gut, alles wird gut. vieles, was ich sehe, mutet mich kindisch an, hinter manchem vermute ich nicht nur eine destruktive gewalt. manches, was ich vor langer zeit (vor dem herbst letzten jahres) noch normal fand, sehe ich nun als pervers an, gegen das leben gerichtet. mein neuer begriff (ich habe ihn nicht erfunden): deathphobic, was meint angst vor dem leben, sich dem leben nicht hingeben können. hingabe ist kein begriff à la mode du jour. es reisst dich auf, ob du willst oder nicht, es wird fertig mit dir.

wenn etwas mich wirklich berührt, wenn ich mich davon berühren lasse, dann muss ich mich für eine weile in meiner höhle verkriechen. was ich mit etwas meine? ein mensch, ein schöner. ein vom leben erfülltes gesicht, ein gezeichnetes. natur, immer, ein waldrand, ein hang in den bergen, ein hügel meiner erinnerung, ein windhauch, der regen, eine musik, eine stimme und ich frage mich, was ist das für ein mensch. manchmal überwältigt mich alles, darf man das sagen, das leben kriegt mich klein, es fickt mich (zu tode). soll ich mich entschuldigen, dass ich es so erlebe. es gibt gar leinen leeren augenblick, keine langeweile, alles ist neu und aufregend, elektrisch, jederzeit. in der stille spüre ich eine unaufhaltsame bewegung.

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liebe ist eine synästhesie

Marie Z.
ich weiss nie, wozu das führt, wenn ich an die tastatur gerate, meine finger tippen von selber dinge, die ich persönlich indiskret finde. andererseits gefällt mir die systematische dekonstruktion eines rufs, falls man je einen hatte, falls nicht, so kreiert er sich noch im auseinandernehmen.

auch ich arbeite an einer illusionären dauer, einer konsistenz, die ich nie hatte, marie war sozusagen der anker, der mein luftschiff am boden hielt. manchmal bekomme ich deswegen angst, so ganz allein, wie damals im wald, aber ich habe nie gesungen, ich war mucksmäuschenstill und hörte auf das geraschel, die vermeintlichen schritte waren von einem fuchs, einem hasen, das kam damals noch öfter vor. vor wildschweinen, besonders im frühjahr, einer bache mit ihren fünf kleinen, hatte ich besonderen respekt, dann verliess ich den pfad und schlug mich durchs unterholz, schnell ausser reichweite.

darf man von einer beziehung sagen, dass sie einen auch schützt vor der welt und nun spüre ich überall durchzug und rauheres wetter.

nun muss ich aus meiner deckung, aber in der dämmerung rede ich noch immer nicht laut mit mir und im dunklen wald singe ich nicht. ich verlasse den vorgetrampelten pfad ohne grund. natürlich ist es egoistisch, von mir zu reden, statt von marie, aber ich sammle schon materialien für ihre biographie, ich stecke den kopf in ihre kleider und ahne noch ihren fernen geruch (eine mischung: ihre haut mit ihrem parfum, meine sucht). danach bin ich stundenlang für gar nichts zu gebrauchen.

heute träumt es sich  ja modisch von einem ganz anderen leben, meist wird man gar nicht gebeten, man fällt hinein wie in einen alptraum. aber das liegt nur an der perspektive oder dem begriff, wenn man den beiseite legt, kann man sich in fast allem einrichten (ich rede nicht von den schinderhütten dieser welt). ich suche jedenfalls noch immer nach einem trockenen plätzchen, an dem man sich gut betten kann.

gestern mittag (in einer stillen ecke des gartens) ertappte ich mich bei der erinnerung an den duft ihres haars und meine lippen auf schulter und hals, genau in der beuge, sandelholz, lavendel, klatschmohnrot, marin blau und ocker, frag mich keiner, wie ich darauf komme. Liebe, so sehe ich das jetzt, ist eine synästhesie.

Marie Z.

manchmal erscheint sie in meinen träumen und tanzt

sie sieht mir zu, auf dem foto, so scheint mir, leicht ironisch, das würde mir gefallen. ironische nachsicht, genau das. denn mein neues leben (das leben ohne sie) führt mich ins unbekannte und ich nehme mich gelegentlich kindisch aus, so kommt es mir vor. im alleinsein bin ich geübt und doch wieder nicht, manchmal tut guter rat not und ich fühle mich hilflos verloren in einem dickicht von argumenten, perspektiven und meinungen.

ich möchte so nahe wie möglich an unserem leben bleiben, sage ich (uns), als ginge das, als wüsste ich nicht genau, dass es nun nur noch mein eigenes gibt und alles andere vergangen. jeder schritt, den ich tue, führt von dir weg, marie, als ob ich die nähe beibehalten könnte, die alte, gewohnte. schlimmer noch, gestern kam mir alles eigene, alles ohne dich, alles ohne deine art, die dinge zu tun, zu gehen, zu stehen, zu fühlen (davon habe ich doch keine ahnung), zu denken, ohne deinen blick auf die welt und die menschen wie  verrat vor. (ich bin bei deinem anblick auf dem foto erschrocken).

das ist reiner wahnsinn, so zu denken, zu fühlen, sage ich mir, ich schaue im spiegel nach, ob ich zeichen erkenne und starre das spiegelbild missbilligend an. ich verstehe nur zu gut, was in mir vorgeht. ich habe die hoffnung, in ihrer nähe zu sein, nicht aufgegeben: wenn ich so bin und handle, wie sie es wollte, dann bleibt sie sehr nah. etwas in mir ist ein zäher wahnsinn.

ich sehe zu, wie die zeit uns voneinander  entfernt.

das neue leben schmerzt, es führt weg, es ist ohne sie,  ich entferne mich in das eigene, das habe ich für mich allein (ohne dich). so rede ich mit deinem bild und ich würde mich nicht wundern, wenn du plötzlich die stimme erheben würdest, um mich zur ordnung zu rufen (ich wünsche es mir).

dabei träume ich (mehrmals, in einer serie von träumen), du bist in deinem ganz eigenen, du bist um mich und zugleich abgewandt, du bist ganz in dir, ganz für dich, ganz abgeschlossen und als ich fordere (in dem   traum vorgestern), „wir müssen reden“, da sagst du: „nein. ich bin jetzt in meinem, nur für mich.“

Es gibt keine verbindung mehr zu deinem alten ich, deine art zu sein ist beendet, ich bin keiner, der gerne in erinnerung kramt, um zu heulen oder sich mitleidig über sich selbst zu beugen. entweder ist dieses alte leben und dasein in mir oder es ist gar nicht mehr (diese schroffe deutlichkeit habe ich von dir).

am meisten fehlt mir die unverwechselbare ironie, die mir ganz zugewandte, die liebevolle, schneidende, wenn ich den kopf hängen liess.

Jetzt muss ich meine abwege selber bewachen, meine selbstkritik ersetzt nicht deinen stich, der auf den punkt bringt.

inzwischen entferne ich mich, je weiter ich aus unserem bild rücke, desto mehr erscheint deine jetzige gestalt, sie ist das ganz andere, die völlige klarheit, die weite (auch des gedanklichen).

am meisten fehlt mir das gespräch, nun verstehe ich manchmal die welt nicht mehr, in unseren diskursen war sie verständlich, sie wurde es, sogar in ihrem schlimmsten, ihrem unerträglichsten, einfach nur, weil wir beide uns dem zuwandten. unser weltinteresse.

am meisten fehlt mir die wärme.

am meisten fehlt mir die gemeinsame suche nach sinn und bedeutung. unsere nie endende bewegung. ich streiche mir das gesicht weiss an und suche weiter, ein trauriger clown.

manchmal lache ich wieder, manchmal sind die dinge wieder sehr nah, manchmal vergesse ich mich und es ist nur, das hier, manchmal entzückt mich das glitzernde wasser des sees, die stimme nebenan, der freundliche blick einer unbekannten frau, ihr lächeln, manchmal freue ich mich wieder, ohne grund. manchmal ist das leben wieder ein tanz. ich nenne ihn marie, das ist eine ganz unbekannte person, manchmal erscheint sie in meinen träumen und tanzt.