der tod hat es mir gesagt

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heute hat marie geburtstag, wir haben ihr blumen gebracht, so sagt man doch, aufs grab haben wir sie gestellt, von marie ist nur die asche übrig, in einer schwarzen urne mit einem goldenen band. auf dem grab steht ihr namen, die blumen sind weiss und rot und vertragen die hitze gut.  ich zupfe noch hier und da und stehe dann etwas hilflos herum, ich kann mich nicht entschliessen zu gehen.

ich gehe dann doch, auf friedhöfen unter bäumen ist es so schön still und kühl um die mittagszeit am zweiten august.

irgendwann nach maries tod wurde mir klar, das würde marie gut gefallen, nur noch über eigenes würde ich reden, keine verkündungen demnach, keine angelesenen wahrheiten und weisheiten, das eigene auch nur dort, wo es mich fremd macht, wo ich einen erstaunten blick werfe auf mich und die welt.

ich meine, ich verstehe uns nicht. ich verstehe nicht, warum wir das tun, was wir tun. der tod lacht darüber, er lacht es weg, ich sage nicht, was bleibt, ich sage nur, es ist nicht viel, nachts erwache ich, weil etwas weint in mir, etwas ungehörtes und ich liege still und lausche.

wenn ich nach draussen schaue, sehe ich auch meine gier, meine angst, meine fremdheit, mein hartnäckiges bemühen, die welt in einen hässlichen platz zu verwandeln.

verzweifelt suche ich überall die schönheit, manchmal auf der strasse möchte ich jemanden in den arm nehmen, weil er geschlagen aussieht, und manchmal möchte ich mich hinknien, weil jemand so umwerfend schön ist. natürlich tue ich das nicht, ich will niemanden erschrecken, aber ich tue es in gedanken, der tod sagt mir, du hast keinen grund dich zurück zu halten, etwas aufzusparen für später, ein geizling deiner gefühle.

der tod hat mich auf eine höhe geführt und vor einen abgrund gestellt, ich habe mich nicht hinein gestürzt, aber ich kenne die anziehung nur zu gut, zu zersplittern, nicht mehr zu wissen, wer man ist, sich ganz zu vergessen, sich wegzuwerfen einfürallemal.

der tod, den meine augen gesehen habe, fordert  hingabe, seither kann ich mich nicht mehr verstecken, wenn einer, ein mensch, mich wirklich ansehen würde, würde ich mitgehn ohne zu fragen.

ich habe mich gegen den tod gewehrt, er ist noch nicht im haus, habe ich marie gesagt, aber er hatte schon alle räume besetzt und meine kleine welt verging und ich mit.

ich hatte angst verrückt zu werden und nur noch zu schrein.

seither verstecke ich mich nicht mehr vor mir selber, lasse keine ausreden zu, nicht die altbewährten sprüche, die  in den abgrund führen, nachts liege ich da und erwarte nichts, ich erwarte alles.

was sagt mir der tod und ich nehme an, er heisst marie, er ist ein freund, sie ist eine geliebte, er geht neben mir jeden tag, sie erinnert mich, jage nach allem, ich lösche es aus, ausser vielleicht oder gewiss, und das sagt mir marie, eine hand berührt sanft eine wange, einer reicht einem gestürzten die hand, einer hört einem zu und der ist alt und die spuren des lebens in einem schönen gesicht,  die erinnerung an sommernächte und deine haut und jedes gute wort und jeder freie gedanke und jedes gran an bewusstsein mehr,  jedes spiel und das lachen, das weinen und die freude, der schmerz.

der tod hält mir einen spiegel vor, siehst du dich und mich, siehst du die leer geräumten kategorien, die gedankenzellen und das leben ist eingesperrt.

an maries grab steht ein haselstrauch, ein hollunder, dort ist der eingang in einen anderen raum, dort ist alles möglich.

nur eines nicht, einzugreifen in den willen eines andern. man kann es, man büsst es mit tausend toden. woher ich das weiss, der tod hat es mir gesagt.

3 Gedanken zu “der tod hat es mir gesagt

  1. Am Abend saßen sie auf der Veranda, und das weite Land lag wie verklärt im späten Licht.
    Als es dann dunkel war, begann der Fremde zu erzählen, wie sich für ihn die Welt verändert habe,
    seitdem er inne wurde, dass ihn auf Schritt und Tritt ein anderer begleite.
    Erst habe er es nicht geglaubt, dass einer dauernd mit ihm ging.
    Dass, wenn er stehenblieb, der andere stand, und wenn er aufbrach, der andere sich mit erhob.
    Und er brauchte Zeit, bis er begriff, wer dieser sein Begleiter sei.
    »Mein ständiger Begleiter«, sagte er, »das ist mein Tod.
    Ich habe mich so sehr an ihn gewöhnt, dass ich ihn nicht mehr missen will. Er ist mein treuester, mein bester Freund.
    Wenn ich nicht weiß, was richtig ist und wie es weitergehen soll, dann halte ich ein Weilchen still und bitte ihn um eine Antwort.
    Ich setze mich ihm aus als Ganzes, gleichsam mit meiner größten Fläche; weiß, er ist dort, und ich bin hier.
    Und ohne dass ich mich an Wünsche hänge, warte ich, bis mir von ihm zu mir ein Hinweis kommt.
    Wenn ich gesammelt bin und mich ihm mutig stelle, kommt mir nach einer Zeit von ihm zu mir ein Wort,
    wie wenn ein Blitz, was dunkel war, erhellt — und ich bin klar.«

    Dem Farmer war die Rede fremd, und er blickte lange schweigend in die Nacht.
    Dann sah auch er, wer ihn begleitet, seinen Tod — und er verbeugte sich vor ihm.
    Ihm war, als sei, was ihm von seinem Leben blieb, verwandelt.
    Kostbar wie Liebe, die um Abschied weiß, und wie die Liebe bis zum Rande voll.

    Am nächsten Morgen aßen sie zusammen, und der Farmer sagte:
    »Auch wenn du gehst, bleibt mir ein Freund.«
    Dann traten sie ins Freie und reichten sich die Hand.
    Der Fremde ging seines Weges und der Farmer auf sein Feld.

    Bert Hellinger,
    aus: Die Mitte fühlt sich leicht an
    der tod fühlt sich vielleicht auch leicht an
    michael

    Gefällt 1 Person

  2. hi
    es gibt viel kluges, das man sagen kann, wie im komentar, der nur sagt, wenn du auf das nichts schaust: tod, gott, den unsichbaren meister in dir, etc., dann bist du freier. aber wielange hälst du das aus? sekunden, minuten, nicht länger. es fühlt sich an wie der frische morgen an einem heissen sommertag wie jetzt in nimes.
    und dann? versinkst du in deinen gedanken, deinen sorgen, versuchst zu überleben mit tausend kleinen freuden und hälst dich mühsam über wasser. gedemütigt, beschwert.
    und dann plötzlich führt dich wieder etwas in die mitte, z.b. dein blog, und du hälst inne für einen moment.
    das ist unser leben
    „die leere und das gezeichnete ich“ benn
    thanks thed
    dont forget the fun
    it makes free too

    Gefällt 1 Person

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