zeichen des protests

alles ein bisschen entblättert bei der rückkehr von der reise, die am zweiten october begann und zwischen hier und dort fast welten. nicht nur, dass dort die sonne schien, meistens, das licht die dinge belebte und die menschen selbst in ein besseres licht rückte, nicht nur, dass die häuser älter und reizvoller waren, selbst noch im verfall und die plätze von einem unvergleichlichen gefühl für proportionen und formen zeugten, nein, der ton war am zweiten noch anders als am 28. october, als man schon unterwegs war, weil sehr stark vermutet wurde, es werde gleich dicht gemacht.

der ton: als sei es „nur“ eine frage von milliarden.

ich gehe nicht in die details, das sujet ist bekannt, überbekannt. ich stelle auch nicht nochmal bedauernd fest, dass die polarisierung (überall) zunimmt, die gräben breiter werden und dass das gastland in der tourmente ist.

das ist im angesicht der vielfältigen landschaften gar nicht verständlich.

die erinnerung an einen café am marché aux fleurs an einem sonnigen samstag. und ein paar tage darauf eine tragödie.

jemand macht sich in einer literaturzeitschrift über eine verflossene „neue innerlichkeit“ lustig und bei mir entsteht der eindruck, genau dahin drängt nun alles, in eine neuneue innerlichkeit und , meinetwegen, ein neobiedermeier, aber bitte ohne biederleute, denn einige fühlen sich nun aus allerhand gründen berufen den blockwart zu geben und an allerhöchster stelle wird über „schwarze schafe“ diskuriert, die wohl im bunde mit dem virus ihr unwesen treiben.

die zeichen stehen auf sehr vereinfachte weltbilder, keine nuancen bitte, keine differenzierungen sowieso, vor allem nichts mehrdeutig schwimmendes, nein eindeutigkeit, und bitte keine humorvollen subtilitäten und keine ironie auch. denn: wir haben den sinn dafür ganz verloren.

ich gestehe: ich habe mir die interventions 2020 des Michel Houellebecq zu gemüte geführt – ich weiss, ich weiss, es gibt inzwischen genügend leute, denen die nennung eines namens genügt, um zu wissen, was im nicht gelesenen buche steht. als er feststellt, dass wir doch eine sehr „bescheidene“ zivilisation sind, wie sich an der hiesigen „architecture modeste“ zeigt, modeste im erweiterten sinne von: médiocre, un peu pauvre, insignifiant, eher simplistisch, einfach gestrickt, beschränkt , kann ich mir ein zustimmendes nicken nicht verkneifen, fast malgré moi.

mich hat eine passage aus einem essay von 1992 besonders beeindruckt, weil sie genau beschreibt, was ich auf der reise gleich zu beginn (zuerst in den Vogesen, danach aber vor allem in diesem hameau der Dordogne erfahren habe, nämlich allem (allem!) den rücken kehren zu wollen, weil die landschaft genau das ausdrückte, nämlich dass sie allem den rücken kehrte, dass sie in ihrer stille und bewegungslosigkeit eine einzige abkehr war, eine erlebte neoneueinnerlichkeit als aussen und im aussen. etwas war weg und der wunsch wuchs, dies zu einem endgültigen zustand zu machen, in den worten Houllebecq’s:

„Chaque individu est cependant en mesure de produire en lui-même und sorte de révolution froide, en se plaçant pour un instant en dehors du flux informatif-publicitaire. C’est très facile à faire; il n’a même jamais été aussi simple qu’aujourd’hui de se placer par rapport au monde, dans une position esthétique: il suffit de faire un pas de côté. et ce pas lui-même, en dernière instance, est inutile. Il suffit de marquer un temps d’arrêt; d’éteindre la radio, de débrancher la télévision; de ne plus rien acheter, de ne plus rien désirer acheter. Il suffit de ne plus participer, de ne plus savoir; de suspendre temporairement toute activité mentale. Il suffit, littéralement, de s’immobiliser pendant quelques secondes;“ (S. 43f.)

dabei war es bei mir, wenigstens während der ersten tage in dem kleinen hameau der südöstliche ecke des Périgord noch ein innerliches rennen, ein flüchten als körperliche sensation, nicht nur in den beinen, als sei ich noch nicht angekommen in dieser landschaft, in der gar nichts passierte, alle sieben stunden bellte ein hund, alle fünf fuhr ein auto vorbei, vögel zwitscherten ja, hunde streunten, ja, aber sonst passierte gar nichts, es war ruhig und still, während ich noch immer weg wollte. während die landschaft mir einflüsterte, ich will weg, ich will der sache den rücken kehren. sie war genau das, eine einzige abkehr.

hier hielt ich es gar nicht so abwegig, zum zeichen des protests Mörikenhaft lampen anzudichten (O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!) oder moose an burgmauern und kunstvoll skulptierten buchs oder pflasterwege und nussbäume oder flüsschen, die auf den namen Ceu hören oder die bewegungslose stille und in dieser stille ein hundebellen, eine stimme auf der strasse, aber nur jeden zweiten tag während drei sekunden.

selbst in den bergen am meer blieb es so, dort war jedes kleine geräusch eine tonskulptur, die aus der stille trat. und die menschen humorvoll und freundlich und selbst der verlotterte platz von Sospel ein wunder an ästhetischer perfektion.

deshalb die erfahrung bei der rückkehr, das bedrängende gefühl, beim eintauchen in die strassen der stadt, einer barbarischen entgleisung.

demnach neobiedermeierliche meditation vor den gartenfarben, dem langsamen entblättern.

einfach auch als zeichen des protests.

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