sommerfest

 

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man sagt das so leichthin, ich brauche raum, ich brauche zeit, um mich zu sortieren.

das ist die eigene zeit, der innere raum. wenn man ihrer gewahr wird, dann stehen sie schon unter dem ansturm des aussen. es ist kein krieg und doch muss man sie verteidigen, die eigene zeit, den inneren raum. und es gibt tausend angebote sie zu möblieren. an den grenzen  drängeln sich die muss und die solls und unbedingt und dringend.

es ist montag und ich bin auf der defensive. die pflichten, die vorgeben, sie vertrügen keinen aufschub, habe ich in den wartesaal verbannt, dort wird ihre dringlichkeit nochmal geprüft, während ich nicht einmal warte.

die zeitungslektüre hat keinen rechten eindruck ergeben, hinterher hat man immer das gefühl, man sei auf der falschen veranstaltung gewesen. und in dem augenblick erinnere ich mich an meine pessimistische tirade, gestern auf dem privaten sommerfest mit exquisiten gästen, die heftig, aber höflich in der form zurück gewiesen wurde. bis ich die quelle meines pessimismus offenbarte.

was ich schon immer beneidete, ist die bruchlose, fugenlose identifikation mit einem lebensstil: das bin ich, früher hätte ich den begriff und seinen gehalt frontal attackiert, und mit lust und die  risse in der fassade visitiert, nun erfüllt mich eine scheinbar rundum gefestigte identifikation mit bewunderung und mit einer art neid, weil ich mich so gerne, ehrlich, als etwas ganz und gar bestimmtes erleben würde und gleichzeitig weiss, ich kann es nicht, selbst wenn ich, zugegeben, von vielem etwas habe, aber ganz und gar, mit haut und haar dieses oder jenes, dazu fehlt mir einfach das talent. so bin ich, vielleicht, vieles und nichts davon, gleichzeitig.

ich sehne mich, natürlich,  nach einem festen bild von mir, aber es entgleitet mir, sobald ich wörter dafür suche, nicht, dass es nichts festgefahrenes, deutlich sichtbares an mir gäbe, aber wenn man mich fragte, bist du das, würde ich dankend verneinen.

manchmal denke ich, ich kenne mich nicht selber.

gestern noch war ich einer, den ich hätte beschreiben können, aber dann brach alles zusammen, und das meiste verlor seine einmalige bedeutung, ist es wahr, bist du ganz sicher, dass es wahr ist,  unter dem angriff solcher fragen bleibt nicht einmal ein trümmerhaufen. die wirkliche erfahrung und wahrnehmung des „es bleibt nichts“und dazu singt ein barockes sonett, fegt den tisch blank und nicht einmal der tisch bleibt. ich weiss nicht, ob jemand schon die erfahrung gemacht hat, dass der kontext, in dem man operiert, sich auflöst … (kleinere vorläufige kontexte melden sich dann, manche bieten  sorgenerfüllt an zu übernehmen, sie piesacken dich mit ihrer unausweichlichkeit, die notdurft des lebens halt, aber ersetzen können sie den wegfall in nichts, in gar nichts.)

ich meine, eine ganze welt verschwindet von heute auf morgen. ich sage welt und bleibe dabei. das ist kein als ob und alle wörter, die darin eine bedeutung hatten, hinwiesen auf etwas, fallen hinein in dieselbe dunkelheit und verschwinden.

so sitze ich manchmal da und alles ist weg, nicht einmal die frage, was mache ich hier hat noch irgendeinen sinn und selbst das wort sinn entzieht sich, nichts, an das ich mich halten kann.  gelegentlich, nur so zwischendurch, wie aus den augenwinkeln erhascht, erlebe ich eine befreiung und in der substanz ist es ein verlust, ein nicht mehr, ein vorbei und nie wieder. ein funken, nicht mehr, der glanz eines noch unbekannten.

meine ideosynkrasien erlebe ich keineswegs substantiell, sie haben einen gewissen unterhaltungswert, zugegeben, wie ein salto mit einrad auf einem trampolin, wie ein catwalk über den boulevard,  wie ein wiedererkennen in einer menge und du denkst einen augenblick lang, das war sie.

vielleicht, sage ich mir, liegt es daran, dass eine intime freundschaftsbeziehung, die sehr nah ist und manchmal zu nah und manchmal zu weit weg, ein eigenes subjekt hervorbringt, das bist nicht du, das ist nicht sie, es ist ein dazwischen, in allem, ein hin her, ein fliessendes, ein ruhiger see, ein reissender fluss und dann stromschnellen und manchmal ein fall in ein anderes leben, kleine umwälzungen, revolution,  gemächliche evolution. das sinnliche und das geistige und der gefühle wogen.

ich habe mir nie vorstellen können, von wollen ist nicht die rede, dass es ein ende gibt. man weiss das, aber es ist nur ein abstrakter gedanke, wie der tod einer ist, und dann …

wer bist du danach?

un rescapé.

einer der fällt, und im fallen ist das fallen, aufeinmal, das einzige, was noch hält.

und nun, das scheint fast ein trieb zu sein, dieser menschlichen figur ureigen, die suche, das halbblinde tasten zuerst nach einer identität, das bist du doch, das warst du, das möchtest du, aber nichts davon hält.

du sitzt da und wunderst dich, was war das für einer, der hier lebte, was trieb ihn um, welche dinge zogen ihn an, welche lektüren bevölkerten seinen raum, seine zeit. welche wörter sagte er, um seine welt auszustaffieren, wieviele leben hat er schon gehabt, und du kannst sie noch sehn, unglück und glück, eine schöne erzählung und nichts davon hält.

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27. Juni 2017, das letzte foto von Marie

 

 

 

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