König Lustick

kannst du denn nicht wenigstens ein wenig lustig sein, hab ich mir heute morgen gesagt und als assoziation dazu fiel mir jérôme, der bruder lustick von napoleon ein, weissdergeier woher sowas kommt, denn mir ist nun ganz und gar nicht nach einendraufmachen.

aber ein ganz klein wenig die mundwinkel nach oben und ein winziges blitzen in den augen, das ist doch nicht zuviel verlangt, sage ich mir.

auch hinter meiner mauer, allein? fragt einer. und ich tue so, als wüsste ich nicht, was er meint/ von welcher mauer redet der/ ich weiss es natürlich genau. als ich heute morgen einem guten bekannten auf seine netten worte antworten wollte, kam mir sofort in den sinn, dass die netten worte mich nicht erreichen, dass die frage /  kann ich etwas für dich tun / verhallt, bevor sie mich antrifft. da ich in der stadt mit dem riesengraben mittendurch wohne, fällt mir sofort tiefer graben, schroffes tal ein, und ich sitze jenseits. die andern leben, lachen, weinen, freuen sich und ich schaue zu, etwas verständnislos, als wüsste ich nicht, was sie treiben.

immerhin lächle ich manchmal, zucke aber gleich zusammen, weil mir ein bild einfällt, auf dem ich mit marie z. zu sehen bin.

trauer ist ein dichter nebel, die konturen des lebens verschwimmen. du bewegst dich in einer dumpfen grauen suppe von nicht identifizierbaren gefühlen, nur sind einige stellen grauer als andere und in der mitte ein schwarzes loch, das dich zieht und wieder loslässt, so dass du schon meinst, dich umwenden zu können, aber dann reisst es wieder an dir. es hat nichts mit dem willen zu tun; ich stelle das einfach fest.

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Karl Ballmer

immerhin ist das schon was. das feststellen; vom allerschlimmsten scheinst du dich schon losgerissen zu haben; oder genauer, es hat dich schon ein wenig losgelassen; die atempausen werden länger.

du merkst plötzlich, das ereignis marie z., ihr Totsein, entfernt sich zeitlich etwas, aber es ist mit dir in einem raum. das übliche verständnis von vergangenheit scheint nicht zu stimmen, das ereignis entfernt sich und kommt  zugleich näher.

heute morgen beim erwachen war aus dem nichts,  ein überfall, ein schreck, das letzte bild von ihr, das eingefallene verfärbte gesicht, die geschlossenen augen in dunklen höhlen, die hilflosen bewegungen der dünnen arme,  ein vögelchen, das wegfliegen will.

ich hätte ihr so gerne geholfen.

aber es ging nicht. so habe ich zugesehen bis ans ende.

ganz ernstnehmen kann ich den tod nicht mehr.

und während ich das schreibe, ziehen sich meine mundwinkel von selber nach oben.

 

 

 

 

an der bakes

das brot wurde im backofen gebacken. wie ich nun darauf komme? die langsamkeit, gemächlichkeit hat es mir angetan, nicht die maschinelle dreisekundenextase, um noch deutlicher zu sein. das ist mein stiller, uneffektiver protest gegen die postpostmoderne, in der die geschichte keineswegs endet sondern zur gewalttätigen farce aufläuft.

der backofen war schon abgerissen, als mir bewusst wurde, dass er die ganze länge der bakes einnahm, ein verborgenes backsteinernes urtier in einem langgestreckten schuppen und einem kleinen vorraum mit ofentür, feuerung und backgeräten. das dauerte. das nahm zeit (keine zeit, das geschäft, die freizeit, das telefon klingelt, bedeutendes geschieht, aber es ist trotz allem, als tanz ums goldene kalb eine art verzwicktem leerlauf, das nennt sich leben, der tod dagegen ein monster an lebendigkeit), das waren bedächtige gesten und handhabungen. ich erinnere mich, als der backofen abgerissen wurde und einem schweinekoben platz machte, häuften sich die backsteinziegel an der schuppenmauer, sie wurden beiseite gelegt, um anderswo verbaut zu werden.

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Karl Ballmer

 

„deen ass nëmmen hallef gebak, net ganz gebak, deen huet den a…op.“ ich gebe zu, es war eine zeit der festen gewohnheiten, so und nicht anders tat man die dinge, aus der reihe tanzen, eigensinn und eigene wege waren verpönt. wer sich frei rang, wusste um preis und kostbarkeit davon.

heute träumt jeder mit facebook account, ein individualist zu sein, wir leben in einem individualistischen zeitalter, angeblich,  shitstorms fegen durch die virtuellen räume und verebben, viel geschrei und wenig wolle, ichsagen bedeutet eben nicht ich sein, ein ordentliches, eines, das ganz gebacken ist.

denn das verlangt nachdenklichkeit, gemächlichkeit, unaufgeregtheit, wenn der nächste modewind über die gesellschaftliche landschaft fegt, stille, einkehr, also alles altmodische, alles denkbar altertümliche, gerade wenn man ein zeuge seiner zeit zu sein beansprucht.

warum ich das ausbreite, warum innere kultur eine backofenkultur sein soll, ordentlich gebackenes, bedächtig gehandhabtes,  aufmerksam verfolgtes, liegt an der erlaubnis, die ich mir gegeben habe, als marie z. im sterben lag. ihr sterben war ein sterben nach allen regeln der kunst, eins am andern und durchaus widerstrebend, meine zeit ist noch nicht gekommen und doch war sie es.

Damals habe ich mir geschworen, die zeit des hastigen ist vorbei, selbst wenn ich keine zeit mehr habe und der prophet aus tim und struppi in meine träumen erschiene, „das ende ist nah“, ich werde mir welche nehmen, ich werde mich nicht mehr ins bockshorn? jagen lassen. ich müsste sonst fragen, warum sie gestorben ist. das ist ihre sache, natürlich, und ich habe mich nicht einzumischen, aber was nun mit mir ist, steht auf einem andern blatt.

 

schreiben drum herum

 

im grunde ist es ja ein schreiben drum herum, es geht nicht anders; die sprache ist metaphorisch und nicht genau, gottseidank nicht genau; also annhährungen, umkreisungen, das ungefähre, denn wer kennt schon die nuancen meines erlebens.

schon als junge im internat schwebte mir vor, eines tages die genauen wörter für alles zu finden, für alles, ja,  für mein erleben der welt.

irgendwann dämmerte mir, das wird nicht gehen, die sprache lässt dich ganz nah heran und entzieht sich dann, sie spielt mit dir mehr als du mit ihr, bestenfalls wird es ein spiel, bei dem du jedes mal verlierst und doch beginnst du immer wieder.

meterweise mit zeichen angefüllte notizbücher im glasschrank, die frühen haben wir,  marie z. und ich in einer badewanne ertränkt, erinnerung macht das ich, aber zuviel ist zuviel, und ehrlich, die sachen kann ich nicht lesen, ich vermute übergrosse sentimentalität und vor allem ungenauigkeit, nein, so war es nicht, nie genauso und das schmerzt mehr als eine verpasste gelegenheit.

demnach auch jetzt: umkreise ich bloss den verlust, die leere stelle, die neu herein gebrochene stille. ich erreiche sie nicht, nicht mit wörtern.

lassen wir einfach das ich weg, dann ist es  so, dann ist alles so, wie es nun eben ist, kein ich zum beklagen da, ein uferloses erfahren und bei der frage, wo ist das subjekt des erfahrens, passe ich, vermutlich ist es die welt, meinetwegen auch das universum oder gott oder die weltseele des giordano bruno, einer aus meiner familie.

zugegeben heute morgen, als ich zur post ging, schien aufeinmal die sonne und der verlust war die strasse hinunter erträglich und ich fragte mich fast schon wieder beschwingt, wen schickt die welt mir jetzt entgegen, so dass ich gewisser weiss, was ich eigentlich ist, der wind und das schneetreiben und der mann mit der roten hose und der sonnenbrille an der ampel und die nette frau am schalter des postamts, der ich erkläre, warum ich auf diesen brief und sicher nicht auf  jenen die briefmarke mit dem fliegenpilz geklebt habe. wir waren uns, nebenbei gesagt, einig, dass es eine gute wahl ist.

nachts ist es schlimmer, wenn der wind am kamin rüttelt und über die schieferplatten schnarrt und regenböen über den dachfirst fetzen, da überfällt mich platzangst. ich brauche einige zeit, um zu denken, ich bin einverstanden mit meinem tod.

sowieso sterbe ich jeden tag ein wenig, das ist imgange seit meiner geburt und an wenigstens einem sargnagel habe ich sicher mit gewirkt. schieben wir das ich beiseite, dann wird etwas sichtbar, das in unsere hybris so gar nicht hinein passt: es gibt etwas wie schicksal und an vielem sind wir bloss mitwirkende und nicht, wie wir es gerne wären, götter schon oder wenigstens halbe, akteure der haupt- und staatsaktion.

niemand muss dem zustimmen.

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Karl Ballmer

wenn ich, wie gesagt, das ich vergesse, wenigstens für kurze zeit, wenn es gelingt, dann erfahre ich trost. beileibe keinen persönlichen. ich sage mir dann, die dinge geschehen, die trauer geschieht, der verlust, das unhörbare schluchzen um mitternacht, das scheissgefühl, ohne sie nichts zu sein, die vernichtung, das nichts, aus dem alles kommt.

neuerdings glaube ich an die creatio ex nihil.

denn anders kann ich mir gar nicht erklären, was mir soeben zustösst.

gibt es so etwas wie sinn? frage ich mich und ich höre mich sagen: vielleicht.

zum beweis schaue ich mir bilder an, picasso meinetwegen, klee, ballmer oder tatsächlich einen von den noch lebenden.

loose cannons

 

heute ist sie seit einem monat weg. oder besser: Welt.  langsam lerne ich die Sprache der Welt, buchstaben (ohne sinn), wörter schon (also näher dran) und sätze (ich bin anfänglichster anfänger).

meine leben ist etwas unstabil geworden, um es einmal nett zu sagen, und meine kinder, alles ernsthafte leute (man kann mit ihnen auch lachen) betrachten mich als unzurechnungsfähiges element. dem alten ist alles zuzutrauen, wie ein anderer einmal sagte, der lässt keine dummheit aus. loose canons demnach. Leute schlagt den kragen hoch, stürmische zeiten kommen auf uns zu?

ich bestreite nicht, dass die attribute mich amüsieren.

allerdings, die besorgten blicke, die harmlosen nachfragen, die besorgtheit im ganzen, was kommt von dem alten noch auf uns zu, das gerade noch zurückgehaltene kopfschütteln, heute morgen fragte mich einer von ihnen , was ich mit meiner mahnenden email letztens gemeint habe, ich fand sie klar, demnach scheine ich nun auch noch unter dem beginnenden verdacht der senilität zu stehen, das ist nun minder amüsant.

am schlimmsten, ich habe, wenn ich denn welche für mich hatte, meine ziele unterwegs verloren, und die gemeinsamen mit marie z. sind mit ihr abgereist.

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Karl Ballmer

nun bin ich nach einem monat, sie ist am 15. dezember gestorben, so weit, dass ich von abreisen rede, sie ist weg sage und das erschreckt mich mehr als die leicht irritierten blicke der ernsthaften leute, die meine kinder geworden sind. sie stehen mitten im leben, sind tüchtig und redegewandt und wenn ich mit ihnen an einem tisch sitze zu ernsthaften besprechungen, komme ich mir uralt, ein wenig überflüssig und schon an den rändern etwas zerflattert vor. ihr humor ist grossherzig genug, um meinen zustand, ist er es noch? oder ist er nun ein anderer ohne sie? und wohin wird er sich wandeln, zu umfassen. aber besser, man passt auf ihn auf, er hat schon einiges abgeliefert, was man nicht so lustig fand. auch das vermeine ich in gesten und verstohlenen blicken zu lesen, obwohl ich das auch aufs konto meines milden verfolgungswahns buchen kann.

mithin leben wir alle, ich zerflattert verwirrter alter und mein ernsthafter nachwuchs, humor haben sie mit mir und marie z. nolens volens lernen müssen, auch leichtere formen von ironie und anfänglichem sarkasmus, argumentierlust und streitbarkeit und überhaupt, wie man seinen menschen stellt in diesem verrückten durcheinander, das man welt zu nennen sich angewöhnt hat, mithin leben wir alle auf leicht erregbarem grund und schonen uns.

wie lange, so frage ich mich, werde ich meine neue dusseligkeit, mein unsicheres herumtasten nach einem neuen platz und sinn und überhaupt mit der tatsache entschuldigen können, dass marie z. nun eine Tote ist.

ich werde sagen müssen, es ist einfach so. und wie ist es so?

unbestimmt, antworte ich, verwirrend, es tut weh und ich muss in allem neu beginnen. sogar das vordietürgehen wird zum abenteuer.

und, so höre ich fragen, muss das sein, diese öffentliche ausstellung auf dem, was du blog nennst?

ja, sage ich, das muss, weil ich mir mindestens vorstellen können muss, dass es die möglichkeit eines lesers gibt. sonst würde ich verstummen und mir nicht mehr sagen können, was es denn nun ist, im einzelnen und differenziert, an bewegungen in mir und um mich herum, weil ich, seit ich ein kind war, nach worten dafür gesucht habe in einer welt, in der es keine gab dafür.

 

 

mühsam erfinde ich eine andere geschichte

 

ich fange etwas an, ein buch, einen neuen text, es geht, anfangs sogar gut, einigermassen gut, dann aber gerate ich ins stocken, ich sitze da und weiss nicht mehr so recht, was ich damit wollte.

so geht es mir den ganzen tag, ich hebe die hand, es fühlt sich gut an, ich zeige wohin, mir selbst zeige ich den weg und mache ein paar schritte und kehre um und stehe da, ganz ratlos.

so beginne ich immer wieder, wie einer der vergessen hat, dass es nicht mehr so ist wie vorher, dass also dasselbe, das gewohnte, das liebgewonnene tun mitten im ersten beginnen stecken bleibt, weil alles anders ist. weil das bekannte fremd, das unbekannte nun alltäglich ist.

so gehe ich zögernd, so beginne ich zweifelnd, so lache ich zu laut, so sitze ich verloren auf einem stuhl in einer ecke eines zimmers, das ich einmal mein zimmer nannte.

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am besten nichts tun. sich nicht rühren, nicht schauen, plötzlich erwachst du in einer nicht gekannten welt und es scheint doch dieselbe, die du nicht mehr erkennst, die dich nicht mehr kennt. du bist ein gespenst. du schreibst, weil du allein es liest. weil niemand sonst es lesen wird, ganz verborgen ist es unter einem haufen von tâglichen worten und mitteilungen. aber das hast du noch, die flaschenpost ins meer einer menschenleeren welt. daran denkst du, an bruchstücke eines alten reims, es klingt wie vereinsamt, krähen winterkalt,  keine sätze mehr, echos von wörtern, kurz vor dem verhallen, dem stummen dasitzen; das wars; schlussjetzt. punkt.

nennt man das alleinsein? wenn alles, bevor es getan werden kann, als frage unbeantwortet und ungetan in der schwebe bleibt. wenn die stille dir überm kopf zusammenschlägt, wenn du den gripp verlierst und langsam zu fallen beginnst, selbst im sitzen stürzt du ab.

nur weil jemand gesagt hat, du warst die fortsetzung von ihr und sie war die fortsetzung von dir; das eine ohne das andere undenkbar, halbiert, reduziert, eingekocht, geschrumpft ins schweigen hinein. kein wort mehr.

und doch beginne ich immer wieder, hebe die hand, den arm, greife zur tasse mit dem kalt gewordenen tee, hebe die tasse zum mund und setze sie wieder hin, bevor der mund sie berührt hat; was solls.

was ist das für ein stiller schmerz, der die hand mitten in der bewegung anhält, du horchst in den raum hinein und hörst das rauschen von ganz vergangenem, eine bittere melodie, jemand spielt zum tanz auf und du hälst mitten im ersten schon halbherzigen schwung inne, ich setz nicht fort, werde nicht mehr fortgesetzt;

mühsam erfinde ich eine andere geschichte.

„you will not build walls in our children’s hearts“

http://amandapalmer.net/news/amanda-palmer-jherek-bischoff-mother/

 

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konsistente Geistesgegenwart

 

Ein guter Freund hat mir das Buch geschenkt, dessen Vorwort und Cover ich hierher setze. Nachdem ich das Vorwort gelesen und staunend bei dem Begriff  konsistente Geistesgegenwart anhielt, dachte ich, der dir dieses Buch schenkte muss ein sehr guter Freund sein.

 

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meditation

 

immerhin bin ich umgeben von büchern, auf tischen, am bett, am boden neben dem tisch, gestapelt am regal. ungelesene, angelesene, weil es mich überkam, weil das lesen der ersten seiten mich schon überfordert, als habe ich gerade erst mühsam zu buchstabieren begonnen und in den pausen, die dabei entstehen, taucht ihr bild auf, eine erinnerung, eine angst, sie ist nicht da.

 

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das buch lege ich weg, so achtlos, dass die achtlosigkeit weh tut, normalerweise würde es mir selber weh tun, ein buch so weg zu schieben.

doch was ist normal.

seit tagen meditiere ich die abwesenheit, die leere, versuche so über das weinen wegzukommen, hinaus zu kommen. aber ich weine nicht. nur manchmal erwischt es mich, wenn ich unversehens gegen eine erinnerung stosse, für einen augenblick steigt ein schluchzen auf und ich kann nicht reden, gleich werde ich losheulen und tu es doch nicht.

alleine kann ich nicht weinen. ich käme mir zu fremd vor, wer weint denn da und weswegen, ich würde über mich den kopf schütteln, was geht den an. was will der. ich müsste mich dazu zwingen.

nicht, dass ich etwas gegen das weinen hätte, manchmal, das spüre ich genau, bin ich kurz vor einem weinkrampf. ich kann nicht vor die tür, die strasse schmerzt, ich vertrage autos nicht, die leute hasten vorbei, das leben geht weiter, so sagt man doch. ich stehe verständnislos da und verstehe das leben nicht mehr recht.

den tod auch nicht. ich lese, für heidegger ist der tod, Ballmer, dessen bilder ich liebe fügt hinzu, sarkastisch, der tod ist nicht bloss, der tod tötet, er produziert leichname, die dem philosophen peinlich sind, c’est encombrant.

das verstehe ich allerdings sehr gut, das heisst, ich habe ihre leiche gesehen, oder genauer, ich habe die leiche gesehen, von ihr keine spur mehr? doch noch ein hauch von ihr, ich habe nicht gedacht, ich muss sie auf die stirn küssen, ich habe es getan, bevor der deckel auf die holzkiste gelegt und zugeschraubt wurde; das habe ich  genau gesehen, wie einer schrauben in den sargdeckel dreht. die stirn der leiche war sehr kalt. ich habe auch die kalten starren hände  berührt. ich weiss nicht, warum ich das getan habe.

freunde ich mich mit dem tod an?

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Karl Ballmer

ich meditiere die leere stelle, das nicht. das nicht mehr.

manchmal lenke ich mich ab, in der ablenkung taucht sie auf, in den intervallen, die notwendig entstehen, in filmen, die das leben preisen, denke ich an den tod. er taucht unversehens hinter einem baum auf, sitzt auf einer parkbank, ich meine nicht den knochenmann, nein, den nicht, ich sehe nur das ende.

manchmal denke ich, ich habe mich in eine böse geschichte verirrt. darin kommt der tod vor.

den tod gibt es wirklich. das sage ich mir nicht nur. ich habe es gesehen. er tötet, dann liegt eine leiche da. das begreife ich gerade noch. es ist kein traum, sage ich mir. sie ist nicht entschlafen, fort gegangen, nein, sie ist tot und ich bin leer.

ich versuche über das weinen, das unhörbare schluchzen, das heimliche wegwischen von nicht geweinten tränen hinaus zu kommen.

warum willst du das, frage ich mich. sie würde fragen, bei wem hast du das gelesen. es ist doch eine gute frage, antworte ich. ich habe noch nicht begonnen laut mit mir, mit ihr zu reden und selber die antworten zu sagen. aber es ist eine gute frage.

es ist nicht unser niveau, sage ich. es ist nicht das niveau des todes, deines todes. soweit ich das erleben konnte, war es nicht der tod, sondern wenigstens anfänglich deiner, er kam für dich. er war grösser als alles, er war dir über und kämpfen war zwecklos.

ich will über das weinen hinaus, das mich an der ecke, neben der litfasssäule an der kirche, kurz vor dem überqueren der strasse erwischt, ohne mein zutun, ich habe ein plakat betrachtet und das rot, das gelb, die welle, die melodie des wellenstrichs hat mich erschüttert, ich weiss nicht wie. nicht, weil es mir peinlich wäre, mitten im überqueren in tränen auszubrechen, aber ihr sterben war grösser, schuf etwas, das ich nun meditiere jeden tag, das nicht, die leere stelle, die stille dort und hier, die stille selbst im strassenrauschen unter dem fenster, sogar im aufheulen des maseratti motors unten am garagentor, sogar darin, das nicht.