eine tödliche geschichte

lichen art I

der erste gedanke heute morgen: seinen arsch retten und in einem sicherheitsgefängnis leben, nein und nochmal nein. das wäre totsein schon zu lebzeiten, jedenfalls kein leben. und gerade, wenn man älter ist (übrigens eine schöne umkreisung der tatsache, dass man in einigen monaten einundsiebzig wird und sage nun niemand, das ist doch noch kein alter, ich kriege dann den rappel und werde ausfallend), lebt man in der zone, riskiert, über den rand zu kippen, man weiss nicht wann. es geht auf den ausgang zu.

jedenfalls schärft sich das bewusstsein dafür.

irgendwann macht man platz.

lichen art II

aber lebt man auch so, die zweite frage heute morgen. oder wurschtelt man nur rum. das sowieso. verplempert seine zeit. hängt in der morgensonne und will gar nicht mehr weg, lauscht, schaut und riecht. auferstehung gerade, dieses wunderliche unverwechselbare frühlingsgrün, blühen und verblühen nebeneinander, tod und leben auf einem haufen und der geschmack des dritten expressos auf der zunge und ein paar rebellische gedanken über die abwägung der güter, sicherheit first und also noch schärfere kontrollen (gemischt mit denunziation, blockwart und konsorten) versus freiheit, berührung ohne handschuhe und maske vor der ängstlichen schnauze, leben halt und das ist ohne risiko uninteressant und ohne ende unerträglich.

im gefängnis träumt man von ausbruch und tags bereitet man ihn vor.

so auch jetzt.

gedankengefängnisse.

jemand sagt laut: corona hysterie.

lichen art III

zwangsvorstellungen als folge längerer isolationshaft. (dazu radiodudeln, wir machen das beste draus, kochrezepte als frohbotschaft, fröhliche eiersuche unterm sofa, wir sind für sie da)

das nächste mal komme ich als wind, sage ich mir, der fegt mauern weg, reisst bornierte vorstellungen ein, bläst der dumpfheit das licht aus.

kein kaserniertes leben bitte.

das, was jetzt geschieht, angeordnet ist, eingehalten wird, ist, neben all dem guten grund (ich weiss, ich weiss), auch ein grosses experiment.

fast klang gestern das frauenlachen (soutenu!) wie ein signal. des aufstands? ist lachen noch erlaubt?

man trägt angst und furcht. halblang.

lichen art IV

wie fühlen wir uns heute? (der innere shrink, die stimme gewohnheitsmässig, neutral, eigentlich ist es dem wurscht, die seelentemperatur bitte, ich halte mein ohr hin, ein huster im garten als protest)

grantig!

schon die blosse vorstellung der bewegungsunfreiheit könnte einen, wenn nachdrücklich ausgedacht in alle facetten hinein, zur weissglut treiben.

deshalb: tief durchatmen, sitzen, aufstehen, gehen, schauen, hören, riechen, berühren, elementares, wer sind Sie? fragte mich das jemand, würde ich wahrheitsgemaäss sagen: ein gartenwahrnehmer, ein frauenlachenhörer, ein cafériecher, ein vogelzwitschern vernehmer, beim lesen bleibe ich an einem satz hängen und komme den ganzen tag nicht davon los. warum versuchen soviele mit den alten wortkombinationen das unerhört neue zu beschreiben? wollen sie es weg reden, wollen sie das unglaubliche camouflieren, parole, parole, normalisierungsgerede, schäfchen bleibt brav zuhause, schäfchen blökt, jaaaaa.

lichen art V

ich vertrage nur unernstes, spielerisch elegantes, spöttisches, „biesbies laachen aus“, ich bin gegen den krisentiefsinn, natürlich heule ich auch, schreie unhörbar, aber das geht niemand was an, ich lache, ich schmunzle, das leben ist ein böses spiel, ist ein schönes spiel, ich weiss, was schmerz ist, was verlust ist, ich vermisse Marie noch immer, keiner soll mir was über den tod erzählen, ich hasse diese ziffern, wieder 4 (vier) tote mehr, ich wüsste gern, wer das war, ich betrachte die bilder der verstorbenen in der zeitung, ich rufe ihnen „gute reise“ hinterher.

ein staat, der für seine armen massengräber schaufelt, ist ein unstaat, das denke ich, das sage ich, ich möchte, dass die toten ein gesicht haben, eine geschichte, tote sind keine zahlen, deshalb finde ich die aufzählerei obszön.

das leben ist eine tödliche geschichte, sage ich.

lichen art VI

und wenn ich diesen satz sage, das leben ist eine tödliche geschichte, dann sage ich auch, was machst du damit, jeden morgen sage ich das, jeden abend und jeden mittag, ununterbrochen sage ich das.

dieser satz müsste mich eigentlich leer räumen, müsste alles abräumen, tabula rasa.

jeden tag fange ich mit diesem satz an, ich hämmere ihn mir ein, als wolle ich ihn gar nicht glauben.

dann lasse ich ihn los…

lichen art VII

der kaffeesatz gibt auch nicht viel her

diese merkwürdige beklemmung, ist das etwa angst.

die geschichten von wildfremden rücken plötzlich sehr nah.

la boîte au confinement: tourner en rond. schwanken zwischen resignation und empörung. der „unmöglichen“ situation etwas positives abgewinnen: vögel identifizieren und benennen, deutsch, lëtzebuergesch, englisch und französisch, gimpel, star, fink, sturnus vulgaris, markollef, blaumeise, goldfinch, drossel, spatz (sehr variiert, die sorte) und pillo und wieder von vorn; gestern auf arte die frage, warum haben zebras und schmetterlinge ihre zeichnung oder wozu. die seltsamen fantastischen gebilde der natur.

wieso fällt mir Kapitän Haddock ein, donner des noms d’oiseaux à qu. („En langage familier, un nom d’oiseau (pluriel : noms d’oiseau ou noms d’oiseaux) est une insulteDonner des noms d’oiseau à quelqu’un est un euphémisme pour l’insulter, l’injurier ou même l‘outrager.). das ja, ganz gewiss das, aber wem oder was? viren scheinen mir nicht die rechten adressaten, wem oder was dann: dem kalt gewordenen expresso? dem unsichtbaren nachbarn? dem post boten heute früh? der mutter mit kind und kegel, die gerade vorbei zieht? der meist leeren strasse? allerdings gibt es eine richtige sauerei! die magnolienblüten haben die kälte nicht gut=heil überstanden.

irgenwen oder irgendwas muss es doch geben, der:die/das meinen unmut weckt, meine, mein,naja, was ist es denn nun genau: aufgebrachtsein?, leichter anflug von zorn, hinüber neigend zu einer art jammer?, selbstmitleid, ausgelegt über nackter angst?, und wenn es mir nun auch an den kragen geht? oder ist es einfach nur die art schwindel, wenn man in der ausnahmekiste, soviel meter mal soviel meter, im kreise dreht und der ideosynkrasien ansichtig wird, mein gott, mit was für einem kerl lebe ich nun schon sieben jahrzehnte zusammen? und die hände über dem kopf zusammen schlägt.

ich denke, man wird doch etwas seltsam, spricht morgens schon mit sich selber wie mit einem anderen, fremden, der einem leicht auf den wecker geht, so früh am tag die gar lästige präsenz, sofort manifest beim ersten blinzeln. man erinnert sich: gestern war der kerl total versackt, keine disziplin, an den übungen schon am dritten tag das interesse verloren, aber dann der schuldbewusste anfall vor dem spiegel, hat der speckansatz an den hüften nicht zugenommen und die ringe unter den augen von der schlaflosen nacht wegen dem expresso noch um halbsechs.

und kann der sich nicht gewichtigeres einfallen lassen. (und nebenbei: fast schon reflexhaft der neuesten coronanachricht den saft abgedreht).

und schliesslich die vorwürfe, die „das solltest du“, könntest du doch“ flankieren, eine tägliche gebetsschnur. (1) du könntest mal wieder was ordentliches lesen (2) regelmässig am hometrainer treten (3) meditieren (4) ein paar gedanken erwägen (4) früher aufstehen (5) die siesta etwas kürzen (der kerl verpennt den halben tag) (6) endlich staub saugen (7) weniger expresso trinken (8) schreiben, aber nicht diesen oberflächlichen mist (9) aufhören mit überholten vorstellungen und die neue lage verpassen, denn: die paradigmen des vorigen tages sind spätestens um die mittagszeit des heutigen outdated (10) demnach eine filosofie der disruption (bruch, störung, riss, diskontinuität, perturbation, distorsion, dérèglement, glitch) angebracht. hepp hepp: warum sitzt du noch immer auf deinem alten ausgeleierten standpunkt (11). du leidest nur deswegen, weil du dich an das alte paradigma klammerst (12) du wirst tatsächlich alt, schaff dir einen tretroller an oder rollschuhe (geistig, aber auch sonst) (13) auf das dérèglement folgen neue regeln,aber das heisst noch lange nicht, dass sie, weil nötig, auch „gut“ (i.e. unproblematisch) sind. (14) wo bleibt deine kritische einstellung? (16) mensch, reiss dich zusammen (17) lächeln!! ist das so schwer?! marmelade! mensch!! (18) wie Agamben zurecht sagt, die angst vor dem tod ist die geburtsmatrix der tyrannei (19) hast du gelesen? tatsächlich?! (20) siehst du! es geht also doch!

aufzählungen sind das gebot der stunde.

ich flöte auf einen geordneten tagesablauf, stelle aber zu meinem amüsement:entsetzen (mild) fest, dass sich doch eine art ordnung ergibt, sich installiert hat, hinter meinem rücken.

das positive an diesem unmöglichen: eindeutig die vogel namen, donner des noms d’oiseaux.

ich hole mir noch einen expresso.

der kirschbaum ist braunrosaschmutzig, das grün schreitet vor, erobert weitere flecken (konzession an das ambulante kriegsvokabular) der gärten rings.

ich habe meine vorstellungskraft zu sehr in die confinement kiste eingesperrt, als hätten mich alle guten=unbotmässigen geister verlassen.

im wald gestern ein paar leute, die das ausgehen zu einer art arbeit gemacht hatten, alles ein bischen angestrengt und sehr ernst. eine dreier formation tritt in zweimeterabständen an und das reden gerät so laut, als hätten sie gerade eine schweigekur absolviert.

die frage (an mich selber, aber auch die nachbarin hat schon skeptisch, stirnrunzelnd angefragt):

ist das noch regulär, ich meine, Ihre ausflüge, selbst flüchtige, kurze, heftige, sollten Sie nicht lieber doch zuhause, Sie sind doch risikogruppe …

ja, doch, sage ich dann, aber wir machen es quasi heimlich, völlig inkognito, namenlos und wie auf der flucht sozusagen und steigen auf bäume, wenn jemand vorbei kommt, wir geben allen gewächsen namen, siezen die sträucher, besonders die, die schon austreiben, und loben ihr frühlingsgrün über den grünen klee und zählen die anemonen. wenn jemand im wald laut redet, machen wir umwege durchs gestrüpp oder schauen beleidigt drein. den vögeln, den singenden und den klopfenden (spechten) schicken wir besonderes hallihallo.

manchmal sagen wir laut und unvermittelt: scheissvirus!

oder wir lachen ohne grund.

nachts fliegen wir über das stille land.

träumen irreguläres, steigen über zäune und schauen in fenster:

was treibt der nachbar.

buchstabieren den unterschied zwischen wollen, dürfen und müssen.

sagen laut und deutlich: scheiss neue regeln.

aber dann halten wir uns dran.

lesen aus den wolkenformationen die zukunft, mehr als sumpfige orkalsprüche sind nicht drin.

der kaffeesatz gibt auch nicht viel her.

das ist doch von…?

zur besinnung: Agamben (wie schon gesagt) und Eisensteins essay über uns und die pandemie.

das kann ja noch lustig werden.

man weiss nicht so recht

“beginne zu schreiben“, sagt das programm und ich tu’s, ganz gehorsam. nur bedeutendes?

dabei bin ich eher verwirrt oder zerstreut in alle himmelsgegenden sozusagen und meine metaphorischen ausfälle sind auffällig schief.

dabei ist der garten völlig in ordnung und die gärtnerin am werk, am nistkasten rege tätigkeit und am futterplatz ebenso, blaumeisen, gimpel, amseln und stare, einmal ein eichelhäher und elstern, natürlich elstern, frech und unverschämt wie sonst auch.

und die farben stimmen, das gelbliche frühlingsgrün, rosa und weiss und gelb und die drei birken windbewegt und fein ziseliert verwuselt die gemeinsame krone.

schnelle lektüren über die wirtschaft, ausblicke, worst case szenarien und prophezeiungen oder eher: hoffnungen (vernunft gestützte), das ende des neoliberalen und eine solidarischere zukunft?

eine schwarze katze streicht durch den garten.

man weiss nicht so recht, wie man sich fühlt. aber die frage, wer wird die rechnung begleichen, geht nicht aus dem kopf.

was für reserven hat man? welche kräfte schlummern noch, unentdeckt?

ich schaue dem garten zu, wie unter dem changierenden licht die farben sich mit verändern, wie die kirschbaumblüten blasser werden, die büsche grüner, das gelbgrün, das mich am frühling enzückt, und das sanfte wiegen der birkenästchen im wind. der dunkle waldrand steht still und darüber das licht, blassrosa.

was tut man den ganzen tag?

ich habe seit tagen keine musik gehört, begnüge mich mit den einfachen geräuschen, stimmen von fern, vogelzwitschern, das rascheln der blätter unter den füssen, ein rauschen weit weg, ein verlorenes auto, elsterkeckern. vom radio halte ich mich fern.

ich müsste wieder was lesen, das denke ich flüchtig, wenn ich an büchern vorbe igeh, aber das war es dann auch schon wieder. ich bekomme beim lesen angst, ich könnte was verpassen. nur was ich verpassen könnte, bleibt im dunkeln.

vielleicht liegt es daran, dass sie „vorher“ geschrieben wurden, meine bedenken, sie könnten den jetzigen zustand nicht erfassen, aber genau danach suche ich, nach ein paar sätzen, die adäquat schildern, was wir nun erleben.

denn, ganz unerklärlich, gibt es aufeinmal ein wir.

ich vermute, dass ich so angestrengt horche ( ertappe ich mich immer wieder dabei), weil die meisten gewohnten geräusche weg sind, und ihre abwesenheit erinnert jeden augenblick an die ausnahme, die nun normal wird und es doch nicht ist. und nie wird.

mir fallen die scifi geschichten von Doris Lessing ein. sie sind mir genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, als die von Asimov. ihr leitfaden ist die ausnahme.

in meinem fensterausschnitt gegen achzehn uhr eine letzte strahlende beleuchtung , eine häuserfassade glänzt, die birken erstrahlen, das rauschen der fontäne im nahen park, moduliert vom wind, der garten verzaubert im abendlicht. je me rince les yeux.

es passiert sonst nichts, im haus ist es still, und nun: meine aufgeregtheit. als sei eine tiefere schicht freigelegt worden. mir wird klar, sie war schon die ganze zeit da, als eine nagende, lästige präsenz. eine unruhe unter allem, immer am rande. immer dabei.

und es liegt nicht daran, dass ich alleinsein nicht vertrage.

der beobachterposten ist in den tagen nicht sehr bequem. sich selber zuschaun, wie man doch etwas verstört herum sitzt und geht, wie man sich keinen rechten reim machen kann auf nichts, wie man die feinen veränderungen in den sozialen medien, die leichten stimmungsverschiebungen in radio und fernsehn etwas besorgt registriert, ein deutliches beben überall. aber man kann sich nicht heraus ziehn und die öffentlichen versicherungen und erklärungen haben nur eine sehr schwache beruhigende wirkung. man ist hellhöriger als vorher, lauscht auf zwischentöne, bemerkt selbst kleine wechsel in mimik und gestik, auch misstrauischer ist man, reicht die eigene urteilskraft aus für den fall, hält die vernunft. ist das, was wir tun, konsistent.

manchmal vergisst man sich ganz.

könnte ich was tun, sagt man sich, ausser nichts zu tun oder alles zu unterlassen, was ja auch schon was ist, dann wäre es einfacher. aber wäre es das.

bei einem kurzen spaziergang der gedanke urplötzlich: liegt es nicht nahe, dass die stimmung kippt und sich irgendwann gegen die alten richtet. dass man sagt oder denkt (zuerst und zuerst klammheimlich), dann gäbe es einen risiko- und kostenfaktor weniger (langfristig). so war doch das eingefahrene denken noch gestern, die kostenfrage als lebens leitlinie.

es gibt überlegungen zu pandemien, die sind nur kaltschnäuzig und zynisch.

ich traue dem frieden nicht, das ist es. (ich meine das global und integral, bis zum beweis des gegenteils). natürlich: es gibt optimistischere stunden, aber dann sage ich mir auch, ungeschoren werden wir hier nicht hinaus kommen.

während die beleuchtung draussen ins eindeutige rosa zielt und die birken sich orange färben.

vor zwei tagen bin ich achtfacher grossvater geworden, kind und eltern sind wohlauf. mein eindruck davon ist rein virtuell, wie ich auch meine enkelkinder überhaupt vermisse. ich überlege, wie wir eine unsinns videokonferenz veranstalten könnten. ich lasse mir ungefährlichen (andere nicht gefährdenden) unsinn nicht ausreden.

man verlegt sich auf schwarzen humor. das ist die art, die noch funktioniert, auch wenn es schlimmer kommt.

ich wünsche mir eine zeit, in der es möglich ist, in frieden alt zu werden, vielleicht, als luxuriöse zugabe, eine zeit, in der altsein nicht bloss nur noch ein kostenfaktor ist.

denn: entschlossenes träumen ist doch wohl noch erlaubt.

über dem waldstreifen steht ein rosa licht, der garten hüllt sich in schweigen.

im risiko ein weiteres risiko

die suche nach einem einstieg in sowas wie ein tagebuch, tägliche befindlichkeit, aber dann die frage, was soll das.

gefühlslage schwankend. wie die zahlen. heute morgen.

ich habe kurz nach dem aufstehn einen bericht über die lage in Bergamo gelesen.

irritierend das gewoge von meinungen, statements und „es fehlt an evidenz“. der zusammenhang von ökologischer verheerung und viralen überfällen.

mir geht die wortmunition aus, was bleibt noch zu sagen: ich sage mir, bleib zuhause. schreiben als tägliche (meditative) übung.

musik hören: ebenfalls. lesen. reden.

die explosive kraft des japanischen kirschbaums: rosarote tupfer in der leichten brise am morgen. ein autogeräusch als störung. taubengurren. de poufank schléit.

die stunde der wichtigtuer geht zu ende.

der ton der debatten verschiebt sich, ins leichter irritabile, ja, aggressive und bei andern verflattert das denken, verliert seine konturen, franst aus, war noch nie fest und klar, das zeigt sich jetzt.

dass eine art kritischen misstrauens noch immer und gerade jetzt angebracht ist, aber dass der mangel an evidenz  manche in denksümpfe (ver)führt.

es gibt rätsel. ungeklärtes. punkt.

hofft man vergeblich, dass nun das grosse nach – denken erfolgt, das epimetheische „besser spät als nie“?

ist kritik noch erlaubt? ist die zeit der kopfnicker gekommen? darf man jetzt nur noch zustimmen?

ich kriege den aktuellen zustand am besten zu fassen, wenn in filmen oder reklamen leute sich umarmen, hände geschüttelt und waren angepriesen werden, darunter reisen, autofahrten und geräte, deren zweck einem zunehmend rätselhaft vorkommt.

es ist nicht ganz still, aber die technischen geräusche stechen auffallend heraus.

das café trinken als fast einzige überlebende gewohnheit.

ich verordne mir nur noch eine liveticker séance pro tag.

(gestern daran gehangen wie am tropf, zahlen als offenbarung wovon, die botschaft klingt orakelhaft. der experte sagt, es sind fünfmal mehr, aber wieviele es sind, das weiss er nicht, es könnten mehr sein, sagt er. hoffentlich nicht. sagt er. sagt der andere experte auch. sage ich.)

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ich stelle bei mir mehr gemeinsinn und mehr egoismus fest, als ich vermutet habe.

kann man zugleich dinge tun wegen sich  und den andern?

aus einsicht?

ich entdecke in meiner fürsorglichkeit mein bedürfnis fürsorglich zu sein.

ich gebe zu, es ist egoistisch.

es  tut gut, sich um jemand zu sorgen.

heute morgen die leerstelle gefühlt: mein zynismus ist abgereist.

ich habe meine tote vor mehreren tagen um rat gebeten, ich habe den zweifel herzlich eingeladen, ich habe nach kräftiger erschütterung meiner entscheidungsfestigkeit gerufen, ich habe im traum darauf gewartet, ich war auf alles gefasst, zum beispiel auf  eine längere klausur, klosterhaftes allein. aber morgens war der willen unerschüttert

der schub einer festen entscheidung.

schon ein paar tage vor dem ausnahmezustand höre ich mich sagen,  wenn es soweit ist, ziehst du zu mir oder ich zu dir.

danach kamen die zweifel. danach die entscheidung.

das erleben von unausweichlichkeit. wie ein ruck. erkenntnisklarheit. deutliches denken. fester boden unter den füssen.

ich bin (vorläufig, aber was heisst heute schon vorläufig) umgezogen und schaue gerade auf gärten, bäume und fernere häusersilhouetten, dahinter eine dunkle waldlinie, die sonne scheint, unten im haus vertraute schritte, alltagsgeräusche. ein deutlicher bezug.

was schön ist, ich weiss nicht, was daraus wird.

im risiko ein weiteres risiko: eine neue lebensform.

 

 

 

 

das bekannte ganz fremd

 

DIE STILLE.

man horcht schon etwas misstrauisch.

aus den gärten hinter dem haus kinderlachen und -geschrei.

risikogruppenfeeling.

in den tag hinein leben, der eindruck, die alltagsstruktur sei weggebrochen, aber gab es sie überhaupt.

gestern morgen ein erster claustrophobischer anfall: ganz zuhause bleiben?

dann entspannung, die enge macht hysterisch, lass es, sag ich mir.

natürlich vermisse ich meine enkelkinder, die kleinen anarchisten.

die autogeräusche kommen einem gedämpft vor, wie sehr weit weg.

der frühling ist ausgebrochen, fast unbemerkt.

ich habe keine regale geplündert, aber meine ansteigende hysterie: wie gefangen in einer art wachalptraum: amüsiert mich gar nicht. ich mache zur kompensation zynische witze, rege mich auf, sind die über 70jährigen nun abgeschrieben.

die pressekonferenz von regierungschef und gesundheitsministerin: die frau hat format, jedenfalls nach der art zu urteilen, wie sie redet.

natürlich denkt man jetzt öfter an den tod. aber: hatte man ein leben, ich meine, ein konsistentes, ou bien, est-on bourré de regrets, alles, was man hätte tun wollen, jedoch nicht getan hat. „hätten an haten, waren zwou aarmer stadten.“

wie schnell ein leben kippen kann, hat man (ich) gewusst, erlebt, es haut einen um, wie alles aufeinmal nur noch duster ist. aber eine ganzes gesellschaftliches gefüge in einer akuten krise wie dieser, wie geht das weiter: ist neugierde noch eine erlaubte einstellung.

dann denkt man an die verletzlichkeit der globalisierten struktur.

die ersten stimmen, was man daraus zu lernen hätte. warnungen vor dem (wirtschaftlichen) kollaps.

wie resistent:resilient ist eine moderne gesellschaft.

in die stille hinein auch viel gerede. klugscheisser geschwätz.

agaçant.

die hysterie der permanent aktualisierten fakten, heute sind es …

ich sehne mich nach dem meer, der weite des horizonts. dem changierenden blau. kiesel unter den füssen.

oder doch lieber waldeinsamkeit? eremitenallüren. bedächtiges, nur noch hören und riechen, waldboden, frühlingssonne auf kahlen ästen, fallholz, abseits von den pfaden an einem hang, zwischen schwarzen stämmen das gleissende licht des flüsschens, moosiges wurzelgeflecht, blätterrascheln, erstes zartes grün, knospiges.

seltsamer optimismus: man hatte ein leben und was für eines, kräftig durchmischt, nun: jeder tag eine gnädige zugabe. resignation und aufbegehren. fuck it allüren.

hinein horchen in die stille: wie geht es den andern.

und wie ist es um das seelische immunsystem bestellt: was bewirkt die erfahrung, dass ein angeblich stabiles system von einem tag auf den andern in die ungewissheit kippt. lebensangst, weil die dinge nicht so sind, wie man angenommen hat? heilung von einer illusion oder angstneurose? panikattacken?

beruhigendes kindergeschrei aus den gärten. über allem ein helikopter. vogelgezwitscher. sonne im hinterhof.

was lerne ich gerade über mich?

ich hole noch einen café.

fatalismus und lebenslust. gesteigerte wahrnehmung: alles farbiger, intensiver. wie schön die stimmen aus der nachbarschaft. seltsames gefühl des verbundenseins.

die sonne auf den fassaden gegenüber: wie gemalt, wie aus einem traum. das bekannte ganz fremd.

 

die gegensätze sind vorbei?

„wer ohne fehl ist, der werfe den ersten stein.“ man kennt den satz.

dessen eingedenk, dass ich nicht „ohne fehl“ bin, muss ich mich doch ein wenig aus dem fenster hängen.

vielleicht hat es mit dem regen zu tun oder mit dem zuhören, dem längeren zuhören, wenn frauenstimmen sehr laut werden, ja, zornig, ja, wütend, wie kürzlich. das sind noch immer jahrtausendstimmen, die von einer geschichte reden, die weder glorreich ist noch lustig.

beim zuhören, beim genauen längeren hinhören höre ich dieses uralte immer noch mit. es ist nicht einfach weg, es ist nicht einfach eingesargt in etwas, das man „geschichte“ nennt, es ist nicht vorbei und erledigt und dokument für die historischen spezialisten. ich kann beim besten willen „geschichte“ so nicht  lesen, sie ist immer noch im gleichen raum, sie ist nicht weg, weil etikettiert  „vergangen“: damals wurden die frauen …, aber heute …

das höre ich jetzt aus den lauten, ja frechen, ja unverschämten (endlich keine scham mehr) stimmen heraus, aus den lauten, schrillen und zornigen stimmen und es geht noch weiter, es ist nicht vom tisch.

ich habe keinen kommentar dazu auf vorrat, ich sage bloss, dass ich es höre.

ich muss mir nicht sagen, jetzt hälst du besser die klappe, jetzt bist du still und hörst zu. das hinhören, das genaue, ja, leicht aufgeschreckte hinhören geht von selber.

was ich höre, redet von mir, auch von mir. niemand sagt, du bist aus dem schneider. aber das hinhören kann ich nicht lassen. und hinhören genügt nicht nur in diesem fall völlig, ich muss mir nichts ausdenken, muss mich nicht fragen, was ficht die denn an.

ich halte die klappe, ich bin kein versteher. ich begönnere nicht gern. es ist aufrüttelnd genug. ich muss dem gehörten nichts hinzu fügen. ich muss nicht sagen, es passt mir, es passt mir nicht. es ist nicht immer angenehm.

warum ich dann doch was sage?

wegen der  warnrufe, wegen dem aufruf zur „mässigung“, weil die „gemässigten“ verschreckt würden, weil das schreien zu laut sei und die parolen zu radikal, weil man doch geglaubt habe, die gegensätze seien nun vorbei, weil man doch jetzt gleich sei und alles eins. weil man nicht verstehe, dass jetzt wieder gegensätze „aufgebaut“ würden, weil jetzt begonnen würde, die männer zu diskriminieren,

weil man doch bitte trennen solle zwischen werk und autor und mensch, weil Heidegger eben ein grosser filosof sei und „die schwarzen hefte“…, nun ja, „die schwarzen hefte“ und Céline eben ein grosser romanschreiber und sein virulenter antisemitismus…, nun ja, was ist damit, was sagen wir dazu. der künstler als „privatmann“?

es gibt auch frauen, die das sagen.

es gibt aber auch frauen, die dann den raum verlassen. denen danach gesagt wird, ihre karriere sei nun beendet.

sie sollen nicht so laut schreien, sie seien zu radikal, wird ihnen gesagt, das verschrecke die „gemässigten“.

ich kann mich persönlich an zeiten erinnern, in denen man den satz schon gehört hat.

vielleicht ist nun doch der moment gekommen, in der man nicht mehr nach mässigung ruft, sondern nur noch zuhört, einfach aufmerksam hinhört und das gehörte meditiert, überhaupt zuhören als meditation. bis der groschen fällt, das lichtlein aufgeht, das brett sich löst.

ich rede von mir.

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Marie de Bourgogne ou la la fragilité des jours von Marie-Françoise Barbot

 

 

 

 

 

 

 

streifzüge

mit grossem genuss drei sachen gelesen, das neue buch von Handke (auf einem seltsamen rachefeldzug), Karl-Heinz Ott über „Hölderlins Geister“, zeitgenossen, geistesverwandte, solche, die das auch fälschlicherweise annahmen, seltsame nachbarschaften (vereinnahmung von rechts), eine reiseflucht von aperçus, amüsant und ironisch (ich kann Ott nicht überall hin folgen) und nicht zuletzt Andreas Rumlers buch über Brecht und Feuchtwanger im Exil („Brecht“: der name einer literarischen produktionswerkstatt mit vielen beteiligten).

da ich keinem zeitrahmen folgen muss,  führt die lektüre in die nächte hinein, bis es nicht mehr geht. bewegte träume daraufhin, meine geschichte in fremdem gewand, lektürennachhall.

gestern in der sonne hinunter ins zentrum durch die parks der stadt und von dort unter der brücke ins baustellenviertel, ein wenig wind hatte die strassen geleert, aber es war nur halb so wild. nach dem café an meinem lieblingsort in der kleinen seitenstrasse dann hinaus in den regenbeginn und von dort eiligen schrittes, aber doch nicht panisch, es war schon kein nieseln mehr, in die neuen läden am boulevard über vier stockwerke, zum einkauf eines regenschirms, sturmsicher, sagte mir die verkäuferin, und nun voller erwartung in den kräftigen regen mit sturmböen an den kreuzungen, am glacis musste ich definitiv den schirm einklappen, der wind riss ihn weg und nun gemessenen schrittes (im regen, mittel bis stark) den weg hoch nachhause, bis die einkaufstüten aufgeweicht waren und ich den inhalt vom gehweg aufklauben musste.

bei solchen gelegenheiten stelle ich fest, dass ich ein alt gewordenes kind bin, es freute mich, als ich den schirm in sicherheit bringen musste, nun stand fest, ich würde richtig schön nass werden und als der regen mir heftig ins gesicht fuhr und die hose durchnässt war, musste ich lachen, herzhaft lachen. es war unwiderstehlich. so wie jüngst, als es schneite und ich den gehsteig räumte.  es begann als gluckerndes lachen im bauch, dann stieg es hoch und ich lachte, dass es mir fast das gesicht zerriss, reine freude über den schnee, nach dem ich mich gesehnt hatte. 

erinnerung an eine rätselhafte frau, im traum, ist es ein traum, gehen wir durch eine unbekannte landschaft und reden, so sehe ich uns.

beim flanieren durch die stadt die freude an allem gesehenen, am schauen selber, am gehen, an allen begegnungen, an allen gesichtern.

baustellenverfremdungseffekt.

die stadt wirkte fast unbekannt, neue wege ergeben nicht gekannte perspektiven und verwunderung, war ich schon mal hier, so, auf die weise.

wenn jemand in einem buch das leidlich bekannte nicht unter einem mir noch  fremden blickwinkel zeigt, dann klappe ich das buch zu. das geistige als landschaft, in die man hinein geht und überm gehen weitet sie sich. manchmal auch wie bei der lektüre von Ott, ein weiter heller  flur mit fast unendlich viel türen und an jeder eine freudige spannung, was befindet sich dahinter.

in der zeitung das interview mit Myriam Leroy („Les yeux rouges“) und dort die versicherung, sie komme seit einem jahr ganz gut ohne die sozialen netzwerke aus. klingt doch hoffnungsvoll oder?

was ist melancholie

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und dann beginnen wir von neuem. fangen den tag an, als ob nichts wäre, lesen nachrichten und tun so, als erschräken wir nicht, trinken kaffee und denken nicht an die, die ihn angepflanzt haben, wir gehen die strasse entlang und haben alle vergessen, die diese häuser einst bauten. leute gehn mit hunden vorbei, manchmal bücken sie sich, kramen in plastiktüten,  katzen streunen herum, an einer ecke  der stadt sitzt einer, sitzt eine und bettelt und der himmel ist grau, in der nacht hat es geregnet, oder die sonne scheint und manchmal fahren autos vorbei, das ist schon verwunderlich, aber es ist sonntag. und überall diese seltsame ruhe vor dem montagssturm.

ich finde das alles nicht selbstverständlich, nicht einmal alltäglich, sowieso halte ich es nicht für normal, was ist normal, frage ich, was ist selbstverständlich.

wenn ich mit anderen menschen bin, dann spüre ich die fremdheit ihres lebens, sie sprechen, sie bewegen sich, sie gestikulieren und was sie sagen und wie sie sich geben, deutet darauf hin, dass sie jüngst, ich meine in den letzten jahren, vielleicht dem letzten jahrzehnt, keine unterbrechung erlebt haben, kein aus ihrem gewohnten hinaus gesetzt werden, kein hinaus geworfen werden, sondern einen kontinuierlichen fluss.

ich spüre es an dem gefühl, das in ihren wörtern und sätzen steckt, in ihrer art zu sitzen, in ihren erzählungen; es ist ihr gefühl, das anders ist, ihr optimismus, ihr impetus, ihr antrieb.

und was haben sie für pläne? habe ich pläne? wenn es einen unterschied gibt, ich meine einen unterschied von bedeutung, dann mache ich ihn fest an diesem unterschied, einem unterschied, den ich als welt erlebe, dort draussen, bei den andern, die, offensichtlich, das spüre ich, denn es trifft mich, eine andere welt bewohnen, eine welt des ohne wesentliche unterbrechung fortlaufenden lebens, von gewohnheiten, fest installierten, und einer bestimmten art zu plaudern, einer art zu lachen, zu lächeln, geschichten zu erzählen, geschichten ihres anderen lebens, die alle, aber auch alle darauf hinaus laufen, dass keiner von den redenden, gestikulierenden, lachenden und lächelnden, niemand von den geschichten erzählern aus seiner welt der selbstverständlichkeiten hinaus befördert wurde. gegen seinen willen meine ich, ungefragt meine ich, gewaltsam also und unter protest. manchmal verstehe ich alles, was sie sagen und doch verstehe ich gar nichts. denn ich fühle mich, gegen meinen willen, ausgeschlossen. und ich weiss sehr genau, dass keiner von den anwesenden mich ausschliessen will, im gegenteil und ihre freundlichkeit ist ohne gleichen.

nie spüre ich dermassen, dass ich in einer anderen welt gelandet bin, als wenn ich mit menschen zusammen bin, die auf eine kontinuität ihres lebens setzen können.

Edvard_Munch_-_Melancholy_(1893)

ich habe nämlich keine pläne, ich beginne so langsam mich in einer neuen welt zu orientieren, in die ich gegen meinen willen geraten bin, ich habe kaum orientierungspunkte, ich bin desorientiert, ich schwanke, ich zögere, ich lebe für den tag, in den tag hinein, hinter mir klafft ein abgrund, ich kann nicht zurück, ich kann nur nach vorne, hinter mir ist dunkelheit und oft erblicke ich vor mir ein zwielicht. es ist das zwielicht eines gloomy jahrhunderts, erfüllt von tausend und abertausend schreien und stimmen, manchmal will ich nur noch weg, manchmal bin ich nur fremd in dem fremden, manchmal will ich nichts hören, nichts sehen, nichts spüren, manchmal scheint die sonne, manchmal leuchtet das wintergrün unter den bäumen.

wenn man mich fragte, wer bist du, was das gleiche wäre, wo bist du, dann würde ich von einem ort reden, der verlust heisst, von einem schwarzen loch, das ein leben, das meine pläne verschluckt hat, ich erinnere mich noch an das gefühl dieser pläne, an das, was ich tun wollte, an das gefühl freudiger erwartung, an die neugier, was noch kommt, an die bereitschaft, vor allem das, ich war bereit, mich einzulassen, mich zu stellen.

aber es ist nur eine erinnerung und die verschwimmt zusehends.

wenn die frage gestellt ist, und was haben sie für pläne, nicht erst dann habe ich die gesellschaft schon verlassen, ich meine, alles lief schon von beginn an auf diese frage zu, was haben sie für pläne, bei allem was gesagt und erzählt wurde, waren die plâne anwesend, alles, was schon getan war und alles, was noch getan werden würde und ich sitze noch da, nicke, sage auch einige sätze, sage, ich habe keine pläne, da bin ich schon um die nächste ecke, während ich noch da sitze und gleichzeitig ist schon das meiste von mir hinaus und alleine in der kalten luft und immer weiter weg, während ich noch, etwas verloren, so tue, als sei alles normal. alles wie üblich und alles geht weiter, wie normal, mit diesem anschein.

manchmal habe ich den eindruck, morgens beim erwachen, ich fange bei null an, jeden tag fange ich wieder bei null an.

man könnte auch sagen, objektiv gesprochen meine ich, mit einem gewissen neutralen abstand betrachtet, seelisch hängt der ja in der luft, der verspürt das altvertraute gefühl einer kontinuität nicht mehr, der hat sich  verloren in einem niemand- und nirgendsland.

man könnte auch sagen, es ist eine reduktion, ich sitze da und spüre wie ich in eine tiefe gerate, eine schwere eines innen, das mich stumm macht, in einem stillen zimmer allein. dieses zimmer ist gefüllt mit abwesenheit. weil man das halt so tut, gehe ich hinaus, gehe ich in den wald, gehe ich zum bäcker, in den laden gehe ich, zum café trinken gehe ich, manchmal stehe ich auf und gehe in die stadt, betrete läden, befühle stoffe, blättere in büchern, sitze am fenster eines cafés und sehe hinaus, sehe den passanten zu, schaue auf hosen, auf jacken, denke, der hat einen guten geschmack, hat keinen, hat einen seltsamen.

ich gebe meinem zustand einen namen, nenne ihn exterritorial, nenne ihn neue welt, nenne ihn melancholie, eine ganz andere, eine allumfassende.

du siehst so aus, als hätten die hühner dir das brot weggepickt, sage ich dann zu mir selber, du siehst bei den andern alles, was du nicht mehr hast, sage ich dann zu mir. ist es neid, frage ich mich dann, und die antwort ist, nein, aber es ist etwas ganz fremdes, das mich entfernt, sofort bin ich tausend kilometer weit weg, in einem anderen land, dort scheinen andere sterne, dort sind die tränen getrocknet, dort sitze ich mit meiner melancholie.

ich vermisse keineswegs die intensität, es ist die gleiche wie vorher, jedenfalls ist es eine verwandte, nur hat sie sich umgesetzt in eine neue verlust melancholie, eine abwesenheits melancholie, eine das ganze vorherige leben ist weg melancholie.  wir

Accademia_-_La_Meditazione_by_Domenico_Fetti_1618

leben in der gleichen umgebung, denke ich dann, erlebe ich dann,  und doch in ganz verschiedenen ländern des lebensgefühls. bei jedem gesagten satz wird das deutlich, beijedem nicken und lachen und lächeln, die kommen aus einem ganz fremden land, denke ich dann, fühle ich dann und dort kann ich nicht hin. selbst wenn ich wollte.

das ist kein gefühl, das man liebt, so auf anhieb und nimmt es mit, gerne nimmt man es nicht mit und wenn man läuft, es ist immer schon da, wenn man das ziel erreicht.

haben sie pläne und welche, wenn sie welche haben. keine, bin ich versucht zu sagen, es sei denn … aber das ist kein plan, das ergibt sich, das hat sich ergeben, nun ist es so, dass  ich mit ihr sitze,  mit ihr gehe und  stehe, mit meiner melancholie und sie ist tief,  unergündlich, meine melancholie.