um weiter zu kommen, zurück rudern

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Keine Nachrichten, stattdessen Regen heute früh, während ich da sitze und an nichts besonderes denke. ich denke gar nichts, bin ganz für mich und der Regen hüllt mich ein, sofort das Gefühl, ich bin zuhause, das setzt im Regen sofort ein, dieses heimische Gefühl.

Während noch niemand unterwegs ist.

Und während ich dort sitze, es regnet und der Wind fegt ums Dach, in Wellen, in Anläufen, die verebben, und der Dachstuhl ächzt manchmal leicht, ein Sausen, das ist wie eine sanfte Berührung, taucht von irgendwoher die Frage auf, was ist Ihre Gestalt nun für mich, und damit ist keine Erinnerung gemeint, kein Körper, der sich, wie auch immer, aber elegant drapiert, durch die Welt bewegt und so ihr Denken, ihre Worte, eigenartig fest und rund, nein, ich meine Ihre geistige Form (das müsste präzisiert werden, was das ist), in mir, wo sonst (darüber werde ich keine Auskunft geben, das tue ich allerhöchstens im Gespräch, wenn es sich verlohnt, wenn da ein Gehör ist), jetzt, ihre geistige Form aktuell in mir.

meine Traumbilder deuten auf etwas hin, mehr nicht, sie sprechen es nicht aus, sie geben eine Richtung an. Unter geistiger Form verstehe ich in diesem konkreten Fall auch eine gefühlte Form, nicht etwa ein irgendwo schwebender, abgehobener Gedanke an sie.

Und zwar erscheint diese Form, wenn ich absehe von meiner Sehnsucht nach ihrer körperlichen, sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung. Dies Schmerzliche kann ich nicht beiseite schieben, aber ich kann es an seinem Ort lassen, es muss nicht den ganzen Raum einnehmen. Wie ich auch dieses Andere an seinem Ort lassen muss, das ich nenne: ich bin nicht drüber weg (muss es nicht, will es auch nicht, über den vergeblichen versuch bin ich hinweg, es geht einfach nicht, für mich geht es nicht).

Immerhin überwältigt mich beides nicht mehr, im Sinne von, es streckt mich nicht mehr ganz nieder, immerhin hebe ich nun gelegentlich den Kopf, richte mich auf und gehe. Ich mache die Erfahrung, ich kann mit dem Schmerz leben, ich muss mir das nicht mehr jede Stunde sagen.

Die Konturen Ihrer geistigen Form sind Schmerz, das kriege ich nicht weg, ich kann es bloss ertragen (und mir scheint das eine Aufgabe wie eine andere, ich liebe Futilitäten, aber alles zu seiner Zeit und ich habe, wenn ich mein Alter betrachte, nicht mehr unendlich viel Zeit, wie das ehemals gelegentlich schien).

Und nun das Erleben, Sie ist viel weiter und tiefer, viel mehr in sich ruhend, als ich das je gedacht. es ist, so seltsam mir das auch vorkommt, ein glückliches Lachen dabei, Sie ist beschwingt, ja, ich könnte sagen, Sie tanzt, Sie ist zugewandt in einer Art, die ich erst ausmachen muss, und deshalb scheint sie oft abgewandt, ganz beschäftigt mit etwas anderem und anderen. Während alles herum abgeschattet ist, dominiert in der Form ein strahlendes Weiss oder sagen wir genauer, ein Leuchten, ein reines fühle ich mich genötigt hinzu zu setzen.

Sie ist beredt, sie spricht, sie teilt mit, aber dazu bedarf es auf meiner Seite einer Vertiefung, zu der ich erst fähig werde, in diesem Prozess blitzt Deutliches auf.

Eine Ermahnung, selber deutlicher zu werden, eine Stärke auszubilden sozusagen als Wahrnehmungsorgan. Also keine gedankliche Sache, sondern eine gelebte, eine existentielle.

Deshalb nehme ich Synchronizitäten nicht leichtfertig hin, was voraussetzt, dass ich sie wahrnehme, Korrespondenzen, Aufforderungen, Anrufe und jedesmal eine Prüfung.

Ich besinne mich auf Essentielles. Ihre geistige Form meint demnach eine andere Form des Erlebens.

Es ist eine Frage der Produktivität, Liebe ist in meinen Augen eine Produktivkraft, ich kann mich dazu auf Brecht beziehen, muss es aber nicht, ich habe keine Vorbilder, wie ich mit dem Tod von Marie und nun mit einer Toten umgehen soll, es gibt keine allgemeinen Rezepte, es gibt nur den Einzelfall, gelegentlich treffe ich auf Ähnlichkeiten.

Wie kann etwas, das ein Verlust ist, eine Kraftquelle sein, Stärke produzieren und nicht hilfloses Verfliessen. Ganz gewiss nicht im sogenannten Drüber-weg-kommen und Sich-dem-Leben zuwenden, denn es geht nicht um Verdrängung..

Aber um aushalten lernen, was da ist, Schmerz also, Verlust, Entzug.

Um es bündig zu sagen, ich erlebe die geistige Gestalt als ein (gehalten werden), auch manchmal //angehalten//, also geradewegs //gestoppt werden//, und zwar im dialogischen Umgang mit dem Aussen, und hier insbesondere mit anderen Menschen, hier zeigt sich immer mehr als dann vordergründig gesagt wird oder es wird gar nichts gesagt und es zeigt sich auf einmal, schlagartig unumwunden eine Aufforderung, einen Schlenker zu machen, eine Kurve zu kratzen, die Kraft, die sich im Schmerz zeigt, zu bündeln, zu konzentrieren.

Was sich darin tut ist die schärfere Konturierung des Eigenen, also nicht immer wieder die Frage, wer bin ich,  sondern ich beantworte die Frage mit meinem Leben.

Das nenne ich das Wirken Ihrer geistigen Gestalt im Jetzt.

Dazu erscheint mir nun, in direkter Konsequenz, Facebook nicht mehr der geeignete Ort, um Beiträge anzukündigen.

Woran ich das merke? Ich hatte begonnen, genau das zu tun, auch und vor allem in nicht veröffentlichten Beiträgen, was ich sonst gerne anprangere, nämlich Aufgeschnapptes weiter zu tratschen, und mich bei meiner Unkenntnis ertappt. Selber, im Erleben einer Synchronizität.

Um weiter zu kommen: kräftig zurück rudern, so nennt man das wohl. (Link zu meinem letzten Beitrag)

Wer weiter lesen möchte, was ich schreibe, kann das auf meinem Blog tun, die Web Adresse steht auf meiner Facebook Seite.

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meine kenntnis des tibetischen buddhismus ist denkbar dürftig, um nicht zu sagen gar nicht vorhanden. trotzdem habe ich es gewagt, darüber einen blog eintrag zu schreiben und ein amalgam zu machen zwischen christkatholischer leibfeindlichkeit und einer asketischen richtung des tantrischen buddhismus, der auch der dalai lama angehört. dieser hat tatsächlich eine haarsträubende bemerkung zur homosexualität gemacht. aber die sachlage ist doch wesentlich komplexer, als ich das so nassforsch behauptet habe. die askese im tantrischen buddhismus hat doch ganz andere grundlagen.

ich bin in gewisser weise beschämt – von mir selber. wenige tage nach dem blogeintrag stosse ich auf einen vortrag u.a. über tantrischen buddhismus und hinduismus und stelle gleich meine abgrundtiefe unkenntnis fest. wie sagte ich doch in diesem inzwischen gelöschten eintrag, aufgeschnappt und nach geplappert und keine ahnung.ich habe mir deshalb eine kleine kur verordnet und zwar das Buch von

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österliche wand

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ein kleiner crash zu ostern, statt eiersuche im frühlingsgarten die einsammlung der bruchstücke und trümmer. jede ablenkung verschlimmert den absturz, wie kräftig sie auch sei. ich scheine mein leben nicht auf die reihe zu kriegen. wenn ich etwas unternehme, führt das mich weg von dem gerade angefangenen, bücher bleiben ungelesen, ich prokrastiniere nicht, ich versacke in einem unbestimmten weltschmerz und finde alles ohne sie nur langweilig, kaum war ein weg vielversprechend, gebe ich ihn wieder auf und lande im dickicht, verfange mich in dornenhecken und muss den rückzug antreten, immer wieder von vorn und es geht nirgendwohin.

ich kann nicht einmal innehalten, die leere spüren, das wäre schon etwas, ein punkt, von dem ich ausgehen könnte, aber ich verliere ihn immer wieder, weil alles in mir sich widersetzt, statt die karten auf den tisch ein eiertanz zu ostern, aber keine auferstehung, nur müdigkeit und konfusion – ich habe sie selber angerichtet, das ist immerhin schon eine erkenntnis.

„das ist, weil …“: solche anfänge sind fallen, bestenfalls sackgassen, ausreden, beschönigungen. ja, sie ist tot, ein jahr und über vier monate, manchmal komme ich zu potte und manchmal eben nicht. wenn ich mir die frage stelle, ja, was denn nun, junge, dann sitze ich wie vor einer wand.

ein alter lehrer von mir würde sagen, „ein guter beginn, nun meditiere die wand“. „als ob es so einfach wäre.“, antworte ich auf gut glück. „genau“, sagt er, „nicht einfach, das magst du doch und wenn du es nicht magst, umso besser, das erhöht den schwierigkeitsgrad um den faktor drei, nun setz dich hin und meditiere die wand.“ ich seufze. „nun?“, er, „um den spass zu erhöhen noch dies, es gibt keine wand, keine tür und kein tor, nun mach schon.“ ich hatte gesagt, ich würde seinen anweisungen folgen, die hausaufgaben machen, hören, „verstehen wollen“, hatte er gesagt, „ist noch nicht verstehen und tu auch nicht so.“ ich war anfangs völlig verwirrt, um nicht zu sagen erschüttert  und verstand gar nichts. damals hiess es, meditiere die wand und die nächste und die nächste. ich wusste nicht, was er meinte mit der nächsten und der nächsten, ich sass vor meiner wand und verstand nichts.

 

damals hatte ich irgendwann den eindruck, jetzt hast du’s geschnallt, aber dann kam das leben und es tat weh und es tat gut und bald stand ich vor der nächsten mauer, sie war nicht immer im verstehen lokalisiert, sondern auch im gefühl, in der wahrnehmung, im erleben tout court und irgendwann kapierte ich dann, was er mit der nächsten und der nächsten gemeint hatte, ich glaubte zu verstehn und vergass wieder, das leben, es tat gut und es tat weh und manchmal fand ich es unerträglich und nun erinnere ich mich daran und finde, dass es nichts war im vergleich zu jetzt, dass die wand sich irgenwann auflöste und ich weiter gehen konnte, dass der willensschub stark genug war und mich weiter hinaus trug, über alles hinaus, was ich noch erträglich fand und was ich schaffte, bis zur nächsten. aber diesmal ist es anders, sage ich mir, und es ist tatsächlich anders, doch, so erinnere ich mich, es war jedes mal anders und jedesmal schien es unerträglich über alles erträgliche mass hinaus, das ende einer welt, sozusagen, und nun müsste ich zugeben, dass es diesmal mehr schmerzt, als es jemals geschmerzt hat, denn damals war sie da, irgendwo war sie, wir bewegten uns voneinander weg, wir bewegten uns aufeinander zu und wir lebten.

„aber nun„, wenn ich so anfange zu reden, dann spüre ich meine zweifel, ob ich es diesmal schaffe, ich sitze vor einer wand und erlebe, wie meine zweifel anwachsen zur höhe der wand, vor der ich sitze und die stimme, die sagt, ich möchte noch das weilchen leben, das mir vergönnt ist, ist eine kleine zaghafte stimme, die fragt auch, warum muss das so weh tun.

im traum gehe ich durch dunkelheiten. aber nicht nur im traum.

vielleicht liegt es tatsächlich an diesen festtagen, sie präsidierte über die familie, es war eine sehr milde herrschaft und sie war nicht bloss gerecht, sie war vor allem fürsorglich und zugewandt und alle sassen um den grossen tisch und redeten und stritten und lachten und freuten sich.

ich habe noch immer angst, an diesen punkt zu gehn, an dem ich ihr begegne als einer toten, weil ich angst habe, dem leben aus dem weg zu gehen und mich zu entfernen, aber ich weiss genau, auch das weiss ich neben allem andern, dass der weg zum leben durch diesen tod führt.

ich sitze da und sehe.

irgendwo in der ferne der fernsten fernen, sie, aufrecht, lächelnd und gewiss.

ich sitze da und meditiere meine wand.

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„All or nothing“: von einer Reise

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Da ich von subjektiven Stürmen heimgesucht werde, finde ich Zuflucht in einer wissensschaftsgeschichtlichen (was’n Wort) Studie über Objektivität (nicht bloss ein Begriff, vor allem eine recht rezente Praxis. (Lorraine Daston, Peter Galison bei Suhrkamp).

Dann schaue ich in den Garten; der Vorwurf, den ich spüre, hat mit den Katzen zu tun, die Organisation hat während meiner kurzen Abwesenheit nicht ganz geklappt und es gab einen Tag Katzenfrühlingsfasten; der Garten sieht leicht beschneit sehr schön aus und ich beginne an meinem Begriff von Schönheit zu zweifeln, denn die Magnoliablüten lassen alle die Köpfe hängen und haben bräunliche Flecken, den Forsythien geht es nicht besser, aber das Gelb hält sich und Weiss auf Grün sieht fantastisch aus. Wie gesagt, ich nehme an, mit meinem Schönheitsbegriff stimmt etwas nicht, die Apfelbäume blühen und die Kirschbäume und Kälte und Schnee sind Gift für sie.

Bin ich dabei Tod und Untergang und Vergehen zu ästhetisieren. Da ich so meine Zweifel habe, auch mein Gefallen an leicht morbiden Gefühlen (ein leichtfertiges Kokettieren mit bröckelnden Gebäuden, Mauerrissen und eine gewisse Langeweile vor  geleckten Fassaden und Vorgärten in Reih und Glied, ganz abgesehen von meiner Neugier für interkulturelle Friedhofsgestaltung und meine Genugtuung angesichts des Zyklus von Werden und Vergehen und in dem Zusammenhang die doch kurze Haltbarkeitsdauer von Imperien) macht mich stutzig, lese ich ebenfalls einen Essay über japanische Ästhetik von dem Japaner Tanizaki Jun’ichirō. Sein Buch im Manesse Verlag trägt den bezeichnenden Titel „Lob des Schattens“. Auf Seite 45 stosse ich auf folgenden Satz: „und man fragt sich verwundert, wie sich an einem so dunklen Ort nur eine derart intensive Lichtstrahlung konzentrieren konnte.“

Und in dem dritten Buch, das ich auf meiner kleinen Stadtkreise in einer bemerkenswerten  Buchhandlung erworben habe, begegnet mir die Aussage: „I have no shame when it comes to love: I give everything, and the more I give, the more pain is inflicted on me at the end. …All or nothing.“ Und dies in dem Buch der Psychoanalytikerin Jeanette Fischer über und mit Marina Abramovič.

Damit ist der dunkle Ort bezeichnet, an dem ich mich des Öfteren aufhalte und ich merke jetzt, dass der Schmerz am Ende keineswegs die Sache, das heisst das über drei Dekaden dauernde Leben mit Marie relativiert, im Gegenteil von dort geht eine „intensive Lichtstrahlung“ aus und erhellt plötzlich blitzartig noch die dunkelste Anwandlung. Das würde ich wohl selbst dann noch sagen, wenn der Schmerz mich langsam aber sicher kaputt machen würde.

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Was er gewiss auch tut. Es ist auch der Schmerz darüber, dass ich es fertig gebracht habe, ihren Tod zu überleben. Man lebt damit in einem Raum, in dem es keine Zeit zu geben scheint. Man ist auch zu einem Teil aus allem heraus genommen, da es eine eher gewaltsame Weise war, ist das Wort „gerissen“ wohl angemessener. Der Abstand zu allem wird grösser, das ist ganz und gar unfreiwillig, es hat sich so ergeben und manchmal erschreckt es mich und manchmal finde ich es ganz angemessen.

Das Buch von Jeannette Fischer und Marina Abramovič berührt mich von meinen Lektüren am tiefsten, keine Versteckspiele beim Lesen, ja, selbst beim Lesen gehe ich manchmal in Deckung, will mich nicht anrühren lassen, will mich nicht sehen in dem Gelesenen, will mich flüchten ans Ende der Welt und mich nie mehr preisgeben, nie mehr öffnen, weil der Schmerz des Endes so furchtbar ist und andauert und wohl nie weggeht. Wer den Schmerz der Amputation schon vorher kannte (ich habe bei einem Unfall mit dem Rasenmäher den Mittelfinger der rechten Hand verloren und dachte für einen furchtbaren Moment, ich kann nie mehr in meiner Handschrift schreiben (und mit Stäbchen essen)) weiss, dass Trennung (durch den Tod) einer Amputation gleich kommt. Man ist nur noch ein Schreien, aber lautlos. Und die Schnittstelle erinnert einen, immer und wenn man nicht erinnert werden will. Und diese Hilflosigkeit ist ebenfalls furchtbar, sie geht so weit, dass man denkt, so kannst du nie mehr vor die Tür geh’n, jeder Blick eines andern wirft dich um. Zugleich ist das Gefühl, sich gar nicht und überhaupt nie mehr helfen zu können, auch befreiend, die Machtspiele, die man auch kennt, werden durchscheinend.

Man gibt sich auf, nicht weil man will, sondern weil es geschieht und im Davonfliegen wächst man über sich hinaus, man hat trotz aller Ängste keine Angst mehr.

Obwohl ich das nun alleine erlebe, rechne ich mir das nicht an, es ist eine Gabe (keine, die man freiwillig bezahlen würde) und darin erlebe ich die abwesende Marie, ich kann gar nichts dafür, ich suche es nicht auf und selbst,wenn ich das täte, ergäbe es nicht dieses Resultat, man kann die Toten nicht zwingen. Manchmal frage ich mich, ob ich es verdient habe, aber diesen Gedanken verwerfe ich sofort, er macht keinen Sinn, das Erleben ist jenseits von Verdienst und Versagen.

Ja, die Magnolienblüten leuchten orange, selbst im Verblühn sind sie schön.

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hohe lebenskunst

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Drinnen: ich, sehr nachdenklich.  von draussen vogelgezwitscher, das gibt es noch und sonst die stille.

Die intervalle zwischen geräuschen…

Kein wort gesagt und keines gedacht.

Das knistern von papier.

Dann ein auto, vielmehr ein kurzes aufrauschen und weg.

Der garten ganz für sich, ich wage mich gar nicht hinein.

Heute mein beitrag zur weltrettung: schweigen.

Oder café trinken, die halbe welt in einem schluck, bitter, kräftig und belebend.

Ich bin auf dem rückmarsch aus einer mir gänzlich unbekannten gegend. Nicht so wie es einmal war, so wie es sein könnte.

In Deutschland lese ich, kaufen „die chinesen“ ganze wälder auf und wenn man hier nachfragt, wohin die gefàllten bäume abtransportiert werden, dann hört man, nach china, sie werden zu essstäbchen gespalten. Nichts gegen chinesen und esstäbchen, aber dann schüttele ich doch den kopf und wundere mich: hier ist wirtschaft, in dem falle forstwirtschaft offensichtlich ein anderes wort für geld in den sack, möglichst viel und die freiheit, soviel bäume zu fällen, wie einem in den kram passt.

Das ist alles geschäft und davon versteht der laie nichts, besonders wenn es um wald geht und abholzen und bauen.

Mein mitgefühl, aber ich denke doch im ernst und kein zynismus bitte, so eine kultur ist dem untergang geweiht. Und dem zusehen, ohne hilflose empörung, das ist heute hohe lebenskunst.

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das leben der marie z.

 

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am ende kein theater, nicht mehr so tun, als wüsste man eine antwort, vielleicht besteht der neuanfang gerade darin.

diese müdigkeit, die aufkommt, wenn nach dem warum in einem leben gefragt wird. es war, es war genau so, wie es war, mit allem drum und dran, am ende bleibt ein lächeln. das ist die antwort.

überhaupt diese aussagen, so lebt man, am besten, so ist es richtig, denn …

und überhaupt die wenn …, dann … konstruktionen. dann … wenigstens das ewige leben oder ein sehr langes. eine belohnung jedenfalls, am besten eine garantie.

gegen den tod natürlich, diese unangenehmste aller überraschungen.

und der antwortet nie auf die frage warum.

wir aber rätseln, wollen erklärungen, verlangen auskunft, das ist eine folge von …

wenn jemand zuhört und sich in dienst stellt, gibt er nichts von sich preis? wir kennen ihn nicht und nun hat er sich davon gemacht? und dies ohne geschichten? er hat niemand hinein sehen lassen in sein streben, sein sterben und seinen tod?

ich rede von ihr, von marie und dass sie ihre freunde ausschloss von ihrem letzten gang. sie duldete nur noch einen sehr kleinen kreis um sich herum, mich und unsere kinder. sie zog sich aus allem heraus und behielt ihre kraft für die letzten verrichtungen. sie sammelte sich. sie redete wenig. sie klagte kaum, sie bat um das allernötigste. langsam verging sie.

ich habe nicht gefragt, warum, und bekam dann allerhand antworten.

das leben funktioniert nicht so.

wie funktioniert es?

so, wie ich es mit ihr erlebte. es war ein wunder, tauchte auf wie aus dem nichts und verschwand wieder, der rest ist eingegraben in mich. alles also, alles ohne irgendeine ausnahme. das warum ist anzuschauen in dem wie.

aber sie hat so gesund gelebt, so achtsam, so aufmerksam.

sie hat gerne zugehort, sie hat gerne aus dem zuhören heraus einen rat gegeben.

nun weiss man nichts von ihr?

man träumt von mehr  kontrolle: wenn man dies tut oder jenes, dann … aber das leben ist nicht so. das leben ist einem nichts schuldig. wenn es eine belohnung gibt, dann ist es das, dieses leben genau so, von anfang bis zum ende. mit genau diesem ende.

gibt es vorbehalte? einwände?

das leben der marie z. war so, genau so, wie es war und ich durfte dabei sein für eine weile. soll ich reklamieren, die zeit habe nicht gereicht, sie habe noch pläne gehabt, noch eine aufgabe gesehn. sie wurde aus dem leben gerissen?

maries leben ist unvollendet und doch hat es eine abgeschlossene gestalt. sie lächelt, das ist mein bild ihres lebens, sie lächelt.

auch die frage, warum das mir, warum wird sie aus meinem leben gerissen, warum hatten wir keine zeit mehr, beantworte ich mit meinem leben. jedenfalls weiss ich so langsam, so mühselig langsam, was sie in meinem leben war und jetzt gerade ist.

ich sehe ihr lächeln.

und lächle zurück.

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ein foto von einem baum

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langsam legt sich die aufregung, ich sitze mit geschlossenen augen am tisch und horche nach innen nach aussen. zuerst: muss gar nichts gesagt werden, keine wörter gottseidank drängen sich auf, wollen nach draussen und keiner muss sie lesen und es ist still. die ruhe eines waffenstillstands, keine inneren spannungen und kein streit zwischen parteien, nur die ahnung einer art gemurmel, einer innerlichsten konsultation, eines fast geheimen austauschs und keine ungeduld.

auf dem schieferdach rumort eine rabenkrähe, scharrt, hört auf, scharrt weiter, ein auto, ein bus fährt vorbei, sonst: stille.

nun von ferne ein flugzeug.

kein besonderer impuls nach irgendwo, bald werde ich aufstehn von hier und meine geschäften nachgehn, das, was man hier halt so tut.

gestern oder war es vorgestern bin ich angekommen, man gewöhnt sich schnell an das hier, es ist durchsichtig. der reisende steht noch am bahnquai, in der flughafenhalle oder steigt meinetwegen schon aus dem taxi und weiss sofort, was hier los ist. was ist von einem binären system schon zu erwarten, dass es die verrücktesten dinge kreiert und irrtum auf irrtum häuft oder dem glück nachrennt und das unglück auf den fersen hat. so komme ich mir vor, frisch gelandet, und ich bin gleich im bild, weiss das meiste und den rest kann ich beobachten, folge den eigenen händen und füssen, dazu allerhand gedanken.

das meiste dreht sich um reine notdurft, darauf gehäuft ein riesiger betrag von unsinn und verrückte gedanken, was alles nötig ist.

es gibt eine pyramide der bedürfnisse, man findet sie in dem wust kaum wieder, aber selbst in den verbiegungen, verrenkungen ist sie sichtbar, während sie anderswo auf dem planeten krasser zu tage tritt, dort ist die elementarste grundlage kaum gewährt, eine dauernde mühselige bewegung, die nicht höher hinaus gelangt, weil andauernd kraft abgesaugt wird und in den regionen, wo sie hingelangt, reine konfusion und fast schon irrsinn.

träume von einer trilogie, ziemlich hoch oben in der hierarchie, wenn anderes, elementares abgedeckt ist wie hier: sinn, bedeutung und aufgabe.

ich weiss nicht, wer mich hergeschickt hat und ich rätsele um die aufgabe. sinn erkenne ich in den einfachen naturdingen, bebauung des landes, werkzeugherstellung, bewegungsmaschinen, sonst viel kokolores, leeres getue und viel gerede um des kaisers bart, eitelkeiten. was ist natur. verwechslungen mit freizeitparks.

ich weiss noch immer nicht, warum ich da bin, delegiert, exiliert oder auf forschungsmission, going native.

ich lasse die eindrücke wirken, vieles ist selbstverständlich und ist es gar nicht. als anthropologe kommt man aus dem wundern nicht heraus (dies ist nun wirklich ein traum, aber ein handfester). und das ist es: forschungsgegenstand? man selber in dieser umgebung, wechselwirkungen, emotionale reaktionen, konditionierungen, notwendigkeiten, wenig freiheitsspielräume sind erkennbar, noch weniger, wenn alles selbstverständlich scheint. die konflikte und kriege aussen deuten auf die inneren hin und diese verursachen jene. teufelskreise. die von allem sonstigen abgeschlossene menschengesellschaft, eingeschlossen in ihre träume, was welt ist. natur ist ein bild auf einer wand, ein foto von einem baum.

plötzlich die einsicht von irgendwoher, ich träume, bin noch gar nicht erwacht.

war ich es schon jemals.

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marienblumen*

„You can turn your back and go, right now.“ Black Sea Dahu, White Creatures

https://youtu.be/TlHTNyx9DQI

 

eine dunkle wolke schiebt sich unter die grosse weisse, flockig ausgebeulte, der ich schon eine weile zugesehen habe und alle verziehen sich miteinander nach süden, du blickst auf, da sind sie schon wieder ein stück weggerückt, das optimistische blau zeigt sich und etwas weiter östlich beleuchtet die sonne scharf die wolkenränder,  sie strahlen hellweiss und das dunkle verwischte daneben bekommt einen bräunlichen schimmer.

so vertreibe ich mir meine zeit, ich bin ausgeschlafen und doch müde, eine art müdigkeit, die zum tagträumen verführt, von einer klause in den entlegensten hügeln einer fernen landschaft auf einem planeten, der nicht von sich reden macht wie dieser hier.

inmitten der  künstlichen erregungen in virtuellen räumen rette auch ich immer wieder die welt mithilfe der tastatur, das erzeugt diese wärmende zugehörigkeit und eine deutliche meinung. und immer von vorn jeden tag, eine sisyphusarbeit, die schlaff macht.

im allgemeinen weiss ich ungefähr, wo ich stehe, aber es gibt grössere fluktuationen und ich bin offen für widerlegungen und argumente eher als für laute entrüstung und druck  und shitstorms beweisen rein gar nichts, nur dass eine wilde meute sich auf eine beute stürzt. aber minderheiten, selbst sympathische, sind auch anstrengend, plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich die taste drücke und die stallwärme stellt sich ein, also deswegen etwa? ich gerate mit mir selber in streit und sehe zu, wie ich gute gründe herbei hole, nur deswegen und keineswegs wie du glaubst.

nun stelle ich fest, die tastendruck bekundungen  verfestigen sich zu einem profil, einer eindeutigkeit, die mir zu berechenbar scheint, zu zementiert und ich bin schon am laufen und will mich entziehn, keine meinungen mehr bitte sehr, keine ansichten, sie sind doch vorläufig, experimentell, provisorisch und nun bin ich gefangen. man meint, nun wisse man, wer ich bin und sowieso bin ich dies und das, aber auch jenes. ich sehe den käfig schon vor mir, in den ich mich selber sperrte. ich habe nichts gegen stellungnahmen, überdeutliche meinetwegen auch, aber wo bleibt bitte die biegsamkeit (nicht der hahn auf dem turm, er dreht sich mit dem wind), wo sind die ausgänge um himmelswillen, die notwendigen fluchtwege, wo sind die möglichkeiten, das alles noch ganz anders zu sehn, nicht so mit der nase drauf und dann sieht man rein gar nichts, aber man meint, dabei sein ist alles. wenn sich beton im denken breitmacht, kriege ich die panik.

müde bin ich auch mit mir selber, ich kenne die geschichten, die mich heimsuchen in schleifen, im überdruss auch die wunden und narben, die man so abkriegt, wahr  oder vermeintlich, bist du dir ganz sicher und doch und nein, auch hier dieses ungefähre, das sich entzieht und doch da ist und nagt, selbst der kritische geist geht mir mitunter auf den geist, ganz gründlich, dieser reflex, wenn es mainstream ist, muss es falsch sein und andere ideosynkrasien, die einem im jugendalter etwas wie identität verschafften.

oder brauche ich jemanden, der mir mit der hand durchs haar fährt und sanft sagt und  zugeneigt: „ist ja schon gut, mein lieber“.

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vielleicht hat es mit dem frühjahr zu tun. ich erblicke vor allem übergänge, zwischenstationen, vorläufiges. die bäume und sträucher stehen noch kahl, aber erste knospen treiben hervor, noch die bräunlichen, schwärzlichen winterfehlfarben an stämmen und kahlem geäst, gleich daneben, darunter jedoch farbliche offenbarung, flammendes gelb, zartes noch zurückhaltendes rosa, warmes  rot mit  orangenem einschlag, das den blick hält, zarte blauweisse sterne und erstes kräftiges grün. und unten drunter die fahlen töne alten laubs und die erde ist noch kühl.  nichts ist aufdringlich, alles selbstverständlich rätselhaft und am himmel  kämpfen  licht und wolken, windgejagt, nichts festes, nur stark fluktuierendes, vibrierend lebendiges.

um das betagte zur erde gebeugte schneeballenbäumchen (Viburnum opulus ‚Roseum‘) herum breitet sich ein teppich von winzigzarten marienblumen aus, emigriert von dem ort, an dem der über achzigjährige pflaumenbaum stand, und der junge neu gepflanzte hat noch nicht die gleiche anziehungskraft aufgebracht. ich sage marienblumen, es sind marie’s blumen. das bild zeigt marie, wie sie lächelnd in dem blauweissen teppich kniet und glücklich ist. wenn jemand mich heute so anlächeln würde, wär ich verkauft.

standhaft ignoriere ich den botanischen namen* der zarten gewächse (zur mitte zu weiss und die schmalen blütenblätter blau), sie erscheinen im frühjahr und berichten von veränderung, wärme und festtag, sie erzählen nur geschichten von ihr.  es sind marienblumen. wenn ich sie erblicke, sehe ich die marie, wie sie dort lächelnd kniet und es ist glück und weh und übergang und eins mit gras und blumen und baum.

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*Chionodoxa luciliae