du hörst dich gerne reden (Marie)

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ich komme aus einer zone, da gibt es kein erwachen, sondern ein wachgerüttelt und gestossen werden, plötzlich reisst du die augen auf und merkst, die welt hat sich verschoben, du schaust sie jedenfalls aus einem anderen winkel. wenn etwas schön ist, ist es gleich schmerzlich schön, und die schönheit, die schmerzt, vergeht sehr schnell, du zwinkerst einmal nur mit den augen und schon ist sie ausgelöscht, verschwunden für immer, nur ein nachhall in deiner erinnerung.

was erzähle ich den leuten, ich meine nicht beliebigen, sondern in begegnungen, die den namen verdienen, und ich frage mich, was bewegt dich, was also liegt tiefer als alle worte, die auch in die irre führen, natürlich, du sprichst über dieses und jenes, vermischst ernsthaftes mit tratsch, dir fallen immer neue geschichten ein, von dingen, die es längst nicht mehr gibt, du holst weit aus und verirrst dich in den mäandern deiner worte, schlägst nebenpfade ein, kehrst um und einmal auf dem weg der digressionen und abweichungen machst du weiter, während über dir der wald steht, du könntest noch stundenlang so weiter reden, auch während es zu regnen beginnt, du lässt dich durch gar nichts aufhalten, auch durch keinen steileren anstieg, nebenbei sagst du als anmerkung, das seien alle die ungeschriebenen geschichten, für die du einen hörer brauchst, sonst würden sie nie erzählt, so als gebe es nur das mündlich weitergereichte wort, das es ohne einen zuhörer und weitererzähler gar nicht gibt und natürlich sprichst du auch soviel, um deinem gegenüber ähnliches zu entlocken und zwischendurch immer wieder die stille  frage, warum tust du das oder kam die frage erst später, versuchst du dich in ein licht zu stellen, den geschichten über dich weitere anzuhängen, obwohl du diese nie hören wirst, als arbeitest du an einem ruf, den du schon längst hast, aber du müsstest ihn noch etwas verfestigen, was bewegt dich also, ausser dem mangel an gespräch seit ihrem tod, aber du weisst dieses gespräch kannst du durch kein anderes ersetzen.

dein erschrecken klingt nach, noch immer bist du erschrocken, dass so ein gespräch plötzlich wegbricht, das  sich selbst im schweigen führte und wenigstens die halbe zeit habt ihr geschwiegen, weil vieles schon gesagt war oder worte sich sowieso erübrigten, vielleicht gab es noch eine geste, einen leicht hochgezogenen mundwinkel, einen austausch von blicken, aber nicht einmal einen ironischen; jedenfalls das fehlt dir und nicht irgendwie, denn da war doch tatsächliche eine welt aufeinmal ganz verschwunden und nur noch unberedtes schweigen, etwas weggerissen und ein verstummen, ein raum ohne echo, der jede silbe verschluckt, plötzlich fühltest du dich nicht nur in einem halbdunkel, sondern auch in einer enge, einem schwinden des raums und kaum noch worte für dieses erleben.

wenn also kein ersatz, was dann?

niemand will gehört werden, denn das würde doch bedeuten, du hast was zu sagen, aber was bedeutendest. doch das, was du erlebst ist nur deins, ich meine nicht die trauer und den verlust, sondern wie du trauerst und wie du den verlust lebst.

und spätestens jetzt merkst du, du redest gerade mit Marie.

und wahrgenommen werden? fragst du oder sie, worin? in einer sehr vorläufigen identität, so nennt man das doch, was man herum bewegt, und zusammen mit anderen herum bewegten  identitäten, ebenso vorläufigen, namen meist nur, attributen, ergibt sich dann eine gesellschaft.

der tod im übrigen, eben gerade und ausgerechnet dieser tod, ihr tod also bestätigt dir weder namen noch attribute, wie auch immer sie lauten, wie heraus geputzt auch immer. er, ihr tod, prüft im besten fall deine tiefere konsistenz, also  nichts zum herumzeigen, keine wichtigkeit, kein seht her in irgendeiner weise und es ist jenseits des: was bringt es.

was dann? geschichten, selbst aus erinnerung gespeist sind auch immer lügen. du erzählst sie, als redest du über einen anderen, der durch die geschichten eine seltsame konsistenz bekommt, die er sonst nicht hätte. du redest dich also selber in eine art scheinexistenz? ja, so ähnlich, denn für einen kurzen augenblick flackert so etwas wie sein auf in deinen indiskretionen, die auch wahr sind oder nur halb erfunden, schon die verwendeten worte sind lügen, bevor sie ausgesprochen wurden. denn, das ist auffällig, du redest, als ginge es um dein leben; ja, das sagtest du, wenigstens um einen schein davon, einen schein, den du erwecken willst. denn plötzlich kommt dir das erzählte interessant vor, aber wie von weitem angeschaut, wie bruchstücke einer halbwahren biografie.

aber sobald das reden aufhört, zweifest du schon wieder an deiner existenz, ich meine, es gibt dich wirklich, ich meine, du hast dich für einen moment in deinen geschichten gesehen, von ferne, etwas unsicher der blick, ja, das sicher, tupfer, farbkleckse hier und da, einen charakter sozusagen hast du für einen moment erblickt .

aber, sagst du am abend, nachher also, einen scheincharakter, der nichtsein oder den zweifel am sein durch reden, im schlimmsten fall geschwätzigkeit wettmacht, dadurch den anschein erweckt und diesem anschein auch wieder entschlüpft, indem er sich nicht einmal weigert, sich darin selber zu erkennen, sondern sich tatsächlich darin nicht ganz erkennt.

als hätte er sich von geschichten befreit, einmal gesagt schon verweht, keine substanz erkennbar.

marie würde spöttisch sagen, sie sagt es gerade, du hörst dich gerne reden.

die probe aufs exempel besteht darin: wie fühlst du dich, wenn du einmal alleine in deinem raum sitzt und schweigst? sie schaut noch immer leicht spöttisch und ich halbehrlich, wie ich bin, in worten will ich mehr verhüllen als sagen: leer, entleert, sehr leicht, wie weggeweht.

ich rede, also bin ich, sagt marie.

ja, sage ich, ich versuche durch reden wieder her zu holen, was mir durch deinen tod abhanden gekommen ist, die verbindung, die beziehung.

ob es uns beide überhaupt jemals gab? frage ich, aber es bestand für eine zeit eine rätselhafte beziehung, so etwas wie eine tägliche auferstehung vom gar nicht vorhanden sein.

und eine entwicklung, sagt marie.

ja, seltsam, das auch, ohne zweifel (ich).

auch im schweigen (sie).

du meinst damals (ich).

ich meine jetzt (sie).

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kleine bemerkung über wald

vielleicht bin ich nun ganz verrückt geworden, woanders gelandet und wir nennen zwar alle zusammen die dinge noch immer beim selben namen, aber ich tue nur so, als sei dies das normalste der welt und ich glaube doch gar nicht mehr dran, eher, dass dieselben namen eine fundamentale differenz bezeichnen, eine uneinigkeit, was die dinge sind, zum beispiel, was den wald betrifft.

wald, das war vorher schon etwas ganz anderes, wald das war mit marie, lange gänge bald redend bald schweigend, wenn das meiste gesagt war. der wald war uns schon immer wohlgesonnen, das merkt man doch an der gefühlsdifferenz, noch weit draussen, am waldsaum und drinnen, ganz eingetaucht.

ich sage gar nicht gerne, wie es heute war, seit langem war ich wieder allein unter vertrauten bäumen, sonnenflackern an stämmen, schatten und ein glück. ich ertrags nicht lang und wenn ich merke, was für ein glück, bekomme ich angst, es ist gleich vorbei.

aber diesmal ein ganz reines, fast kindliches, wiedersehen mit alten freunden und willkommen. und wo ist marie, fehlt marie nicht. marie, das gebe ich zu, ich habe gleich am anfang gewarnt, marie war nicht weg, sie ging nicht neben mir, sie war aufeinmal überall. Sie war der Wald. dass man sowas nicht lange aushält, so ein gefühl haut einen um, das versteht sich von selber und ich arbeite noch an meiner begabung dafür.


 

was ist offenbarung?

anlauf I

erinnerung 1

an die vorbereitung einer schulreise nach venedig (das ist mir heute nicht mehr ganz verständlich, aber damals sah man die stadt fast noch zwischen all den leuten), da stand ich mit Marie vor einem sehr kleinen bild, das eine rolle spielt im roman Die Rote von Alfred Andersch (ob der heute noch ganz korrekt ist?)) und vor uns, die sicht definitiv einschränkend steht ein paar und er liest ihr aus dem baedecker vor, was sie zu sehen hat, so klang das nämlich. ich war verwundert, vielleicht bin ich naiv,  ich dachte immer man schaut am besten ein bild und in dem schauen zeigt es sich (vielleicht).

erinnerung 2

der direktor der fondation x führt eine gruppe von prominenten besuchern durch die ausstellung und redet, ununterbrochen, vor jedem bild setzt er neu an, gestikuliert, spricht laut, er geniesst es, ich nehme an, er meint, das ist den bildern angemessen, und was er sagt, ist keineswegs dumm. es sind expressionisten ausgestellt. davor stehe ich stumm und reisse das maul auf, hingerissen.

ich habe, da bin ich ganz ehrlich, noch kaum je vor einem bild den impuls verspürt zu sprechen, allerhöchstens habe ich tief durch geatmet, vielleicht sagte ich laut, schön (das sagt man heute lieber nicht, da ist man schnell ein kunst verbrecher, schön, das ist kein kriterium, schön, das ist der gipfel des banausentums).

dem baedecker bin ich in museen nicht mehr begegnet, dafür den heerscharen kopfhörerbewehrter, vor denen ich eine grosse scheu habe.  die kopfhörer sind die schauprothesen von heute.  in amerikanischen serien ertönt von zeit zu zeit gelächter, damit man weiss, da passiert gerade was lustiges, das ist dann schon eine gesamtwahrnehmungs- oder gehirn und denkprothese (der fortschritt).

ich meine, die rezension, die ich über den lu beitrag zur Biennale in Venedig heute morgen gelesen habe, war keineswegs intellektuell minderbemittelt oder zu eng in der darstellung, nein, im gegenteil, es gab eine reihe  interessanter ausblicke und zitate und verweise. aber zwischendurch hatte ich vergessen, worum  es  ging und da war aufeinmal der unwiderstehliche drang zu sagen: entschuldigung, können Sie vielleicht etwas zur seite treten, damit ich …, so als versuchte ich gerade über irgendwelche baedecker oder kopfhörerbewehrte mitbesucher hinweg die eigentliche sache (vergeblich) zu erspähen.

ich will nicht sagen, dass es mir immer so geht, aber wenn ich eine kunstkritik lese, ich meine richtig zu ende lese, dann habe ich meist vergessen, dass ich vor beginn der lektüre die frage erwog, ob ich nicht das museum oder die galerie persönlich aufsuchen sollte. weil der anschein entstand, mit der ganzen rede, jetzt habe ich das werk  in der tasche.

ich gebe zu, so erging es mir oft mit interpretationen von literarischen werken, die den anschein erweckten, jetzt habe ich die essenz des dings erfasst, jetzt habe ich es in der tasche und dann stellte sich bei der nochmaligen lektüre des romans heraus, dass ich (gottseidank) einer illusion aufgesessen war. das rätselhafte ding war etwas ganz anderes und jeder versuch es redend zu fassen, es mit wörtern zuzudecken, hatte in wirklichkeit ein eigenes genre geschaffen, das mit dem ursprünglichen redeanlass nur eine behauptung gemeinsam hatte. ich begriff, dass es ein eigenes spiel war, aber letzlich ein parasitäres genre, das sich immer an einen wirt anhängen muss (wie ich das gerade tue) und gelegentlich eigene kunststücke hervorbringt.

ich bin dann privat zu meiner jetzt aufgeklärteren ursprünglichen einstellung zurück , dass man, um einen roman zu verstehen, ihn am besten aufmerksam liest.  ich gebe zu, dass mein bedarf an interpretationen nur noch sehr eingeschränkt ist.

ich will auf gar nichts hinaus.

 

anlauf II

das trauern lässt einem keine alternative, es haut einen um oder es haut einen nicht um, man kann, wenn man nicht völlig dumpf ist, auch die eigenen ausweichstrategien und hilfsmittel beobachten, jedenfalls nach einer gewissen zeit, wenn man nicht mehr völlig weggerissen wird. anfangs mag der direkte sprachliche ausdruck des erlebens eine art halt gewähren, man objektiviert das erlebte, rückt es weg, indem man wörter dafür sucht, aber das ist auch immer eine art entfernung.

mit der zeit habe ich gemerkt, dass das schreiben ein legitimes hilfsmittel war, um die wucht des gefühlten abzubremsen, nun geht es mir damit wie mit den kunstkommentaren in der zeitung, ich habe lieber das echte bild, nicht das mit kommentaren bepflasterte, so habe ich jetzt auch lieber das gefühl, selbst wenn ich mich in eine ecke verkriechen muss, wie heute zum beispiel. dann wird plötzlich das ganze ausmass des desasters sichtbar, fühlbar und es dringt langsam in die gedanken, da ist gar nichts zu machen, das hast du nun auszuhalten.

ich habe mehrere sachen über verlust und trauern angeblättert, das meiste habe ich als zumutung empfunden, aha, so ist trauern, und verlust, das geht folgendermassen. einen scheissdreck geht es, das ganze gerede ist ein bluff. ich bin nur einem begegnet, der sagte in der substanz, es bleibt dir nichts übrig, als dich mit deinem ganzen wesen der wucht des verlusts und des todes auszusetzen, das gehört verdammtnochmal zum leben dazu. es ist hart und es macht uns erst richtig lebendig, es reisst dich auf, du merkst erst jetzt richtig, was mit herz gemeint ist. ich meine, wie kann man von liebe reden, wenn man sich dem verweigert.

anlauf 3

das schliesst nicht aus, dass ich lachen muss.

heute morgen habe ich mir das gespräch zwischen einem zen mönch und einem fernsehshow menschen angeschaut. das war sehr peinlich, ich erfuhr fremdschämen in reiner form, schon wie die beiden da sassen (der eine aufrecht, imposant elegant, der andere leicht eingesackt hingeflätzt). im sitzen offenbarte sich die ganze sache, das reden der einen seite war dann nur noch peinlich.

Frage: „was bringt das?“ (das sitzen, die meditation) Antwort: „nichts.“

bei mir gehen die mundwinkel hoch, instant karma.

in diesem fall: hören und schauen.

was ist offenbarung?

 

anlauf 4

also nochmal, was ist ein bild, ein kunstwerk? es ist schauen, im schauen zeigt es sich, im idealfall ist es so, dass das rechte schauorgan im augenblick des schauens durch das geschaute geschaffen wird.

weswegen das reden von der sache wegführt, weil das reden, selbst wenn es von provokation redet, die provokation entschärft, das geschaute ding lahm macht, aha, so ist das.

und es ist gar nicht so.

anlauf 5

trauern ist ganz anders. lachen auch.

woher ich das weiss

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was haben die leute denn gedacht, woher die nahrungsmittel kommen und wie das zugeht in der landwirtschaft und sogenannten viehhaltung oder was autos anrichten oder kreuzfahrten, das geht ja  munter weiter, die finanzindustrie boomt, es wird produziert, wie eh und je und unser ziel ist wachstum (wegen der diversen mauern, ein ponzi scheme ist es in wirklichkeit, wenn vorne gestoppt wird, stürzt die chose ein).

wenn eine einzelperson so funktioniert, erklärt man sie für verrückt und setzt sie auf meds oder bringt sie hinter mauern, andere nun.

die ausgrenzung von vernunft und gefühl und  beziehung (die ein in der weltsein ist und also, aber auch das ist schon hunderttausend mal gesagt worden, zugewandt, fürsorglich) zugunsten einer menschenfernen objektivität, kühl, distant, rational,  so gibt sie sich, sie ist hochabstrakt, der mensch, wie gesagt kommt darin nicht vor, sie funktioniert technisch hervorragend, Mumford hat das produkt aus dieser schizophrenen denkweise schon vor längerer zeit die technische megamaschine genannt, die uns nun überrollt.

ach was, ich lese keine zeitung mehr, ich schlage sie auf, da gibt es das gerede von der klimakrise und dort, wo es drauf ankommt, rollt die maschine weiter, ich sehe, es tut mir leid, ausser gebastel hier und dort, und das war heute nicht einmal vorhanden, nicht einmal am rande, nichts ausser gejammer, hilfloses zum beispiel über den anstieg des populismus. woher der wohl kommt, kein ansatz für eine einkehr, umkehr.

ich weiss, ich weiss, die realität ist nicht die zeitung, und die kirche ist noch im dorf, gerade läutet es nebenan, es hat soeben zehn geschlagen.

vielleicht lese ich nur noch gedichte, sehe mir nur noch kunst an, meide den blick in die nachrichten, mir wird schlecht von unserer eingefleischten doppelmoral.

und jetzt stehen die wahlen ins haus, was mich daran erinnert, dass es in der stadt (wir haben eine, eine kleine) nur 25000 wähler gibt, aber über hunderttausend einwohner, genauer, nach wikipedia, 116.323 (stand 1. Januar 2018). „wir wollen hier bestimmen, was läuft.“, heisst es zur begründung, als ob das nicht lachhaft wär, hier bestimmt doch längst eine andere kraft, aber das bewusstsein hinkt der entwicklung hinterher, wir sind, wie Günther Anders im letzten jahrhundert festgestellt hat, moralisch nicht auf der Höhe unserer erfindungen. wir sind tragikomisch. wir haben eine gespaltene zunge, wir lügen uns gern in die tasche.

ach was, ich sehe mir keine nachrichten mehr an, es bekommt meinem teint nicht, meine laune verdirbt es. früher konnte man wenigstens sagen, ich wandere aus, wenn der ort einem verleidet war, aber heute entkommt man dem schlammassel nirgendwo mehr.

manchmal stelle ich mir vor, jemand sieht uns zu, viele augen schauen uns an, wir merken es nur nicht. stattdessen schauen wir hinaus, einige von uns zumindest, und wir finden nichts, höchstens schwarze löcher.

ich stelle mir vor, jemand sieht das, was wir tun und fragt sich ratlos, was fummeln die dort zusammen, unglaublich.

es gibt keine technische lösung für unsere gemütserkrankung und bewusstseinsstörung. aber in der zeitung sah es heute morgen so aus, zufriedene wirtschaftsgesichter und fondslächeln, jemand hat sich zum zeitvertreib in einen fussballklub eingekauft und in der autoindustrie herrscht vorübergehend erleichterung.

und jetzt wird mir nahe gelegt, europa zu retten. mit meiner stimme, die ist plötzlich sehr wichtig. wegen dem populismus, dem nationalismus, dem brexit und was ist mit den flüchtlingen auf lesbos, in süditalien, in ungarn, in der türkei.

da wird einem so richtig behaglich, weil hier alles so wunderbar in ordnung ist, heute morgen gab es doch tatsächlich einen falter im garten und das gras ist so grün und bald dürfen wir alle kiffen, was das zeug hält und verbrennen dürfen wir unsere überreste auch lassen, was für ein unaufhaltsamer fortschritt.

ich bin ungerecht? unsachlich? das ganz gewiss auch.

ich lese keine zeitung mehr.

andererseits, schon der morgendliche gang zum briefkasten, noch mehr als das antippen und wischen der apps, verschafft mir das nötige adrenalin und erst das umblättern, tut mir leid, wenn die zeitung eine eigene stimme hätte beim aufschlagen, so hörte ich ganz sicher hohngelächter.

ich lese keine zeitung mehr, ich kann dieses stammtischgerede nicht mehr ab, das dann bei mir entsteht, diesen rundumschlag, der einen zerstörerischen impetus hat.

dabei liebe ich diesen flecken und den planeten, auch wenn ich nie nach Papua Neuguinea komme und keine kreuzfahrt in die Karibik machen werde. am ehesten vielleicht noch nach Feuerland, wegen dem wind, der dort weht und wegen dem fabulierer Bruce Chatwin, dessen geschichten ich so sehr mag. überhaupt unsere fähigkeit geschichten zu erfinden, auch zur selbsttäuschung, von der musik ganz zu schweigen und unsere begabung zu hören, richtig zu hören, was jemand sagt und was er meint.

ich denke dann, ganz unstammtischmässig, still sitzen, schweigen und in sich gehen. könnte das uns retten vor uns selber?

Von Jochen Kirchhoff habe ich die geschichte vom garten, in den wir bei der geburt geraten sind, wir haben allerdings die anzeigetafel am eingang übersehen: hier gibt es nur einen ausgang und der heisst tod.

der tod ist der grosse veränderer.

der tod setzt eine menge von dingen in anführungszeichen und hebt andere hervor, das vordenken, das nachdenken, das innehalten, die gelassenheit, das langsame voran, den austritt aus einer falschen und schiefen erzählung, das gran distanz zu uns selber, die freundlichkeit, die fürsorge…

woher ich das weiss?

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nur der anfang eines aufmerksameren hörens

Es ist unglaublich. Plötzlich ist dieser satz da, kaum habe ich den laptop aufgeklappt und mich gefragt, worüber ich schreiben werde, als stünde das schon fest, nur ich wüsste es noch nicht.

Das gras kann sehr aufdringlich sein, wie die wolken übrigens auch, plötzlich rückt alles so nahe, dabei gehe ich nur durch den park und höre H.J. Schmelzer, Barock, ja was, melancholie, mensch gedenke oder carpe diem und ich bin ganz eingetaucht in die klänge und gleichzeitig, wie gesagt auf einmal, rückt alles so nah, das grün leuchtet, während die musik ins blau hebt, in die wolken und es wundert mich, dass wir auf einem planeten leben, der mit ungeheurer geschwindigkeit durch den raum fegt, aufeinmal, wieder dieses wort, ist alles so einfach und klar, aber keineswegs idyllisch, alles inbegriffen.

Ich schreibe das der musik zu und diesem wachen gehen, hören und sehen vergeht nicht dabei, im gegenteil, es wird lebhafter, plastischer, kräftiger und mühelos klingt alles zusammen, keine konkurrenz um den ersten platz.

Und kein vergessen, kein schön empfinden von dem, was durchwachsen ist. Und ich frage mich in solchen momenten, wo ist Marie jetzt und ich gebe zu, so spinnert bin ich meinetwegen, ich spüre sie hinter mir als kraftschub, ich kann auf sie zählen.

Derartig gestärkt scheint mir vieles möglich und im übrigen merke ich nun, das gespräch ist nicht etwa abgebrochen, es geht weiter auf einer anderen ebene, in einem anderen raum, in mir, aber es läuft keineswegs auf wiederholung hinaus oder auf blosse erinnerung.

Ich empfinde es im übrigen nicht als selbstgespräch.

Irgendwann in den letzten wochen fiel mir plötzlich auf, wieviele dinge mich nicht mehr interessierten, das ipad zählte bei einer gelegenheit die schon längst nicht mehr genutzten apps auf, das machte mich stutzig.

Kann man sich so ohne weiteres zugeben, dass alles andere zutaten waren, dass alles andere nur interessant war wegen dem zentrum, um das alles kreiste.

Und dann ist der satz aufeinmal da, den ich ihr ganz am anfang einmal sagte, ich habe keine besonderen interessen oder alles interessiert mich irgendwie, aber eher am rande, denn das, was mich wirklich interessiert, das bist du. (Seltsamerweise entwickelte ich daraufhin einen haufen von interessen.)

Ungenutzte apps? Und andere sehr genutzt (ich meine die eingebauten, mehr oder weniger mühsam entwickelten), aber andere als davor, ein langsames stetiges erwachen, wie aus einem traum,  einem alb grösstenteils, als habe das leben damals aufgehört, aber aussen brach nur das gespràch ab (das leben lebte sich selber weiter) und gespräch das sind auch gesten, blicke und vor allem auch berührungen, schweigen und nebeneinander gehen, durch wälder und städte und hügelan hügelab, und immer neue geistige anregungen, hast du das schon gelesen und dies hier finde ich ausserordentlich interessant und keine scheu und kein respekt vor dem politisch korrekten, aber vor dem selber denken.

das ist wie ein absturz, wenn die stimme nebenan, ganz nah, plötzlich verstummt, die welt wird blind.

lange geht das so, es hört gar nicht mehr auf. es verstört, die welt schrumpft auf das allernächste, das tun ebenso.

bis es sich umkehrt, du tust gar nichts dazu, bis du feststellst:

im innen aber ist das gespräch nicht zu ende, wenn es auch nun ganz anders verläuft, in eine neue gegend, und zuerst vernimmst du fast gar nichts und es  ist mehr ein lauschen, nach innen, jedenfalls kein ende, nur der anfang eines aufmerksameren hörens, eines wacheren wahrnehmens und nicht realitätsfern, eher näher daran, weiter, genauer, grosszügiger.

die welt wächst wieder, du vernimmst andere stimmen neben dir, die haben schon länger geredet, du hast sie nur nicht gehört, die welt wacht wieder auf, hat gesichter, hat freundliches, hat schmerz, du bist wieder da, aber woanders. ich weiss gar nicht mehr, wer das sagte, das Ensemble Masques spielte gerade die Sonata No.9 a cinque von Schmelzer.

aber dir ist doch nichts egal, sagt Marie.

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die luft, die ich atme

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das sonnige kühle element draussen, wie verfahren können menschen in sich selber hineingedreht sein, wie unbewusst, das ist die frage heute morgen, sie betrifft auch immer mich selber.

ein blick in das wogen der baumwipfel gegenüber, eine rotbuche funkelt in der kühlen sonne, die pappeln schütteln und verneigen sich, die tanne, welche art? steht majestätisch still, eine schmale wolkenschliere im hellen frühjahrsblau, dazu lasterdröhnen, baggerscheppern (sehr laut, poltrig, stein auf metall) es wird gebaut, also ist man.

muss man noch über die abgründe im menschen sprechen? ja, ich finde schon, denn wie schnell ist man darüber hinweg, mit worten und ganzen geschichten, erklärungen, statt einfach nur zu sehen. überhaupt die tendenz (meine) sehr schnell in wörter zu gehen, weil die wucht so gross ist. noch beim kleinsten ansturm die hilflosigkeit in die formel gepackt, das ist, weil …

keine nachsicht, keine vorsicht, beim sitzen vor diesem gerät, auf dem ich schreibe, beim umher schauen, weil ich nach dem richtigen wort suche, keine musik, weder beethoven noch mozart, finde ich alles, aber auch alles ohne ausnahme, sehr prekär, sehr leicht, volatil, fast fliegt mir alles davon, vor allem die bezeichnung für den strauch, vielmehr das zur erde geneigte bäumchen mit den weissen kugeln, aah, den schneeballenbaum und plötzlich, das gras ist so prall grün, so saftig, so exuberant, muss ich weinen, ich kann es nicht halten, es entgleitet mir jetzt schon, es löst sich auf vor meinen augen und auch ich werde unsichtbar fûr mich selber, morgens suche ich nach mir, ich habe eine ferne erinnerung an jemand, der trug meinen namen, wenn es denn meiner ist. und die geräusche um mich herum, das rauschen, das kollern und knacken beruhigt mich nicht etwa, war es überhaupt da?

ich wundere mich, dass ich noch lebe, manchmal höre ich mich lachen, manchmal erzählt einer eine geschichte, die ist lustig, und er hört auf meinen namen, manchmal geht einer herum, der fühlt sich an wie ich und ich merke, ich fühle deutlich, er freut sich, er lächelt und manchmal hat er angst, alles hört einfach auf.

Marie ist die luft, die ich atme.

(link zu einem text, der hierher gehört)

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Carla Lucarelli – Histoire 6

Eggs benedict

Dazu einen doppelten espresso und eine aussicht auf eine kleine gasse,

Quer gegenüber die inschrift dezig.u? Uuh? Neben dem eingang in die noch kleinere leuengasse. Eine taube rennt geschäftig umher, wenig passanten kommen vorbei, frühsonntägler, unten im raum eine unaufhörlich kichernde, lachende, giggelnde junge frau, ihr begleiter scheint amüsant, denn sie legt immer wieder los und prustet und lachgiggelt. Das hebt selbst meine miserable stimmung. Sonst gemurmel, jemand sagt „exactly“ und die café maschine rauscht? Na, eher ein mahlendes gerâusch.

Ich frage mich als sitze ich neben mir, na, wie geht es dir. Croissant mässig, lautet die grummelige antwort, in der mitte etwas von ängsten gebläht, von morgendlichen überfällen in noch unbewachten augenblicken, an den dünneren enden angeregt, nachdenklich, ach scheisse, warum nicht gerade heraus sagen, kurz nach dem aufwachen vermisste ich Marie so sehr, dass ich dachte, wie kannst du damit aufstehn und herum gehn in dieser stadt, und die frage ist im grunde müssig, ich werde es wohl tun ohne vorzugeben ich sei gerade besonders lustig.

Oder es sei alles normal, ich schüttle mich, wenn ich den satz höre, das leben geht weiter (fuck you und rutsch mir den buckel runter, géi der eng orange plecken). Und es tut gerade das, als ob nichts wär?

Gerade stürmt eine grosse gruppe chinesen herein und gleich ist der raum voll von lauten, die ich nicht verstehe, und ich merke mein bemühen, alle krummen vergleiche zu lassen. Dann kommen einige davon die treppe hoch zu meiner empore und es sind nun individuelle gesichter und nichts gruppe, einer dame in blau lächle ich zu, sie lächelt zurück.

Ich sage jetzt nicht mein morgen sei gerettet, vorläufig, aber so ein lächeln hat doch was.

möglicherweise, so erzähle ich mir, bin ich deshalb etwas mühselig drauf, scharf an der grenze zum ordentlichen granteln, weil es gestern abend, auf dem wunderbaren weg den hügel hinunter zu meinem hotel, nicht geregnet hat, nichts geht über ein regenschirm flanieren am abend, also kein gang im regen, aber auch so, das gebe ich widerwillig zu, war es angenehm. Wegen dem alleinsein und wenig geräusche, eine frau führte ihren hund aus, ein paar eilige strebten ihrem vergnügen zu, das nehme ich an, denn unten in der altstadt findet es statt, schön, dass man lokalitäten dafür hat so wie es tees gibt und auf der packung steht glückstee oder klarer geist, ich bevorzuge letzteren, je mehr klarheit desto besser und wie jemand kürzlich gemeint hat, glück ist eindeutig overrated.

Dieser blog ist das unnötigste, was ich seit langem geschrieben und es ergibt: erleichterung.

Ach so, zum frühstück gab es eggs benedict, ich bestelle das, esse es auch auf, aber ich frage mich die ganze zeit, magst du das eigentlich, und warum gehst du immer in das gleiche hotel, wenn alles dich an Marie erinnert.

Und es gibt keine antwort oder: eben deswegen.

Und überhaupt: schmerz hält wach.

Und: ich bin gerne dort.

Ha.