was ist zuhause

ldjOteSBQxa8g3oaZI4uAQ

traum: ich will nach hause fahren, in einem gedränge von leuten, aber nicht mitten drinn, sondern eher am rande. viele busse, sie sind schon überfüllt, ich spähe nach dem richtigen aus und am ende verpasse ich ihn. neben mir steht noch ein guter bekannter, dem es nicht gelungen ist, aber im gegensatz zu mir, ist er sehr gelassen, was nicht heute gelingt, wird sicher morgen sein.

leer, freudlos, ausgesetzt fühle ich mich, aufgespannt im nirgendwo, weder hier, wo ich nicht sein will, noch dort, wohin ich will.

aber wohin will ich?

gestern wurde ich wütend, weil jemand mich festzurren wollte, „du definierst dich über Marie“, das ist  der gipfel aller missverständnisse, denn wie immer bin ich auf der reise – nachhause.

mir einen weg dorthin schreiben.

wobei: es ist kein ort, es ist eine innere konfiguration, am ehesten noch die ausgestreckte hand und ich weiss sehr genau, wie ich zögere, wie ich mich schneller im kreise drehe, um meine sehnsucht nach diesem ort nicht zu spüren,  die stärke des gefühls macht mir angst. sie haut mich um.

kenne ich mich so wenig.

so wache ich auf.

es war so viel, so leicht vergisst sich, wusste ich noch, wohin ich will.

zuhause ist eine andere stadt in einer  welt, die ist zuhause, dort  muss keiner sein, damit …,  keine persona vor dem gesicht  und nicht die aufführung eines fremden, den ich nicht kenne. hört dort das vergebliche auf, das angestrengte, jemand zu sein, eine rolle, nur ein spiel und ist es dort regsam und eifrig, aber kein stillstand und keine erstarrung. zuhause ist  der geistige ort,  ist der grund des grundes, warum ich dinge tue und denke und fühle,  der nicht-ort, aus dem die kraft fliesst, in dieses zähe hinein, das sich jetzt nennt, ein leuchten zu bringen.

die ersten schritte ins unbekannte, wann komme ich an, ist nicht die frage, sondern: bin ich auf dem weg. oder habe ich schon resigniert und wird es schon kalt.

muss ich noch sage, was das schlimmste wär.

 

DSC01567

 

 

 

das ist meine wirkliche erbschaft

5S+VKOwTQHS0h5ylmtHq3g

 

im grunde ist alles gesagt, schon lange, wir sind nur variationen und als solche genötigt, alles aus uns heraus zu holen, was in uns steckt. sozusagen unsere individuelle erscheinung zu rechtfertigen. das ist kein easy business, kein job, das ist eine lern- und entwicklungsaufgabe ein leben lang. das ist der sinn, den wir der veranstaltung geben können. das meine ich ernsthaft.

das heisst auch, das, was uns anvertraut wurde, zu würdigen, es „zu erwerben, um es zu besitzen“. wie man heute sieht, geht das nicht von alleine.

(Miet)Hausbesitzer zum beispiel sind oft, nicht immer, so eingestellt, dass sie, wie es früher hiess, die kuh melken, aber nicht füttern, was heisst sie kümmern sich nicht drum, lassen das haus verlottern, lieber maseratti als ein neues dach oder eine gute infrastruktur für Mieter. eingedenk der tatsache, dass sie der gemeinschaft (gibt es das noch?) etwas schulden, weil sie ohne das soziale umfeld, die infrastruktur, die wirtschaftliche umgebung etc. gar nichts wären. also gibt es aus diesen zusammenhängen heraus, die sehr konkret sind, die verpflichtung etwas zurück zu geben, in der form wenigstens eines bedachtseins auf den guten zustand des hauses, wobei haus auch unser aller haus meint, diesen planeten.

wenn ich sehe, dass leute ihren besitz vergammeln und vorkommen lassen, tut es mir weh. das ist kein respekt.

und da wir auch von unseren visuellen eindrücken leben, ist es  ein mangel an respekt, wenn hässliche bauten lieblos zuhauf  hochgezogen werden. man muss nicht denken, diese reinindensackmentalität habe etwas elegantes, ganz abgesehen von dem sozialen und gesellschaftlichen, in der erscheinung manifestiert sich die antisoziale gesinnung.

ich rede pro domo.

es ist klar, dass die verwendung der begriffe verpflichtung, die aus einem konkreten zusammenhang erwächst, also keine aufgesetzte moral ist für den sonntagmorgen, und verantwortung, die sich ebenfalls daraus ergibt, als zurückzahlung einer schuld an die gemeinschaft, nicht sehr postmodern modisch ist. schuld, das ist doch was für betbrüder und -schwestern oder?

sozialer sinn gar? was ist denn das.

er ergibt sich aus einer nüchternen analyse der sozialen und wirtschaftlichen verhältnisse und realen zusammenhänge. das ist keine ideologie. aber die geldsackmentalität ist eine und keine schöne. die anhäufung von unvorstellbarem reichtum auf dem rücken der gemeinschaft ist eine perversion.

wie ich darauf komme?

aus erinnerung, die als eingefleischte lehre sehr präsent ist. Marie und ich, wir haben uns immer gefragt, was für eine verantwortung erwächst aus irgendeiner art von besitz und ich rede hier nicht von philantropie und almosen. ein patrimoine verlangt von sich aus, quasi definitorisch, das umständliche vorsorgliche bemühen. was, bezogen auf haus, die frage einschliesst, was ist gutes wohnen. gehen tatsächlich alle relevanten erkenntnisse ein in das, was wir tun? die styrodur mentalität, die sich als neuester stand ausgibt, spricht dagegen.

heute sind die wörter sozial, verantwortlich, nachhaltig sehr oft einfach nur austauschbare elemente in einem nicht abreissenden gerede, aber nicht die feststellung einer tatsache. wohnen in grosskleinstein ist keine soziale angelegenheit, keine gesellschaftliche, sondern eine rein finanzielle. das recht auf wohnung ist de facto in frage gestellt durch die horrenden preise, die durch gar nichts gerechtfertigt sind und bestandteil der nächsten blase und krise sein werden.

ich kann es nicht ausstehen, wie heute mit worten umgegangen wird, das grosse blabla: wir können nicht, wir dürfen, wir wollen nicht intervenieren in die kräfte des freien markts. wir haben alles dereguliert, nur in den vorgärten wird reguliert.

wenn demnach besitz definiert ist durch verantwortung und verpflichtung und schuld und diese werden nicht wahrgenommen, dann ist es nur logisch, wenn  die abschaffung des privatbesitzes gefordert wird, aber auch dann gelten die gleichen prinzipien, wer in einem der gemeinschaft gehörenden haus wohnt und sich nicht darum kümmert, hat das, was wohnen heisst, nicht verstanden.

die geltenden masstäbe für die private aneignung von dingen, die sich selber gehören und gemeinschatlich genutzt werden, sind absurd. sie führen sich jeden tag selber ad absurdum.

in der art, wie jemand mit den dingen umgeht, zeigt sich, ob er sie schätzt oder hasst und verachtet.

in der art, wie heute mit der erde, unserm haus umgegangen wird, zeigt sich unsere selbstverachtung und unser selbsthass.

die allertiefste ursache ist der tod. unsere zivilisation ist auf weiten strecken als bunker über dem tod gedacht.

wir haben es nicht begriffen, so meine beschränkte erfahrung und auffassung, den tod, das ende, die letzte grenze in unsere lebensweise zu integrieren. der tod ist ein unfall, zu diesem schluss komme ich jeden tag, wenn ich die zeitung gelesen habe und auf die todesanzeigen gegen ende stosse. dass es diese tode gibt, die angezeigt werden, geht nicht einmal aus einem fitzelchen des vorangegangen hervor. der tod ist eine erstaunliche tatsache, ich bin jedes mal verwundert, wenn die ersten fotos der verstorbenen auftauchen; dann denke ich, jedes mal denke ich das, wo kommen diese tode denn her; dann sage ich auch jedes mal, wir leben, als gebe es den tod gar nicht. als gebe es kein ende, bis wir davor stehen.

aber ich kann nur für mich reden.

was definiert mich? meine sterblichkeit. überall sehe ich das ende. ohne dieses ende gäbe es keinen neuanfang. „der tod ist der schöpfer.“, das ist ein provokanter satz des Malers Karl Ballmer. man muss mit diesem satz nichts anfangen können. man kann diesen satz unmöglich finden. man kann sagen, ich habe mit dem tod nichts am hut.

der tod ist eine sehr konkrete sache, er beginnt mit dem sterben, das dauert monate, dann liegt eine leiche da. das war einmal Marie. man sitzt da und geht fast kaputt. man denkt, man hält das nicht aus. ausgerechnet sie. und dann bricht etwas ab, so dass man wimmert.

da ich das erlebt habe, habe ich auch erlebt, dass es kein zurück mehr gibt in eine illusion, als sei der tod nicht immer dabei, als habe er mit dem rest nichts zu schaffen.

wenn der rauch sich verzogen hat, wird in einer klarheit, die es vorher nicht gegeben hat, höchstens für privilegierte augenblicke, deutlich, überhaupt erst sichtbar, was beziehung heisst; das ist immer sehr konkret, wie auch geist sehr konkret ist, die beziehung zu dieser person, und das, was in dieser beziehung hin und her geht, das produkt sozusagen, das aber nie ein endprodukt ist sondern eben eine fliessende lebendige beziehung. das nenne ich geist. man könnte es auch einfacher sagen, das, was eine beziehung interessant macht und die personen füreinander, die gesamtheit davon, inklusive des sinnlich erfahrbaren, wahrnehmbaren, also auch die entwicklung, sie ist ablesbar daran, ob das interesse lebt.

sowas definiert einen, nicht die andere person, sondern die beziehung, sie ist sozusagen das subjekt. sie ist keine addition sondern eine funktion, eine gleichung.

definiert sich auch der grenzübertritt? denn als solchen habe ich ihren grenzübertritt für mich erlebt, als ein definitives definierendes ereignis, hinter das es kein zurück gibt. nolens volens. ich will auch nicht zurück, das wäre nostalgie. aber auch, weil ich das gar nicht kann. das leben danach ist ein anderes, das andere definiert sich als: es ist dir etwas wesentliches genommen. das neue erleben hat seinen preis, zwar ist deine wahrnehmung gereinigt, zwar brennt der schmerz, zwar siehst du alles leichter, ich meine damit, was vorher so bedeutend war, ist es nicht mehr, überhaupt verliert vieles seine bedeutung und das bedeutende entpuppt sich als leer (das betrifft eine ganze lebensweise), aufeinmal schätzt du das vorübergehnde, das vorläufige, das vergängliche in allen dingen, es verleiht ihnen einen dunklen glanz, eine schönheit, die vergeht, die lichtflecken durch baumkronen auf einem waldweg, das lächeln auf einem gesicht und du bist schon vorüber, die schmerzliche schönheit, der reiz, den wolken haben, sie ziehn, verwandeln sich und vergehn auf einem blauen grund ins unendliche.

am tod zerschellt das gerede wie an einer stahlwand.

ich halte es für absolut vermessen, einen satz anzufangen mit den worten, ich definiere mich über… das ist ein lächerlicher satz.

was ist daran so schlimm, dass der tod einen aus seinen definitionen hinaus wirft.

ich denke mir mein leben mit Marie nicht ohne genau dieses ende. in jedem anfang steckt es schon drinnen, man weiss es, insgeheim weiss man es. dass einem das, was man am meisten schätzt,  wieder genommen wird. und doch wird man es zu diesem über alles geschätzten erst machen, man häuft reichtümer auf reichtümer und ihre verwandlung in eine fähigkeit, eine neue wahrnehmung, tut sehr weh. es bleibt einem gar nichts übrig, als genau diese verwandlung zu vollziehn,  sich vollziehen zu lassen.

ich habe schon einige kleinen tode erlebt, aber das ende meiner beziehung zu Marie übertrifft alle um ein vielfaches.

ich komme zurück an den anfang, was für materiellen besitz gilt, gilt umso mehr für geistigen und emotionalen, das heisst eine lifetime erfahrung, auch dort gilt das „erwirb es, um es zu besitzen“, heute sagt man dafür integrieren, einen schatz, einen unendlichen reichtum. ich gehe zur tagesordnung über, so sagt man doch, das tue ich gerade, denn das ist die tagesordnung.

der erlebte tod des andern enthält definitorisch eine verpflichtung, sich seiner würdig zu erweisen, das ist meine wirkliche erbschaft.

ich schwimme hinaus, weit hinaus und lange und schaue manchmal zurück an den strand, wo ich meine sachen abgelegt habe, ganz früh morgens, wenn die welt noch neu ist und dort sitzt sie und winkt, dort sitzt sie nie mehr, ich weiss das und weiss es nicht, ich tue nicht so als ob, ich weiss, ich bin allein und schwimme hinaus und bin zuhause, in einem schmerz und einer freude, dort vorne, ganz vorne auf den steinen, die ich so sehr liebe, sitzt sie und sitzt sie nicht. und was  vorgeht zwischen hier und dort, das bin ich gerade.

 

 

 

 

 

 

 

 

die müden blätter des kirschbaums

LXEcVAHOST6JKeIxah3n%w

fast schon habe ich mich vergessen.

jemand sitzt im garten und träumt, er sei ein Baum, ein Strauch und das Gras, das seine füsse berühren. und das leben mit ihr, war es wahr, war es überhaupt und nicht auch ein traum von einem miteinander und wer ist sie, das nie aufhörende staunen an jedem tag.  als sie ging, war der garten leer wie das haus, wie die strasse, der ort und die welt wurde stumm, hörte auf, plötzlich war ein loch gerissen in alles und sonst gar nichts mehr. das erinnert er im schatten des gartens und rundherum der lärm der dinge, motoren und sägen und hämmer und dahinter  nichts, jedenfalls nichts von bedeutung. der garten ist still, ein versinken und darin träumt jemand, er sei ihr begegnet.

wenn die vögel nicht zwitschern würden, die tauben in den birken nicht rascheln, ganz flattrig, dann könnte er denken, er sei nicht mehr da, jedenfalls sei er am verschwinden und auch der garten nur ein ferner traum.

nichts ist sehr wichtig, er stellt sich nicht vor herum zu gehn, bedeutende dinge zu tun, lieber verschwindet er zwischen bäumen und büschen im sommertraum einer versunkenen welt und darin sie, mit grossen augen schaut sie ihn an. das ist, so weiss er noch, das allerwichtigste, sie sieht ihn  an und sie sagt seinen namen. überhaupt ihre augen, ihr mund, ihre hände.

ein traum träumt sich ganz von selber, die blumen so gelb, so weiss und die ersten spuren des sommers im gras und die müden blätter des kirschbaums.

btkEmcklRTu3LYehuper7w

Im Blau einfach weiter reisen

tCaq8Y36TLGISYRZ58uRNQ

Die besondere Variante von Grün, die ich gerade erblicke, geht ins Blaue hinein, andeutungsweise, ein Sprenkel auf einem weissen Blatt. Er dient mir als Schlüssel zu einer Tür und die Form auf dem Papier erinnert auch von ferne an einen Schlüssel, wenn auch einen sehr eigenartigen.

Jedenfalls hinaus aus dem, was gerade ist.

Der Garten füllt sich mit Sommergästen zum Sommerfest, ich habe einmal hinaus gesehen und mich dann, unter einem Vorwand diskret entfernt, man kann sich unsichtbar machen und meine Abwesenheit ist eine Weile unbemerkt. 

Unterdessen studiere ich Wolkenformationen auf  makellosem Blau. Der Sonntag erwacht erst, kaum Verkehr, Stimmen nur aus sehr weiter Ferne, Vogelgezwitscher in den nahen Baumwipfeln, eine leichte Brise macht die Rotbuche gegenüber flimmern.

Ich lasse mich langsam hinein sinken.

Motorne Geräusche, Rauschen, anschwellend, da, genau vor mir und es entfernt sich, verstummt und das nächste. Eine Autotür klappt zu, eine Flasche klirrt in einen Container.

IMG_1206

Ich weiss natürlich, warum ich zögere mich unter die Gäste zu mischen.

Gelächter, Scherze, ausführliche Begrüssung, Gespräche, Leute werden einander vorgestellt, wieder Lachen, Lächeln, die Kinder rennen herum und mitten in allem eine Art Riss im Raum, mitten in der Fülle, nur ich kann ihn wahrnehmen, dort ist die Stelle, an der Marie verschwunden ist.

Nun werden es immer mehr Gäste, der Garten füllt sich, überall Leute und Leben und ich bleibe lieber sitzen, schaue hinaus auf die Wolken, die Bläue und ich weiss, dem festlichen Trubel bin ich heute nicht gewachsen.

Der Sonntag erwacht sehr langsam, Kinderstimmen von der Strasse her. Heute trösten mich die Wolken: Du tust etwas, du blickst wieder auf und schon sind sie neu und ganz anders und überraschend, sie sind das Element, in dem Proteus spielt, sie sind die Wechselfälle in reiner Form, wuchtig und federleicht und gleich schon vergangen und ich der Hans-guck-in-die-Luft.

Man ist so sehr gewohnt, geradeaus und hinunter zu schauen, dass es fast Mühe macht, den Blick für eine Weile nach oben zu richten und sich der Weite auszusetzen.

Wenn ich hinaus blicke auf das Wolkengetüm über mir und in die blauen Fenster darin, fühle ich mich fast gehalten.

Nur sehr langsam wird mir bewusst, wie sehr ich ein Träumer bin und wie wenig ich meinen Träumen nachging, oh, es sind ganz einfache Sachen, am Wasser sitzen zum Beispiel oder ein Wolkengucker sein, auf Geräusche lauschen in alle Feinheiten hinein, unter Bäumen flanieren, nachdenkliche bedächtige  Gespräche führen und eins am andern an Waldsäumen, Wiesen.

 

Der Traum ist kein Muss und er ist kein Soll.

Der Traum ist genau und erinnert alles, am Fuss des Wassers jedes kleinste Kräuseln, jede feine Dünung, jedes Glitzern, Aufblitzen, jedes Glucksen, ein Vogel streicht am Waldrand hin, ein Wind legt  Gras in Wellen, von irgendwoher eine Stimme, sehr fern, und in der Bläue oben die Ewigkeit, keine seelenloses Immerweiter, nein, ein Angesprochensein.

Der Traum inszeniert kein Leben. Der Traum vergisst kein Gesicht.

Der TRÄUMER träumt die Welt ins Dasein.

Der Träumer ist ein Teil des Traums.

Der Traum ist der Hund im Kegelspiel.

Der Traum sieht klar, der Traum schaut in jede Ecke, der Traum sieht um die Ecke.

Ich nenne diesen Teil von mir den Träumer, weil er in der gegenwärtigen Bewusstseins – und Seelenverfassung wie ein Träumer vorkommen muss. Er tut für heutige Begriffe noch nicht einmal das, was der Normalmensch (gibt es den?) im Urlaub tut, denn dort wird weiter getan und gemacht und heftig erlebt, und selbst das sogenannte Relaxen geht nicht ohne Anstrengung oder es ist ein Einsacken, ein Zusammenfallen, hinterher muss alles mühsam wieder zusammen geklebt werden.

Mich als Träumenden am Waldrand zu erblicken, nicht erst nachträglich, sondern im gleichen Augenblick, das ist (nicht war) eine überwältigende Entdeckung. Plötzlich steht der Junge auf dem Kinderfoto neben mir, er lächelt verlegen. Das ist ein Glück. Aber keines, das verfliegt, wenn es bewusst wird, sondern dieses Glück ist genau das: es wird bewusst.

FajYB++lQfCBiOh4IETc%A

Ein solcher Augenblick singt.

Ein solcher Augenblick  ist eine Öffnung.

Ein solcher Augenblick kann gar nicht angemessen beschrieben werden.

Dagegen ist alles übrige  Anstrengung und Krampf (wenn ich dies haben will, dann muss ich jenes tun, nichts dergleichen, Windstille hingegen, kein Hauch, einen Augenblick gar keine Zeit, schweben, gar nichts bewegt sich, und nun das plötzliche Erwachen von etwas längst Vergessenem, nicht Vergangenem, auch Zukünftigem, aufgeladen mit es ist und es wird).

Es  war etwas angehalten und nun endlich gerät es in Fluss, nun endlich entsteht eine Bewegung, eine ganz andere, im Zickzack, in Spiralen, auf und ab, aber keine bekannte lineare, aber auch die mitunter, also neben der üblichen, auf einem ganz anderen Geleise,  keinem eingefahrenen, einem, das erst entsteht. 

In die Wolken Gesichter hinein schauen.

Im Blau einfach weiter reisen.

jdsvNngrS%uTTqmaRgE61Q

 

sowas wie ein gebet

So+1GjUVROO3zx2gButhKg

Was mich heute beschäftigt?

Ich überspringe die kriegstreiberei, das ablenkungsgerede, die auslieferung von Assange, alles der gerechtigkeit dienend, ich staune immer wieder über die imperiale variante von sogenannter justiz und gleichzeitig stehn mir die haare zu berg dabei. Slavoj Zizek hat alles Nötige dazu gesagt.

Immerhin erinnert die morgenzeitung an den zwischenfall im golf von tonkin, der den einstieg der usa in den vietnam krieg rechtfertigte.  golf von tonkin? ja, man könnte sich historisch belehren lassen, wenn man denn wollte.  im krieg der guten gegen die bösen ist eine gewisse konfusion enstanden, wenn jemand ruft, und nun die guten, schreien immer alle hier.

Im mehr lokalen lese ich staunend, dass die stadtegierung  immer schon ziemlich nachhaltig war. die postmodernen politiker* (ein gendersternchen ist das) können, so ist wohl die regel des geschäfts, nicht „normal“ reden, also nicht sehr nahe an der realität, an den fakten, da ist meist so etwas verschwommen verschwurbeltes, eine nebelwand, in die man bei bedarf eintauchen kann, so habe ich das nicht gesagt, vielmehr… das macht die lektüre von interviews mit politikern* (wieder ein gendersternchen) so mühsam und kompliziert, hinterher hat wieder eine* die realität so schön geredet, dass einem fast die tränen kommen. ich frage mich, was hat sie* gesagt und finde das wort lange nicht, so in etwa: nebelsprüher, beileibe nur kein wort, das einen festlegt, also lieber gar nichts, leeres stroh gedroschen. abstreiten, ausweichen ist noch elegant, jedenfalls wegreden, alles ganz anders.  so nicht, so auf keinen fall.

dabei sind die leute* hier im vergleich sehr nett. das musste einfach mal gesagt werden.

also, das wollte ich alles überspringen und mehr ins allgemeine der beeindruckenden wolkengebilde, ja gebirge über meinem kopf gehen und in das unglaubliche gefühl bei nur kurzem hinausblicken auf die bLäue dazwischen, wo befinden wir uns hier. Ich hoffe in allem ernst,  jemand schaut uns zu und schüttelt wenigstens noch den kopf, statt sich schulterzuckend von dieser ecke der galaxie abzuwenden, hoffnungsloser fall, ende.

Er hat wieder einen hypochondrisch-misanthropischen anfall? keineswegs, aber gestern hatte ich ehrlich gesagt die schnauze voll. keine distanz, alles sauer, wir reden nicht mal von leiden, man kennt das, es kann überwunden werden durch nichtanhaftung, loslassen, die gier, den wunsch, das habenwollen, das sein wollen, das gemochtwerden wollen und du gehörst doch dazu, ganz zu schweigen von tod und den gebrechen davor und den ängsten, den flankierenden. und die fragen erst, macht es sinn und die suche danach und die aufgabe, was mache ich hier, braucht noch jemand mich.  die suchmaschine  gibt sich zufrieden mit gar nichts, du denkst, du hast einen zipfel des existentiell zentralen erwischt und morgens beim aufwachen ist es schon weg, hat sich über nacht verdünnisiert, aus dem staub gemacht und du… du fängst wieder von vorne an.

Also es ging überhaupt nicht darum. jedenfalls nicht hauptsächlich, ich meine, das ganze dolle paket läuft natürlich immer im hintergrund mit und es bricht gelegentlich daraus hervor wie eine meute kläffender kleppse, aber darum ging es nicht. wahrhaftig. und ernsthaft nicht.

Das problem ist, auf einer höheren stufe der bewusstseinsentwicklung, einer moralisch gestützten, dürfte sowas eigentlich,  gar nicht passieren, sowas wie ich habe die schnauze voll, da steht man doch längst darüber. Ich höre manchmal solche sätze.

Der ausdruck gibt sofort preis, dass darin nicht eine stinknormale (wirklich?) flemme steckt, es handelt sich eben nicht um einen anfall der  kopfhängenden melancholie , sondern es schwingt eine eindeutig aggressive note mit, ein ihr könnt mich mal und mir den buckel runter, wenigstens eine pikante prise davon.

Meist gehe ich dann in den wald, die bäume sind so freundlich und ich strecke die waffen. der raum ganz erfüllt von dem schweigen mit Marie,  den Schritten von Marie neben mir und das versteht sich von selber, das muss nicht extra gedacht und gesagt werden.

Gestern war das nun wieder ganz anders, irgendwann bin ich aufgestanden, ebenfalls ohne lange nachzudenken,  habe die gartenschere geholt und schon tauche ich in die arbeit ein  und der letzte rest zorn verfliegt, was dann passiert ist zwischen mir und den hochgewachsenen büschen am eingang. 

das sind die momente, in denen alles präsent ist, jede minute mit marie, aber auch sonst alles, alle leute*, die ich kenne und kannte und alle erlebnisse  und alles schweigt und geht nur in das tun, in jeden einzelnen handgriff, jeden blick und am ende hat es eine sichtbare form.

Amen

8VrVwDuTQ4GqIXSNPTS3aA

 

aber ihre stimme

OcS15NAPSGuZcmHnRXIQ1Q

dann warte ich auf ein zeichen. ein zeichen? irgenddeines, ein ächzen im dachgebälk, eine brennessel am weg, ein vogellaut, eine stimme von irgendwoher, ein windstoss, der schüttelt den baum vor mir, irgendetwas beredtes, das mich aus meinem verstummen heraus holt, das mich anrührt, rüttelt meinetwegen, irgendein zeichen, dass ich noch lebendig bin und nicht rutsche in einen stummen protest gegen alles.

man kann mit angst geld verdienen und macht bekommen und halten, ich suche nach einem lächeln, das mich zurückholt aus dem lande nirgendwo und nichts und was hält mich am leben, aus dieser frage auch, denn die antwort ist, alles hängt an einem dünnen faden.

manchmal werde ich zurück geworfen auf rudimentäres, elementares auch, essen und schlafen und gehen, aber frag mich keiner, wohin des wegs.

nichts hast du im rücken, sag ich mir, weshalb die meldungen vom tage mich treffen, als sei alles sehr nah.

und dann verstehe ich nie, dass das leben einfach so weiter läuft, dass keiner deutlich halt schreit und alles ändert die richtung. was diese gegenwart mir abverlangt, ist einfach zu viel, nicht einmal mit freude kann ich oberflächlich sein, weil das meiste schon so ist, glitzernde, scheinende oberfläche und die tage plätschern dahin und dann lese ich irgendwo die schlagzeile, der zivilisatorische zusammenbruch sei für 2050 zu erwarten. und: genug warnungen hat es schon in den siebzigern gegeben.

alles hat den geschmack des unwirklichen.

nur die imposanten wolkengebilde, gejagt von winden, und die geschüttelten, heftig tanzenden baumkronen scheinen mir real und die windgeräusche auf dem dach und ein lachen im haus, schritte auf treppen.

an solchen tagen kann ich nicht aus dem haus, ich habe angst mich zu verlieren und nie mehr nach einem zuhause zu finden.

an solchen tagen brauche ich etwas im rücken, dann sind alle herumirrenden mir näher als sonstwer, dann verstehe ich alle sprachen, nur die nicht, die um mich herum gesprochen wird.

dann sässe ich lieber auf den felsen am meer und schaute in die weite, dann sind die sanften geräusche des wassers das einzig wirkliche und die hügel und die steine am pfad.

%sW0OSqAR4WpKQ2eKeCHZA

eine wiederholung habe ich erlebt, als sei sie dort zwischen bergen und meer jetzt erst gestorben und selbst im weiten fühlte ich mich eingeengt und der schmerz war da wie eh und je, aber seltsam, der schmerz vor allem, dass ich diese stimme nun nie mehr höre. so sass ich zwei tage und horchte hinaus und fand sie nicht, bis ich dachte, das wird nun immer so sein, an diesem ort, zwischen bergen und meer, nie mehr ihre schritte, nie mehr ihre stimme.

zuesrt denkt man, das hälst du nicht aus und doch bist du schon dabei und du gehst die alten pfade, du sitzt auf den felsen und schaust in die weite und in dieser schönheit ihre stimme nie mehr, nie mehr ihre schritte.

aber alles sehr hart an der grenze, wo du nur noch rennen würdest.

in diesen zwei tagen hatte ich auch das lachen verloren.

und ich fand es schlimm, dass ich ohne ihre stimme weiter leben kann, keiner mehr, der mich in diesem tonfall fragt, wo in der welt ich herum schwimme.

nach einer abrundung suche ich, einer wendung ins optimistische, noch sitze ich in gedanken am meer auf den felsen und schaue ins weite und ich höre, wie die leichte dünung sich an den felsen bricht, wie es plätschert und wispert.

aber ihre stimme höre ich nicht.

 

 

à bout d’inquiétude

bMY9z1gJStayccZ6rCwHqw

Am Ende der Angst, nicht der Ängste, reicht das Geld, hast du deinen Führerschein dabei, riechst du gut oder schlecht, der vergessene Namen ist noch kein Zeichen von Alzheimer oder doch? oder doch? bei allem? der Zweifel, bei allem? Oder die Panikattacke mitten in der Stadt und ich gehe weiter, tue, als sei gar nichts, pfeife vor mich hin, wie das verlorene Kind nachts im Wald, wenn ich allein in meinem Bett lag, hielt ich die Luft an, um besser zu hören, bis das Blut im Kopf klopfte und ich nur noch dieses fremde Pochen hörte, was sagen die Leute? Sie sagen nichts, sie denken allerhand, ich kenne sie kaum, bin ich mit ihnen befreundet, mir sagen sie nichts, habe ich mir Sorgen zu machen, wann gibt es essen.

Aber DIE ANGST ist weg, jeder Tag, jeder Mittag und Abend schiebt mich näher an den Abgrund, das Ende hier und sonst weiss ich nicht viel, aber das weiss ich. Higelin sprach vor seinem Tod von dem letzten Abenteuer und seiner ungebrochenen Neugier, lebend sterben sagte ein anderer und meinte damit nicht schon halb verwest und stinkend, nicht schon halbtot.

Dann aber der andere Spruch vom nötigen Sterben vor dem Sterben und manchmal geschieht es ganz unfreiwillig, ich kann ein Liedchen davon singen, nachts im Wald das Rascheln, das Scharren, das Kratzen und was ist das, ich halte die Luft an, wie damals, wenn ich allein da lag und keiner kam.

Halt die Luft an, Mensch. Aber ich gebe nicht an, ich schwindle nicht, warum sollte ich irgendjemand etwas vormachen.

Einmal schien etwas Kräftiges auf, etwas Durchmischtes, wie man das Leben eben so kennt (und dann hat man noch Glück gehabt, man kann sich vergleichen, man kann sich Zustände vorstellen, aber wie sie sich anfühlen und was man dazu denkt, da hat man nicht die geringste Ahnung und hält also den Mund. Klagen? Das Reklamationsbüro hatte vor einer Sekunde geöffnet, nun ist es geschlossen).

Es gibt keinen Gott, bei dem man sich über das plötzliche Ableben einer Person, dazu noch einer Geliebten und Freundin, beschweren könnt. Er ist schlicht dafür nicht zuständig. Jammern ist möglich, es ist gewiss nicht sehr elegant, für eine Weile erleichtert es gewiss, bis man merkt, es gibt keinen Adressaten.

Alter ist nichts für Weicheier. Der Planet ist noch immer schön, aber kein Paradies für die grosse Zahl und auch die Superreichen haben diese verborgene Todesdepression, darauf kann man zählen, aber die Ablenkungen sind natürlich luxuriös und nur vom feinsten. Aber ein Arschloch bleibt ein Arschloch.

Und es gibt Leute, leider genug davon, die bestehen darauf, den Ast, auf dem sie sitzen, beharrlich abzusägen. Aus Dummheit, aus Gier, aus Unbewusstheit. Weiss der Geier warum. Einige werden den Klimawandel leugnen, bis ihnen der letzte Rest Gehirn ausgelaufen ist und es gibt eben die seltsamsten Überzeugungen, am schlimmsten ist es, wenn man den Mist einem Sündenbock in die Schuhe schiebt, das nennt sich dann sehr rechts bis ultrarechts. Immer ist es jedenfalls ein anderer.

Ich persönlich finde das nicht nur beklemmend, sondern auch langweilig, in der Schule nicht aufgepasst und nichts gelernt, Doofheit ist antrainiert. Man kann sich Doofheit auch einreden, indem man die Fähigkeit des Denkens ignoriert. Denken tut ein wenig weh, man findet dann nämlich allmählich, manchmal ist es etwas mühsam, heraus, es ist nicht der Nachbar.

Ach, wem sage ich das.

Und nun im Ernst: wenn man durch irgendwelche Umstände in eine andere Realität katapultiert wird, sei es der Tod eines geliebten Menschen, sei es ein überwältigender Schmerz, die Realisierung der Flüchtigkeit von allem, eine tiefe Einsicht, die einen überfällt und trifft, richtig erwischt in der Tiefe, dann kann man durchaus in Panik geraten, zuerst, richtig Angst kriegen, eine Scheissangst, rasendes Herzklopfen, sich jagende Gedanken, der reinste Horror kann einen überfallen, man hechelt, man atmet sehr flach, eine Attacke jagt die nächste, bis irgendetwas einem „zuruft“: tief durchatmen, die Augen auf, schauen, hören, fühlen, das geht sehr schnell wieder.

Wenn man danach die Zeitung aufschlägt, kneift man sich besser vorher in den Arm und tatsächlich, es ist der vorherige (bekannte) alltägliche, galoppierende Wahnsinn, der ist noch immer da und du darin, ein zweites mal kneifen, aber nun ist es anders, der Blickwinkel leicht oder doch heftiger verschoben. 

Als du die Anzahl der Geschäfte in der neuen Shopping Mall liest, fängst du an zu lachen, zu prusten, du hältst dir den Bauch, du kannst gar nicht mehr aufhören, der neue homo oeconomicus, der Koofmich der Postpostmoderne, ist, wenn er kauft. Und dazwischen zweifelt er, ob es ihn gibt, in den Kaufpausen löst er sich auf und steht wieder auf, im Kaufen.

Das sanfte Raunen überhört er, das anhaltende Flüstern, was machst du hier, wenn der Paradies Ausgang der Tod ist.

Und bei dem Glauben, der vorherrscht, ist er das endgültige Ende.

Ich finde das lustig.

Ich würde allerdings nie über die Beunruhigten spotten, wenn einer zu mir kommt, versuche ich Trost zu spenden.

Wie das denn?

Ganz einfach, ich singe Kinderlieder vor, das vom Hänschen klein, der ging in die Welt allein. Ich lese die Tafel am Eingang (des Lebens) vor. Und die Bedingungen des Ausgangs lese ich auch vor. Alles, was man am Ende mitnehmen darf. also nichts als die Substanz eines Lebens.

Das ewige Halleluja Singen halte ich für eine Geschichte, à s’endormir debout.

Wie einem die Einrichtung vorkommt? Das frage ich auch. Ich weiss die Antwort für mich: Es ist ein absolutes Rätsel. „Warum es etwas gibt und nicht nichts.“

Ich spüre dem Rätsel nach, jeden Tag, jede Nacht.

„Marie hilf!“, sage ich, wenn ich nicht weiter weiss und oft weiss ich es nicht. Woher sollte ich? Müsste ich?

Meine Gewissheiten schmelzen wie Butter in der Sonne, es hört gar nicht mehr auf.

Im Ernst, ich bin kein Guru, kein Lehrer /  gottseidank / hallelujah/ ich habe das Zeug nicht dazu. Ich fahre Fahrrad und Mountainbike, ich gehe gerne zu Fuss. am liebsten im Wald und an zweiter Stelle in der Stadt. Mein Lieblingsort dort ist die Fussgänger und Velofahrer Unterführung an der Brücke in die Avenue de la Liberté.

Menschen vergessen sehr schnell, das Allerwichtigste vergessen sie sehr schnell. Die neue Unfreiheit ist immer anders als die alte. Günther Anders sagte einmal, die neuen Ketten tragen Blumenguirlanden. Ich glaube nicht an eine rettende Mehrheit, an eine mehrheitliche Einsicht. Ich bin ein optimistischer Pessimist.

Die alten Methoden des sogenannten Lehrens und Lernens sind endgültig bankrott. das kann man sehen, hören, lesen, fühlen. Die Denkmuster auch.

Etwas gelernt? Warum sind wir dann da, wo wir sind? Und dann die geteilten Meinungen darüber? Die Argumente? Die Verbohrheiten? Das Nichtdenken, der Abgrund des Nichtdenkens, der Verweigerung des Denkens, die Gefühlsverweigerung auch, die Anästhesierung.

Öfter setze ich mich hin und spüre nach Innen nach Aussen.

Marie ist tot.

Was heisst ihr Totsein für mich? Gar für sie?

Etwas hält mich.

Wie nenne ich das?

Ich nenne es Marie.

Es ist mir über.

„Ich kann nur staunend zustimmen“

(Sonne I. Rose Ausländer, Im Aschenregen die Spur deines Namens. S. 158)

 

P.S.: à bout d’inquiétude, der Ausdruck ist von einer Freundin, die so nachsichtig ist und diesen Blog liest. Ich wollte die genaue Bedeutung und Übersetzbarkeit wissen und habe gegoogelt, an erster Stelle erschien, zu meiner Verwunderung, der obige Link und Françoise Sagan. Soviel zu meiner Belesenheit…

0YVkAlQoQMqbcwXiW+M6Xg

 

streuseljahre

jetzt weiss ich, warum erinnerungen aufschreiben, systematisch natürlich, eine geschichte zusammen klamüsern und schustern, nicht in frage kommt, gar nicht, in keinem fall.

die alten schauplätze hat man ja nicht verlassen ohne grund und nun zieht es einen auch nicht wieder dahin zurück. die sache, die man dort abholte, war rundum beendet und abgeschlossen und es gab keinen grund zu verweilen, sondern tausend gründe weiter zu gehn.

wenn traumatisches mit einem ort verbunden ist, dann geht man noch einmal dorthin und schaut sich es an, wenn man kann, vielleicht mit beistand und hilfe. das gilt für äussere wie innere orte.

man stellt fest, der ort, den man meint, ist gar nicht der ort, den man sieht, aber das meinen legt sich über das sehen wie ein schleier und macht alles grau, uninteressant eigentlich, was mache ich hier, die frage ist sofort da und trotzdem ist auch etwas bedrückendes da, wie es rumpelkammern haben, länger nicht aufgesuchte zimmer im haus, burgverliesse, häuserruinen oder auch so:  der ort sagt einem, wenn man genau hinspürt, was suchst du noch hier, es ist nicht mehr dein ort, mach, dass du wegkommst.

ich rede gerade von sieben internatsjahren in einem nicht so bedeutenden ort, aber das nächstliegende gymnasium war dort und der ort ein gerichtsort, ein ort der advokaten und militärs, ein lehrerort und ein paar geschäfte, ein paar lokale, einige davon tabu für schüler, weil stammkneipe der notabeln und derer, die sich dafür hielten, und ein mädchenpensionat.

das äussere, entdecke ich nun, der ort also mit allem drum und dran, fluss, strässchen und plätzen, hat mich damals nicht sonderlich fasziniert, ich kann nicht sagen, ich hätte ihn in mein herz geschlossen, es war mehr eine innere lern- und entdeckungswelt mit kulisse, die kulisse liess mich relativ kalt. die entdeckungen faszinierten mich, der ort war eng.

trotzdem frage ich mich, woher kommt der grauschleier über allem, die leichte beklemmung wie die ahnung einer heran ziehenden dunklen wolke  und mir wird bewusst, ich spüre  das damals in mir ganz ungeklärte, gärende, halbbewusste, unbewusste und ich mochte mein pickelgesicht nicht und meine verborgenen wünsche, kurzum alles, womit ich nicht fertig wurde und schon bevor ich herkam, hatte ich meine strategie entwickelt, wer ich stattdessen sein wollte, eine halbwegs zureichende persona, die ich nun herum bewegte. ich las über Colettes Lieblingsschlafmittel und Maupassants Dienstmädchen, das glaubt, kinder werden durch den nabel gemacht und später Camus, Sartre und Malraux, jemand schenkte mir Rilke gedichte und ich stolperte über Die Verwirrungen des Zöglings Törless. ich sehe nicht den ort, ich sehe meine freuden und leiden. ich sehe alles unangenehme und alle noch nicht in worte fassbaren widersprüche und eigenarten, das, was mich voran trieb und das, was mich zurück hielt.

ein paar kilometer weiter sind die café terrassen sonnig und heiter, hier sind sie ein wenig düster, ein wenig beklemmend die stimmung, an einem nebentisch sitzen alte frauen mit jüngerem begleiter, sie reden über café und kuchen und dinge im altenheim, manchmal lachen sie, dann brechen sie auf.

das flanieren in der fussgängerzone ist leicht ungemütlich, obwohl nichts unangenehmes passiert. die leute sind freundlich.

auf der weiterfahrt, als der ort an einer kurve aus dem blick verschwindet, bin ich erleichtert.

mit dem jungen mann von damals habe ich in der nacht ein längeres gespräch, ich höre ihn sagen, und wo bleibe ich in all dem, worin ihr euch eingerichtet habt und ich erinnere mich lebhaft an meine aufsässigkeit. ich spüre die anstrengungen von damals, die auseinandersetzungen, die verunsicherung, die freude an der entdeckung, die erlebnisse des lesens, die erleichterung, als ich weiter ziehen konnte. das vor allem.

es war für eine weile ein sehr gemischtes zuhause und wie der ort wirklich ist, ich meine ohne meine erlebnisse in ihm, davon weiss ich nichts. sobald ich mich ihm nähere, bin ich wieder in der ehemaligen atmosphäre, leicht verdreht, ein wenig gequält, verdüstert, ein wenig freudig, neugierig, deshalb fahre ich gelegentlich durch, aber ohne Marie, die im mädchenpensionat strafversetzt war für einige jahre, wäre ich nie zurück gekehrt, es war mir innerlich zu aufwändig.

anmerkung: statt streuseljahre könnte ich auch sagen: clearasil-jahre. nom de guerre: streusel