marienblumen*

„You can turn your back and go, right now.“ Black Sea Dahu, White Creatures

https://youtu.be/TlHTNyx9DQI

 

eine dunkle wolke schiebt sich unter die grosse weisse, flockig ausgebeulte, der ich schon eine weile zugesehen habe und alle verziehen sich miteinander nach süden, du blickst auf, da sind sie schon wieder ein stück weggerückt, das optimistische blau zeigt sich und etwas weiter östlich beleuchtet die sonne scharf die wolkenränder,  sie strahlen hellweiss und das dunkle verwischte daneben bekommt einen bräunlichen schimmer.

so vertreibe ich mir meine zeit, ich bin ausgeschlafen und doch müde, eine art müdigkeit, die zum tagträumen verführt, von einer klause in den entlegensten hügeln einer fernen landschaft auf einem planeten, der nicht von sich reden macht wie dieser hier.

inmitten der  künstlichen erregungen in virtuellen räumen rette auch ich immer wieder die welt mithilfe der tastatur, das erzeugt diese wärmende zugehörigkeit und eine deutliche meinung. und immer von vorn jeden tag, eine sisyphusarbeit, die schlaff macht.

im allgemeinen weiss ich ungefähr, wo ich stehe, aber es gibt grössere fluktuationen und ich bin offen für widerlegungen und argumente eher als für laute entrüstung und druck  und shitstorms beweisen rein gar nichts, nur dass eine wilde meute sich auf eine beute stürzt. aber minderheiten, selbst sympathische, sind auch anstrengend, plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich die taste drücke und die stallwärme stellt sich ein, also deswegen etwa? ich gerate mit mir selber in streit und sehe zu, wie ich gute gründe herbei hole, nur deswegen und keineswegs wie du glaubst.

nun stelle ich fest, die tastendruck bekundungen  verfestigen sich zu einem profil, einer eindeutigkeit, die mir zu berechenbar scheint, zu zementiert und ich bin schon am laufen und will mich entziehn, keine meinungen mehr bitte sehr, keine ansichten, sie sind doch vorläufig, experimentell, provisorisch und nun bin ich gefangen. man meint, nun wisse man, wer ich bin und sowieso bin ich dies und das, aber auch jenes. ich sehe den käfig schon vor mir, in den ich mich selber sperrte. ich habe nichts gegen stellungnahmen, überdeutliche meinetwegen auch, aber wo bleibt bitte die biegsamkeit (nicht der hahn auf dem turm, er dreht sich mit dem wind), wo sind die ausgänge um himmelswillen, die notwendigen fluchtwege, wo sind die möglichkeiten, das alles noch ganz anders zu sehn, nicht so mit der nase drauf und dann sieht man rein gar nichts, aber man meint, dabei sein ist alles. wenn sich beton im denken breitmacht, kriege ich die panik.

müde bin ich auch mit mir selber, ich kenne die geschichten, die mich heimsuchen in schleifen, im überdruss auch die wunden und narben, die man so abkriegt, wahr  oder vermeintlich, bist du dir ganz sicher und doch und nein, auch hier dieses ungefähre, das sich entzieht und doch da ist und nagt, selbst der kritische geist geht mir mitunter auf den geist, ganz gründlich, dieser reflex, wenn es mainstream ist, muss es falsch sein und andere ideosynkrasien, die einem im jugendalter etwas wie identität verschafften.

oder brauche ich jemanden, der mir mit der hand durchs haar fährt und sanft sagt und  zugeneigt: „ist ja schon gut, mein lieber“.

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vielleicht hat es mit dem frühjahr zu tun. ich erblicke vor allem übergänge, zwischenstationen, vorläufiges. die bäume und sträucher stehen noch kahl, aber erste knospen treiben hervor, noch die bräunlichen, schwärzlichen winterfehlfarben an stämmen und kahlem geäst, gleich daneben, darunter jedoch farbliche offenbarung, flammendes gelb, zartes noch zurückhaltendes rosa, warmes  rot mit  orangenem einschlag, das den blick hält, zarte blauweisse sterne und erstes kräftiges grün. und unten drunter die fahlen töne alten laubs und die erde ist noch kühl.  nichts ist aufdringlich, alles selbstverständlich rätselhaft und am himmel  kämpfen  licht und wolken, windgejagt, nichts festes, nur stark fluktuierendes, vibrierend lebendiges.

um das betagte zur erde gebeugte schneeballenbäumchen (Viburnum opulus ‚Roseum‘) herum breitet sich ein teppich von winzigzarten marienblumen aus, emigriert von dem ort, an dem der über achzigjährige pflaumenbaum stand, und der junge neu gepflanzte hat noch nicht die gleiche anziehungskraft aufgebracht. ich sage marienblumen, es sind marie’s blumen. das bild zeigt marie, wie sie lächelnd in dem blauweissen teppich kniet und glücklich ist. wenn jemand mich heute so anlächeln würde, wär ich verkauft.

standhaft ignoriere ich den botanischen namen* der zarten gewächse (zur mitte zu weiss und die schmalen blütenblätter blau), sie erscheinen im frühjahr und berichten von veränderung, wärme und festtag, sie erzählen nur geschichten von ihr.  es sind marienblumen. wenn ich sie erblicke, sehe ich die marie, wie sie dort lächelnd kniet und es ist glück und weh und übergang und eins mit gras und blumen und baum.

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*Chionodoxa luciliae

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