sie würde darüber lachen.

mich schreckt das neue leben ohne sie in ein unbekanntes, in dem sie nur als erinnerung vorkommt.  ich möchte ganz nah bleiben an diesem alten leben, keinen schritt davon weg möchte ich tun. es ist wie ein verrat, wie fremdgehen. aber die zeit drängt uns doch auseinander. wenn ich ihr foto anschaue, darauf sie so lebendig aussieht, spüre ich sowas wie ein vermächtnis und ich rätsele herum, was es sein könnte.

darf ich mich überhaupt freuen, so ganz ohne sie.

ich entdecke seltsame anwandlungenan mir, sie würde darüber lachen.

es ist die geistige auseinandersetzung, wir warfen uns bald auf dieses bald auf jenes, die gespräche erregten mich…

politische ökonomie

zürich mit maries augen. oder unseren augen. ernsthaft geh ich herum und schaue, lasse die stadt in mich hinein und die leute, weil die sonne scheint am pfingstsamstag ein gedränge. ernsthaft betreibe ich das immer, aber serioös, das fragt michael bei einer flasche barolo, gegenüber der lago maggiore und hinter uns die kleine stadt und danach die grüne hügelige wildnis des valle cannobina.

zuerst widerspreche ich, rede von verantwortung und vorbild (es gibt genug alte, bei deren anblick erfasst einen die panik vorm altern), verweise auf die tiefe meines erlebens, aber, so höre ich mich dann sagen, ein fast erzwungenes geständnis, nein, seriös nicht, jedenfalls nicht ganz. verlässlich hingegen schon, aber überraschend, auch für mich selber.

ich halte mich oft in zwischenwelten auf, brauche viel zeit für mich allein, ich sehe die welt durch eine erschütterung hindurch, sie heisst marie und sie ist tot. seit ich wieder reise, empfinde ich wieder stärker beim anblick von bergen, hängen und wasser, morgens sassen wir neben eienander am lago beim café und redeten nicht. ich notierte, was ich sah, ich sehe durch einen schleier und gehe in welten ein und aus, ich träume am tage, ich erwarte mir nicht, dass sie um eine ecke kommt. mein interesse an politik und ökonmie hat sichtlich abgenommen, dass ein reaktionär tatsächlich sein reaktionäres programm durchzieht, wundert mich nicht, auch wenn es in der zeitung steht. seit marie nicht mehr miredet, lese ich wieder in marxens kritik der politischen ökonomie, damit ich nicht ganz verkomme. sie war immer mehr an hintergründen als an dem offensichtlichen interessiert. mir fehlt das gespräch auf ihrem niveau. während meiner marx lektüre komme ich auf Lenin, Band 14. Materialismus und Empiriokritizismus und Marcel Liebmann, Maries Lehrer. zwei jahre vor ihrem tod haben wir auf unsere weise Slavoj Zizek studiert und zur ergänzung den konservativen pessimisten Philippe Muray, von dem Houellbeque schwärmt. den hatten wir uns auch vorgenommen. Steiner auch wieder und Ballmer, an dem habe ich mir die zähne ausgebissen und Marie davon erzählt. sie freute sich immer über jede meiner schwärmereien, darunter ging es bei mir nicht.  ich erwähne das nicht wegen des namedroppings (das auch, natürlich), sondern weil uns dieses geistige erregte, das leben war hoch gespannt und ehrlich gesagt, ich habe nun angst in den niederungen zu versinken, für die haben wir uns auch interessiert.

in jedem meiner träume kommt marie vor, sie ist ganz eigen geworden und ignoriert mich, aber sie ist immer in der nähe.

ein unaufhörliches fallen

als sie zuschlaug, habe ich mich nicht gewehrt, sie zog mir die langen scharfen fingernägel über den rücken, nur bluten soll es nicht, sagte sie und lachte kurz auf, es machte ihr spass mich zu quälen, das konnte ich spüren, ihr atem an meinem ohr, als ich überrascht stöhnte. siehst du, sagte sie und schlug zu. ich rätselte, was ich angestellt hatte und mir fiel mein leben ein, deshalb schrie ich nicht. ich kann nicht sagen, dass es mir nicht gefiel.

sehen konnte ich sie nicht, aber sie hatte etwas von marie und auch wieder nicht. du hast es gerne, sagte sie nahe an meinem ohr. da bin ich aufgewacht, die stimme, dachte ich, die stimme geht dir unter die haut.

so ein traum wirft dich schon frühmorgens aus der bahn, beim ersten café sehe ich zu, wie blümchen, die weisse katze an einer maus herumzerrt und der himmel zieht sich schon wieder zu.

danach beginne ich aufzuräumen, alle dinge sind  so aufdringlich nah und sinnlos das durcheinander im keller, aus brettern ziehe ich nägel und lege sie beiseite, ich weiss gar nicht, was ich hier soll. ich bin noch immer gefangen im traum, die schläge, die fingernägel in meinem rücken, die stimme, woher kenne ich nur diese stimme. und erst die schamlosen gefühle, so ausgeliefert und wehrlos. ein fallen, ein unaufhörliches fallen hinein in mich selber.

als ich dann doch die morgenzeitung aufschlage, wundert mich gar nichts mehr.

am nächsten tag war er verschwunden

am nächsten tag war er verschwunden, schon eine woche vorher begann er an den gliedmassen durchsichtig zu werden, er sah durch sich hindurch wie sonst in den sommern am meer mit ihr und alles war im aussen und das innen ein leichtes gewicht.

er hatte sich vorgestellt auf diese weise zu verschwinden, ganz durchsichtig zu werden, der wind durch ihn hindurch und der regen und nicht mehr als sie; vielleicht noch ein baum, sagte er sich manchmal, vielleicht werde ich ein baum, wenn man mich abholzt, ein tisch in einem garten und um mich herum die sommergäste, das lachen, die neckischen sprüche, manchmal werden sie ernst und reden über das leben und den tod.

er würde nur das sein, ein dienst, ein nützlicheres dasein konnte er sich fast nicht vorstellen. was am meisten schmerzte, war die vorstellung andern weh getan zu haben, dem leid noch ein leid hinzugefügt, das war summa summarum die grässlichste verfehlung. so ist die welt und das leben, das hielt er für den dümmsten aller sprüche.

morgens, wenn er im sommer die zeitung aufschlug, freute er sich, dass alles so harmlos war (das meiste), die bilder von musik und vielen menschen, die sich freuten (hoffentlich) und lachten. das versöhnte ihn mit allem. man konnte einwenden, alles nur brot und spiele und billige massenvergnügungen (social engeneering), aber er schaute die bilder der zeitung auch noch anders, das beste von uns, dachte er, kommt heraus bei so festlichen gelegenheiten, die freude in den gesichtern, das untertauchen in dem vielen, der tanz, das lachen, die musik, die unbeschwertheit, und ja doch, auch das vergessen wollen. denn manchmal war es zuviel, manchmal war das bewusstsein der umstände einfach zu viel und jeder blick in die geschichte ein graus.

andererseits, sagte er sich, alles sehen zu wollen und es auszuhalten, ging das, würde das einen nicht umbringen auf der stelle, wenn man alles, sehen und fühlen und hören würde.

am liebsten hörte er barock musik, er fand, von denen und ihrer haltung und gestimmtheit, die in der musik aufbewahrt war, konnte man lernen? nein, er fand sich denen verwandt , er spürte über die zeit hinweg eine zugehörigkeit, auch in der melancholie, der besonders geformten und auch im freudigen, es war eingedenk.

manchmal fand er, wir werden um unsere freude betrogen, da uns das leiden ausgeredet wird, verschwinden auch die wirklichen freuden, sie werden flach.

er studierte die gewalt an sich selber, er quälte sich, setzte sich herab, demütigte sich, fand sich klein, bewusstlos, unfähig. er zwang sich dazu, alle seine stärken nicht bloss aufzuzählen, nein, zu empfinden. er erniedrigte sich und erhöhte sich, deshalb wurde er immer stiller.

er träumte tatsächlich, er werde durchsichtig wie glas, readable, ein aufgeschlagenes buch. zuerst bereitete ihm das angst, doch schnell, im traum, wurde deutlich, alle lasen nur, was auch in ihnen war ; er hatte irgendwo den satz gehört, was in einem ist, ist in allen.

meiner heisst marie – Beforter texte

1

der bus fährt immer wieder vor, er hört gar nicht auf vorzufahren, wie auch die anziehung des abgrunds nicht aufhörte, le vide m’attire, und im herzen der dinge nichts, gar nichts, der bus also kommt den hang herunter dem dorf entgegen und hält auf dem platz jenseits der strasse. er fährt immer wieder vor, weil ich mich nicht erinnern kann, ich brauche ihn auch nicht dafür und doch ist er nötig, wie kommt man sonst nach befort, wenn nicht im auto oder im bus. jener bus, den ich meine, bleibt in den fünfzigern hängen, es ist eines dieser grauen, beigen gefährte, abgerundet die kanten mit einem blauen streifen, aber blass und ich lasse ihn halten in meiner vorstellung und sehe mich aussteigen, vielmehr ich sehe schulkinder aussteigen. Ich weiss, der anblick der burg hat mir einen inneren ruck gegeben, völlig unerwartet eigentlich, mitten im tal, diese wasserburgruine, wie in einem traum plötzlich dinge auftauchen, einfach so, befort war und ist eine unwahrscheinliche erscheinung, ein rittertraum. in wirklichkeit weiss ich das gar nicht mehr, ich denke nur, so muss es gewesen sein.

ich weiss noch, dass ich damals die dinge nahm, wie sie kamen, staunend, aber ich liess sie erstmal sein, ihre wucht genügte, alles andere, irgendeine einordnung in einen sinnvollen zusammenhang, das ergab sich von selber.

und obschon ich erinnerung vortäusche, regelrecht zusammen schustere, gehe ich, später tat ich das mehrmals, gehe ich auf den eingang zu und danach, das wunder einer labyrinthischen konfiguration, treppen, enge gänge, türme und erker, verliese und die zentrale kammer meiner nie vergangenen imagination, die rumpelkammer von befort, das gerümpel, das da herum stand, erinnerte mich zuerst an die schuppenecke meines grossvaters, da lagen dinge herum, verrostet, verknäuelt und ohne erkennbare verwendung, eventuell noch brauchbar, manchmal kramte er darin herum, in dieser ecke und kammer hingegen, eine nach und nach erkennbare ordnung, maschinen, instrumente, zuerst dachte ich, denke ich noch heute, das ist blut an den dornen, an der daumenschraube , denn der lehrer hatte das wort gesagt, folterkammer: und nun, sehr ruhig, insgeheim amüsiert, erklärte er langsam, bedächtig den zweck und ich nahm es hin, aber so, dass noch lange danach die beforter kammer der dunkle fleck war, das abgrundtiefe loch, der riss mitten im leben am helllichten tag und ein modell und ein referenzpunkt.

man hat den angeklagten, den menschen hat man auf die folterbank gespannt und wer an der kurbel drehte, riss ihm das fleisch aus dem rücken, riss ihn zum blutigen klumpen, zog ihn lang, brach ihm die knochen im leibe, zerquetschte den daumen, bis er alles zugab, alles, was man hören wollte von ihm und noch mehr.

man hatte als kind in den fünfzigern schon einiges gesehen und gehört, die schreie des schweins, dem man das messer in den hals stach und die grossmutter stand dabei und hielt den irdenen topf unter den blutstrahl, bis er versiegte und das schwein sich ins sterben ergab. Was den unterschied machte, man ass das fleisch, aber man wusste, was man tat, man verwertete alles und was man nicht einbauen konnte in etwas nützliches, warf man dem hund vor. Es war ein gedankenvolles ritual, es schien  die ordnung nicht zu stören, es stellte sie wieder her. Man wusste, man ass von einem getöteten wesen, man gab ihm noch die ehre.

Aber es war eine gewalt, es war nicht der normale gang der dinge, das tier wurde aus einem dunklen stall ans licht gezerrt und es schrie und es litt, es war etwas barbarisches. Oder das köpfen der hühner mit der axt oder dem beil oder das taschenmesser, das scharfe, am hals des kaninchens.

die menschen starben, die totenglocke läutete und verkündete unheil, es war eine gestorben, mitten am tag ertrank die mutter meiner freundin, der nachmitag klang schaurig, die glocke riss ihn entzwei, ich höre das gemurmel der betenden, die trauergesichter am grab, die erde rollte polternd über den sarg.

Aber dies hier, mitten im herzen der burg, das war noch etwas anderes, schwärzeres, finsteres. Der lehrer sagte uns nicht, dass die instrumente ein fake sind, nachgebaut, also ein echtes fake sozusagen, bei einem späteren besuch habe ich das gelesen, aber das machte keinen unterschied, da wusste ich schon, dass man leute aufs rad flocht, die glieder gebrochen, ein frass den raben.

Das hat sich eingegraben, nichts rundherum ist geblieben, der bus meine spätere erfindung, das aussteigen, das labyrinthische begehen , aber dies nicht, dies nie mehr vergessen, die kammer im herzen dieser wunderbaren burg und menschen tun dies menschen an.

2

lange bevor ich zum ersten mal nach befort kam, wusste ich, wussten wir, dass die welt ein seltsamer ort ist, seltsam, unverständlich und gewalttätig, die schweine wurden mit langen messern geschlachtet, die kaninchen abgestochen, die hühner geköpft, wenn der stier die kuh besprang, wurden wir weg gejagt, aber wir wussten bescheid, und nicht nur, weil die hunde auf der strasse kopulierten.

es gab das düstere, die schwarz verhangenen zimmer in den totenhäusern, die särge, die in einem feierlich ernsten umzug zum friedhof getragen wurden, die krankenbesuche mit dem pfarrer, die unfälle, als der bauer sich die finger an der säge abschnitt und der schmied an der starkstromkreissäge elektrokutiert wurde, mitten auf der strasse ebenfalls, und die tante in den brunnen stürzte und die mutter der freundin, die mir auf dem schulhof das gesicht zerkratzte, in der viehtränke ertrank.

Die kindliche welt war voller gewalttätiger rätsel und die feierlichen gesten und rituale drum herum und das „kinder haut ab“, das machte alles noch rätselhafter.

während am bikiniatoll die atombomben explodierten und die radioaktiven wolken der überirdischen versuche um die welt zogen, aber das wussten wir nicht, es stand auch nicht alles in der zeitung, die trugen wir nur aus, wir lasen sie nicht, wir stocherten an den erdlöchern der wespen, bis sie erbost ausschwärmten und den letzten stechen sie und experimentierten mit den leichten stromschlägen des viehpferchenzauns. Der tod jedenfalls war uns nicht verborgen.

3

natürlich ist die folterkammer ein grausamer witz und unser lehrer war grausam und lustig und witzig, aber danach kam die inquisition und die hexenverfolgung, die geschichte der grausamkeit hat viele kapitel. Ich wurde älter, da ich nicht stark war, wurde ich schnell und gewann die wettrennen auf dem schulhof. Ich beschloss clever zu sein, die sprache ist auch eine waffe, wie man weiss, es gibt wörter, die töten, und andere gehen dem voran, man muss nicht denken, die grausamkeiten von heute würden in den gleichen wörtern an die leute gebracht wie gestern.

Manchmal denke ich, die gewaltorgien in unsern laufenden bildern sind unser symptom. Manchmal erschrecke ich vor uns.  Manchmal bringt der schrecken mich dazu, eine ungerechte ordnung besser zu finden als gar keine. Manchmal denke ich die ordnung, die herrscht, hat eine grausamkeit in sich, die als normalität verkauft wird.

Hier ist gar nichts normal.

4

die therapie für phobien hatte ich bei goethe gefunden, man flüchtet nicht, man setzt sich dem aus, was sie auslöst. wenn eine musikkapelle vorbeizog, stellte sich der dichter in die erste reihe, er hatte einen horror davor, er stieg auf das Strasburger Münster, stellte sich auf den unvollendeten turm und starrte hinunter, bis die angst sich löste.

deshalb kam ich eines tages alleine nach befort, an meinen geheimen gruselort, meine lieblingsburg, mein traum von einem mittelalter und tapferen taten, darunter fällt nicht die erpressung von geständnissen durch folter, dass kürzlich  überhaupt angefangen wurde, über folter zu diskutieren ist ein übles symptom, darüber redet man nicht, das darf es einfach nicht geben! ist folter legitim, das ist eine perverse nichtfrage, als stände das überhaupt zur debatte und käme doch irgendwie in frage.

ich machte den üblichen rundgang, schaute in der dunklen kammer vorbei, gedachte der verliese und stieg auf den höchsten turm, meine knie schlotterten. Der abgrund zog mich, ich sah mich fallen, aufprallen und wieder hochschnellen, es hörte gar nicht mehr auf, ich zwang mich stehen zu bleiben, bis die die innere bewegung und vision langsamer wurde, verebbte, ganz aufhörte, mit weichen knien stieg ich wieder hinunter.

als marie starb, stand ich an einer brücke der stadt und der abgrund redete mit mir, eine süsse versuchung, es gibt keinen grund nicht zu springen, sagte ich mir, was mich zurück hielt, ich wollte marie begleiten bis ans ende, hätte ich sie allein gelassen, hätte ich mich verflucht, ich hätte mich auf die folter gespannt und zu tode gerädert.

So blieb ich am leben, aber ich weiss nun, der abgrund zieht an.

5

weshalb ich ja gesagt habe, in befort etwas vorzulesen, man muss wissen, ich bin gar kein schriftsteller oder sowas, ich schreibe regelmässig, aber die meisten, die noch lesen, tun das. Es ist nichts besonderes.

Was es allerhöchstens zu dem macht, dem besonderen, das ist das aussterben, sobald man anfängt zu klagen, sobald der halbtote noch künstlich durch massnahmen gestützt werden muss, sobald die warnschreie erschallen, ist die sache verloren; eine sprache lebt oder sie stirbt, langsam oder schnell, entweder es wird gelesen oder es werden nur noch bilder gekuckt, am besten welche, die das laufen gelernt haben, bilder lügen noch mehr als die wörter, sie lügen perfider, sie täuschen etwas vor, sie zeigen auch etwas anderes, sie sind keineswegs eindeutig und sie zeigen immer auf uns, gestern abend habe ich einen film auf netflix angeklickt, und nach einer weile sah ich nach, ob das blut nicht schon an den kanten des laptops hervorquoll, zwanzig tote in zehn sekunden, die einschlaglöcher der kugeln, das deformierte gesicht beim aufprall, der blutschwall, mein gott, dachte ich, die beforter folterkammer war dagegen, ja was, ein dilettantischer anfang? ich sah zu, ich dachte nicht einmal mehr, das sind wir, so sind wir also, unser alltag ist unscheinbar, banal, das übliche, keine besondere aufregung, keine abenteuer, und abends dann das und damit werden wir erwachsen? Was sind wir für welche?

Ich suche dann immer in mir nach den spuren, gottseidank gibt es noch die hand, die streichelt, das lächeln, die schöne geste, das andere bild, das spiel und die erfindung.

dass befort etwas mit gewalt zu tun hat, dafür kann befort nichts, aber allein meine kindliche fantasie, befort, die dunkle kammer, wurde ein zeichen, ein hinweis, fast eine erleuchtung, aber nicht so, wie man sich erleuchtung gemeinhin vorstellt. Ich habe damals erfahren, dass jede neue belichtung etwas wegnimmt, eine illusion platzt lautlos, ich hatte etwas erfahren über die realität, in der ich gelandet war.

vor kurzem erst haben sich die bedeutungen verschoben, aber auch erst kürzlich, fast wär ich nicht hergekommen, um sie zu hören. Um es kurz zu machen Patti Smith hat hier gesungen, wenn welche wie sie nicht singen, nicht schreiben würden, dann weiss ich nicht, ob ich das leben noch lebenswert fände, aber die frage stellt sich nicht, sie hat hier gesungen  und dann klang alles mit, Radio Ethiopia und Horses vor allem und ich spürte noch einmal, nur mit rock musik überhaupt und literatur, alle zetteligen träume, bin ich noch am leben, wie heute abend mit goldrand.

6

weggehen unter bäume und dort sitzen. und in der stille das folgende: Ich kenne keine andere art, des dunkels herr zu werden, als die freundliche hinwendung zum andern, als das staunen, dich gibt es also und ich freue mich ungeteilt, dass du genauso bist wie du bist, ein staunen, eine seltsame verwunderung, dass es das gibt und alle gesten, alle gefühle darum herum und die nächte durch, dieses unendliche staunen, dass der andere so ganz anders ist und so nah.

und dass es auch aufhört, dass es ein weggehen gibt, das nennt sich tod und nun noch mehr dieses abgrundtiefe staunen, wenigstens so tief wie das dunkelste, dass es das gab, dass es einmal möglich war und das es umstürzender war als alles andere. es gibt etwas im herzen von allem, das nennt sich liebe, ich entziffere es, es ist ein wort und doch keins, es ist eine unendliche möglichkeit. Aber sie tut auch weh, aber es ist ein anderer schmerz, und meiner heisst marie.

fallen die wörter wie ein schwarm über mich her

man kann noch so viele wörter darauf häufen, eine abwesenheit ist eine abwesenheit.

niemand ist verreist, entschlafen, mehr oder weniger friedlich, es ist eine gestorben, eine ganz andere.

ihre anwesenheit gab sinn, motivation, freude, so hatte ich entschieden, nun, das merke ich, muss ich meine wörter zurücknehmen, denn sie ist nicht mehr hier und so freischwebend im raum ohne marie bringen sie mich langsam um.

die wörter, die ich lebte, wenden sich nun gegen mich.

sie sagt, so etwas hätte ich nie gewollt. wenn ich sage verlust, sie fehlt mir, ich vermisse sie, fallen die wörter wie ein schwarm über mich her. was ich erlebe ohne sie, sucht noch den adäquateren ausdruck, aber es ist ein mit ohne sie, das ist eingebaut in den kern von allem. und daran kommen die üblich gebrauchten klänge nicht heran, sie verpassen es ganz knapp; ich sage mir, es ist nicht ein leben ohne sie, sondern es ist eines mit ohne sie, eine leere im herzen, um die alles kreist.

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wenn ich sage, sie fehlt mir, so ist das nur das saloppe an der sprache, denn es ist genau so wahr wie la marie-salope m’a quitté und auch das beschreibt gar nichts.

ihr tod ist meine seelische störung, sie bringt meine idiosynkrasie zum vorschein, meine existenzängste, meine zweifel, ob mein dasein gerechtfertigt sei, ich komme mir nun  vor wie eine unregelmässigkeit, ein unfall, eine abérration (denn ich irre umher und finde, ja, was nicht).

aber auch das ist nicht die ganze wahrheit, marie hat durch ihre erscheinung die leere im zentrum für eine weile verdeckt, nun wird unter der trauerschicht sichbar, der riss war schon vorher da, nur schien er damals erträglicher. ich sah ihn nicht wirklich, ich sah vor allem marie.

marie machte das leben leicht. einfach nur, weil sie da war und wir redeten alles weniger schlimm, weil wir wörter fanden dafür, wir redeten es nicht weg, wir untersuchten die möglichkeit eines anderen.

aber das nichts im zentrum meiner miniaturgalaxie geht nicht weg mit beschwörenden formeln, ich werde mich daran gewöhnen müssen. mit ohne marie gibt ihm eine elegantere wendung.

sage ich doch, dass der riss in den dingen zugleich die möglichkeit ist, die das licht herein lässt?

ein ernsthafter einwand

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gerade sägt ein rasenmäher, ein ganz dicker, in meine beginnende konzentration und nicht erst jetzt werde ich mir bewusst, heute morgen schon, als ich meine bestandteile von überall her zusammen gesucht habe und mir unvollständig vorkam, une esquisse bestenfalls, von etwas, ja was, wie zerbrechlich wir sind. wie fast nicht da. wie unsicher und ungewiss. wie tastend. wie blind, wie unbewusst und vorläufig.

heute nacht versicherte mir jemand, dass unsere feste grundlage der tod ist, dass die endlichkeit erst das leben erträglich macht. ich rede vom eigenen tod, denn der des andern ist unerträglich.

ich höre marie sagen, fang jetzt nicht davon an,  der kapitalismus habe die unerträgliche form angenommen, dass der öffentlich raum, unser kommunikationsraum privatisiert wird und hand in hand damit eine beispiellose überwachung. (das war übrigens die zweite stimme, die in meine nacht hinein geredet hat. immerhin, so hörte ich, hat der kapitalismus auch die mittel zu seiner kritik bereit gestellt.)

hör auf, sagt marie, rede von dir.

ich rede von mir, antworte ich, ich will nicht vergessen, in welcher welt ich lebe, ausserdem schwappt schon alles morgens früh neben meinen café, er kommt aus peru, ich habe die hänge gesehen, an denen er wächst und mit den menschen habe ich geredet, die ihn anbauen.

im privaten kriegst du das alles doch gar nicht mit.

sagt marie das?

ich kriege alles mit, sage ich, wenn ein auto unten vorbei rauscht, komme ich einmal um die welt (die materialien, die werkstätten, die zwischenprodukte, die transportwege, die automation, die intelligenz, die geldströme und die beteiligten menschen) die produktionsverhältnisse  inbegriffen und damit auch alle, die aussen vor bleiben, während die angeblichen herren schon in hermetischen paradiesen deambulieren.

und, was bringt dir solches gedenken? (marie ist unerbittlich)

 

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es eröffnet einen geistigen raum, sage ich, einen raum, in dem ich luft bekomme (nichtverstehen drückt mir buchstäblich die luft ab, nichtverstehen ist eine erlebte enge) und es gibt mir nach solch einer nacht, aus der ich zerflattert auftauche, eine festigkeit.

ich erinnere mich, wo ich lebe. jeden tag ist das mein exerzitium. wenn man das nicht ut, wage ich zu behaupten, dann sucht man schon wieder nach sündenböcken (und das hat gerade begonnen), dann fängt man an, in die falsche ecke zu schauen (weil alles sich so schnell verändert und die weltordnung wankt, hat es sie jemals gegeben?).

du wolltest von deiner zerbrechlichkeit reden, sagt marie, du hast abgelenkt.

alles ist so zerbrechlich, sage ich, der garten, die bäume, die vögel (jüngst hat die katze zwei flauschige jungvögel abgemurkst, zuvor hat sie damit gespielt, sage jetzt keiner, das ist die katzennatur). Gregory Bateson wurde von seiner tochter gefragt, papa, was ist ein instinkt. Bateson dachte nicht lange nach und sagte, mein kind, das ist ein wort. nicht nur ich, fragtest du mich, bin sehr zerbrechlich, robust und verletzlich, robust verletzlich, was sind nur wörter an mir und was ist substanz, wieviel ist ich und wieviel ist nur geliehen.

das eichhörnchen auch, eine kostbarkeit, und die katze (jüngst wurden ihr zwei zähne gezogen, seither wird ihr essen zerkleinert, sie wird gerne gestreichelt und vor einigen tagen hat sie sich im garten auf meine brust gelegt, sie schmiegte ihren kopf an meine wange und betupfte mit der pfote, die krallen raus, die krallen rein, sanft meinen hals).

der fuchs schleicht abends und nachts im garten und hinterlässt freche zeichen seiner unsichtbarkeit.

vorgestern am waldrand war es so still, dass ich angst hatte um den letzten rest von schönheit, der noch überall ist.

der kapitalismus ist auch eine manifestation unschöner gedanken,

ist das ein ernsthafter einwand, fragt marie.

ja, sage ich.

 

 

 

die nationale löschmaschine

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ich wollte mich lustig machen, ich gebe es zu, über zusammengebrochene rituale, travestien und transversales gleiten (das männlichste aller kleidungsstücke, der morgenfestanzug des mannes, der cutaway, kurz, der cut, ach, er wirkte an manchen herren so … feminin (einige zierten sich, zupften sich, ein wenig verlegen) und die damen hatten sich gebührend verkleidet,  maskerade, aber kein carnaval).

es liegt gewiss an meiner festtagslektüre, aber ich habe es wieder gesehen, im innern der geschlechterfrage herrscht das grosse nicht. (und wenn ein satz mich gefunden hat, so der folgende: das mannsein ist eine glaubensfrage).

ich gebe es zu, ich betrachte die vorgeführten hüte, die garderoben und trippelschritte am roten teppich, die kopfnickerarten (an der fahne) und nur eine konnte mich überzeugen (kurz, knapp und deutlich) postfestum und online und beobachte meine reaktionen (die enttäuschung und das fremdschämen und erst das zwiespältige glucksen vor dem (unfreiwilligen) lachanfall). eine miltärparade, die sich selber zerlegt vor meinen augen und das liegt keineswegs an ihren einzelnen elementen, sondern an der parodistischen gesamtkomposition. wer, um himmelswillen, hatte nur den genialischen einfall, am ende das supermoderne flughafen löschfahrzeug aufzufahren?  was will man denn so überaus festlich hier löschen?

die nationale löschmaschine, das ist mir ein raffiniertes ding. (ich nehme an, es war kein lapsus und ist doch einer geworden).

hab ich es doch gewusst, dass wir so eine nationale maschine besitzen, ich habe es erst geahnt, dann schwante mir, so etwas läuft im verborgenen, eine nationale amnesie maschine, (nun weiss ich es definitiv) ein löschinstrument zum löschen des widerspruchs, des fundamentalen, der liegt schon am beginnen, des gegensatzes, der sich äussert in vielfältigen formen, stattdessen zelebrieren wir an der philharmonie das vergessen, nämlich, dass wir etwas bleiben wollen und wir wissen nicht, was und deshalb haben wir beim wie auch keine bedenken. das sein ist so eine vertrackte geschichte. was sind wir denn? ich plädiere für die nationale aufwachmaschine (vom totstellen des denkens).

woher nur kommt meine freude am lästern? ich bin unschuldig, ich kann nichts dafür, ich hatte meine feiertägliche erleuchtung, als ich die grosse löschmaschine erblickte, rutschte etwas an seinen ort, ich habe mich gezwickt und gezwackt, aber sie war eindeutig da und defilierte imposant an den herrschaften vorbei, ich kann doch nichts für die zweideutigkeit des gesehenen.

und das alles nur:

zum gedenken an den hut von Marie Z., damals am nationalen tag,  ihre freche eleganz, sie lebe hoch!

(und ich sonne mich darin, nicht posthum, aktuell)