zerhackt

morgens im frischen fahrradwind durch die avenue, das bringt dich zurück aus den schatten der nacht, sage ich mir und grinse, ich überhole einen radfahrer vor mir, ohne zu tricksen, der elektrische antrieb läuft nur bis 25.

unten ist ein kleiner presslufthammer am werk und nervt.

die brise am fenster , meine geliebte.

gestern habe ich mich tatsächlich hingesetzt und ein längeres schreibprojekt angefangen, ich kann es mir selber nicht eingestehen, aber es wird wohl sowas wie eine intime …

ich sage gar nichts.

meist setze ich mich nicht freiwillig hin. tu ich es nicht, nagt den ganzen tag etwas an mir und lässt mich nicht.

wenn ich angst kriege, es frisst mich auf, dann gebe ich nach und schreibe, widerborstig (das hast du dir schon öfter vorgenommen, wird wieder nichts, wetten, du verlierst die lust nach drei seiten, kaum hat die geschichte begonnen, ist sie schon am ende).

in der zeitung das foto von niedergeschlagenen bienenhaltern, sie stehen vor einem haufen brennender waben, die bienen sind tot, pestizide.

wenn nur der presslufthammer heute morgen nicht wär.

hämmert mir ins gemüt.

zerhackt mir die  wahrnehmung.

in der nacht habe ich mich in einem riesigen raum aufgehalten, bin irgendwann aufgewacht und da war diese weite, ein unsichtbares gewölbe hoch oben, nicht verloren, aufgehoben, zurecht gestutzt, aber nicht gedemütigt.

ein wanderer, so kam ich mir vor, ein neugieriger wanderer, freudig, erhoben.

was hämmern die bloss rum.

und ich schreibe doch weiter (und keiner sieht es).

heute nacht wurde mir etwas sehr klar, als ich aufwachte, schaute ich auf meine entscheidung.

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der presslufthammer schweigt. das irritiert noch mehr, diese plötzliche presslufthammerstille.

in grosskleinstein gibt es eine erweiterte schummelkultur, man lügt sich gerne in die eigene tasche und überschätzt seine bedeutung.

nun rattert ein lastwagen und bohrt motoren in meine geduld.

stille, schreit etwas, still.

der tag wird gemischt, denke ich, so hat es schon angefangen.

der café schmeckt bitter.

wolken ziehen auf.

ich muss an eine frau denken, die ich noch nie gesehen habe.

nun schreien sie auch noch rum, der lastwagen rattert lauter.

stein kracht auf stahl.

der laster fährt ab?

in unregelmässigen abständen kracht es.

ziegelsteine auf stahl?

der café ist kalt geworden.

der presslufthammer hat sich nach innen verzogen, dann kracht es wieder.

an marie habe ich schon mehrmals gedacht.

sie geistert durch den text und lächelt.

maschinenhämmern, rattern,  stille,  schuttkrachen.

wie wärs, wenn auch mal im oberstübchen renoviert würde.

derselbe topf

man müsste …man müsste mal wieder …man müsste mal wieder den sand unter den füssen spüren, wie es ist umarmt zu werden (ich habe es schon fast vergessen), ich frage mich bin ich ein mann, eine frau oder was dazwischen, dann vertage ich die frage auf meinen nächsten auftritt vor dem spiegel. als ob man sehen könnte, wie man sich fühlt, mit allen nuancen. manchmal bin ich mir völlig fremd und frage das bild im spiegel, bist du nun gut oder böse, manchmal besuchen mich alte dämonen, meine niederlagen, alles unrühmliche, alle demütigungen, alle schlimmen erfahrungen, alles unglück (wo bleibt dann das glück), sie nutzen meine schwäche aus, wenn ich am boden bin, wenn es nicht weiter geht, wenn ich mich sehne nach einem ende.

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aber ein ende habe ich schon erlebt. ich weiss nicht, ich zweifle, ob ich es schon überstanden habe. maries foto im profil (sie war noch sehr jung) sagt mir, es ist nicht wahr und nicht wirklich. ich kann mich kneifen, so fest ich will, ich sitze in meiner trance und will nicht erwachen.

immerhin, nun ist sommer, die warmen steine unter meinen füssen heute morgen, eine reine liebkosung, und erst die brise, eine geliebte. dann ist aufeinmal alles ganz wahr. aber der blick auf dem foto sagt mir, sie ist nie ganz fern.

ich muss die aktualität nicht kommentieren, reg dich nicht so auf, sagt marie, es bekommt deinem teint nicht, aber man wird doch noch sagen dürfen, dass das nazi methoden und sprüche sind, angesichts derer alles schreit: halt.

natürlich bin ich empört, ich beoabachte mich genau, wenn ich Ilija Trojanov lese, „Der überflüssige Mensch“, danach kommt der schmerz, in so einer welt lebt man. und dann redet man von glück?

gottseidank gibt es noch die türen, durch die man sich davon machen kann, aber die visiten in virtuellen welten sind beileibe kein trost. ich rede gerade von Trojanovs „Weltensammler“ und dort lese ich:“Er habe überall gesucht, die meisten Menschen hingegen, die würden immer wieder in denselben Topf blicken.“

was ich gerade höre? immer wieder Leonard Cohen, You want it darker.

drei ältere herren im talk

am anfang sagt man sich, das ist doch nicht möglich. dann merkt man langsam, es gibt viele verschiedene welten, der konsens macht die realität. man sucht verzweifelt nach übereinstimmung. wer mich bestätigt, der ist meine freundin, mein freund.

wenn es so einfach wäre. die dissonanz ist wesentlich fruchtbarer, vor allem die kognitive. man wird urplötzlich aus der bahn des eigenen denkens und fühlens geworfen, man stutzt, man sieht für einen moment ausgesprochen dumm aus, man fühlt sich auch so.

und dann gibt es noch die andere dissonanz. jüngst hörte ich ausnahmsweise einer talkrunde zu, drei  respektable ältere herren äusserten sich über mai 68 und schule. es erstaunte mich, wie die herren mai 68 nach und nach wegräumten, wie meine eigenen erfahrungen gar nicht existierten, eine einbildung meinerseits. und während sie redeten, wurde es zunehmend ein hintergrund murmeln und meine erlebnisse begannen aufzuleuchten, ich spürte ihn wieder den aufbruch, die lust an der veränderung und die öffnung einer doch sehr kleinen welt. alles veränderte sich damals, vor allem aber die wahrnehmung. ich rede nicht einmal von parallelen lektüren, vom studium der gesellschaft und vom sturz der autoritäten. es gab wenige, die blieben auf ihrem podest, die anderen fielen, hinter der form war kein inhalt mehr, der hielt. sie standen ziemlich dürftig vor uns und ruderten, es war nie mehr dasselbe, es gab so etwas wie ein freies denken, so eine entdeckung nimmt einem keiner, auch keine drei älteren herren im talk.

das ist es ja auch, was ich so vermisse, meine privilegierte partnerin im denken, im erkunden von grenzen, im leben der geistigen freiheit, im schönen tun, sie hat mich fast stumm zurück gelassen, mir fehlt maries erfrischende frechheit und liebenswürdigkeit in allen denkübungen, im alltäglichen sein und bitte keine parteisturheit, keine eingefahrene denkschiene wie jüngst im radio, kein holpern des denkens und sprechens im immergleichen geleise. irgendwann tauchte ich nämlich wieder auf und hörte, wie die herren die welt eingemeindeten in ihr kleines gehege.

marie hätte gesagt, stell denen den saft ab. so aber bin ich dankbar, für einen moment leuchtete etwas auf, das unvergessen ist, die freude am denken und kein zaun, einmal wenigstens für kurze zeit die sicht auf den freien geist und die schönere welt.

(beim schreiben höre ich Courtney Barnett, von dem album live at electric lady studios den song history eraser)

deshalb ziehe ich die stille vor

„We’re completely alienated from everything else alive.“,  Richard Powers sagt den satz (im Guardian interview). aber das heisst, wir haben uns in unserer menschlichen gesellschaft abgeschlossen und verstehen uns deshalb selber nicht mehr. wir haben uns von uns selber entfremdet (wie das geschehen konnte, lässt sich unter anderem bei Marx nachlesen, neuerdings auch bei Charles Eisenstein, David Abram und anderen). so ist unser denken, jemand sagte zurecht, die grausamkeit sei daran ablesbar. das andere, das heisst alles nichtmenschliche ist bloss eine ressource. genau darin liegt unser tragischer irrtum und genau in diesem begriff wird sie sichtbar, die grausamkeit.

das wahrzeichen des neuen grosskleinsteins im süden liegt meinem fenster gegenüber, der wasserturm von g. und die kleine trabantenstadt, die dort aus dem boden gestampft wird,  neoliberaler kapitalismus in reinkultur. kriegen wir überhaupt noch schönheit zustande.

foto Marie Z.

gottseidank ist es sonntags gegen elf wenigstens still in der strasse und ich setze nun auf den sommer, wenn alle wegfahren, wenn das leben langsamer wird und die ruhe sich einstellt, ein gast, den ich enthusiastisch begrüsse. vielleicht ist es das privileg des altwerdens, dass man sich zurück lehnt und hinein schaut in sich. man fällt: ich habe keine angst mehr vor dem schwarzen loch in mir, vor meiner leere, aber die trauer schreckt mich doch noch, maries tod hat so vieles mitgerissen und was blieb noch von mir?  und unter jener trauer diese: über uns und die spuren der zerstörung. lachenden munds, so denke ich manchmal, sind wir über die welt hergefallen, ein aggressives geschlecht, ein bedenkenloses, gefangen in ängsten und ein paar dürren gedanken.

aber denken ist nicht mehr angesagt. es stört etwas, das wir glück nennen und meistens ist das nur laut und lenkt ab. wovon? von allem. vom wesentlichen, dass wir ganz eingebettet sind in das leben des planeten und es nicht wahrhaben wollen. wir sind welt und einige kommen sich schon vor wie die götter. aufgeblasenheit hat nichts göttliches, hingegen viel unfreiwillig komisches, im ganzen ist es eine tragödie und hochmut kommt vor dem fall. das ist was anderes als hochgestimmtheit. das eingedenksein fehlt uns.

deshalb ziehe ich die stille vor, die ruhe des sommers, die leereren strassen, die gesellschaft der bäume und manchmal im garten ein gutes gespräch.

wenn ich durch die schicht meiner trauer um marie durch bin und spüre, was alles mit ihr fort ist, dann frage ich, was ist noch übrig. ihr sterben hat mir geholfen, tiefer hinein zu sehen (in mich) und die unangenehmen dinge zuhauf, die dunkleren seiten und meine finsternis.

ist das glück? jedenfalls nicht die laue version davon.

und gerate ich tiefer, dann wird meine trauer nicht kleiner, dann schaue ich mich um und sehe verwüstung,  die der seelen und der geister.

zweifellos ist der wasserturm von g. eine schöne erscheinung. und das hässliche muss ich erwähnen, denn es grenzt an das schöne und, nein, ich habe nichts gegen musik und freude und tanz, ich habe nur etwas gegen das vergessen. im hitchhikers guide sprengt eine überlegene spezies (keine schöne) die erde für einen superschnellen highway durch die galaxis.

ich lese die wahrheit über mich, über uns in allem.

meine privathölle hat einen namen

heute morgen ist nichts mit schreiben, da ich nicht öffentliche lamentiere.

durchhängen tu ich nur mit der entsprechenden feinen zurückhaltung, manchmal bin ich in gepflegten höllen zuhause. dabei rede ich noch gar nicht von virtuellen gewalttätigkeiten, die angepriesen werden wie warme semmeln, wir haben da was neues für sie, garantiert mit riesengeballer und durchschossenen leichen zuhauf, schon gar nicht rede ich von den realen schüssen und den wirklichen toten, den katastrophen, menschengemacht oder nicht, in der nähe und in der ferne.

obschon ein blick in die wahlkampfmienen einen durchaus in eine mittlere depression werfen könnte.

ich kann deshalb schon länger nicht mehr zeitung lesen, ich blättere mich fieberhaft durch und kann die gesichter der toten nicht vergessen. Mein blick stolpert über die gesichter der lebenden.

wo, so frage ich mich, leben wir hier und wie tun wir das? dass wir überhaupt noch schlafen können.

wie gesagt, in den vorhöfen meiner privathölle bin ich unterwegs und scharmiere die teufelinnen (von einem lieben gott habe ich noch nie geträumt). das hier ist doch ein traum und kein guter. manchmal weiss ich, ich bin in ein grausames experiment hinein geraten und suche nach worten, um den ablauf und das setting angemessen zu beschreiben. ich wundere mich nur, dass ich noch gehe, herum stehe, wie nicht abgeholt, und manchmal lache, ich höre mir ungläubig zu, am café trinken merke ich, dass ich noch am leben bin.

meine privathölle trägt einen namen,  lasciare omni speranza, in der privatübersetzung heisst das: marie ist tot.

in privathöllen gibt es wellness verantaltungen, erholungsräume und das yoga des nichtvergessens, man hat ganz einfach eine falsche vorstellung von hölle. ich kann tun, was ich will, an jeder ecke erblicke ich die abwesenheit von marie. ich habe aufgehört mir etwas vorzumachen, es gibt dinge, die gehen nicht vorbei und die zeit heilt nichts, die zeit ist ein raum, in dem alles aufbewahrt ist, es ist vielleicht ferner oder näher, aber es ist immer da und manches wechselt mit mir seinen ort und ist immer gleich nebenan, zum beispiel ein schmerz (immerhin merkst du, dein nervensystem ist intakt, wenn auch überreizt) und jede vergangene freude ist einer oder ist es derselbe, mir hat das leben immer schon weh getan.

ich merke es an der intensität meiner freuden, kann es sein, dass sie einen aufreissen. sie lassen einen nicht ganz, sie machen aus dir einen andern. du weisst, dass ihr verblassen ein schmerz ist.

manchmal rede ich mit mir wie mit einem zufällig begegneten fremden. ich erkläre ihm die bedeutung der dinge, die mir schleierhaft bleibt, ich sage, du weisst doch und siehst du, es ist doch völlig klar und schon mein tonfall ist voller zweifel.

neuerdings teste ich sätze mit meinem schmerz, meiner freude, ich habe noch keine ganz festen gefunden, die meisten wackeln gleich zu beginn, andere bleiben in der schwebe zwischen gelten und nicht gelten, wenn etwas richtig weh tut, wenn etwas dich aus deiner hölle in die freude treibt, brauchst du keine erklärungen.

aus meinem schmerz ein monument für marie.

eine intime berührung

ich bin mit dem regen aufgewacht, eine frische brise durchs nachtfenster und das tropfen auf glas und dach, da denke ich (definitiv) an ein gelungenes leben. was heisst hier gelungen und mein vater pflegte zu sagen, am ende, verbittert wie er war, „das leben ist nichts“? gelungen heisst rund, heisst mit allem drum und dran. ich unterschätze keineswegs, dass wasser eine zerstörerische gewalt haben kann und regen zu fluten wachsen und diese zur sintflut. mein vater war ein gläubiger mensch, er hielt sich an die regeln, er arbeitete viel, fuhr motorrad und schneiderte krumme rücken gerade, aber er   glaubte nicht, dass sein leben gelungen war, „ech hun es sou saat wi der kaler ierbessen“, das sagte er auch.

er hätte Philip Roth zugestimmt, der sagte, das alter sei ein massaker. ich stelle mir vor, marie und mein vater diskurieren nun über seine kernsätze, ich habe sie nämlich von marie, der vater hat nicht mir solche gedanken anvertraut. als er gestorben war, wurde mir klar, wie wir einander verpasst hatten.

das leben verwüstet einen.

ist der regen ein trost? das nasse pflaster unter meinen nackten füssen heute morgen, der regen auf haut und kleidern (nackt im regen tanzen, ehrlich, zum regen habe ich eine erotische beziehung). ohne bäume, ohne gras: das wäre nichts für mich. manchmal kommt es mir vor, als sei die natur eine medienabstraktion geworden,

im wald gestern war ich allein, ich fühlte mich geborgen, eigehüllt in eine ganz andere präsenz, eine krâftige, rauhe, kühle und fürsorgliche.  der wald bringt mich zurück, in einen zustand, den ich nur dort erreiche (ich fühle mich wie ein sanftes tier). kein es war einmal und keine futurischen fügungen, ganz eingetaucht zwischen bäumen und unterholz, der frosch, der aus dem trüben wasser des teichs hochpoppt und quakt. auf meiner haut  die oberfläche des waldes, eine intime berührung.

plötzlich war ich nicht mehr allein. als ich mich zur seite drehte, wo marie immer ging, sah ich ihr lächeln.

aus der kühle unter die schwüle sonne, die rinder drängen sich im spärlichen schatten,  und an der tränke ein sumpf.

an der bushaltestelle warten, leute stellen sich ein, stehen herum und warten auch, an der strasse ein stau vor der ampel, das rückt mir zu nahe auf den pelz und auspuffgestank, als der bus kommt ist das eine erlösung.

statt einer kunstkritik (zu besuch im Schwaarzen Haus, rue de la semois)

kunst hilft tatsächlich! am wochenende hatte ich ein tief, das alles madig machte. Ich fühlte mich eingesperrt, vergessen, uralt aussortiert, nur noch im wartessaal für den abgang (ich stelle mir den eher grau vor, die tapete hängt in fetzen, plastistühle (ehemals weiss), ein montoner laut von zeit zu zeit, wie ein motor, der abkratzt, kurz davor, gedämpft, alles gedämpft, dort sitze ich allein, an den wänden nichts, woran der blick sich festhalten könnte, keine richtigen farben, alles verblasst, der geruch: abgestandene kellerluft mit verstopftem abfluss, man sitzt da und atmet kaum, gefühle, was ist das? nur etwas trostloses, wie eine halbe melodie, die einen schon lange nervt, so).

trotzdem, das ist wie immer erstaunlich, wenn es passiert, einer steht auf, duscht, benutzt ein deo, schmiert sich eine gesichtscrème an stirn und um die augen, zieht sich an, sucht eine hose aus, ein hemd, würde am liebsten ohne schuhe losziehen, zieht dann doch welche an, trinkt café, steigt aufs fahrard und zieht los, ich

Ich hatte schon am samstag vor, das Schwaarzt Haus in der rue de la semois zu besuchen, aber das lief schief, meine enkelin und ich waren in die andere richtung gelaufen und ich hatte nicht ordentlich nachgeschaut, schliesslich streikte sie, die operation war fehlgeschlagen, opa ist ein dussel. sie war zutiefst beleidigt. meine zerknirschung half auch nicht.

sonnags nahm ich das fahrrad, ich spürte sogar etwas wie eine müde neugier, etwas schlapp, ich hatte mich zu dem ausflug gezwungen.

ich sage nicht, was ich gesehen habe, ich gebe grundsätzlich keine kommentare zu kunst ab, ich schaue, ich betaste, ich erspüre einen raum und beobachte meine verfassung. in museen schaffe ich allerhöchstens fünf bilder, ich meine richtig anschauen, bei installationen gerate ich schnell ins gähnen (bei einigen werde ich wach, ob die richtig gut sind?), nachher bin ich erschlagen, weil ich schliesslich vor ort bin und mir doch alle sachen ansehen will, wider besseres wissen.

ich war wohl eine stunde in dem schwarzen haus, rue de la semois, durch den schwarzen, dreckigen keller hinauf in die farben, wunderbar, ich musste grinsen, lächeln, einmal habe ich laut gelacht, ich habe doch tatsächlich meine scheiss stimmung vergessen, ich habe mich aufgeheitert gefühlt, belebt, ich bin erhobenen gemüts gegangen, geradelt, ich habe zwar nicht gepfiffen (ich singe nur in der badewanne, manchmal und dann laut), aber ich habe die erhebung in meinen mundwinkeln gespürt, meine gesicht fühlte sich straffer an, das radeln machte richtig spass. ich habe mir überlegt, was ich als kommentar von mir geben würde, wenn ich doch kommentare abgeben würde, was ich aber nicht tue (kunstkritiken schlagen mir meist auf den magen, o si tacuisses), ich kann es nicht lassen: toll (der tanzfilm vor allem (aber nicht nur)), da habe ich gedacht, noch ist nicht alles verloren. darf man sowas sagen, dass man hoffnung gesehen hat (buchstäblich). tatsächlich sogar in den installationen (ich sage nicht welchen).

jedenfalls war ich hinterher nicht mehr deprimiert (nicht mehr ganz so), nein, ich habe mich ernsthaft gefreut (son haus müsste man haben, nachts würde ich darin um mitternacht  herum geistern).

eine vertrackte übung

man kann natürlich auf sich aufpassen. dann gibt es keine seelen einbrüche, wenn man von einer reise zurückkehrt. das war ein fehler? es schien eine öffnung zu sein, auf menschen, landschaften und all die wunderbaren einzelheiten, das sitzen im schatten einer überwucherten veranda; das speisen hoch über dem fluss und die gedämpften gespräche an den nebentischen, ,die gassen, die hügel, der see und die fahrten in zug und auto und gar das neue, das eingetroffen ist (nachwuchs, ein weiterer enkel).

wenn alles so einfach wäre. das flanieren in der altstadt (von zürich), man schleppt sich selber mit sich, ich meine das seelische drumherum, die grundstimmung, aber sie ist hier leichter, erdrückt mich nicht so.

obwohl, der filter bleibt, die menschen und die dinge sind wie weggerückt, selbst wenn sie ganz nah sind, die erlebnisse,erreichen sie mich ganz?  aber es ist erträglich, ich bin zugänglich für ein lächeln , eine nettigkeit, einen höflichen satz, das immerhin. natürlich denke ich öfter an sie oder vielmehr ich spüre in allem ihre abwesenheit. um es genauer zu sagen, dies alles ist nicht da und doch da (im fehlen): ihr körper neben meinem beim gehen, beim sitzen, ihre stimme, ihr anblick, ihr gesicht vor allem und wie sie sich bewegte, wenn sie lächelte und sie lächelte oft, wenn wir unterwegs waren, sie liebte das unerwartete, die entdeckungen und manchmal einfach nur das stille nebeneinander gehen am see und später redeten wir. die welt ist seither seltsam stumm geworden, sie redete mit ihrer stimme. die welt ist seltsam geschrumpft, sie ist enger geworden, manchmal ertappe ich mich bei gesten, die erinnern an ein eingesperrtes tier, das ruhelose hin und her, die verlorenheit inmitten des sogeannten prallen lebens.

ihren tod erlebe ich wie eine krankheit der welt und ich merke, wenn ich einen bericht lese über die radioaktive kontamination des pazifiks und die krebsgeschwüre, die man zunehmend an fischen findet (an den us-kanadischen küste) , dann erblicke ich ihren von der krankheit geschundenen körper. seltsam denke ich dann, es gibt also doch dinge, die mich treffen, die mich erreichen in meinem allerinnersten und mir weh tun.

wenn ich durch die strassen gehe, dann tun alle so, als sei alles in ordnung.

Das ist (k)ein fuss auf einem laptop

als ich zurückkam von meiner reise, die welt scheint in ihren provinzen noch intakt, aber ich würde nicht darauf schwören, war hier der wahlkampf für oktober schon angelaufen, medienträchtige gesten überall, scheingefechte, an den haaren herbeigezogene polemiken, die debatten irgendwie frivol und leichtsinnig, kindisch fast angesichts …

anfangs dachte ich, du allein siehst überall den tod und die von krankheit zerfressene welt, alles privat und geht nur dich an und auch du kommst schon noch darüber weg.

ich habe mich abgefunden mit meiner zuschauerrolle und vom zusehen zerstieben die illusionen, manchmal muss ich mich zwingen, die augen und ohren nicht zu verschliessen, ich denke, mit unseren eingefahrenen meinungen und reflexen fahren wir an die wand.

ich sage, was ich denke, nur noch, wenn ich danach gefragt werde.  ich frage mich selber und zögere mit der antwort. im blauen sonntagshimmel anfang juni sehen die flugzeuge, die an meinem dachfenster vorbeiziehen, richtig putzig aus und autos rauschen manchmal wie die wellen eines seltsamen meers. ich will niemand seine illusionen rauben, nicht einmal mir selber, aber ich rühre keinen finger, wenn sie sich vor meinen augen verflüchtigen.

die reise wie gesagt hat alles noch schlimmer gemacht, ich hatte mich bemüht nur noch das schöne zu sehen, es ist eine vertrackte übung, neben graublauen rollsplitt vorgärten noch eine rose zu würdigen, ein unkraut mit kleinen gelben blüten nicht zu übersehen oder das hartnäckige grüne kraut an einer einfassungsmauer, ganz zu schweigen von den endlos geparkten blechhaufen, die gottseidank still sind, für einen moment. mir tut die neue stadt in den augen weh, aber das ist, so höre ich, kein kriterium für modernen wohnungsbau, manchmal beobachte ich mit genuss, wie gleich nebenan die natur wieder in ihre rechte eintritt (auch wenn ein schönes altes haus verkommt). der himmel sieht wie immer aus, ungetrübt von meinen komplizierten zuständen, es gibt wolken und sommerhochblau über den bäumen im garten, die rabenkrähen beginnen, wegen dem reifen der kirschen ein riesentamtam zu veranstalten und die katze duckt sich am gebüsch, in dem eine gelbmeise raschelt.

ich studiere die anzeichen des verfalls.