eine unaufhaltsame bewegung

ich gehe die treppe hinauf, die vertrauten farben des holzes, die wärme, die davon ausgeht. marie ist gar nicht weg, denke ich und ich weiss natürlich, dass sie weg ist; aber das ist egal, für einen kurzen moment war sie da, nie weg gewesen, keinen augenblick und diesmal macht mich das nicht traurig, für einen moment war sie da, alles andere interessiert mich gar nicht.

du bist noch immer dabei? das höre ich manchmal, es wird nur nicht laut gesagt (doch schon angedeutet), warum redest du überhaupt noch davon, life goes on, mein lieber. es liegt sozusagen in der luft.

es ist mir auch egal, man gewöhnt sich an alles (oder auch nicht) und niemand muss irgendwas verstehn. zum beispiel, dass ich seit dezember, und viel früher noch, den zustand nicht mehr kenne, den man als normalität bezeichnet, ich weiss gar nicht, was das ist, aus einem einigermassen geordneten alltag bin ich herausgefallen. das ist keine klage. ich empfinde seither alles als aussergewöhnlich, ich weiss gar nicht, wo ich gelandet bin. das übliche finde ich besonders uninteressant, das ist kein urteil, ich empfinde es einfach so. ich finde es rührend, wie alle ihren gewohnten tätigkeiten nachgehen, ich bedaure niemand, auch mich nicht. mein mitgefühl weitet sich mit jeder erfahrung. manchmal weine ich vor freude, manchmal lache ich, weil es weh tut. das leben ist eine seltsame veranstaltung. manches kommt mir völlig verrückt vor, ich meine nicht den verstand, ich meine das gefühl, das mich überkommt, wenn ich die zeitung aufschlage oder die sozialen medien durchblättere. alles berührt mich, manchmal muss ich mich schützen und manchmal möchte ich jemand zurufen, der sich abmüht, es ist ja gut, alles wird gut. vieles, was ich sehe, mutet mich kindisch an, hinter manchem vermute ich nicht nur eine destruktive gewalt. manches, was ich vor langer zeit (vor dem herbst letzten jahres) noch normal fand, sehe ich nun als pervers an, gegen das leben gerichtet. mein neuer begriff (ich habe ihn nicht erfunden): deathphobic, was meint angst vor dem leben, sich dem leben nicht hingeben können. hingabe ist kein begriff à la mode du jour. es reisst dich auf, ob du willst oder nicht, es wird fertig mit dir.

wenn etwas mich wirklich berührt, wenn ich mich davon berühren lasse, dann muss ich mich für eine weile in meiner höhle verkriechen. was ich mit etwas meine? ein mensch, ein schöner. ein vom leben erfülltes gesicht, ein gezeichnetes. natur, immer, ein waldrand, ein hang in den bergen, ein hügel meiner erinnerung, ein windhauch, der regen, eine musik, eine stimme und ich frage mich, was ist das für ein mensch. manchmal überwältigt mich alles, darf man das sagen, das leben kriegt mich klein, es fickt mich (zu tode). soll ich mich entschuldigen, dass ich es so erlebe. es gibt gar leinen leeren augenblick, keine langeweile, alles ist neu und aufregend, elektrisch, jederzeit. in der stille spüre ich eine unaufhaltsame bewegung.

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liebe ist eine synästhesie

Marie Z.
ich weiss nie, wozu das führt, wenn ich an die tastatur gerate, meine finger tippen von selber dinge, die ich persönlich indiskret finde. andererseits gefällt mir die systematische dekonstruktion eines rufs, falls man je einen hatte, falls nicht, so kreiert er sich noch im auseinandernehmen.

auch ich arbeite an einer illusionären dauer, einer konsistenz, die ich nie hatte, marie war sozusagen der anker, der mein luftschiff am boden hielt. manchmal bekomme ich deswegen angst, so ganz allein, wie damals im wald, aber ich habe nie gesungen, ich war mucksmäuschenstill und hörte auf das geraschel, die vermeintlichen schritte waren von einem fuchs, einem hasen, das kam damals noch öfter vor. vor wildschweinen, besonders im frühjahr, einer bache mit ihren fünf kleinen, hatte ich besonderen respekt, dann verliess ich den pfad und schlug mich durchs unterholz, schnell ausser reichweite.

darf man von einer beziehung sagen, dass sie einen auch schützt vor der welt und nun spüre ich überall durchzug und rauheres wetter.

nun muss ich aus meiner deckung, aber in der dämmerung rede ich noch immer nicht laut mit mir und im dunklen wald singe ich nicht. ich verlasse den vorgetrampelten pfad ohne grund. natürlich ist es egoistisch, von mir zu reden, statt von marie, aber ich sammle schon materialien für ihre biographie, ich stecke den kopf in ihre kleider und ahne noch ihren fernen geruch (eine mischung: ihre haut mit ihrem parfum, meine sucht). danach bin ich stundenlang für gar nichts zu gebrauchen.

heute träumt es sich  ja modisch von einem ganz anderen leben, meist wird man gar nicht gebeten, man fällt hinein wie in einen alptraum. aber das liegt nur an der perspektive oder dem begriff, wenn man den beiseite legt, kann man sich in fast allem einrichten (ich rede nicht von den schinderhütten dieser welt). ich suche jedenfalls noch immer nach einem trockenen plätzchen, an dem man sich gut betten kann.

gestern mittag (in einer stillen ecke des gartens) ertappte ich mich bei der erinnerung an den duft ihres haars und meine lippen auf schulter und hals, genau in der beuge, sandelholz, lavendel, klatschmohnrot, marin blau und ocker, frag mich keiner, wie ich darauf komme. Liebe, so sehe ich das jetzt, ist eine synästhesie.

Marie Z.

manchmal erscheint sie in meinen träumen und tanzt

sie sieht mir zu, auf dem foto, so scheint mir, leicht ironisch, das würde mir gefallen. ironische nachsicht, genau das. denn mein neues leben (das leben ohne sie) führt mich ins unbekannte und ich nehme mich gelegentlich kindisch aus, so kommt es mir vor. im alleinsein bin ich geübt und doch wieder nicht, manchmal tut guter rat not und ich fühle mich hilflos verloren in einem dickicht von argumenten, perspektiven und meinungen.

ich möchte so nahe wie möglich an unserem leben bleiben, sage ich (uns), als ginge das, als wüsste ich nicht genau, dass es nun nur noch mein eigenes gibt und alles andere vergangen. jeder schritt, den ich tue, führt von dir weg, marie, als ob ich die nähe beibehalten könnte, die alte, gewohnte. schlimmer noch, gestern kam mir alles eigene, alles ohne dich, alles ohne deine art, die dinge zu tun, zu gehen, zu stehen, zu fühlen (davon habe ich doch keine ahnung), zu denken, ohne deinen blick auf die welt und die menschen wie  verrat vor. (ich bin bei deinem anblick auf dem foto erschrocken).

das ist reiner wahnsinn, so zu denken, zu fühlen, sage ich mir, ich schaue im spiegel nach, ob ich zeichen erkenne und starre das spiegelbild missbilligend an. ich verstehe nur zu gut, was in mir vorgeht. ich habe die hoffnung, in ihrer nähe zu sein, nicht aufgegeben: wenn ich so bin und handle, wie sie es wollte, dann bleibt sie sehr nah. etwas in mir ist ein zäher wahnsinn.

ich sehe zu, wie die zeit uns voneinander  entfernt.

das neue leben schmerzt, es führt weg, es ist ohne sie,  ich entferne mich in das eigene, das habe ich für mich allein (ohne dich). so rede ich mit deinem bild und ich würde mich nicht wundern, wenn du plötzlich die stimme erheben würdest, um mich zur ordnung zu rufen (ich wünsche es mir).

dabei träume ich (mehrmals, in einer serie von träumen), du bist in deinem ganz eigenen, du bist um mich und zugleich abgewandt, du bist ganz in dir, ganz für dich, ganz abgeschlossen und als ich fordere (in dem   traum vorgestern), „wir müssen reden“, da sagst du: „nein. ich bin jetzt in meinem, nur für mich.“

Es gibt keine verbindung mehr zu deinem alten ich, deine art zu sein ist beendet, ich bin keiner, der gerne in erinnerung kramt, um zu heulen oder sich mitleidig über sich selbst zu beugen. entweder ist dieses alte leben und dasein in mir oder es ist gar nicht mehr (diese schroffe deutlichkeit habe ich von dir).

am meisten fehlt mir die unverwechselbare ironie, die mir ganz zugewandte, die liebevolle, schneidende, wenn ich den kopf hängen liess.

Jetzt muss ich meine abwege selber bewachen, meine selbstkritik ersetzt nicht deinen stich, der auf den punkt bringt.

inzwischen entferne ich mich, je weiter ich aus unserem bild rücke, desto mehr erscheint deine jetzige gestalt, sie ist das ganz andere, die völlige klarheit, die weite (auch des gedanklichen).

am meisten fehlt mir das gespräch, nun verstehe ich manchmal die welt nicht mehr, in unseren diskursen war sie verständlich, sie wurde es, sogar in ihrem schlimmsten, ihrem unerträglichsten, einfach nur, weil wir beide uns dem zuwandten. unser weltinteresse.

am meisten fehlt mir die wärme.

am meisten fehlt mir die gemeinsame suche nach sinn und bedeutung. unsere nie endende bewegung. ich streiche mir das gesicht weiss an und suche weiter, ein trauriger clown.

manchmal lache ich wieder, manchmal sind die dinge wieder sehr nah, manchmal vergesse ich mich und es ist nur, das hier, manchmal entzückt mich das glitzernde wasser des sees, die stimme nebenan, der freundliche blick einer unbekannten frau, ihr lächeln, manchmal freue ich mich wieder, ohne grund. manchmal ist das leben wieder ein tanz. ich nenne ihn marie, das ist eine ganz unbekannte person, manchmal erscheint sie in meinen träumen und tanzt.

In einem anderen land

draussen geschrei und durcheinander (so hört es sich an), man denkt, da läuft was ganz grosses, aber es ist nur normale italienische unterhaltung. ich bin  an der grenze zum tessin am lago maggiore gelandet, spontan, würde mein freund michael sagen, rein spontan. naja, so spontan dann auch wieder nicht, es ist einer seiner lieblingsorte, wasser und berge oder sagen wir heftigere hügel, bewaldet, um den see, in der ferne dann noch schneebedecktes.

ausser an der wasserfront hat die gegend  etwas uriges, kleine wege schrauben sich die hügel hoch, dörfer wie im bilderbuch, stille, verschlafene nester hoch oben, die dächer sind mit steinplatten gedeckt, man wünscht, sich hier irgendwo fern von allem niederzulassen und in der stille zu sitzen, ringsum hügeliges, bewaldetes grünes getier und kaum menschen,  noch kein erlebnistrecking mit kulinarischen highlights, man weiss genau,  in einigen tagen ist man weg, aber  die vorstellung ist rundherum beruhigend und schön.

nachmittags zuviel expresso auf terrassen am see und hitzige gespräche über nichts und wieder nichts, oder sagen wir: ich bin, so stelle ich fest, hochgradig streitsüchtig, auch hier gibt die welt ihren innersten kern nicht preis, sie ist wie sie ist und stumm ist sie heute auch, sie redet nicht mit mir und am ende unseres redens gebe ich zu, ich befinde mich mitten in einer unsäglichen verwirrung. wenn man mich fragt, worum geht es gerade, dann winke ich ab, ich verstehe nicht einmal die frage. ich schaue aufs wasser, es funkelt und glitzert und fliesst unter meinem blicke weg, es ist von bräunlicher färbung, etwas fahl, wie die hügel, kein saftiges grün, alles etwas verhalten, verwaschen, undeutlich, der blick verliert sich im ungefähren.

ich sage mir, das hat mit deiner allgemeinen verfassung zu tun. ich frage mich gar nicht mehr, was ich hier soll, ich nehme es hin wie die sonne, den wind und die wolken überm see. es gibt nichts weiter zu tun, als da zu sitzen, zu gehen, zu stehn und so zu tun, als hätte das irgendeine bedeutung. was ich gar nicht hinnehmen kann, ist die abwesenheit von sinn.

dabei ist es ganz einfach, ich bin aus meinem traum, von dem ich kaum die schlussszene erinnere, vage gestalten, eine trennung, ein verlust  vielleicht, ohne übergang in einen schmerz hineingeraten, der wie aus einer ungeheuren tiefe aufbrach, er schüttelte mich, ich schluchzte erbärmlich mitten im erwachen und nun frage ich mich, als sei das von irgendeiner wichtigkeit, ob ich laut geschrien habe, denn so schien es mir, im hotel mitten in der nacht. danach rang ich nach luft.

so eine gewalt des schmerzes habe ich noch nicht erlebt, alles bisherige scheint mir dumpf dagegen, ein fortwährendes nagen und manchmal sehr akut, aber noch nie diese unbeschreibliche gewalt von schmerz und weh aus einem bodenlosen untergrund herauf. der tag begann so wund, gewaltsam aufgebrochen und wer mir zu nahe kommt, nach dem schnappe ich. heute kaufe ich mir nichts ab, kein wort, keine behauptung, nichts fällt ins gewicht. etwas in mir schlägt blind um sich.

irgendwann standen wir im tal schon hoch oben auf der brücke und schauten in die tiefe:  riesige brocken geröll aufgehäuft und wildes gewässer, verwachsenes gestrüpp. der anblick antwortete auf mein morgendliches erleben. der schlag, den irgendetwas in mir mir versetzte. es war gegen fünf in der früh, ich brauchte einige zeit, um mich einzukriegen, einschlafen konnte ich nicht mehr,  zerschlagen bin ich in den tag hinein geraten und denke irgendwann, da sass ich wieder am see, so muss sich vertreibung anfühlen und exil.  natürlich habe ich nicht die geringste ahnung, ich habe davon gelesen, aber während die andern gestikulieren, lachen und schwätzen, fühle ich mich in einem anderen land und der see, auf den wir schauen, ist doch der derselbe.

Und dann passierte es in zürich

Seit kurzem sage ich geburten voraus und prophezeie, ob es ein junge oder ein mádchen wird, es waren zwei treffer oder war es einfach nur nach dem motto „eng blann sau fënnt och emol eng eechel“.

Bei steiner lese ich, auch schwachsinnige menschen könnten gelegentlich geniale gedanken äussern, sie saugen sie sozusagen aus der umgebung auf. Ich gerate ins grübeln und beruhige mich mit der durchschnittlichkeit meiner äusserungen.

Jedenfalls bin ich wieder grossvater (inzwischen fünf mal) gemacht worden und habe ein dinner für einen auf der terrasse des storchen geschmissen, mein blick wankt ein wenig beim betrachten von leben limmat kai und brücke und ich sage für mich „prost marie“ und „schade ich hätte gerne mit dir in corpere angestossen und anschliessend wären wir in die klinik gefahren um den neugeborenen enkel in augenschein zu nehmen und die neue dreifaltigkeit zu würdigen“.

Langsam gewöhne ich mich daran alleine auf achse zu sein, ich bin seltsamerweise nicht neidisch auf paare und erzâhle marie, was ich erlebe, ich stelle mir vor, sie sieht durch meine augen die welt.

ein reissender fluss

I

zu müde bist du zum denken, zum da sitzen nicht, abendgeräusche registrieren, autos rauschen unten vorbei, ein fernes glockenspiel, eine autotüre klappt zu, ein rolladen rattert, im hintergrund dumpft es, die ganze zeit, jemand hustet. nach den autorauschen ist es so schön still.

du hast im garten gearbeitet, mit dir selber reden, in der zweiten person, fühlt sich bei deiner müdigkeit bequem an, keine grossen emotionen, nur der hintergrund traurig allein, du hast dich gefreut, du warst traurig und manchmal nur der gärtner, also ganz abgetaucht in die arbeit, du hast dir nichts dabei gedacht, du hast es einfach gemacht, hochkonzentriert, nur in einer pause ist dir der trauerrand aufgefallen, sowas wie ein dauerndes hintergrundrauschen.

die stadt war heiss und laut und hat nach abgasen gestunken, nur in der seitenstrasse am bahnhof bis zur post war es ruhiger, an der ecke hat einer vor der kneipe geschnarcht, an der ecke gegenüber war eine frau schon betrunken, du hast erdbeeren gekauft und dir dabei gesagt, es ist noch viel zu früh dafür, vor der italienischen eisdiele eine warteschlange, deine enkelin hat sich nicht für eine sorte entscheiden können und die bedienung war leicht genervt, sie hat sich an den nächsten gewandt, du hast die sorte mit feigen verpasst, stattdessen pistache, wegen der farbe zu mango und citron vert, du denkst natürlich sofort an die grünen éclairs pistache von namur, das war am tag vorher mit der anderen enkelin, als sie plötzlich abgehauen ist wie der blitz und zum spielplatz geflitzt ist, ohne auf dich zu hören, du  sasst eine weile am tisch wie ein hilfloser idiot, ehe dir ein trick eingefallen ist, und die bedienung war nicht in sicht.

du hast geschwitzt, die jacke hättest du zuhause lassen sollen, aber du wolltest das neugekaufte stück unbedingt anziehen, du gehst noch immer gerne durch die stadt, das ist dir nicht aufeinmal abhanden gekommen, das gehen in städten macht angenehm müde und die vielen leute, die richtung  bahnhof gehen, es ist gegen fünf und du hast die zeit vergessen, seit jahren ist es dir egal, was für ein tag, das datum bitte, und die uhrzeit, keine ahnung, das nach-der-uhr-gehen ist lange schon vorbei.

im garten dann das kurven mit dem rasenmäher um die wildeblumeninseln, die du verschonst, du hast dir abgewöhnt in regelmässigen bahnen zu mähen, ein paar mal schrubbst du über liegengebliebene spielsachen und erwischst eine riesenmurmel, der rasenmäher macht ein vermurkstes geräusch und am kirschbaum in dem hohen gras entdeckst du ein gefärbtes ei und vier angeknabberte schokoladendinger, die ostern keiner gefunden hat.

du hast offensichtlich eine spürnase genau die falschen artikel zu lesen, so im guardian nach dem mähen den bericht einer frau, wie sie ihren therapeuten jahrelang das allerwichtigste vorenthalten hat und ihre angst vor dem eigenen tod und ihre panikattacken mitten in einer sitzung, das liest du natürlich zu ende, es ist dein thema, so sagst du dir, und ein teil von dir ist auch traurig und zwar immer.

seit gestern planst du eine gedenkfeier für marie oder eine feier für die überlebenden, die an marie denken wollen, und du entwirfst einen einladungstext und unterdessen wird dir bewusst, du hast den leuten, die ihre anteilnahme bei maries tod bekundet haben, noch immer nicht gedankt und keins von deinen kindern hat dich daran erinnert, es geht dir also nicht alleine so, wie es dir geht, und dir fällt ein, maries kleider hängen auch noch immer im schrank und ihre schuhe stehen noch im regal und wenn du alte fotos anschaust, rein zufällig natürlich, das album mit fotos von sich als baby hatte dein jüngster sohn hervorgekramt, weil er vater geworden ist, dann sagst du schön und empfindest das auch und kurze zeit später, da hast du das album schon weggeräumt, geht es dir aufeinmal furchtbar schlecht. nachdem du den entwurf für eine einladung zur gedenkfeier fertig geschrieben hast, geht es dir noch schlechter und du musst dich eine weile hinsetzen und schweigen.

langsam entdeckst du deine bedürfnisse wieder, du kannst sie dir eingestehen, weil du deinen verwechslungen auf die spur gekommen bist, die andern sind nicht marie und es macht keinen sinn, bei ihnen nach marie zu suchen.

du versuchst deinen therapeuten nicht zu beschwindeln wie die frau im guardian, du sagst ihm, du seist oft in gefühlen wie wolkenauftürmungen und nebelbänken unterwegs und seine sachliche art bringe dir erleichterung, schon alleine weil sie  dich jedes mal überrascht. die sitzungen nehmen dir deine traurigkeit nicht, aber sie bringen ordnung in dein gefühlschaos, das hast du ihm auch gesagt. natürlich weisst du genau, worüber du nicht reden willst, worüber du aber mit marie geredet hast. das fehlt dir, dass marie sagt, hör jetzt auf damit.

II

heute entzieht sich die welt allem gerede, du suchst nach wörtern und sie sperren sich, die frauen in deinem traum ähnelten marie, du hast jedenfalls sofort an marie gedacht, im traum meine ich, aber keine der frauen hatte etwas von marie. sie standen um dich herum und sahen eher amüsiert aus, oder hast du dich getäuscht, sie tuschelten untereinander und waren keineswegs geniert; du warst leicht eingeschüchtert, aber frauen beiendrucken dich sowieso immer, du hast ihr reden irgendwie fast nebenbei aufgeschnappt, sie haben offensichtlich über dich geredet, du hattest den eindruck, es werden immer mehr, das war leicht beängstigend. er gibt sich mühe, das glaubtest du zu hören, aber er krampft ein wenig, er strengt sich sich dermassen an, oder hast du dich einfach nur verhört, aber es ging in die richtung. eine sagte, er erholt sich schon noch, das war nicht zu überhören, sie hatte sich über dich gebeugt und schaute dich kritisch an, sie sah marie nun gar nicht ähnlich.

beim aufwachen fühltest du dich richtig schlapp. es war viel zu früh, du hast eine weile der stille zugehört, als die vögel zu zwitschern anfingen, bist du wieder eingeschlafen. an den traum hast du dich beim zweiten erwachen genau erinnert. wegen der frauengesichter. fast warst du dir sicher, du bist denen allen gestern in der stadt am bahnhof begegnet. natürlich hast du dafür keine beweise.

natürlich strengst du dich viel zu sehr an. du willst alles vergessen, dann wieder willst du alles erinnern, sogar deine ablenkungen haben etwas von krampf.

heute morgen hattest du, im garten wenigstens, beim spüren des nassen grases unter deinen füssen, den eindruck, alles läuft auf etwas unbekanntes hin, ein ziel, du fragst dich, was ist mein ziel, und du antwortest, das fällt dir nun aufeinmal ein, es ist doch ein spiel, das hast du eine von den frauen sagen hören, und das sichere gefühl, alles läuft auf ein ziel zu. es war schon immer so, das ist dein leidigster satz, der fluss ist reissender geworden, in deinem innern spürst du den zug auf etwas hin, das dir noch verborgen ist.

der eigene tod ist dann noch etwas anderes, sagst du laut, im garten, der café ist kalt geworden und du trinkst ihn aus und denkst an deine kindheit, die dir nun aufeinmal als robuste fülle erscheint.

da hast du gelernt, dass es keine stelle gibt, bei der du deine beschwerden einreichen kannst. jammern ist zwecklos. aber du steckst deine gefühle nicht mehr weg für bessere zeiten.

das leben hat immer schon einen trauerrand und deine lektüre gestern hat dich darin bestätigt, einer sitzt immer dabei und ist traurig. das glück ist eine amerikanische erfindung, sagt er und ein anderer ist grundlos glücklich und spielt, ein weiterer spürt das leben als reissenden fluss, der nächste lobt das ende, einer hadert damit und marie lächelt,  du lebst seither manchmal in der stille, die ein garten ist.

ist mir fast zu intim

man geht gar nicht so weit und denkt ungeheuer wichtige sachen.

morgens beim erwachen, du hast die augen noch gar nicht aufgemacht, ich meine, nichts gesehen, fast nichts gehört, also: ganz innen drin, irgendwo ganz anders und dort wird dir auf einmal bewusst, es tut weh, wie du dich sehnst nach ihrer haut, ihrem körper frühmorgens im halbschlaf und dir fallen keine erinnerungen ein, der körper, die haut erinnert sich von alleine, du tust gar nichts, du liegst bloss da und es schmerzt von oben bis unten hin, du liegst ganz still da und spürst nur das, alles fehlende spürst du.

nun könntest du denken, in dem fehlen ist sie, aber das ist dir schon zu weit gegriffen, du begnügst dich mit der abwesenheit, sie ist ein freund, ein feind, es tut gut, dass der körper so denkt vor sich hin und du musst nichts hinzufügen ausser dem wort sehnsucht und pein vielleicht, die trauer betrifft nicht irgendwelche gedanken über beziehung gar liebe, der körper weiss, da waren hände, eine andere war da und sie war fremd und sie war nah und sie fühlte sich so an, genauso und du liegst fast atemlos da und willst die augen erst gar nicht wieder auftun, nur das willst du spüren, diese schmerzende haut, diese wunde verlassene fläche und dieser plötzliche stechende schmerz im kopf, wenn von überall her die gleiche botschaft eintrifft, sie ist fort, aber es ist noch eine ahnung da, wie es war,  eine sehr genaue, dort hat sie dich so berührt und du sie …dass sie dich überhaupt berührt hat, dass du sie … diese art erinnerung ist ein lassen, sie füllt dich auf, als seist du leer gewesen bisher, sie pfählt dich und du gibst dich ihr hin, ein glühender schmerz und darin keine vergangenheit…

nach der lektüre gestern abend, keinen grösseren kontrast könntest du dir vorstellen, nach dem gefühl, das du kriegtest beim lesen, was ist das für einer, der das geschrieben hat, du kannst nichts dafür, aber das bild ist allmählich antstanden, von alleine, von einem versteckspiel, einem zusammenbrechenden rollenbild, eine lautlose, fast unmerkliche dekonstruktion, das robust männliche als schutzschild zerbröselt vor deinen augen, auch das ein fake, ein fast heroisches, der mann, das unbekannte wesen?, fast ist mir das zu nah, zu forsch, fast ist es mir peinlich, dass ich so einen seltsamen eindruck nach der lektüre habe, einen körperlichen, was mir nun erst aufgeht, nachdem diese buchmenschen mir dermassen auf den leib gerückt sind, nur kaputte typen (nicht unsympathisch) denke ich, eine verrückte ordnung im durcheinander, ein widerstandsnest, ein anarchisches, der mann in der krise, aber kein ordentliches lektorat.

was ich dem hoch anrechne, in der art, wie er den gesellschaftlichen zustand zerlegt in seinem erzählen (nicht überall, wie gesagt das lektorat, aber auf weiten strecken ein grosser und manchmal sehr feiner genuss), wie unter dem ansturm der tiraden (ein trommelfeuer sui generis) die fassade auseinander bricht und das elend sich knall auf fall zeigt, wird ein anderes land sichtbar, gegen alle wahrscheinlichkeit, alleine in dem blick, sage ich mir, erscheint eine alternative.

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Das wars, man sollte nichts überreizen

Langsam geht mir auf, diese Art des Schreibens ist ausgereizt.

Ich sitze da und lausche den Schlafgeräuschen der Katze nebenan, sie seufzt wie ein Mensch, manchmal quietscht sie.

Ich habe mich durch geschrieben, ich meine nicht einmal, dass das Schlimmste des Trauerns vorbei ist, aber dort, wo ich ich mich nun befinde, wird anders getrauert, im Tun und vor allem im Lassen.

Man sitzt da und fühlt sich allein. Das Wort verlassen ist mir vergangen. Seit ich Katzen füttere, ist das Weinen in meiner Hand, es ist fürsorglich geworden und ich kann wieder absehen von mir. Es gibt Bedeutenderes, im Garten gibt es welche, die brauchen einen, ihre Schönheit zu sehn. Das bedarf keiner Worte, die sind nicht tauglich dafür.

Mit den Worten beschwöre ich Marie nachts herbei, alles ist sagbar, nur behalte ich es für mich, weit genug bin ich nun dazu. Was ich ihr sage? Das weiss sie allein. Nur sie teilt die Wörter und Sätze der gemeinsamen Zeit. (Ich dachte irrtümlich, ich würde ihre Erinnerung hier beschreiben können, ich sage nur, sie ist selbst dort, wo sie noch nie war, jetzt.)

Das ist exklusiv, elitär, ich weiss es, es schliesst aus, es gab es nur einmal, nur einmal hatte es soviel Zeit und alles Neue wird anders,  die Wörter mit ihr sind unübersetzbar,  über diese Hürde kommen sie nicht. Ich werde eine andere Sprache lernen müssen, ich dachte, ich könnte es in der alten. In Wirklichkeit habe ich nur geredet mit ihr und niemand sonst, ich wollte ihr ein Letztes beweisen, ihre Asche zum Tanzen bringen, mehr in Ton, Rhythmus und Bewegung als mit lexikalisch-semantischer  Eindeutigkeit.

Es war mein Abschiedsgesang, er ist nun verklungen.

Die Wörter waren nur Krücken, ich hätte auch andere hinsetzen können. Ich habe einen Vorwand gebraucht. Es gab immer nur eine Adressatin, und manchmal redete sie und nicht ich.

Dass wir es öffentlich taten, lag daran, wir mochten den öffentlich ruchbaren Skandal, wir waren keine feinen Leute der feinen Gesellschaft, wir exhibierten selbst unsere Zwiste, inszenierten Kräche an öffentlichen Plätzen und ich hatte das deutliche Bedürfnis, ihr Sterben öffentlich werden zu lassen, unseren letzten Skandal. Ich war es ihr schuldig, denn sie zeigte, wie man es tut, unerschrocken und standhaft, ja, fast spöttisch heroisch. So wünsch ich es mir, diese Stärke und Unerschrockenheit, und zuletzt diese schamlose Hingabe an den Tod. Sie war mein Lebensmensch, der einzige. Auch diesen Kredit zahle ich nun doppelt und dreifach zurück.

Wie ich mit neuen Menschen reden soll, das liegt noch vor mir, ich beginne es immerhin für möglich zu halten. Vielleicht bin ich auch nur narzistisch vermessen und arrogant, das waren wir auch zeitweise zusammen, man zahlt am Ende den Preis. Ich bin kein umgänglicher Mensch geworden, ich habe mit Marie einen Standard gesetzt, der macht einsam, ich habe Ansprüche und nicht gerade geringe, nämlich in Ansätzen wenigstens verstanden zu werden, und das heisst, in meiner umfänglichen Ungenügsamkeit. Marie wollte unterhalten werden und ich von ihr, ich habe mich nie mit ihr gelangweilt, manchmal haben wir uns alleine zu dem Zwecke den Krieg erklärt und einmal auch der kleinen Welt, in der wir beide arbeiteten. Ich bedaure nicht den kleinsten Fitzel davon, aber ich spüre die Verbundenheit übers Grab hinaus. Wie man damit leben kann, davon habe ich nicht die geringste Ahnung, Wir beide wollten nie angenehm sein, obschon wir am Ende milder waren als an unserem Anfang und endlich begannen die Menschen zu lieben.

Marie war intelligent, elegant, verletzt und schön, die Mischung hat mich sofort überzeugt. Ich war ihr verfallen, ich bin mit ihr manchmal durch die Hölle marschiert, ich habe mich für sie geschlagen. Vieles in unserm Leben habe ich alleine ihr zum Gefallen gemacht, auch wenn es mich meinen Stolz kostete. Ich sage nicht, dass wir beide die sympathischsten Leute waren, wir sind vielen Menschen begegnet, es sind wenige, die uns über lange Strecken begleitet haben. Aber es gibt welche, erstaunlicherweise, und ebenso erstaunlich ist es, dass es Leute gab, von denen wir gerne lernten. Es sind Scharlatane darunter, aber wie einer sagte, es gibt keinen, der nicht eine gehörige Lektion parat hatte. Im Grunde halte ich mich selber aus langer Erfahrung für nicht besonders interessant, aber sie verlangte das von mir, interessant zu sein, und am Ende bin ich es deshalb vielleicht doch noch geworden. Vielleicht lag es an meiner Durchschnittlichkeit, dass ich sehr oft, meistens das Gefühl hatte, Marie verlangt Höchstleistungen von mir, auf allen Gebieten, sie machte da keine Ausnahme und liess schwache Leistungen nicht durchgehen. Ich kam vom Dorf und hatte vom Leben keine wirkliche Ahnung.

Wir haben uns geliebt und bekriegt, bevor wir einen heftigen Frieden schlossen.

Wie gesagt, ich habe nun eine andere Sprache zu lernen. Denn die Begriffe, die ich kenne, sind alle Marie infiziert und haben eine intime Bedeutung, eine semantische Verschiebung hat 36 Jahre lang statt gefunden. Ich merke nun im Austausch mit anderen Menschen, wie sehr.

Demnach bin ich wieder ein Anfänger.

Ich bedanke mich bei allen, die diesen Blog begleitet haben, durch Lesen und Kommentieren und Liken.

Das wars, man sollte nichts überreizen, vielleicht sehen wir uns mal, irgendwo bei einem Expresso oder zwein und kommen ins Gespräch, jedenfalls:

Alles Gute. Und wie Spock sagte: „and prosper“.