Innenausbau, so heisst das doch heute

Ordentliche Prosa, sage ich mir, kein verquerer Satzbau und vor allem keine verquirlten Gefühle, das Wort tordu fällt mir ein, torture, Autotortur wie in Selbstgeisselung und mit Lust. Andererseits, warum eigentlich nicht, warum sollte ich mich geisseln, weil ich mich geissele.

Tatsächlich ist die Ordentlichkeit mir abhanden gekommen, ich meine als strukturierende Idee, ich manövriere in kaum bekannten Gewässern (die intime Kartographie anderer Leute hilft bei der allgemeinen Orientierung, Himmelsrichtungen und so), deshalb: Chaosmanagement ist mir nun angemessen, auch sehr privat und intim, stürmisches Wetter allenthalben. Ich frage mich, was ist Innen und was ist Aussen, mehr als façon de parler, morgens sammle ich mich  aus der Umwelt wieder ein.

Vorgestern schrieb ich von morgendlicher Enttäuschung; Das hat mit meiner Lektüre zu tun, vor allem weil sie meine tägliche Erfahrung bestätigt. Jeden Morgen, wenn ich die Augen aufschlage, spüre ich eine leichte Enttäuschung, nicht als ob mir meine Wahrnehmung Unrecht gäbe, denn alles ist so, wie ich es abends zurück liess (oder fast, nicht mehr ganz so) und schön ist es auch, nach meinen Begriffen, aber es scheint damit eine Bewandnis zu haben: Als sei das, was hinter mir liegt in der Nacht, schöner, reicher, erfüllender, kompletter, perfekter, allen Ansprüchen weit mehr genügend gewesen, ein Gefühl von … (naja) Transzendenz, etwas, das alle meine Erfahrung am Tage meilenweit überschreitet. (Demnach bin ich beim ersten Blick in die Welt durchaus verständlich enttäuscht.)

 

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Die Enttäuschung legt sich, ich tröste sie mit der Lust Wörter zu finden, um an der Grenze des mir Sagbaren keineswegs anzuhalten. Ich war immer schon neugierig, über den Zaun zu steigen, deshalb die Faszination für Waldsaum, Hecke, Flussböschung und Horizont, was ist jenseits und weiter, was ist darüber hinaus, immer weiter, unaufhörlich und in die Unendlichkeit hinein.

(Worüber man nicht reden kann, davon schweigt man: Ich lese den berüchtigten Wittgenstein Satz als einfache Feststellung, denn als Anweisung scheint er mir deplaziert. Dann geht es um das, was ich noch nicht zu sagen vermag. Um Grenze, Erfahrung der Grenze und Übergang.)

Ich habe mir meine kindliche Neugier bewahrt, sage mir, kann man hinüber, gibt es doch Wörter und wenn nicht, müssten nicht welche erfunden werden oder die altbekannten neu aufgeladen mit Sinn und Bedeutung.

Das Problem allen Reisens  ist doch, man fliegt, so weit man denken kann, Papua Neuguinea, Feuerland und die Tiefen der Weltwüsten und  nach Innen ist kein Land, keine Heimat, meist Leere oder Verstaubtes, Konfusion und verwirrendes Leiden, man verabreicht sich Gefühlstöter, man repariert sich mit Dingen, mit Bildern, man hat Angst: vor sich selber. Jemand sagte einmal, unser Gefühlsleben sei wie Traum (kein luzider) und unser Willen wie Schlaf.

Ich sehe doch selber, wie ich zusammen zucke, wenn es von Aussen in mich einschlägt, wie es von Innen her dürftige Antwort gibt, die den Überfällen kaum standhält und dabei heissen diese doch einfach nur Leben.

Ich frage, wo ist der Fixpunkt, den es nicht gibt.  Gegen das Nicht setze ich: die Erfindung meines inneren Raums, das Zuhause im Nirgendwo, statte es aus, schaffe Unanfechtbares, Sicheres, in die Leere grabe ich die besondere Stelle, wo vorher nichts war, die Stille, die absolut friedliche, ich kehre dort ein, wenn auch sonst nichts mehr hält.

Innenausbau, so heisst das doch heute.

 

 

 

 

 

 

selbst das Geringste ist von weither

Was mich tröstet. Tröstet mich etwas? Sagen wir es so, es kommt zur morgendlichen Enttäuschung etwas dazu, das erhebt, das Geknicktes  für Momente richtet, das Gebeugtes gerade macht, das gelbe Blühen im Garten zum Beispiel, das aus braungrauem winterlichem Geäst plötzlich hervorschiessende Magnolien Rosa, die Knospen und nun schon die rötlichen Blüten des Kirschbaumes, der mit den rostbraunen Blättern (aber das ist eine spätere Geschichte). Und weiter: Ich freunde mich mit Katzen an, liebe ihren Opportunismus; sie mögen den, der sie füttert zur rechten Zeit, der die Tür nach draussen aufmacht beim ersten Maunzen, der die Katzensprache in den Anfängen lernt. Ich liebe unabhängige Wesen, sie führen sich selber spazieren, zeigen alte Raubtiermanieren in Miniatur, elegant und achtsam, sie brauchen nicht lange zu meditieren, sie kennen das Warten, das geduldige Sitzen, die Ohren gespitzt, aber entspannt und dann: plötzlich gespannt auf dem Sprung, Der Garten erwacht, ein grünbraunes Tier mit farbigen Tupfern und Flächen, da brauche ich nichts zu tun, ich bin nur sehen und hören und riechen, so kann er in mich hinein.  Manchmal ruft er und ich hantiere in Ecken, die der Aufmerksamkeit bedürfen, sie ziehen mich an und wählen die Harken, die Rechen in meinen Händen.

Jüngst war ich im Wald, er hat mich gerade noch so geduldet, warum hast du sie nicht mitgebracht, ich spürte den Vorwurf und wie mir der Rücken zugekehrt wurde. Schon längst fühle ich mich umgeben von lebenden Wesen  in Gärten und Wäldern, und wenn man mich fragt, gibt es noch Heiliges, ich zögere keinen Augenblick.

Scheinbar Festes, Stabiles rutscht dir im Handumdrehen weg, plötzlich bist du woanders, der japanische Kirschbaum vor meinen Augen, morgens beim ersten Blick hinaus in Garten und Strassen, lehrt mich die Schönheit des Wandels, der fliessenden gleitenden Metamorphose und ich frage mich, woran kannst du dich halten darin, bewegt sich die Verwandlung um einen Fixpunkt oder fliegen wir haltlos mit und werden verweht.

Vielleicht geht es auch anders, vielleicht gehen die Wege  und ich gehe mit, bevor ich die Richtung wechsle, vielleicht liegt meine Beständigkeit im fortwährenden Anders, ein Proteus, aber nach vorne, in eine Richtung, deren Spitze eine reine Suchbewegung ist, ein urphänomenales Immerweiter, eine unaufhörliche Queste, und so altertümlich, klobig, rauh behauen ist es. Vielleicht ist der Fixpunkt die Öffnung des Raums, wenn ich für einige Zeit zur Seite trete und etwas sich zeigen kann, wofür ich nur den Schauplatz anbiete. Ich meine nicht einmal das Aussergewöhnliche, sondern zum Beispiel den zufälligen Blick in den Garten, und eine unbändige Kraft offenbart sich, sie treibt das Neue hervor, es platzt heraus aus dem Toten, das aufersteht vor meinen Augen. Ich weiss es, denn neulich schwammen sogar die Goldfische im Tümpel aufgeregt herum.

Meine neueste Verschwörungstheorie, denn ich beginne mich wieder zu freuen, wenn ich den Garten betrachte ohne Trauerflor, wenn ich durch Stadtstrassen gehe und meine Neugier auf Menschen registriere, wenn Gefühle ungeteilt sind, sogar wenn sie sich schnell aufspalten in Schwarzes und Weisses, sogar wenn ich im Unglück das Glück zu erkennen vermag, vermute ich insgeheim sie, ihre Machenschaften hinter dem Vorhang, dem dünnen, meines vorläufigen Seins. Ich meine das Spitzbübische daran, la désinvolture, die unbekümmerte Freude an allem, die Ermahnung, manchmal wenigstens schon mit Lächeln zu beginnen, das Schwinden des Ernstes im Frühling, die Nachsicht gegenüber der kindischsten Welt, dem unernsten, zu leicht befundenen Menschen.

Man kann mir erzählen, was man will, über den Zustand des Totseins, ich für meinen Teil höre sie reden, spüre sie in Willen und Gefühl, in einer neu beginnenden Courage, in meinem festeren Schritt, in meinen Fragen,  sie sind zuhauf, in meinem Tun, selbst das Geringste ist von weither und ich lange nicht so tief.

konzentrische Kreise

Diesen Blog kann ich nicht weiterführen, nicht jetzt, nicht so.

Beschreiben, welches Ereignis eingetreten ist, kann ich nur mit grosser Mühe und Überwindung.

Es hat nicht einmal damit zu tun, dass das Leid des Verlusts aufgehört hätte, der Schmerz nicht mehr schmerzte und die Erinnerung ebenfalls nicht.

Nur dass ich nicht mehr davon reden will. Vielleicht weil Selbstfolter repetitiv ist, Pornografie des Leids, ein zwanghaftes immer von neuem Beginnen. Bis es sich steigert zum wortlosen Winseln, bis es ein Heulen wird und unartikuliertes Schrein. Aber ich bin kein Marsyas der nicht endenwollenden Trostlosigkeit, der beredten, ich häute mich nicht selber, ich bin nun nicht aufeinmal ein Profi der Trauergebärde.

Ich sage das nur, um nicht mit der Wahrheit herausrücken zu müssen.

Lieber vom nicht mehr reden als vom noch nicht und vom beginnenden durchaus schon.

Da ich Synchrones spannender finde als etwas öde gewordene Kausalitäten, stellte ich in der Karwoche plötzlich fest, mit zunehmender Beunruhigung versteht sich – dazu muss ich sagen, ich wohne nahe einer Kirche mit jüngst erneuertem Glockenturm und einem professionellen Katholiken, der dezidierter Fan anhaltenden Läutens ist –  dass der Paroxismus innerer Folter sich einem neuen Höhepunkt annäherte, als die Glocken schwiegen und Hölzernes in den Strassen klapperte.

Soll ich tatsächlich von Auferstehung reden und nicht bloss als ironisches Osterzitat.

Ich meine, es wurde zuviel. Es wurde des Leidens zuviel.

Zwischen den zwei  Verrücktheiten der postpostmodernen Identitätsanfälligkeit (zwischen Aufgeblasenheit des überbedeutsamen Ichs und der schlichten Entpersönlichung) neigte ich mich immer mehr dem peinvoll peinlichen Verschwinden zu.

Es tat auch für meine Begriffe zu weh. Damit meine ich nicht, das Leben tut nicht mehr weh.  Mein Lebensgefühl resümiert sich in einem Wort: bittersüss.

Am liebsten würde ich an der so bezeichneten Stelle ausweichen ins Mundane, ich verkneife mir angestrengt den prägnanten Kommentar zu beunruhigenden Zeitvorfällen, die elegante Fussnote zu scheinbar persönlichen Zuckungen US-amerikanischer Politik etwa oder eine völlig deplazierte Anmerkung  zum Stand linker Strategie als Beispiel meiner Besorgnis.

Und da wir schon bei den Ablenkungsmanövern angelangt sind. Ich habe beschlossen, aus denselben Gründen und Synchronizitäten heraus die affektierte Kleinschreibung zu opfern.

Nun aber.

Österliches also.

Unbotmässig Theologisches?

Keineswegs. Aber Auferstehung. Ich bin nicht unschuldig daran. Natürlich stellt sich die Frage, woher die Anwandlung kam, fernher jedenfalls, auf ein Haar ungehört und nie gewesen.

Ich weiss nicht, ob man auf dem Höhepunkt des wehen Wahns, der Pein und tiefen Höllenqual (selbst der Papst scheint sie nun anders zu verorten) ausgerechnet von Langeweile reden kann. Aber es ist totes Land und das Grab ist leer, nur Asche, wenn auch schön verpackt in Schwarz mit goldenem Rand, und Humus, ein verschwindend kleines Häufchen (zur Erklärung: ich habe den Totengräber bei der Arbeit befragt).

Wo ist sie also hin, meine Geliebte, Vermisste?

Ich meine, so frivol habe ich nicht geurteilt, als es passierte, aber es spielte im Hintergrund mit, als in meinem Rest von klarem Bewusstsein die unabweisbare Frage auftauchte, sie hatte sich schon mehrmals genähert, wurde aber jetzt erst gewürdigt, demnach gehört und gesehen, vor allem gedacht und gespürt:

Warum dankst du nicht einfach? Warum dankst du vor allem nicht ihr?

Für alles zum Beispiel.

Ich weiss noch genau, dass ich, wie üblich, dagegen zu argumentieren begann, und … es war schon zu spät.

Dankbarkeit ist ein Wesen, das, wenn es einmal den Fuss in der Tür hat, kein Pardon kennt.

Jedenfalls: Ich sass da, Türen und Wände verschwanden, ich streckte mich aus, lag lange und liess es geschehen,

Ich könnte auch sagen, ich geschah, nun aber ganz anders.

(Nicht ohne Widerstand zuerst, meine Blogeinträge zeugen davon.)

Was aber geschah?

Das Gefühl oder soll ich sagen, die Welle aus Licht und der zweiwertige Satz ICH DANKE. Ich könnte nur stottern, sollte ich mehr sagen als: die wärmende Welle, die Flut, die Umhüllung und verwandelnde Grenzüberschreitung. Mir kommt immer wieder das Wort: in konzentrischen Kreisen. Auch noch: Dankbarkeit zieht um sich konzentrische Kreise.

Als ich abzubremsen versuchte, bekam ich Angst. Davon zu reden, wäre mir leicht, also lasse ich es.

Seither ein Leuchten, es kommt mir seither aus Allem entgegen, ich danke und darin ist sie.

Jetzt.

nichts davon steht zur disposition

heute morgen war deutlich, mehr als ein hilfloser blick ist von mir nicht zu erwarten, manchmal gehe ich herum wie ein wachtraum, als sei der ort nicht meiner, als seien die wege traumwege und ich plötzlich allein. es ist ein tasten in einem nie gekannten raum. ein schluchzen. warum gestatte ich mir keine schwäche, ich habe angst, ich zerbreche dann ganz. was übrig geblieben ist, ein unsicheres sehen, ein zögerliches greifen, ein gehen, als hätte ich es gerade erst gelernt. und das, was ich kann, kippt ebenso schnell in sein gegenteil, ich war mir noch nie meiner gegensätze, des jasagens und neinsagens in mir so bewusst, der freude und der angst. das stoische aushalten habe ich offensichtlich gelernt, wenn meine welt kippt, hilft das ununterbrochene sehen, das fühlen bis ans ende der angst, die gedanken jagen sich,ein sturm auf dem inneren schirm. das bewusstsein hält alles.

ich merke, mein vertrauen ist zutiefst erschüttert, der teppich weggezogen, der boden schwankt, schnell sind es zu viele eindrücke. ihr tod hat meine entschlossenheit vernichtet und ich muss wohl dabei verweilen, wunsch und wirklichkeit klaffen, seit jahrzehnten setzte ich auf meine stärke, was mich nicht umbringt, macht mich … durchhalte parolen in fleisch und blut über gegangen. nun merke ich, die leiseste berührung macht mich wehrlos, man kann meine schwäche ausnutzen, man kann mir geschichten erzählen und ich glaube alles, meine naivität ist grenzenlos. natürlich bin ich ein beschriebenes blatt, ich bin nicht die unschuld vom lande und doch habe ich angst vor meiner offenheit, sanftheit und hingabe an sonne, regen und wind, meine kindlichkeit bereitet mir furcht, daran ändert keine durchtriebenheit etwas. ich merke, ich wollte mich selber vereinfachen und lebe nun mit einem mir ganz unbekannten, der meine beschützerinstinkte weckt. ich bin mir sicher, man könnte ihm weh tun und er könnte sich selber nicht helfen: habe ich das viel zu spät entdeckt?

wenn ich nach begriffen für mein erleben suche, stosse ich auf gänzlich unbrauchbares, männlich/weiblich und die jeweiligen eigenschaftszuordnungen. was ein schwachsinn ist, ist ein schwachsinn.

heute morgen ist mir das aufgestossen, als ich las über die schwarzen löcher in der politik, die inkarnierten unheimlichkeiten in ost und west, die weiteren himmelsrichtungen inbegriffen, das rohe, schrill-hässliche, verbrecherisch ungenierte, unverfrorene, missbräuchliche: die negation von allem, was ich erblicke, wenn ich maries leben rückblickend betrachte, das nun auf mich gekommen ist, in meiner verantwortung steht, alles, was ich für schützenswert halte, die sanftheit, die feine geste, der liebende blick, die couragierte schwäche, die liebevolle stärke, die sanftmut, die sorge um den nächsten und entferntesten, die offenheit, die hingabe an das schöne, die verehrung der wahrheit, das gute ohne gedröhn, die gebende hand und alles geteilte. kompromisse? nichts davon steht zur disposition.

wenn ich diesen anspruch wegstecke und verdränge, bereite ich mir selber angst.

was wahre stärke ist, beginne ich zu entdecken, sie weist die schwäche nicht von sich, die unendliche empfänglichkeit für die welt.

so steht marie wieder auf.

litanei

muss ich die ganze zeit sagen, dass es mich gibt, damit es mich gibt; wenn ich also mit dem affirmativen gerede aufhöre, gibt es mich dann nicht.

die feststellung, dass ich nicht so bin, wie meine geschichte ausweist. wer da herum ging mit marie, der ist abhanden gekommen. in einem präzisen kontext flackert so etwas auf wie ich, wenn dinge zu tun sind, wenn jemand mich anspricht, wenn der wasserhahn tropft, wenn die heizung versagt, dann geht jemand emsig herum, den ich zu kennen vorgebe. er hat die fähigkeit praktische probleme zu lösen, manchmal erfinder er welche, um sich zu bestätigen, dass er einer ist. und ausserhalb, ich meine, wenn der kontext, der provisorische, sich auflöst, der wasserhahn ist repariert, die heizung läuft und jemand hat danke gesagt, dann hört eine welt auf (die nächste erscheint bald, einer hat seinen schlüssel verloren, in der mailbox landet eine botschaft, sie wird gelesen, der schlüssel wird überbracht, die kleine welt hört auf, die nächste erscheint am horizont des erlebens).

was nun, in den intervallen der kleine welt schöpfung ist es vollkommen still, vollkommen friedlich, keine ichturbulenzen.

die empfindung: staunen, ausgestreckte fühler, leichte beunruhigung, etwas bereitet sich vor, etwas kommt an sein ende, beides geschieht zur gleichen zeit, völlig synchron, eine unzufriedenheit kommt auf, etwas passiert (wirklich?), ein ich wird erfunden, eine abtrennung imaginiert (der dramatik wegen), die leere regt sich.

etwas sucht ununterbrochen(und wird durch kein finden aufgehalten), etwas sehnt sich nach stille (die ruhe im windschatten, die erinnerung an den mistral bei les baux, das zimmer eines  manoirs vor saint-rémy de provence, der wind reisst alles denken weg), etwas erinnert sich an ein vergangenes leben (sie hiess doch marie), etwas mault, etwas findet an allem etwas auszusetzen (es ist längst nicht vollendet), etwas ist dankbar (für eine kurzzeitige erfindung zu zweit), etwas schaut das verlorene paradies (das goldene zeitalter, die bodenlose nostalgie), etwas ist grösser als alle teile (es schaut allen zu, wie sie emsig am werk sind), etwas findet sich mit keiner grenze ab, etwas wünscht wachsen (es nennt sich bewusstsein, seine intentionen haben nur mit ihm selber zu tun, es ist gänzlich unökonomisch und grundlos), etwas weint, etwas ist ganz zufrieden, etwas geniesst, etwas empfindet lust und weh (manchmal quält es sich selber, manchmal löst es sich lustvoll auf in allem), etwas spürt eine unbekannte enge, etwas möchte gar nicht da sein (es ist ins nicht vernarrt), etwas redet (ununterbrochen, die lust wörter zu setzen, sinn zu erfinden, vor allem selber gefunden zu werden), etwas denkt sich das leiden interessant, etwas mag noch die kleinste geschichte (wie ich bin und er/sie/es ist), etwas liebt menschen (die tiere, die pflanzen, die steine) etwas fühlt sich allem verwandt (es ist nur welt), etwas sucht nähe (es will im andern verschwinden), etwas vermisst alles (es ist am liebsten allein), etwas ist grundsätzlich am absprung, etwas erinnert sich  seiner ursprünglichen aufgabe (und  vergisst sie wieder), etwas dreht sich im kreise, ein anderer geht gerade aus, klettert an felsen hoch ( die erinnerung an eine wanderung am montségur), etwas ist im widerstand, etwas lehnt sich auf und rebelliert, (es träumt von dem ganz anderen), etwas ist völlig normal (sein anderes gänzlich kaputt, ausser rand und band, mischt die dinge auf, bis sie funkeln), etwas liest zeichen (überall, es glaubt an keinen zufall), etwas ist völlig kühl (rational, skeptisch, besonnen), etwas schreit (es registriert die verrückheit von allem), etwas lacht (über das gleiche).

etwas denkt an marie.

etwas tut so, als wüsste es nicht, was hier los ist (es weiss ganz genau).

etwas ist zeuge von allem.

etwas sitzt da und lächelt.

es hört gar nicht mehr auf.

nennt es sich leben?

kriege ich das auf einen nenner und heisst der nun: ich?

beim betrachten einer skulptur

ich stelle mir vor, die skulptur spiegelt ein bild meines innersten, verborgensten, wo das tote wohnt, das unerlöste. manchmal habe ich den eindruck, dort wartet etwas in einer gruft, die ich ihm bereitet habe. auch wenn es nicht so aussieht, dieses gefolterte dasein, eingeschnürt, umwickelt, damit die schreie nicht zu laut werden und doch klingen sie an mein ohr, nachts, wenn ich hochfahre aus meinem unruhigen schlaf. habe ich noch zeit, wieder aufzuwecken die elementare befriedigung über das dasein, trotz allem oder gerade wegen dem gemischten, dem schmerzlichen lächeln bei allem, dem freudlosen lachen über unsere beginnen, die schönheit zu ruinieren. und wenn ich von schönheit rede, dann meine ich nicht die vereinigten ungerechtigkeiten der welt, die fehlende sensibilität für alles lebendige, die mangelnde einfühlung, die hohlheit der reden, das eitle paradieren der macht, denn sie ist nicht schön.

das muss schon lange so gehen, lese ich in dem bild, in einem raum nebenan, ganz nah und die wände sind nur in meiner einbildung. gibt es eine auferstehung für die unbändige sehnsucht, endlich ganz zu sein, geheilt von allen illusionen über mich, über uns und trotdzem ein lächeln, auch wenn es in den tod geht.

fast ertrage ich es nicht mehr, wie wir als teil dieser welt diese welt ansehen, als sei sie ein totes ding, mit dem man umgehen kann. das, was uns treibt, ist dieses unerlöste, das manchmal für einen bruchteil von zeit in die sichtbarkeit tritt und uns anruft.

mich anruft! die toten rotieren im grab, das sieht man, das hört man und wir mit unseren fantasien, wie die welt angeblich ist, versperren mit abgeflachten gedanken die tür, wir hören das wispern nicht mehr, die unruhe um uns herum, wir sind gefangene.  eingewickelt in unsere vorurteile, unsere annahmen, unsere glaubensartikel. ich kann es nicht mehr hören, wenn vom ende der religionen und glaubensssysteme geschrien wird, immer lauter, denn ich sehe sehr wohl, dass mein fundus an glaubenssätzen so gross ist, dass ich mich jeden tag hinsetzen muss, um zu fragen, ist es wahr, kannst du sicher sein, dass es absolut wahr ist und die gespenster weichen.

vielleicht, so hoffe ich, werden eines tages in der gruft meiner lebensfreude nur noch bandagen auf einem haufen liegen und ich höre einen wilden gesang, sehe einen verrückten tanz, denn das schlimmste an solchen gräbern ist, in ihnen ist die langeweile am werk, denn so wie wir nun die welt denken, breitet sich die langeweile aus in gewaltigen druckwellen, ein riesiges gähnen über allem, was angeblich zählt, und es riecht nicht nur nach grab und gruft, diese dehnt sich aus, nach links und nach rechts verlängert sich die reihe in die unendlichkeit.

etwas in mir ist schon aufgestanden und ein grab wenigstens ist leer, ich höre mich falsch singen in allen tonlagen, das leben ist auch schrill, wenn es aus dem grab steigt.

M. B.

gerede an der schreibblockade vorbei

der erste satz sagt mir, hier ist eine sackgasse. und schon stürme ich hinein. mauern und zäune schrecken mich nicht. ich errichte welche mit wörtern und reisse sie wieder ein. wenn der letzte satz nicht stimmt, fällt der ganze text.

wenn es kein gang ins noch nicht gewusste ist, lohnt sich kein einziger schritt, kein wort stimmt dann. meinetwegen füllt mein unbewusstes die leerstellen und ich verrate mich gerade dort, wo ich mich verberge.

und trotzdem fahnde ich nach meinem nächsten versteck. ich rede angeblich über mich, weil ich das wort „ich“ und „mein“ recht häufig einsetze. dabei ist gerade diese setzung höchst windig, in wirklichkeit geht die rede von empfindungen, von gesten, von bewegungen, die ich in der nähe registriere, das dazu gehörende ich ist meist nicht auf meinem schirm.

warum ich dieses belanglose herumreden aufschreibe? es ist neuerdings angesagt, die schreibblockade schreibend zu beschwören, bis sie sich kampflos ergibt. mein schreiben ist eine einzige kapitulation vor der indiskretion, ich plaudere aus dem nähkästchen, aber mehr noch von einem ort, an dem es gefühlsturbulenzen gibt, die sich durch wörter beruhigen lassen, zufällig scheine ich dieser ort selber zu sein, aber die unterscheidungen machen mir zu schaffen, denn der ort ist so gross, wie denken, fühlen und wahrnehmen überhaupt hinreichen, gar nicht zu reden vom ertasten der zugehörigen texturen, vom riechen und schmecken der weltanteile, die einverleibt werden.

Das bild im hintergrund: Edgar Kohn

schon beim hinschreiben des wortes körper gerate ich ins schleudern und noch mehr bei den attributen, die ich tagtäglich verwende so wie „mein“ in der formel „mein körper“ oder „seiner“ (über den ich nicht streiten will, ob er einen besitzer hat). mir scheint das immer mehr eine anmassung, vom körper zu reden wie von einer beliebigen akquisition. unter der rubrik „mein“ verstehe ich etwas anderes und das andere hat die eigenschaft, mich ins staunen zu versetzen. ich rechne damit auf diesem wege vielleicht doch noch ein ich zu werden.

die letzte frontier ist gewiss nicht draussen im raum, die letzte raumgrenze, die ich so selbstverständlich als besitzer für mich beanspruche, ist der körper und vom besitz daran reden wir besser später einmal.

weswegen, ich sage es meinen star treck bekannten wirklich sehr ungern, der weltraumeroberungstraum ist ein typischer wahn, weg von sich, immer weiter weg ins aussen und am nahen geheimnis vorbei, dem angeblich entzauberten, man stösst vor ins unendliche, stürmt ein unbekanntes am andern, das leben befindet sich irgendwo da draussen und hier beginnt es zu sterben.

habe ich das wort bewusstsein heute schon gebraucht?

… und verwische die spuren

rückfall in eine enge, die mir die luft nimmt, die pein des eingesperrtseins in sich, als hätte ich vorher durch vier augen die welt gesehen und mit vier armen umarmt, als sei nun etwas erloschen, als sei die dunkelheit gewachsen, als sei ein zugang verschlossen. die welt ist verarmt und geschrumpft, sie hat ihren namen verloren.

es schneit, es ist saukalt, der rosa blütenstrauch im garten erfriert, eisformationen an meinem dachausguck, da war einmal ein mensch, mit dem ich eine übereinstimmung erreicht hatte, so dass  in dieser beleuchtung alles klarer und deutlicher hervor trat. ein licht ging von da aus, darin mein sehen. vor allem sah ich, wie sie immer anders war, wie sie sich wandelte, so dass kein zweifel aufkam über die grundbeschaffenheit der dinge. was machte die welt interessant? wegen ihr waren sogar gänge im gewohnten interessant, selbst das übliche spannend. ich sage nicht, dass es nie schmerzte, die nähe tat es und die entfernung.  es kam vor, dass einer von uns sich weg begeben hatte vom andern und nun, angerufen, wieder näher kam. ich sag nicht, dass es einfach war, ich romantisiere nichts. unsere übereinstimmung war nicht ohne differenz, nicht ohne widerspruch, nicht ohne bemühung, es war ein kunstvoller bau. wir erfreuten uns am mehrfältigen, an differenz und ergänzung durch den anderen blick. die aufhellung der dinge, das hellere überaupt kam aus der anwesenheit des andern. zwei sehen mehr als einer, das erleben der wahrheit eines sonst leeren satzes.

nun ist die welt gedimmt, ein licht gelöscht, ich tappe heute morgen im dunkeln. da sitzen und nach wörtern suchen, die sie erreichen.  ich sehne mich nach einer vervollständigung,  die schon einmal war.

weniger gefühl für alles, kleiner demnach und selber verfinstert, ungesehen, unberührt, ungehört, weit weg vergessen. manchmal ist das, was war, ein traum.

manchmal entferne ich mich aus dem bild. manchmal bin ich an einem kalten fremden ort, manchmal erkenne ich weder mich noch die andern. wenn es fröhlich wird, gehe ich aus dem zimmer. ich mache türen hinter mir zu und verwische die spuren, wenn jemand mich finden soll, dann nur sie, wenn überhaupt jemand.

aus meiner verkleinerung schliesse ich darauf, wie es war. neubeginn: dankbarkeit hellt die welt auf und darin leuchtet sie.