die pause bei leo energy

„bitte legen sie nicht auf, die nächste freie leitung ist für sie reserviert; please hold the line, we will be with you in a moment.“

das geht so während fünf minuten, ich kann sehr geduldig sein.

was mich erwischt, nach der versicherung, dass gleich jemand mit mir reden wird,was er/sie natürlich nicht tut, ist die plötzliche unerwartete stille vor der nächsten ansage. und wieder und noch einmal und:

sie ist schwarz.

und ebenso unerwartet geht mir auf, in meine trauer um Marie z. mischt etwas anderes sich hinein, was nicht dorthin gehört.

im laufe der zeit trägt man dieses und jenes puzzle stück zusammen und irgendwann denkt man, das ist das bild, es ist komplett und das heisst erledigt, man hakt es ab.

mitnichten, nun stösst mir wieder auf, dass ich nicht ganz willkommen war und in dem zwiespalt bin ich gross geworden, ich brauchte eine wand im rücken, die sicherheit kam nicht aus mir.

IMG_0265

die grosse räumliche enge war keine nähe im gefühl. augen, die mich mustern: meine erste erinnerung und darin fehlt das angenommensein, ich spürte keine wärme.

und machte die dinge früh mit mir selber aus. woher die kraft kam ist mir ein grosses rätsel. ich nehme es als geschenk.

kindheit ist meist etwas gemischtes und meine keineswegs nur traurig und kühl, die andere hälfte war voll von tieren, gärten, hecken, wiesen und wald. der abhang zum fluss. die unvergessene freundin und unsre spiele.

und doch, um menschen klein zu kriegen von anfang an, hatte jemand die jenseitshölle erfunden, die einem kind die freude nahm: der reine terror, das feiste genuschel im beichtstuhl, küchenlatein, das urteil: verworfen und verdammt, die hölle ins diesseits verlegt, kindliche visionen von eis und feuer, ohne erbarmen.

vergessen kann ich das nicht. verzeihen? loslassen wenigstens. das bild aus dem achten canterbury tale zum trost/ wie der teufel pfaffen scheisst.

Marie’s tod hat mich durchlässig gemacht, wehrlos und offen und der schmerz des kindes  wirft mich nun um.

die süsse verlockung

zwar, der schnee ist schön, selbst die geräusche von unten kommen aus einem wattig weichen. kein hund bellt, keine stille, kein einsam tuckernder traktormotor in einem fernen schuppen, gedämpft, und keine weissen flächen am hang unberührt, stattdessen, salziger matsch, hektisches scharren schon am frühen morgen auf gehsteigen. das nimmer mehr ist eine leidige melodie.

wieso fällt mir das heute morgen ein:

abend mit goldrand, das war einmal,  die geschichte läuft auf ein enges ende zu, zuerst bevölkert sich die szene bunt, groteskes, lustiges, ja, ernstes passiert, dann aufbruch: entfernen sich die meisten aus dem bild, die szene leert sich, der abend:  für einen kurzen moment ein goldener rand und nun: arrêt sur image, kühle stille, das licht geht aus, cut.

so eine wirklich melancholische sache haben wenige schreibend hingekriegt, schwarze galle, ein verdüsterter  engel von messinstrumenten umgeben, die welt: entzaubert, sie ist nur … und doch leuchten die details auf wie eine sammlung schöner steine.

IMG_2745

 

morgens beim aufwachen überfällt mich die angst der alten, die nicht ist die angst vorm tod: krankheit, dahin siechen, der körper bricht quälend langsam auseinander. ich war dabei, ich habe es gesehn.

dann neige ich zu zwei extremen:

schlafen, einfach weiter schlafen, in die  bewusstloseste betäubung hinein, kein ich, nicht einmal mehr ein man.

oder auch:  flucht in die abstraktion / das jonglieren mit gedanken, die knackgeräusche im gehirn erzeugen / geht nur, wenn sie unzugänglich scheinen / ich spüre schon die erniedrigung des verständnislosen /  verstehs nur halb  /  dreiviertel manchmal / nun kommt die unnützeste hoffnung auf: denn dreiviertel verständnis ist gar keins / knapp daneben ist auch vorbei.

halte ich diesen drang nach unten oder nach oben in der schwebe, im dazwischen beginne ich zu existieren.

wenn ich auf eine dieser weisen nicht da war, dann pflegte Marie z. mich eigenartig anzusehn, das war des Guten fast schon genug,  fragte sie gar noch / was ist mit dir, du wirkst verreist / so war ich festgenagelt und rückte heraus mit meinem anfall von altersmelancholie. sie rückte mich zurecht.

und ich sie (seltener).

die krankheit ist keine tödliche am anfang, alles geht seinen gewohnten gang, man ist guter hoffnung, auch diese hürde ist in der reichweite der möglichkeiten, bis sich nach und nach heraus stellt, das ist nicht der fall: nun geht es den hang hinunter, unaufhaltsam, manchmal scheint es nicht so schlimm zu sein, dann aber wird der tod zur süssen verlockung.  ich vergesse nicht den morgen, an dem sie mir genau diese worte sagte, der tod ist eine süsse verlockung.

 

 

 

zum ersten mal seit langem

egal wie die geschichte ausgeht, sie wird erzählt, vielleicht hört sie in der mitte auf.

sie erzählt sich selber wie ein traum, sie ist ein traum, die traumbilder identifiziere ich als meine, ich bin zeuge, wer ist der träumer.

es gibt darin nicht nur traum bilder, die bilder könnten auch gefühlsformationen sein, die in farbe, form und ton variieren. vielleicht gibt es einen grundton. leitmotivisch. repetitiv, ohne langweilig zu werden, eben mit leichten variationen, als würde jemand immer wieder in den vordergrund treten, kraftvoll, ja, fordernd, die forderungen ähneln sich bei jedem hervortreten, wieder zurücktreten oder zeitweise verschwinden und dann wieder da sein, eine bitte äussern, eine fordernde bitte, kurz bevor sie zur unverschämten forderung wird, und sich also an einen adressaten wenden, der aber nur als gefühlspräsenz da ist, ohne körperliche umrisse, wie auch der hervortretende, sich wiederholende nicht körperlich ist,  die gefühlte anwesenheit aber eindeutig ein WER ist, eine identität, wenn auch eine nicht fest umrissene und an SIE erinnert. sofort an SIE erinnert oder sogar SIE selber ist, aber keiner sagt das, der zeuge stellt es bloss fest, vielmehr spürt er es und  merkt zugleich sehr schnell, fast sofort, aber mit einem kleinen zeitlichen abstand, der hevortretende bin ich selber:

was erstaunlich ist, denn er war inzwischen doch nichts als eine schlappe abwesenheit, so hat er sich erlebt, halb durchsichtig schon, sich aus dem bild entfernend und sein eigener zuschauer dabei.

 

a

 

so empfindet es der zeuge, während er sich fragt, an diesem samstagmorgen, kurz vor dem aufwachen oder schon mitten drin, wann er denn endlich die augen öffnen würde, denn es schien ihm doch, als sei es schon tag und nicht mehr früher morgen.

aber die erfahrung mitten im aufwachen oder noch kurz davor und dann kurz danach war so kräftig, so belebend, so plastisch und farbenprächtig, so real, realer, schien ihm, als wenn er die umgebung beim augenöffnen wahr nehmen würde, zuerst den hellen lichtschein durch die dachfenster, dann langsam aus dem licht hervortretend die dachbalken, die sessel und farbtupfer des tisches und die blaue bettdecke:

der körper fühlte sich beim augenaufschlagen dann leichter an als sonst und doch kraftvoller, energetisiert, dachte er, und der himmel war quadratisch blau, zum trost, denn gegen den halbtraum, den aufwach- und tagtraum sodann kam die umgebung nicht an und er wünschte, bevor er zu  seinem erstaunen die bettdecke umschlug, die beine aus dem bett schwang und sich gleichzeitig aufrichtete in einer kühnen drehung, die ihn nun regelrecht verblüffte, er wünschte sich während all dieser bewegungen, bei denen er mehr zeuge als ausführender war, er hätte die augen nicht geöffnet, noch nicht auf jeden fall.

hatte SIE in seinen halbbildern und gefühlsfarbflecken und in dem seltsamen vor- und zurücktreten des kräftigen forderns geträumt?

jedenfalls der schub aus dem tagtraum und aufwachen beförderte ihn in einem einzigen schwung vor die tür zum zeitungholen und zurück zum café bereiten und dann hob er schon die tasse zum mund, zog kurz darauf die schuhe an, kaum dass er die kellerstufen hinter sich hatte, und in den mantel, den schal um den hals geschlungen und auf die strasse hinaus und hinunter dem lokal zu und dann sass er schon vor einem expresso und öffnete den mund zur begrüssung und die frau, die mit ihm hatte reden wollen, stellte befriedigt fest, er sehe heute schon viel besser aus, und er nickte und fügte nicht hinzu, dass die neue resolutheit erst vom aufwachen herstammte und er musste lächeln und freute sich über die angenehme gesellschaft. zum ersten mal seit langem.

ich halte die frage offen

was ich nicht brauche ist mitleid oder bedauern oder auch noch die sorgenvollen bedenklichen blicke. ich sage nicht, dass gut gemeinte ratschläge am schlimmsten sind. am besten man bedauert mich gar nicht. wozu auch.

gerade mache ich eine neue erfahrung. die man nicht von sich aus aufsuchen würde. aber das macht sie nicht weniger kostbar. kostbar meint nicht angenehm. angenehm ist eine kategorie der wellness zivilisation, erfahrungen wie meine werden mit gefühlsdämpfern behandelt. der neue homo festivus festivus mag unangenehme gefühle nicht. double plus ungood.

es gibt trauer, verlust, abwesenheit, tod, leere. es sind, wie gesagt, keine angenehmen gefühlsorte, die man freiwillig aufsucht. niemand hat mich gefragt, ob ich dorthin will. es gibt keine beschwerdestelle für unerwünschte erfahrungen.

ich fühle mich nicht als opfer ungerechter umstände. inzwischen hat sich doch wohl herum sprechen müssen, dass das fest ein ende hat, das nennt sich tod.

IMG_2725

 

warum ich das erzähle? mir hat eine liebe bekannte angeraten, mich therapieren zu lassen. wenigstens aber mich auf die brightside zu besinnen, meine enkelkinder zum beispiel, das leben gehe weiter, hat sie gemeint.

meine enkelkinder vermissen ihre oma, ich vermisse meine frau. was ist daran zu therapieren? sie fehlt an allen ecken und enden, ihr rat, ihr lachen, ihre resolute art, überhaupt ihre ganze anwesenheit. gibt es dagegen medikamente?

Kostbar habe ich die erfahrung genannt. der tod macht die dinge kostbar. wie kostbar sie waren, wird erst jetzt deutlich. wie kostbar sie sind ebenfalls.

der schmerz zerschlägt dir dein altes leben. es scheint mir sinnlos die scherben zusammen zu kitten.

was bin ich allein, ohne sie. ich habe keine ahnung. die erfahrung wird es zeigen, so oder so, dessen bin ich gewiss.

oft genug habe ich erlebt, dass der tod nichts geändert hat. das nichts hat sich aufgetan für einen moment, alles schien jetzt möglich, eine veränderung, eine besinnung, wenigstens eine frage. zum beispiel, ob alles wirklich so gut war, wie man immer vorgegeben hat.

schnell ging man zur tagesordnung über.

das aber habe ich gar nicht vor.

vieles würde sich ändern müssen, haben wir beide gesagt, so wie bisher würden wir nicht weiter leben können. uns war klar, Marie z.s krankheit hatte uns in eine ganz andere richtung gedreht. wir hatten dinge vernachlässigt, andere ganz liegen lassen, es gab noch vorstellungen, die ins dasein drängten. wir spürten es beide und waren gespannt und voller neugierde. damals glaubten wir noch an heilung.

nach ihrem tod gilt das noch immer, nun allerdings für mich allein. ich halte die frage offen, was bin ich allein.

 

 

 

 

 

in der nacht hab ich im traum nach Marie z. gesucht

in der nacht hab ich im traum nach Marie z. gesucht und traf auf gedanken, die so dicht, so grau und viereckig spitz  waren, wie die unter fassaden versteckten wohnkästen nebenan im neubaugebiet. sie waren starre wände, die undurchdringlich schienen, obschon aus leichtem stoff gewebt. dann endlich hab ich sie durchstossen, als ich merkte, das starre war in mir, und marie z. nun gar nicht weit, so schien es mir.

jede nacht suche ich nach ihr. die zeit heilt nichts. sie ist nur eine von den starren vorstellungen, denen ich in meinen träumen als hässlichen hindernissen begegne, immer vorwärts und weg von dem wunden punkt. das heisst aber nirgendwohin.

noch immer weiss ich nicht, was ich reden soll, selbst wenn ich sehr bekannt bin mit den leuten. alles, was mir an worten aus dem munde kommt, berührt die dinge nicht einmal von weitem.

und was sich in mir bewegt, sucht nicht nach worten. es ist  jenseits jeder sprache, proteisch multiform.

IMG_1906

 

ein guter bekannter, der zwischen bäumen am wasser mit seinen hunden lebt, berichtete jüngst, sein dasein wandle sich langsam aber bestimmt zu einer art einsiedlertum, die  gesellschaft von menschen suche er nicht auf und wenn sie sich ergebe, so werde er freundlich.

ich habe es nicht aufgegeben, die vertrautheit, das wortlose sich verstehn, die komplizität des geheimbunds, die mich mit marie z. verband, noch einmal irgendwo zu finden. und verzweifle zugleich daran.

am liebsten verkehre ich mit den sogenannten toten geistern, mit deren werk ich rede und es spricht mit mir.

nicht, dass die leute nicht nett und freundlich wären, aber ich habe es verpasst, auch nur annäherndes wie mit Marie z. mit andern zu kultivieren, so dass es jetzt lebendig wirken könnte und mich von meinem mit marie z. über ihren tod hinaus andauernden gespräch, das keines ist, das ohne worte auskommt und doch so reich ist, dass die morgenzeitung dagegen ein mehr als lächerlicher toter lappen ist, losreissen könnte.

ich habe das gewusst, als Marie z. noch lebte. ich hab es ihr auch gesagt und sie hat  gemerkt, dass ich ein gefährliches spiel begonnen hatte. meine beziehung mit ihr  war exclusiv. ich konnte nicht anders. das, was zwischen uns hin und her ging, wurde zum masstab für jede menschliche beziehung. und: ein ende war nicht vorgesehen.

damit habe ich nun zu leben. immerhin schaffe ich es schon, wenigstens freundlich zu sein und die leute ausreden zu lassen, denen ich begegne, auch wenn meine ungeduld wächst, denn überall suche ich  nach Marie z.

ich gehe ein und aus in parallelen welten und bin in der andern mehr zuhause.

 

gehen, wald, stadt: für marie z.

heute schlage ich kapital aus meiner unlust. wörter kommen gegen das gehen im wald gar nicht an. autos sind im vergleich mit bäumen hässlich. joggen und hunde ausführen, alle zehn schritte ein halt, weil die welt aus gerüchen besteht, ist keine alternative; stattdessen gehen. unmassgebliche gedanken. hauptsächlich stille.

das unaufhörliche autobahnrauschen erinnert mich: ich fahre nicht mehr auto. ich gehe.

am liebsten gehe ich durch den wald. wenn jemand kommt, werde ich unsichtbar.

im wald werde ich nicht gerne gestört. natürlich sage ich freundlich guten tag. ich möchte nicht auffallen; wenn ich kein mensch wäre, wär ich am liebsten ein baum. einer, aus dem man einen schönen tisch machen kann. vorher aber wird er sehr alt.

ja länger ich gehe, desto weniger denke ich. das ist äusserst angenehm.

als es anfängt zu nieseln, freue ich mich.

ich gehe am liebsten durch wasserpfützen, wenn niemand zuschaut. der jogger, der vorbei zieht, keucht. als er vorbei ist, hängt leichter schweissgeruch in der luft. die frau mit dem grossen hund, der am wegrand zu tun hat, lächelt mir zu.

der sturm hat einen morschen baum umgeworfen.

plötzlich taucht die frage auf, was ich hier noch mache, ich meine so im allgemeinen.

die antwort ist etwas undeutlich, aber sie hat mit dem wald zu tun.

irgendwann ist klar, ich gehe zu fuss nach hause.

die stadt ist noch weit weg, aber ich erschrecke ein wenig. willst du da wirklich hin?

ganz geheuer ist mir das nicht.

 

IMG_1297

 

am bahnübergang denke ich an den zen mönch, der mit einer hand den schnellzug nach tokyo aufhalten sollte.

dann bin ich zwischen den häusern und stelle fest, ich habe angefangen zu pfeifen, nicht laut, mehr ein zischen zwischen den zähnen hindurch.

ich fühle eine unbestimmte beklemmung, ein knäuel von vager unruhe, sorge, unlust und flackernder freude, aus, an, aus, an und merke, ich gehe schneller.

wenig leute unterwegs, an baustellen sind es mehr, feierabendgesichter, dann nehmen die autos zu.

ist das, was ich nun empfinde, der beginn einer regelrechten autoaversion? am fussgängerübergang ist die ampel auf rot, ich werde ungeduldig und starre das erste auto böse an.

dann bin ich schon in den stilleren nebenstrassen.

die alten häuser, die bröckeln, haben meine ganze sympathie.

eine junge frau mit kinderwagen schaut mich ernst an, als ich grüsse. sie grüsst nicht zurück.

als ich den kirchenvorhof überquere, denke ich an mein schlechtes gewissen beim autofahren. am liebsten bin ich autobahn gefahren. und bergstrassen.

das ist nun vorbei.

ich habe kein mitleid mit mir.

ich gehe sowieso lieber.

 

 

 

 

sonntagmorgenblues

schon beim aufwachen war mir klar, das ist ein tag, die decke übern kopf zu ziehen und sich tot zu stellen, allerhöchstens noch bach, sonate für flöte und cembalo, und kein blick nach draussen, die rabenkrähen schlafen noch und ein einsames auto fährt durch meinen sonntagmorgenblues.

ich meditiere die abgrundtiefe leere, das grauverhangene nebelloch, in dem ich wohne. an einem solchen tag warte ich vergebens auf marie z., die kaum erwacht noch mit geschlossenen augen sich umdreht auf die andere seite und sagt, mit einer traum stimme noch, die ihren wunsch in meinen willen verwandelt / machst du uns einen café, das ist lieb von dir / und ich wär schon dabei zu hantieren mit dem gerät, zu schrauben, wasser einzufüllen und dann, der erste duft des braunen gebräus, der erste schluck und ihre stimme dabei / bringst du mir eine tasse ans bett / und diesmal ist ihr wunsch befehl.

selbst café trinken wird so zur intimen commemoration, allerdings eine, die  fragt und nicht zu fragen aufhört, wenn heute die freiheit bedroht ist, dann ganz gewiss nicht in der vergangenen art und weise, weshalb das freie denken, denken überhaupt, das keine einzäunung respektiert, und der freie ausblick allein rettend sind.

DSC03769
foto: marie z.

 

das bloss private war nie wirklich marie z.s ding, das private lief immer ohne übergang ins öffentliche hinein, wir kamen vom hundersten ins tausendste und sparten die ohnmacht nicht aus, die einen überkommt, wenn man am sonntagmorgen zu früh in die gazetten schaut / die eliten scharen sich in davos um wen?  / sind das eliten?  / ich meine, das wort ist hier fehl am platz /  der König ist nackt, das ists und alle tun, als trüge er die schönsten kleider / wir aber tanzen auf dem vulkan.

ich höre sonntagmorgens marie z. reden, rede und antwort, kein schlagabtausch von argumenten, ein umkreisen der facetten und wir waren seit je überzeugt, jede weltsache (und was ist keine) hat mindestens zwölf davon.

mit marie z. gings nie ums  rechthabenwollen, das war schnell vorbei,  partei verkündete kein programm, uns ging es um die wahrheit und den irrtum  und was zu tun ist in diesen doch gequälten zeiten.

und in der letzten zeit waren wir bemüht, die welt um ins herum ins bessere zu denken wenigstens.

wir schlugen uns den weg durch das gestrüpp der Grossen Verdrehung von begriffen und wörtern in ihr gegenteil, die andauert / „der schooss ist fruchtbar noch“ / und erinnerten uns, wie der park dran war, der frische, grüne voller bäume und ein schlendern, ein innehalten und eingedenken:  autopark hiess es nun, industriepark und atompark,, und   eine von den übelsten verhunzungen war das wort reform. Wird es genannt, so zucke ich entsetzt zusammen.

wir dachten also die dinge ins rechte zurück und vorwärts und in dem vorwärts war der mensch noch herr seiner schöpfungen.

und dieses vorwärts denken mit ihr und mir und uns, das fehlt mir nun, nicht nur am sonntagmorgen.

auf ein wort

niemand zwingt dich zu einer einmischung, sage ich mir, keiner wartet auf deine meinung. und muss das sein, es ist ein minenfeld, mein lieber, und das politisch correcte liegt dir sowieso nicht.

andererseits,  so sage ich mir, die debatte ist nun einmal richtig zu uns herüber geschwappt und ich gebe es gerne zu, ich nehme das mit grosser befriedigung zur kenntnis.

das breitbeinige beim ausbreiten der eigenen meinung, das überlegene beiseite wischen des andern als person durch die entsprechenden attribute / das sind ja nur… / und das wort feministin  ausgespuckt wie unverdauliches gewöll, das dröhnende lachen, das den ganzen raum für sich besetzt, die verächtliche bemerkung von fussnotenlänge, wenn eine frau es wagte, ihre texte zu publizieren, während das eigene gedicht verschämt in der lade blieb, der herrenwitz assortiert mit dem gewissen griff in den schritt, der zug um mund und augen und der ausgestreckte arm, hier kommt die macht und lässt die puppen tanzen, kurzum die ganze aufdringlich inszenierte männlichkeit, war mir seit je nicht nur zuwider, weil sie so selbstverständlich daher kam, so ungeniert.

 

IMG_2666 copy
Enki Bilal: Bug, livre 1

es lag daran, weil in dem ganzen lärm der zweifel sich regte, denn wer sich seiner sache sicher ist, der braucht weder gedröhn noch übertreibung.

es lag auch an dem folgenden: der siegesgewisse umgang mit frauen, das gesamte eroberungsvokabular / frauen wie burgen und das steht mir zu: unwiderstehlich bin ich sowieso  /  war nicht  raffiniert, nicht elegant:  das ungehobelte gab sich als verführung aus / man machte ihr den hof und nahm sich was heraus.

inzwischen lass ich mich belehren, der raffinierte übergriff und missbrauch ist auch nicht besser, falls es ihn gibt.

vor allem aber:  die intelligenz, die ganze welten zu beherrschen glaubte, schaute nicht auf sich und übersah sehr gern die schäbigkeit des nicht hinterfragten.

wer nicht so war wie sie, die wahren männer, auf dem trampelte man herum. auch das verstand sich von selber. machte die witze, die  dem andern die berechtigung absprachen, nicht so zu sein wie sie, und zog jemand gar die gesellschaft der frauen vor, dann war er bestenfalls ein muhmentröster und weibisch sowieso.

was wunder, wenn in der schule dann in dem gewissen alter, wo man sich seine identität zusammen sucht, die unwahren männer, die transgender,  schwulen, queers und alle interessanteren varianten des menschseins, das verlachte jenseits ausmachten, das ein wahrer mann bei strafe nicht zu betreten hat.

wenn mir zu allem überfluss der gros dégueulasse von Reiser einfällt, so liegt das einzig am festival de la bande dessinée von Angoulême.

ehrlich, ich habe unter dem diktat des wahren mannes gelitten wie die sau. ich habe das getue totlächerlich gefunden und innen drin hat alles sich dagegen gesperrt. und wenn ich es nachzumachen versuchte, hat es sich falsch angefühlt. was mobbing ist, hab ich gelernt, als es den begriff noch gar nicht gab.

als ich Marie z. kennen lernte, kam ich nachhause.