tango mit marie

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schon lange jahre,  inzwischen ein dutzend, schreibe ich einleitungen zu geschichten und darüber hinaus geht es nie, die geschichten werden nicht erzählt, die einleitungen gelöscht (einige habe ich aufbewahrt) und ich beginne von neuem.

anfangs dachte ich, es liegt daran, dass ich mich schnell langweile und die lust verliere, es liegt daran in wirklichkeit und ehrlich, ich erfinde nichts, dass das leben mich ablenkt, mit einer kräftigen dosis von diesem und von jenem, von allem ganz offen gesagt, ich mache fast keine unterschiede mehr, was mich leidenschaftlich beschäftigt, beschissen fühle ich mich oder sehr glücklich.

jüngst habe ich mich wieder an einer einleitung versucht, immerhin so zehn zwanzig a4 dinger aufeinmalund ich musste mich mehrmals widerrufen, am dritten tag sank das interesse unter null und einige tage später begann ich von neuem, die ultimative einleitung für eine geschichte, die es noch nicht gibt.

nicht geben kann, weil die umstände so bemerkenswert chaotisch und daneben sind? nein, weil ich keine ausdauer habe?

marie zuliebe habe ich mehrere geschichten zu ende geschrieben, so hundert bis zweihundert  seiten und mehr, sie fand die sachen mau und zusammengestrichen wurden sie auch nicht besser. die ruinen sind im archiv virtuell aufgehoben, ich finde das schön, ein druck auf eine taste und weg sind sie, im orkus verschwunden.

woran lag es? die eine war zu sehr vergangenheit, eine alte geschichte, aufgewärmt und nur halb verdaut, eigentlich unappetitlich, die zweite zuviele geschichten aufeinmal, so dass einem übel wird, wie nach zuviel dessert, aber bittersüss, das mag auch nicht jeder, marie jedenfalls hat gestrichen und ich sah mein werk schwinden und ohne substanz.

regelrecht verfolgt werde ich von der folgenden idee, die angeblich aufgeschrieben werden will: ein haus, gross, viele zimmer, jedes anders und überraschend und darin zwei leute zuerst, dann drei, dann mehrere, die zimmer füllen sich langsam, noch am anfang nomadisieren die bewohner im haus, mal hier mal da, männer und frauen, nein, wesen aller art, aber menschen, eine katze  noch, weil die niemand gehorcht und angehört, nur sich selbst, und ein garten wie im kloster, ein asyl vor dem ansturm der welt (nachts reisst das haus sich vom boden los und segelt davon) und nun die komplexen figuren, die sich ergeben, tango natürlich und keineswegs festgelegt, sehr beweglich und morgen  wieder ganz anders, aber diese fürchterliche sehnsucht nach einer art heil, aber frag mich keiner, was das heisst, ein sog, eine anziehung über alles hinaus und eine freude, aber das „trotz allem“ auch darin. wohin so ein haus segelt, weiss nun keiner mehr.

ich wollte diese geschichte erzählen, bis mir klar wurde, es ist mein leben mit marie und die personen, das sind wir beide, unsere spiele, unsere verkleidungen, unsere maskeraden über die jahre,  unsere vielen gesichter, eine multitude und einige davon liefern sich gefechte und andere fallen sich in die arme und… ich werde nichts offenbaren von all den andern, denn nun ist das haus  fort, am horizont untergetaucht in eine parallele welt,  nachts geistere ich darin mit marie,  es ist verschwunden  und auch wieder nicht, oft denke ich, es war nicht, es ist jetzt, jedenfalls bin ich übrig  und marie sagt, so viele  leute bist du, möglicherweise alle, die dir jemals über den weg gelaufen sind und noch laufen, ich jedenfalls und alle, die du freundlich angeschaut hast.

wir haben nicht genug tango getanzt, sage ich, einfach nur, weil ich zu perfektionistisch war, und trotzdem, improvisation hat auch  einiges für sich. jedenfalls, fragte man mich, wie es war, sags in einem wort, dann würde ich antworten: tango.

und das haus?? in meinen träumen suche ich es, werde ich es finden, manchmal eile ich von zimmer zu zimmer und eben war sie noch da, ein hauch in der luft, ein parfüm, eine farbe, eine bewegung ihrer hand, unsichtbar nun und sie: schon weiter, viel weiter.

schreibs auf, sage ich mir am morgen, schreibs auf und ich beginne von neuem, die einleitung zu einer geschichte, die geschichte von einem haus und leuten in jedem zimmer und immer andere und stimmen, manchmal laut, manchmal leise, ein kichern, ein lachen, sie reden gerade von einem ganzen leben in einer ganzen welt, aber das ist wieder eine andere geschichte und dies nur eine einleitung dazu.

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vom schenken

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bei der frage, was wäre ein adäquates weihnachtsgeschenk (oder geschäft,  ist das nicht das gleiche, liebesersatz, daumenlutschen des festivus festivus und weihnachten, was ist das) komme ich auf … roboter, er geht, ja, er springt, tanzt tango (die grundschritte) und sagt dazu, echt robotisch: fuck humanity (in mehreren sprachen, russisch, amerikanisch und mandarin, neuerdings auch französisch).

abgebrüht bin ich nicht, leide eher an sentimentalem gefühlsüberschwang, aber keineswegs himmelhoch jauchzend zu tode betrübt. ich weiss nicht, was mich am montagmorgen gepackt hat, dabei regnet es doch und also die schöpfung (in meinen augen) wieder einmal rundum gelungen (an solchen tagen bin ich ein gläubiger mensch und lausche den regengebeten, sanftes beginnen und steigerung, allmählich, zum trommeln und orgeln auf dem dach und meine andacht, meine meditation, im sommer dachte ich einen augenblick lang, und wenn es der letzte wär).

ich bin diffus aufgebracht, vorweihnachtlich sozusagen.

die verwandlung der welt in eine commodity ist nicht schön, aber real, und selbst die liebe, die liebe, sie ist eine himmelsmacht, ist am wanken, ich gebe dir, du gibst mir und wehe die balance ist gestört, die blosse vorstellung, man liebt und kriegt nichts zurück, ich meine, man fragt nicht danach, läuft in einem anderen modus, kein geschäft auf gegenseitigkeit, kein kantsches zum gegenseitigen gebrauch der geschlechtswerkzeuge (ein haupteinwand gegen kantsche filosofie), nur ein geben und kein gedanke an einen retour. ich meine, die erfahrung zeigt, es gibt einen, aber nur, wenn man nicht hinterher jagt wie eine verlorene seele.

geschenke habe ich besorgt, manchmal war es wie eine messe, die freundlichen sätze, „hier haben wir noch“, und „das modell ist sehr schön“,  feierlich die griffe in regale und an kleiderständern genestelt,  der kritische seitenblick auch: ist es wirklich ein reuiger käufersünder oder nur ein“ich überleg’s mir noch“, endlich dann der klimax an der kasse, der preis wird genannt, die karte gezückt, es ertönt der heilige stillschweigende gesang des passcode, sesam öffne dich an den virtuellen kassen, der austausch der zettel, „wollen sie…“, „brauchen sie den beleg…“.

(der regen  inzwischen gesteigert zur symphonie (ich muss das erwähnen), ein deutliches orgeln darunter, anhaltend, anhaltend, das reine glück)

die überreichung der einkaufstüte sodann, das lächeln und „einen schönen tag noch“ und „kommen sie bald wieder“ (dies unausgesprochen natürlich).

mich erinnert das, entschuldigung, an das hin und her vor dem altar, die gesten und beugungen und der höhepunkt, die wandlung von geld in ware und umgekehrt, die heilige transubstantiation des sich verwertenden kapitals, der gott tritt in erscheinung und vor der tür schon die zweifel, die fragen. meine enkelinnen zögern keinen augenblick, die stirne zu runzeln, fassungslos in tränen auszubrechen, denn der schenkende hat völlig daneben gegriffen. man rät richtig, wenn man sagt, marie fehlt dem, sie hatte den treffenden geschmack, den praktischen sinn, wusste dies und das, ich dagegen bin nur ein geschenkeignorant und ich glaube nicht an weihnachten, ich weiss schon, der funke in der finsternis, aber das ist noch was ganz anderes (meine frühe kindheit kannte noch keine strassenbeleuchtung, aber richtige nacht und dämmerung und sterne und funkeln am himmel und die schrecknisse der finsternis und das gruseln um den friedhof in der mitte des dorfs (von einem der auszog) und die freude am (sie lesen richtig, kein versprecher bitte sehr) heiligen licht und der weihnachtsbaum brennt, mein vater hatte ihn im walde mitgehn lassen und es fragte keiner danach).

von nostalgie, gar weihnachtlicher, nicht die spur, nur die hoffnung oder besser der gedanke, nachdem wir die regale leer geräumt haben, ich meine die welt, kommt vielleicht wie aus dem nichts, aus dem nichts also, die besinnung, dass es etwas gibt, das zählt, aber seelisch, gedanklich und körperlich, richtiges sinnliches in der welt sein als gefühl für die welt und verantwortung statt warenausweichmanöver und schiefe umschichtungen in seelenhaushalten.

einfach: zählt vielleicht  sowas wie: zusammen sitzen und reden, erzählen (das auch) und lachen  (meins und das deine (das ich vermisse, aber im regen noch ahnen kann): das  geschenk an und für sich  und geschenke überhaupt: der anblick von freude auf dem gesicht des beschenkten.

eine woche vor weihnachten letzten jahrs ist marie gestorben.

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von einem anderen planeten, eine lesung mit Maryse Krier

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dann wollte marie nicht mehr hin, sie las tod in den augen und erschreckten gesichtern der andern, sie selber im rollstuhl und ich schob, sie sah den tod, den die andern an ihr sahen und der arbeitete sich vor, unaufhaltsam.

wenn man es einmal gesehn hat, kann man die augen der menschen in der onkologie nicht vergessen, sie suchen in den deinen einen halt, denn sie rutschen ab und du kannst ihnen keinen geben, aber hinschauen kannst du, ohne die augen abzuwenden.

marie wurde es schliesslich zuviel, sie wollte keine todes- und totenschau mehr, und die nebenwirkungen machten alles nur noch unerträglicher.

man versteht schon, warum die krankenhäuser so riesig geworden sind, eine kosten- und effizienzfrage, aber der preis ist eine konzentration von leid, leiden und schwere, eine düstere schwere, sie lastet über allem und alle handhabungen sind helfend und zugleich distant. das ist kein vorwurf, nur eine erfahrung, meistens sind die handhabungen kompetent, ohne zweifel, aber mit deiner krankheit, deinem leiden bist du allein in diesem raumschiff des leidens.

marie hat sich dann auch geweigert, es war noch etwas drauf auf dem, was schon reichte für sich.

wir lebten bis zu maries tod auf einem andern planeten, lichtjahre weg vom planeten der gesunden. es hatte nur eines kleinen rucks bedurft,  der hiess diagnose. der effekt war instant und brutal, unsere gedanken und gefühle liefen nun in ganz anderen bahnen, die neue welt ähnelte der alten in allem äusseren, das innere jedoch war so verschieden, dass es ans unbeschreibliche, nicht mitteilbare grenzt.

warum ich das schreibe?

gestern abend las  Maryse Krier aus ihrem roman „die verbleibende zeit“ und Anaïs Lorentz spielte saxophon (seit Stan Getz mein lieblingsinstrument, ich bin hingerissen nach den ersten drei tönen und spüre wie ich anfange zu wippen, es beginnt im fussgelenk und steigt aufwärts, unwiderstehlich).

zu meiner verblüffung stellte ich fest (ich habe den roman vorher nur vom klappentext gekannt, ich hätte ihn gar nicht lesen können, rein körperlich hätte sich alles dagegen gesperrt), dass ich ein zynisches verhältnis zu krankheit entwickelt habe, aus selbstschutz natürlich, und obwohl Maryse Kriers einführung in ihr buch bei mir den eindruck wachrief, es handle sich um leben, um realistischen bericht, zuerst jedenfalls, stellte sich wegen ihrer guten stimme, ihrer festigkeit und ihrer ganzen art (eine angenehm pädagogische, die mich anfangs erstaunt, je mehr die lesung fortschreitet jedoch ihren platz und sinn gewinnt) eine gewisse distanz ein, ich konnte mir sagen, es ist eine geschichte, eine realistische, aber doch eine erfindung.

natürlich sah ich auch mich, aber in einer sicheren entfernung, ich hatte schon mit dem gedanken gespielt, obwohl ich mich angemeldet hatte, ich geh doch lieber nicht hin, was ist, wenn ich die fassung verliere, das thema ist mir zu nah, wird mir auf den leib rücken und ich kann mich nicht wehren.

die diagnose wirft die menschen um die hauptfigur rücksichtslos in eine andere realität, die ärzte verkaufen hoffnung und man traut ihr nicht ganz, man ist nicht mehr in der welt der gesunden, lebenden, man lebt auf abruf nun (aber tut man das nicht immer), man leistet widerstand (er ist zwecklos), man verzweifelt (aber das ändert auch nichts), man fährt alle geschütze auf, die man hat (tut mir leid diese kriegsmetapher, aber krankheit entfesselt kriege, oft sind sie verloren, bevor sie begonnen haben), man bekommt angst, man fleht, man betet (ich habe damals das beten wieder gelernt, man braucht dazu keinen gott,  man verhandelt mit einer unbekannten kraft, wie wäre es mit meinem leben gegen ihres, aber sie, marie, fand, das sei keine alternative), dann findet man sich ab (vorher gibt es noch einige kurzschlüsse), nun ändert man sein leben.

ich sah plötzlich marie, allein, sie redet nicht, sie ruft mich nur wegen einer handhabung, einer medizin, dem licht oder wegen einem glas wasser, einer frucht, sie schweigt, ich berühre sie sanft und gehe, nun meinerseits allein im ungewissen und je schwächer und schmaler sie wird in der gewissheit, sie wird gehn und dann … und jedes mal, wenn ich in die erinnerung abzudriftete, kam die musik, die kräftigen töne de saxophons und ich atmete wieder tiefer und der impuls schnell den raum zu verlassen ging weg und ich hörte weiter zu.

Maryse Krier hat es schon genau getroffen, wie sie das gemacht hat, weiss ich nicht, vielleicht habe ich dazu, wie gesagt, ihre stimme gebraucht und die musik der Anaïs Lorentz. zuerst verengt sich der raum, er heisst krankheit und krankenhaus und arztbesuch und die welt verschwindet im schmerz und er drückt dir den hals ab und langsam, langsam taucht etwas anderes auf, vielleicht dank der musik, sie geht durch den text des romans und die lesung … dies ist keine rezension, um himmelswillen … und versöhnt, wie weiss ich auch nicht, vielleicht weil die worte rund herum gesetzt und die töne, selbst die imaginierten, wie ein trost sind, ein eingebildeter nur, ich weiss es wirklich nicht, aber als ich ging, fühlte ich mich nicht mehr so wund.

darf man das von einer lesung und einem buch sagen? ich habe keine ahnung.

ich konnte von meinem zynismus lassen, weil das buch so fein und einfühlsam ist, es redet von krankheit und hoffnung und tod und einem anderen leben, das vergessen wir so schnell, ein intensiveres, schmerzlichschönes, darin zeigen die menschen ihr gesicht.  das finde ich mutig im zeitalter des amüsements, durch das ich mich auf dem nachhauseweg schiebe, ein gewoge von menschen und ein stimmengewirr auf einem novemberweihnachtsmarkt, ein gedudel und geplärre und der geruch von glühwein und kartoffelpufferfett  und ich bin von einem andern planeten hier gelandet.

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sinn als person und aufstehn am morgen, wie auch immer

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aufwachen ist wie rückkehr, ich durchschreite eine bildergalerie, stadien meinetwegen, vorstellungen auch, bis ich zu der vorstellung sinn komme, zu dem, was fehlt, und dann brauche ich eine weile; wenn ich mich nicht darauf einlasse, verzögert sich das aufstehen beträchlich, gehe ich jedoch in die abwesenheit von sinn hinein, kräftig genug, schlage ich die decke um, setze die füsse auf den boden und stehe, entschlossen, und daraus folgt dann alles weitere bis zum café bereiten, aber der sinn ist nicht da und aus diesem nicht-sinn speist sich mein tag.

Sinn, so habe ich lange gedacht, ist dies und das, was sich eben so ergibt und ich fûr bedeutend genug finde als motor für meine tage. nun weiss ich sinn ist eine person, eine und eine ist nicht mehr da, nicht so jedenfalls wie personen da sind. und deshalb gerate ich jeden morgen an eine schwelle, an eine tür und die geht erst auf, wenn ich feststelle, nein, körperlich spüre, fühle, bis auf den grund, dass sowas wie sinn mir abhanden gekommen ist, ich finde ihn nicht, ich suche, aber er ist nicht da, das ist eine pein und dann erst gelingt mir das aufstehn.

davon strahlt eine eigentümliche wirkung aus, weswegen ich manchmal nicht vor die tür gehen kann, ich zerflattere mir, offenbare mir selber vor meinen augen, dass meine existenz eine zweifelhafte angelegenheit ist, irgendwie lebt es sich ja so ganz ohne sinn, ohne die eine, aber es ist ein vermindertes dasein, ein kleineres, ein zögerliches, als sei ich meiner gar nicht mehr gewiss, ich stosse dann auf mich wie auf eine nebelbank, man greift hinein und kriegt nichts zu fassen.

andererseits gibt es die tatsache, dass ich doch aufstehe, mit schwung sogar heute morgen, aber wie gesagt ohne sinn, ohne motiv könnte ich auch sagen, aber etwas hebt mich sozusagen aus der horizontale, richtet mich auf und ich gehe herum, die üblichen verrichtungen gehen nun von selber, aber ich weiss, es ist prekär, es ist manchmal wie traum, man greift ins leere und vergisst und sitzt da und sinnt und weiss nicht worüber.

aber es muss nicht so sein, es gibt tage, die sind sehr bestimmt, sehr energisch, sehr zielbewusst, das jeweilige ziel, es ist noch nichts geschehn und doch gestaltet es schon den tag, für einige zeit jedenfalls. ist es vollbracht, stehe ich etwas hilflos da, mit hängenden armen und schaue verdutzt, als habe ich etwas vergessen, etwas wichtiges, ja, was denn, den sinn natürlich und sie steht nicht oben am fenster und winkt mir zu, so als ich kürzlich schon vor dem aufstehn beschloss die blätterdecke vom rasen zu rechen, ein alljährliches ritual, manchmal fällt es in den spätherbst, manchmal in den winter, gerade noch vor regen und schnee, und diesmal also schon mitte november, die kälte tut gut, ich ziehe mich zusammen und gewinne eine provisorische konsistenz wenigstens, und handhabe den rechen, der mich trotz seiner moderneren gestalt immer an ernte erinnert und heuduft und kunstvoll beschichteten pferdewagen, aber nicht so konkret, sondern als durch und durch befriedigendes gefühl, das sich einstellt, sofort, wenn ich den rechen zur hand nehme und beginne. ganz erfüllt davon höre ich erst auf, ohne unterbrechung meist, wenn alle blätter von rasen und wegen unter die bäume und auf die beete verteilt sind und die beiden feigenbäumchen bekommen die doppelte ration und die orangenen, roten blätter des japanischen kirschbaums machen mich klein und kindlich und ich freue mich.

die tätigkeit des rechens bedarf keiner weiteren motivation, sie kommt völlig ohne sinn aus, sie hat ihre befriedigung und erfüllung ganz in sich. aber danach komme ich mir irgendwie überflüssig, zu viel vor und räume schnell den rechen weg, denn sie zeigt sich nie mehr am fenster und kein winken und kein zurück winken, keine zurufe und kein lächeln.

dann sitze ich eine weile sinnlos herum, lesen geht nicht, schreiben nicht, aufräumen ist nur lästig, ich sitze mir selber im weg und wünsche …ja, was eigentlich, sinn, richtig organisierender, lebensstrukturierender sinn ist quasi durch zufall in mein leben getreten. ich bin ein zurückhaltender mensch, eher menschenscheu, verlegen, beredt erst und richtig geschwätzig, wenn ich einigemassen vertraut bin, mich traue und trauen kann, aber als ich sie damals zum ersten mal erblickte… eine elegante, unverschämte, schöne person, ich habe sie von weitem beobachtet, sie war tatsächlich immer elegant, auf eine nebensächliche art, burschikos, das war sie auch, es war etwas unwiderstehliches an ihr, so dass ich näher kam und mich so sehr traute, dass wir nach drei monaten heirateten, da begann ein regelrechtes abenteuer, so habe ich es erlebt, so erlebe ich es nicht erst jetzt, vor allem war da plötzlich auf dem leben eine beleuchtung, ein lichteinfall, eine farbe, eine dunkelrote, samtige, die nicht nur nicht mehr weg ging, sondern eindeutig sinn war, eine, nach der ich gesucht hatte. denn sinn, wie gesagt und nochmals betont, ist für mich person, eine.

und immer, wenn ich für momente jedenfalls, mit andern sinn erlebe, dann empfinde ich das, was ich gar nicht erklären kann, ich erlebe es als urphänomen, sinn als person.

sinn, so seltsam das klingen mag und ehrlich gesagt ich schätze das seltsame über gebühr, sinn also ist in meiner erfahrung erzieherisch, er zieht hinan und hinauf, deshalb sogar als abwesender diese auferstehungsrichtung am morgen, dieser fast unwiderstehliche sog in die senkrechte, selbst bei erlebtem abwesendem sinn, weswegen ich durch diesen sinn als person weniger tölpelhaft geworden bin, denn eigentlich war ich in vielem ein dorftrottel, ein bauernlümmel, ein ungehobelter, sie hat mich raffinierter gemacht,  hat meine sinne für schönes um einiges erweitert, verfeinert und mich erträglicher gemacht, auch für mich selber.

weswegen es heute morgen, kurz nach dem aufstehn zu so etwas wie einer erhellung gekommen ist, trotz allem.

also nur unter sehr intimen umständen

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die kälte klärt meine gedanken, das gehen hilft sie auf den boden zu bringen, wohin fahren die alle, frage ich mich, es ist so eine seltsame unruhe dabei, aber sie scheint mir nicht begründet.

ich bin ja auch unterwegs, einem geldautomaten entgegen und denke, heute ist freundlichkeit übers kaufen vermittelt, das meiste fast, ich kaufe, also bin ich, jeder kauf bestätigt meine existenz und die verkäuferin lächelt dazu, ich meine, letztes mal, als ich hose und pullover kaufte, überredete sie mich zu einem weiteren „fühlen sie mal“ und als ich die weiche wolle in meinen fingern spürte, konnte ich dem sanften weichen hellgrauen nicht widerstehen und ihrem lächeln dazu, alle weiteren verführungsversuche scheiterten dann an meinem letzten rest verstand, ich kann schönen frauen fast nichts abschlagen, aber dann erschien in meiner vorstellung der niederschmetternde begriff verschwendung und die betörung wich von mir.

spätestens draussen, nach dem ersten rausch, vor der tür des geschäfts, hätte ich maries stimme gehört, brauchst du das wirklich, wirklich wirklich oder brauchst du einen trost, eine ablenkung, eine droge?

ich übe mich anschliessend meistens in Abwehrgefechten gegen mein schlechtes gewissen, das mich mit allem bekannten und angelesenen bombardiert, etwa (als kleine auswahl, beliebig erweiterbar): konsumrausch, kaufzwang, neurose, ersatzbefriedigung mit zerstörungspotential, fütterung meiner gefrässigen eitelkeit, hungerlöhne und krasseste ausbeutung, und die natur erst… mein schlechtes gewissen schmettert einwände wie  – wenigstens schaut es gut aus, wenigstens im untergang noch die form wahren und ähnliche halbseidene ausreden – hohnlachend ab; ausgeprägte charakterschwäche, so heisst es dann, besitzanhäufung wegen katastrophalem misslingen der analen phase und ähnliche nettigkeiten (ebenfalls beliebig fortsetzbar).

mir bleibt nur noch ein klägliches rückzugsscharmützel, das nächste mal komm ich als frau, gutangezogensein ist eine weibliche überlebensstrategie und als solche gerechtfertigt, eine maskerade, eine fröhliche, zur machozähmung.

frag mich jetzt keiner, ob ich an reincarnation glaube. über meine existentiellen hypothesen rede ich nur mit geliebten, also nur unter sehr intimen umständen, wenn ich ganz wehrlos bin.

weswegen ich marie so vermisse. sie redete politisch incorrect  und ich konnte meine verzweifelsten glaubensannahmen offenbaren, sie äusserte nur handfeste argumente und erschütterte gnadenlos hypothetische constructionen, ihr tod, den ich als unser intimstes erlebnis erfahre, gerade jetzt , hat mir, was diese dinge anbelangt, den teppich unter den füssen weggezogen, ich opfere nun jede hypothese fast freiwillig, wenn nötig.

die ausgefallensten bewahre ich mir unter meinen schätzen.

wie ist es, im ungewissen zu leben, in den nicht endenden fragen, im neubeginnen jeden tag, im scheitern, in der abwesenheit von antworten, in der schutzlosen öffnung, in der verletzlichkeit.

keine direkte antwort: heute morgen beim ersten gang in der kälte, wie gesagt, viele autos, rauschende unruhe, ein zögern auch, ein luftanhalten, betrachte ich alles mit interesse und neugier, die bewegungen an einer kreuzung, ein blick durch ein schaufenster auf einen anderen blick, eine sitzende gestalt an einem tisch, ein mann mit hund, am comic laden komme ich nur vorbei, indem ich komplizierte zauberformeln hersage, ich frage mich zur ablenkung, an welche form von reincarnation ich am liebsten glaube (ein zeitreisender, ein traveller, der nie ungeschoren davon kommt, ein ewiges chamäleon) und dann atme ich auf, die versuchung ist einigermassen heil überstanden, aber sie brennt noch und bis zum bäcker an der ecke bin ich höllisch frustriert und grantle, als ich mir sage, nein, kein weiterer espresso und dann hadere ich schon mit der kirche gegenüber und umrunde die litfasssäule im uhrzeigersinn, so will es das ritual. was für eine reiche schöne abwechslungsreiche welt, denke ich, welch wunderbare farben und gerüche und die kalte luft erst im gesicht und die menschen und überhaupt, vor der haustür begutachte ich die kleine schwarze plastiktüte, hat etwa ein hundebesitzer es gewagt…?, nein, die tüte ist leer und ich trage sie wie eine trophäe ins haus und rücke das geholte geld heraus, welche erleichterung am früheren morgen schon und habe ich was vergessen, ja, richtig, ein lächeln.

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der mann, der nie lacht

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andererseits sage ich mir, wem soll ich es sonst sagen, ich bin doch allein unterwegs und rede die ganze zeit mit ihr und irgendwann war es mir zuviel, die sonne, die flanierende städtische bevölkerung, als seien auf einmal alle zusammen hinaus gestürzt und gingen nun  in trauben, zu zweit und einige wenige allein in die gleiche richtung und ich wollte doch in die andere und die sonne blendete und plötzlich, wie gesagt, überwältigt mich der impuls, weg von hier und möglichst schnell und am opernplatz bin ich schon fast allein und gehe eilig meinem hotelzimmer entgegen und atme auf und denke: entkommen.

dazu muss ich sagen, in der stadt war der beginn der fastnacht und verkleidete musiktrupps mit riesentuben und schlagzeug auf rädern und das wummern und die blechexplosionen, darauf war ich nicht gefasst.

abends in der einbrechenden dunkelheit ging es weiter, aber da hatten die massen sich schon verlaufen und die musik heiterte mich eher auf, die paar besoffenen störten nicht, aber lachen konnte ich noch immer nicht, ich bin eher der mann, der nicht lacht, ehrlich danach ist mir nicht zumute und manchmal erschrecke ich vor dem ernst in meinem spiegelgesicht.

es war keine so gute idee nach dem aufenthalt in der berghütte ohne elektrizität, aber mit ofenfeuer und kaltem wasser draussen zur morgenwäsche, da bist du wach mit einem schlag und der café braucht seine zeit, bevor er getrunken werden kann und überhaupt ist alles klar, einfach und übersichtlich, sogar die leise freude und die leise trauer und alles aufeinmal. das sitzen vor dem holzfeuer draussen zum beispiel bis in die dunkelheit und wegen der fehlenden lichtverseuchung verwirrende sternhaufen über den berggraten und durch die schon entlaubten äste hindurch und das gluckern des wassers und sonst kein laut, vielleicht noch ein rascheln und das knacken der brennenden scheite.

wir fällten einen abgestorbenen baum und hatten bedenken, er springt uns weg, übrigens mit der „drummsee“ und kein sägegeratter in der waldstille am steilen hang und danach zogen wir einen abgebrochenen ast  hinunter, ich schnitt die haselsträucher, die sonst die matte überwuchern würden, schlug eisenpfähle neben dem pfad zur hütte ein, sägte ein wenig und hackte ein paar scheite und sonst: wir schwiegen, wir redeten und schwiegen wieder und bei kerzenschein dann das lesen und in der nähe des ofens ist es fast zu warm und später noch vor dem einschlafen das rascheln von mäusen und siebenschläfern und das gluckern des wassers, das dich in den schlaf wiegt und träume von einer friedlichen welt und tröstungen.

hier sagt niemand, du bist zu ernst. hier hört ein kampf auf, der mich in den letzten jahren manchmal fast zerrissen hat, die anstrengung lese ich vor dem spiegel in einem faltigen gesicht und traurigen augen. Marie sagte mir öfter, warum beendest du den krieg gegen dich selber nicht einfach, da kannte ich noch nicht das wort kapitulation, ich verwechselte es immer mit resignation, ein noch besserer mensch wollte ich immer schon werden. selbst Maries spott machte mich nicht einsichtig und sie war eine meisterin der entwaffnenden bemerkungen. jetzt merkte ich, den gefallen bin ich ihr noch posthum schuldig, aber ich weiss gar nicht mehr wie befreiendes lachen geht, mein heimliches vorbild ist Buster Keaton, der mann, der nie lachte.

erst beim abschied sagte michael plötzlich, jetzt lachst du und ich war fast erschrocken, denn es ging ganz von alleine. ich hatte gar nichts gemacht und ich muss so komisch ausgesehen haben, denn er lachte nun auch und dann stieg ich ins taxi und war eine stunde zu früh am flughafen. ich setzte mich an eine geschützte stelle und begann in der „heimkehr“ zu lesen und liess mich belehren, heimkehr, das geht gar nicht, man kommt immer als ein anderer zurück, es sei denn, man ist ein klotz und am meisten hat mich der freundliche blick einer frau gefreut, da musste ich auch lächeln und das war so ungewohnt, diese betätigung inaktiver muskeln um den mund und deshalb habe ich gemerkt, dass ich lächelte.  ich war noch übermütig bei der landung in L. und bin mit dem gepäckcaddy die rolltreppe hinauf gerannt und habe mich gefreut wie ein kind, aber laut dazu zu lachen traue ich mich noch nicht ganz, denn bei mir liegt lachen gleich neben dem weinen, einem richtigen plötzlichen losheulen und indiander heulen doch nicht, aber sie lachen doch auch oder?

in solchen momenten sehe ich das amüsierte lächeln von marie und ich sage mir dann, besser spät als nie.

einerseits, das gehört ja wohl zum andererseits und ich habe es quasi selbstverständlich vorausgesetzt, liebe ich städte nachts und allein unterwegs, zum beispiel den zürliberg hoch, die treppen und rampen und querstrassen und es geht wirklich stramm bergan und unterwegs nur einige leute, die ihren hund ausführen und einige spätheimkehrer und an einer stelle ein älterer mann, der sitzt auf einer decke und hat vor sich einen plastikbecher und ich lege ihm etwas hinein. der zürliberg ist ein konditionstest und oben bei der ankunft bin ich nicht ausser atem, sondern richtig lebendig und im dunkeln habe ich kein problem mit einem grinsen von einem ohr zum andern.

jetzt nehme ich mir vor, das auch bei tageslicht zu versuchen und oben drüber ein lächeln, ich weiss, es ist das von marie, aber ohne ihr gesicht, nur das lächeln hängt noch in der luft.

als ich ankomme, ist alles verändert, die enkelinnen schreien opa opa und bei dem darauf folgenden ansturm lache ich nur noch.

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der tod des verständnisses

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wie kann man eine wortlose form beschreiben, eher, eine bewegung, die fast nicht sichtbar ist, dem geistigen auge schon, aber, wie gesagt, keine wörter. vielmehr, es beginnt ein fliessen und wortloses sagen, wenn der  redeschwall sich gelegt hat: die letzten wörter verstummen, wie aus der luft gefallen.

was sehe ich dann, was höre ich?

in diesen tagen sind die wände dünn, die mich trennen von meiner toten, ich sage meine, aber sie gehört nur sich selbst, ich nehme an, das erste mal seit langem, einem leben, ist sie ganz für sich, und ohne wunde.

manchmal ganz erfüllt von dieser geahnten vorläufigen rundung durchquere ich parks und wälder, mein geist fliegt, das innere land weitet sich, es ist nicht mein eigentum,  dieses „mir gehört das und jenes“ ist dort lächerlich, als verleihe die anhäufung glück und was für eines und ewiges leben.

spätestens dann, wenn man auch vor dieser leiche kniet, beginnt das, was ich wahrheit nenne.

werde nicht pompös, sagt sie, so höre ich sie sagen, es ist unverkennbar sie, in diesen tagen sind die wände dünn und meine tote tritt mich in den arsch und bläst mir den marsch. ich sehe wieder besser, gerate aus meinem nebel heraus. was liest du am liebsten, fragt sie. und ich, das stärkende. also das unbequeme.

ich habe nichts gegen spiele, im gegenteil, ich nehme stil, erscheinung und innovation absolut ernst. nur habe ich einen einwand, wohin führen sie und, wie ein kind frage ich das, gibt es einen hellen streifen wenigstens am horizont. ich weiss, die welt geht unter, wie leicht geschieht das, wie elegant auch, alles im handumdrehen, legerdemain, in schutt und asche, was man festzustehen glaubte als zivilisatorische errrungenschaft. erziehung, bildung, lernen überhaupt, entwicklung, dass ich nicht lache, und das grosse vergessen breitet sich aus schneller noch als das licht und löscht,  die sprache, sie verstummt und das grosse brüllen beginnt, das unartikulierte, die groben visagen, die drohgebärden und bald auch die taten.

das geht, wie gesagt,  im handumdrehn und wir, was haben wir aufzubieten? ich meine neben differenzierten betrachtungen, postmoderner sagweise und hilflosigkeit.

ich meine das sehr ernst, dass ich sehen kann, wie die sprache verstummt, die wörter fallen aus der luft wie tote vögel. und die, die übrig bleiben sind faustschläge und schlimmeres.

das geht real vor, ich kann noch lesen und sehe die bilder und marie sagt nicht mehr, darüber haben wir schon zichmal geredet und also ist längst nicht alles gesagt, zwischen uns und überhaupt, wir haben zu reden, und das wird sich drehen um: wo ist das stärkende? der halt in den kommenden stürmen?

werde nur nicht pathetisch.

sollte ich grob werden müssen?

mein denken ist dünn, ich gebe sofort zu, die paar sachen, die ich mir zusammen geklaubt habe, sind von gestern, nichts neues darunter? vielmehr, es sind sehr intelligente sachen dabei, einiges davon verstehe ich sehr wohl, ich folge gerne brillanten argumentationsketten und scharfen analysen, differenzierten, keine groben klötze, obwohl …

und am ende habe ich das gefühl, es fehlt etwas, das verstehen flackert und erlöscht und dann sitze ich wieder im dunkeln.

der tod meines verständnisses.

(ich folge allen erklärungen, willig, nicke mit dem kopf, sogar unter halbwahrheiten gibt es manchmal eine perle und sicher liegt es an den besitzverhältnissen und den himmelschreienden sozialen ungleichheiten, dem elend, der enttäuschung, dem ras-le-bol und der verzweiflung manchmal und doch ist es mir ein rätsel, wie jemand mit einer totschlagmentalität…)

es tut mir leid (tut es das?).

ich stehe an ihrem sarg, ich schaue genau hin, ich habe nicht weg geschaut. ich habe gedacht, sie ist tot. das denken, sie ist tot, war nicht das erleben, sie ist tot. das fühlen, jeden tag, den ganzen tag lang. der gedanke, ja, sogar der ausgesprochene satz, war völlig abstrakt, völlig unbegreiflich, ein toter satz, ein toter gedanke, erst nachher erwachte etwas zum leben, das war das fühlende bewusstsein des todes, sehr, sehr langsam erwachte es, ich wusste nun, es kann einen wegtun.

so sitze ich mit meinem unverständnis, das ist der tod, stur sitze ich vor dem sarg. ich komme aus einer gegend, da ist diese sturheit im boden, sie steigt daraus auf, sie ist so schroff wie die landschaft mit hügel, wald, schlucht und felsigem abhang. so sitze ich, so gehe ich herum, der stil ändert daran nichts, nicht die innovative sagweise (nicht meine). ich kann nicht einmal sagen, unsere kultur befriedigt mich nicht, nein, ich nehme mir daraus, was mir passt (wohin es mich zieht), aber immer bleibt dieser rest, neben aller zustimmung und ablehnung (eine hassliebe), und den nenne ich ( stur, wie ich bin, „verbruet“, starrsinnig, widerspenstig (das auch)),  tod meines verständnisses und ich wiederhole, ebenso stur und unnachgiebig, davor sitze ich wie vor deinem sarg, marie.

jetzt.

 

„kindskopf, alter unverbesserlicher narr“

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am ende ist man befreit, von sich, von allem. die schwere fällt ab, man steigt, aber das ging noch nie von selber, man kann sich auch mit allem hinunter ziehen lassen in die erde und nicht mehr denken, kaum noch fühlen, aber lamentieren, sich beschweren und beschwert sein, das geht immer, und sich wieder holen, immer von neuem ansetzen und immer wieder das gleiche alte refrain. ja, man ist sterblich, man vergeht, stellt sich nur die frage in welcher verfassung, ich meine welcher geistigen.

ich habe wieder gelesen, nächte durch, es ging gar nicht anders, diesmal ist mir das mountainbike auf dem von waldarbeiten aufgerissenen schotter einfach weggerutscht, da war gar nichts zu machen und ich habe mir zugesehen, ein zeitlupiges gefühl, wie ich über das rad segle und aufpralle auf der seite und es tut richtig weh, und dann stelle ich fest, der linke bremsgriff ist abgebrochen und die elektromotorschaltung blockiert und ich leicht angeschlagen geistig affiziert von der urplötzlichen realisierung, man kann zwar fahren wie ein sechzehnjähriger, aufprallen tut man als siebzigjähriger und ich hatte glück, nur prellungen, nur ist gut, schlaflose nächte wenigstens, ich komme gar nicht in meine bevorzugte schlafposition und lese, notgedrungen, neben pausen, da höre ich in die nacht, beobachte das fahle licht in den fenstern und ich vernehme ein scharren, als sei ein kleiner nager am werk und seine nachbarschaft beruhigt mich (die hornissen vermisse ich, sie hatten ein nest unter der holzverkleidung gebaut, es waren schöne grosse viecher und vor dem einschlafen hörte ich das summen und feine rascheln, sie sind ausgezogen, meine nachbarn und nun vermisse ich sie).

in dem augenblick, als ich über den lenker flog, meine schmerzhafte rippe  erinnert daran, habe ich fast lachen müssen, auch als ich da lag und der linke oberschenkel sich sehr unangenehm meldete, im gleichen augenblick wie das lädierte handgelenk. während ich das gelenk und den daumen bewegte, um zu checken, ob etwas gebrochen sei, hörte ich marie sagen, „alter kindskopf, was machst du für sachen“ und ich sah ihr kopfschütteln und verzog das gesicht, es wurde ein schmerzliches grinsen und dann rappelte ich mich auf und fuhr weiter, indianer heulen nicht, aber danach lag ich flach, ich merkte, als ich berichtete, denen, die es hören wollten, dass ich mit einem gewissen genuss erzählte (insgeheim fühle ich mich nun eingeweiht)  und im gleichen augenblick fiel mir ein, ich hatte nicht auf mich gehört, es war eine leise stimme, die sagte, heute vielleicht nicht diesen verwüsteten weg.

was mich auf das andere thema bringt. an dem waldweg die hergeschleiften baumstämme aufgetürmt zeugen von einer recht gewalttätigen maschinellen operation, einfach nur grob und klotzig, als gäbe es keine zürückhaltenderen methoden zum beispiel mit ardennerpferden, das würde der waldboden danken und auch die wege und ich, aber das geht wohl nicht ruckzuck genug und es fragt sich dann doch, woher die eile, time is money oder nur beschränktheit und fantasielosigkeit. man wundert sich jedenfalls.

dabei bin ich schon öfter und viel schneller über den lädierten weg gefahren und wollte an dem tag besonders vorsichtig und da lag ich auch schon, verwundert wie schnell alles aufeinmal anders ist.

und ich lese eben wider nachts, wenn die geprellte rippe die richtige position verwehrt und stelle beruhigt fest, in diesem universum gibt es türen in andere und es gibt bei romanen sowas wie welthaltigkeit, sonst klappt für mich die tür schnell wieder zu.

das umwerfende bei diesem erlebnis ist die sehr vertraute stimme, selbst wenn sie schon vor zehn monate verstummt ist, sie meldet sich sofort, ich hätte marie so gerne gehört, als ich angeschlagen die kellertreppe hinauf ins haus hinkte: „kindskopf, alter unverbesserlicher narr“ meinetwegen auch (voller besorgnis) „idiot“ und  „hast du sie nicht mehr alle“, „wie alt warst du noch kurz vor dem sturz?“ und ich hätte geantwortet, etwa sechzehn und die unbändige freude an dem schnellen dahinfliegen unter den bäumen, die auch du so gut kanntest.

und dann sage ich mir, mensch, habe ich wieder schwein gehabt.